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u) Was bedeutet Jesus heute für mich?




Einleitung eines Gespräches zu diesem Thema auf einer Quäkerversammlung

Für mich ist der geschichtliche Jesus wesensgleich mit dem inneren „Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt“ (Joh. 1,9), und darum nenne ich ihn und die wirklich von ihm gesprochenen Worte das äußere Licht. Ich muss das begründen, denn jeder aufgeklärte – also religiöse Texte historisch-kritisch lesende – Zeitgenosse wird einwenden, dass der geschichtliche Jesus uns doch weitgehend unbekannt ist. Auch hat er selbst ja keine Zeile geschrieben oder diktiert, so dass niemand weiß, was er in seinem aramäischen Dialekt gesagt hat. Die uns überlieferten Evangelien haben eine Generation später Menschen geschrieben, die – ausgenommen vielleicht der Verfasser des Johannesevangeliums – Jesus nicht kannten und auch fragwürdige Quellen benutzten, z. B. Erzählungen, die sich um Geburt und Kindheit Jesu rankten. Außerdem besitzen wir von den Urschriften aller Evangelien nur späte Abschriften von Abschriften, in denen sich deutliche Anzeichen von Bearbeitungen, Ergänzungen, Deutungen und Anpassungen an die entstehenden Theologien finden.

Schon die Jünger Jesu, über deren Unverständnis er oft klagte, verstanden wie Paulus – ihren Erwartungen entsprechend – Jesu Person und seine Verkündigung vom ersten Testament her religiös, z. B. seinen Tod – wie in archaischen Religionen und im alten Israel – als das notwendige blutige Opfer, ohne das der über den Ungehorsam der Menschen erzürnte Gott nicht versöhnt werden könne. Sie übernahmen von apokalyptischen Schriften wie den Büchern Daniel und Henoch die Unheilsverheißungen eines nahen Weltunterganges und eines fast alle Menschen verdammenden Endgerichtes. Hinzu kam aus der griechischen Übersetzung der Bibel bald noch die Zeus entliehene Allmacht als eine Eigenschaft Gottes, die den Israeliten und Jesus fremd gewesen war. Das Gottesbild des „Allmächtigen“ wurde für die Christenheit so selbstverständlich, dass für viele, die ihr Vertrauen auf ihn verloren, ein ohnmächtig liebender Gott undenkbar und unglaubwürdig war, wie er sich besonders im Leiden des entwürdigten Menschen Jesus offenbart hat.

Das alles darf ich heute wissen und auch selber bei meinem täglichen Forschen in den Evangelien erkennen, und ich muss auch nicht mehr glauben, Jesus habe eine Religion stiften oder eine Kirche gründen wollen. Ich kann sogar – einer Anregung Dietrich Bonhoeffers folgend – Jesus und seine Botschaft nicht-religiös deuten und dadurch nicht-religiösen Menschen verständlich zu machen versuchen, auch wenn ich auf den missbrauchten Begriff Gott für den Vater Jesu nicht ganz verzichten kann. Zuerst einmal aber werde ich selber auf diesem Wege frei, mich durch die nach aller historischen Kritik übrig bleibende, vertrauenswürdige Überlieferung von Jesus in den Evangelien um so heller erleuchten zu lassen. Ich brauche dieses äußere Licht deshalb, weil das von aller Angst erlösende und zum Vertrauen befreiende innere Licht – den Geist Gottes – beglückend erlebt zu haben, eine Sache ist, es gedanklich und sprachlich in Worte zu fassen, eine andere. Wenn ich nach innen höre, vernehme ich ja keine Stimme; würde ich sie hören, sollte ich besser einen Psychiater aufsuchen als die wachsende Zahl der angeblich von einem Gott eingegebenen Botschaften und Schriften zu vermehren.

Um mich geistig und ethisch in allen Bereichen menschlichen Zusammenlebens orientieren und darüber mit anderen austauschen zu können, benötige ich eine Sprache, die meiner inneren Erfahrung entspricht. Auf dem unübersehbar gewordenen religiösen Büchermarkt scheinen aber nur Dichtern ab und zu Verse zu gelingen und Komponisten Melodien dazu, die gleichnishaft etwas von dem Licht ausdrücken und vermitteln, das von Gott kommt.
Zwar erreicht mich das äußere Licht auch durch andere Menschen und ihre schriftlichen Zeugnisse, die manchmal sehr alt sind, aber die lichtvollste Sprache finde ich bei dem gelernten Zimmermann aus Nazareth, der sich nur einen einfachen Menschensohn nannte und für den alle Menschen Gottes Töchter und Söhne waren wie er selbst. Während seine Gegner und seine Nachfolger – in der Regel bis heute – in festgelegten biblischen und theologischen Konventionen dachten und sprachen, hat Jesus selbst nach meiner Meinung den auch ihm angezogenen religiäsen Mantel abgestreift. Er war „das Ende des Gesetzes“ (Römer 10,4) – des Anklagens und Verurteilens – und damit der durch die Religion bewirkten Trennung des Menschen von Gott und hat die Wirklichkeit und Gegenwart seines ganz anderen Gottes in Wort und Tat seinen Hörern so nahe gebracht, dass sie manchmal entsetzt waren über das ganz Neue, nie Gehörte und Gesehene, das er verkündete und mit seinem Leben und Sterben bezeugte. Das für die kirchliche Lehre Wesentliche an Jesus, das dann mit Griechischem, Heidnischem und Mysterienreligionen verbunden wurde, war im Grunde das Jüdische, so dass das Christentum von Juden, Christen und Moslems mit Recht häufig als Judentum „light“ verstanden wird. Nach meiner Überzeugung unterscheidet sich aber das Göttliche an Jesus und seiner Verkündigung wesentlich von allen Religionen.

Ihn und seine Lehre möchte ich immer besser kennen und vernehmen lernen, weiß jedoch: „Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig“ (2. Kor. 3,6). Dieser Geist ist für mich das innere Licht, das uns die inneren Augen und Ohren öffnen kann und soll für das, was von Gott in uns selbst und in allen Menschen ist. Darauf vertraue ich bei meinem Bemühen, in den Evangelien die Zeugnisse vom Glauben der Verfasser und die vom Vertrauen Jesu zu unterscheiden, also – mit einem Bildwort Jesu gesprochen – das Unkraut vom Weizen zu trennen. Dadurch begreife ich den Kern der guten Botschaft von der allen Menschen gleichermaßen zugewendeten bedingungslosen und grenzenlosen Liebe des Gottes, den ich wie Jesus „Vater“ nennen und im Vaterunser mit „Papa (Abba)“ anreden darf. Von dieser Mitte der Lehre Jesu her kann ich auch beurteilen, welche Worte und Gedanken aus anderen Quellen stammen, weil sie dem Geist und der allen alles vergebenden Liebe Jesu widersprechen. Um so mehr erfahre ich seine echten Worte als lebendig, mir zugesprochen und mich beanspruchend, im Einklang mit dem Licht, das sprachlos in mir leuchtet.

Dadurch erlebe ich zunehmend Heilung meiner Verletzungen und meiner gestörten Beziehungen und gewinne mein wahres Leben, nämlich den Mut, das zu werden, wozu ich ursprünglich geschaffen worden bin: ein mündiges, selbstbestimmtes Ich in Du-Beziehungen zu anderen und zu meinem großen Bruder und Freund Jesus. Ich darf ihn – wie seinen Vater ohne religiöse Hoheitstitel und Rituale anreden als mein Gegenüber, ohne dass ich ihm gleich bin. Er bleibt ja für mich der einzige Mensch, der das wahre Wesen seines und meines mütterlich-väterlichen Gottes – seine Liebe, seinen Frieden, seine Wahrheit (nicht unsere!) – vollkommen ans Licht gebracht hat und dazu das wahre Wesen jedes Menschen, so wie er nach Gottes Bild – Jesus ähnlich – geschaffen ist. Kurz gesagt: Jesus bedeutet für mich das einzige wirkliche Bild Gottes und das einzige wirkliche Bild des Menschen.
Wilhelm Prasse, 20.02.09

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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