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v) Hanna Wolf zum Gottesbild Jesu




Der Vater des „verlorenen Sohnes" (Lukas 15,11-32)

... von ihm „wissen wir, er erwartet nichts für sich selbst von denen, die er ruft, ... er ruft Menschen, um ihnen etwas zu geben, nämlich neue Möglichkeiten wahren Menschseins oder, wie man heute so gern sagt, Möglichkeiten zur wahren Selbstverwirklichung. – »Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.« (Joh 14,9) Dieses Wort ist in Wahrheit eine Ungeheuerlichkeit. Da geht ein junger Mann von etwa dreißig Jahren durch ein kleines, fast unbekanntes Land, das überdies sich einer hochstehenden Religion rühmt, und spricht die Leute im Tempel und auf der Straße an: Achtet auf mich! Wenn ihr genau hinschaut, was ich tue, und wenn ihr genau hinhört, was ich sage, dann seht und hört ihr Gott. ... Ein solches Wort ... konnte ... nur als Arroganz, Anmaßung, ja als Blasphemie beurteilt werden. Trotzdem ist das Schicksal dieses Mannes zu einem Ereignis der Weltgeschichte geworden, genauer aber zu einer Tragödie, auch wenn man auf die vielen Millionen hinweist, die sich im Laufe der Jahre als seine Anhänger bezeichnet haben. Die Tragödie bestand darin, dass die ganze Relevanz dieses Wortes ... nicht verstanden wurde. ... dass man im Grunde genommen, trotz aller großen Bekenntnisse zu Jesus, doch zum Altbewährten zurückkehrte: zu den Gottesvorstellungen, die aus dem Alten Testament nur zu bekannt waren. Mit jenen alten Vorstellungen vermischt, wurde die Ungeheuerlichkeit und Einzigartigkeit dieses Wortes Jesu entschärft, nivelliert, und so verlor es vor allem das, was es am meisten auszeichnete, nämlich seine Provokation. Man konnte nun sogar zustimmen, jedenfalls dann, wenn man das alttestamentliche Beiwerk in Kauf nahm. – Dieser Vater, das will Jesus offenbar mit allem Nachdruck zeigen, ist in der Tat ein ganz besonderer Vater, nämlich Modell seines eigenen Vaters im Himmel. Im Gegensatz zum einseitig männlichen patriarchalischen Vater zeigt Jesus hier zum ersten Mal und zwar ausführlich und mit markanten Strichen sein eigenes ganzheitliches integriertes Gottesbild, das männliche und weibliche Reaktionsweisen in gleicher Weise umfasst, das, wie des öfteren zum Ausdruck gebracht, erstes heiles Gottesbild der Weltgeschichte genannt wurde. – Von den »Schweinen« führt der Weg erfahrungsgemäß ins Gefängnis oder in den Selbstmord. Wenn hier der Weg statt dessen in das Elternhaus zurückführt, dann zeigt das deutlich, dass der Sohn etwas Grundwesentliches aus dem Elternhaus mitbekommen hatte, nämlich die innerste Gewissheit einer unauslöschlichen Zugehörigkeit. In der Psychologie spricht man ... vom »Urvertrauen« als einer besonders bevorzugten Mitgift zur Bewältigung des Lebens ... – Erst schwerster Leidensdruck macht den Menschen therapiefähig, indem er letzte, unbewusst in ihm liegende Möglichkeiten zur Wandlung bewusst macht und aktiviert. Genauso erging es dem Sohn im Gleichnis. Der Satz »Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen« war also der erste, schwere Schritt in die Wandlung.
Jesu Heimkehr ohne Furcht ... ist ... eine Bombe unter das morsche Gebäude althergebrachter, christlich dogmatischer Grundsätze patriarchalischen Ursprungs. Hier hören wir nichts von Sühne und Blutopfer, von Kreuz und Gnade, die nötig wären, die diese Vater﷓Sohn﷓Gemeinschaft erst feierlich wiederherstellen und besiegeln müssten. Keine Gerichtssitzung über einen hoffentlich reumütigen Sünder findet statt. Also auch keine Begnadigung. Es gibt auch keine versteckten Hinweise auf eine spätere Abrechnung im Stile: Warte nur, das dicke Ende kommt nach. – Und das muss ja so sein. Denn jene erwähnten dogmatischen Begriffe stammen letztlich von jenem allmächtigen, in Wahrheit rachsüchtigen und nur auf seine eigene Ehre immer wieder bedachten, kleinkarierten Gottesbild. –
Woher weiß Jesus das alles? Er stellt es einfach hin, er sagt es, aber er gibt keinen Kommentar. Er weiß es eben, denn er spricht von seinem eigenen Vater. Aber dahinter steht das Geheimnis jener echten Autorität, die sagen kann: »Niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn – und der, dem es der Sohn zeigen will.« (Mt 11,27) – Jesus hat uns im Gleichnis vom verlorenen Sohn, wie wir sahen, besonders darauf hingewiesen, dass es eine letztlich unzerstörbare Beziehung zwischen dem dort gezeichneten Vater und seinem Sohn gibt .... Dieses Urvertrauen aber muss immer wieder gesehen, erkannt und gepflegt werden. Und nur ein empathischer Vater, der weiß, was wir bedürfen, lässt es sich angelegen sein, uns auf dies Vertrauen immer wieder anzusprechen, es unter Beweis zu stellen, ja er ringt darum, dass wir solch ein Vertrauen tatsächlich wagen.
Dem patriarchalischen Gott ging es eigentlich immer nur darum, dass die Menschen ihm gehorchen, ihn ehren, ihn fürchten, ihm dienen, ihm danken und sich vor ihm demütigen. Alle diese Begriffe konnten im Alten Testament gelegentlich auch mit dem Wort Vertrauen zusammengefasst werden, aber es war ein Vertrauen unter Bedingungen. Es war die geforderte und angemessene Reaktion auf das Handeln Gottes, das ja den Grundsatz einschloss: Der Mensch ist für mich da.
Zum empathischen Gottesbild Jesu gehört jedoch die erstaunliche Tatsache: Gott selbst wirbt um unser Vertrauen. Es geht ihm nicht um unseren Gehorsam, es geht ihm um unser Herz. ... dass wir wirklich verstehen, dass er jederzeit für uns da ist. – Die Religionen aller Jahrtausende haben bisher zu viel an Kult, Ritual, Geboten und nicht zuletzt an ständig weitergegebenen Ängsten zwischen uns und Gott gelegt. Er rückte uns also ferner und ferner, wie kann man da wirklich vertrauen? Jesus hingegen verkündigt den nahen Gott, seine ständige Gegenwart ohne Vermittlung und ohne Verhaltensregeln. Er ermuntert, mit Gott zu reden wie ein Freund zum Freund, wie ein Kind zum Vater. – Jesus wirbt um den Menschen, er nimmt ihn an, wie er ist, er will nur eins: sein Vertrauen, seine Nähe – und das ist es, was auch der Mensch braucht. – [aus: Neuer Wein – Alte Schläuche. Das Identitätsproblem des Christentums im Lichte der Tiefenpsychologie. Radius-Verlag, Stuttgart 1981, Ss. 193-222]