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t) Die Ohnmacht des "Allmächtigen"




Vom geglaubten Gottesbild zum erfahrbaren Gott

Anlass zu folgenden Überlegungen war der in Quäker 3/2007 abgedruckte Artikel „Unsere Mitte“ von Ekkehart Stein, der dadurch erneut einen Austausch von Erfahrungen und Überzeugungen anregt mit dem Ziel, „zu mehr Klarheit über Gott zu kommen“. Eine Ursache der Probleme, die „Gläubige“ und „Ungläubige“ mit einem personalen Gott und miteinander haben, sehe ich darin, dass in der Regel beide von dem überlieferten Gottesbild des „Allmächtigen“ ausgehen. Zu dieser scheinbar selbstverständlichen Voraussetzung und ihren Auswirkungen nehme ich im Folgenden kritisch Stellung und zeige zugleich die Möglichkeit eines anderen Gottesbildes und damit einer Brücke zwischen den Einstellungen auf.

1. Die Herkunft des „Allmächtigen“.
Ich gehe dabei aus von einer der Theologie bekannten Tatsache, die aber bis heute den christlichen Gemeinden vorenthalten wird, dass der „Allmächtige“ der hebräisch-aramäischen Bibel, den griechischen Evangelien und Jesus selbst völlig unbekannt war. Dieser Begriff stammt nämlich aus der griechischen Mythologie und war dort ein Ehrentitel für den höchsten Gott, Zeus pantokrátis, den Allherrschenden. Daraus wurde der Begriff pantokrátor (der Allmächtige) im 3. Jh. v. Chr. neu gebildet von den angeblich 70 Übersetzern der israelitischen Schriften ins Griechische für die zahlreichen im griechischen Sprachraum lebenden Juden. Dabei konnten zwar die Gattungsbezeichnungen Gott und Götter, hebräisch El, Eloáh und Elohím, mit théos (Gott) übersetzt werden, aber die verschiedenen heilig zu haltenden Eigennamen, Benennungen und Anreden für den Gott Israels – meistens mit den damit verbundenen Gottesvorstellungen von anderen Völkern übernommen – konnten und durften auch gar nicht übertragen oder einfach mit griechischen Buchstaben geschrieben werden. Daher wurden die Gottesnamen Jahwé und Bá’al und die Gottesanreden Adón und Adonáj (Herr, mein Herr) einfach ersetzt durch die ursprünglich orientalische außerjüdische Götterbezeichnung kýrios (Herr). Als Ersatz für die häufigen Gottesbenennungen El Schadái (unübersetzbar) und Zebaóth (Herr der Kriegsscharen), die als zu vermeidende Gottesnamen verstanden wurden, wurde von den Übersetzern pantokrátor (Allherrscher) verwendet, und so kam der „Allmächtige“ in die griechische Bibel, die „Septuaginta“ („Siebzig“).

Da sie im 1. Jh. n. Chr. auch von den griechisch sprechenden Christen im Gottesdienst verwendet wurde – wie übrigens noch heute in Griechenland und auf Zypern – , zitierten die Verfasser des ebenfalls griechischen „Neuen Testamentes“ alttestamentliche Verse in der Regel in der ihnen vertrauten griechischen Übersetzung. Dadurch findet sich der Begriff pantokrátor, der Allmächtige, in zwei neutestamentlichen Schriften, und zwar einmal in einem Brief des Paulus (1. Kor. 6,18) – ein Zitat nach 2. Samuel 7,8 und Amos 3,13 – und mehrfach in der auch Apokalypse genannten Offenbarung, dort vor allem in Zitaten nach dem Propheten Amos. Leider schlossen sich wie Martin Luther bis heute fast alle Übersetzer, auch wenn sie sonst der hebräischen Bibel den Vorrang geben, dem Sprachgebrauch der Septuaginta dann an, wenn bei ihr pantokrátor zu lesen ist . Doch fehlt dieser unbiblische Begriff mit Recht in den theologischen Nachschlagewerken und in der Dogmatik fast völlig. Luthers falsche Übersetzung des griechischen Wortes dýnamis (Kraft) als „Allmächtiger“ in Matthäus 26,64 wurde inzwischen revidiert.

2. Die Karriere des „Allmächtigen“ in Altertum und Mittelalter.
Es erstaunt nicht, dass dieser Begriff schnell Karriere machte, da er ja nicht nur dem Streben der langsam erstarkenden Kirche nach Macht entsprach, sondern auch dem allzu menschlichen Wunschtraum, entweder selber allmächtig - „wie Gott“ – zu sein oder wenigstens einen allmächtigen Zauberer zur Verfügung zu haben für die Erfüllung der eigenen Wünsche. Bereits im ältesten christlichen, dem „altrömischen“ Glaubensbekenntnis aus dem 2. Jahrhundert wurde ebenso wie in den daraus entwickelten späteren Bekenntnissen der westlichen und östlichen Kirchen allgemein verbindlich der Glaube an Gott den Allmächtigen bekannt, und das bis heute jeden Sonntag in den meisten Gottesdiensten. An die Stelle der ursprünglichen geistlichen Erfahrungen und des Vertrauens trat immer stärker der Glaube an etwas, an Gott, an Jesus, an den heiligen Geist, an die Kirche, ihre Lehren und Ordnungen. In der zunehmend triumphierenden Kirche wandelte sich im Laufe weniger Jahrhunderte auch das Bild des gekreuzigten Jesus in die Figur des siegenden Christus Pantokrátor, sichtbar vor allem in der byzantinischen Kunst und in vielen griechisch-orthodoxen Kirchen, und sein Vater wurde als Zeus dargestellt. Innozenz III. – Papst von 1198 bis 1216 – der mächtigste Mann der damaligen Welt – verbot den Laien den Besitz einer Bibelübersetzung, da sie das gefährlichste Buch geworden war wegen des offensichtlichen Widerspruchs zwischen dem Religion und Institution gewordenen Christentum und dem Evangelium Jesu, der alles Richten verbot. 1500 Jahre lang wurde nun der Glaube an den Allmächtigen von den „Geistlichen“ den „Laien“ eingefleischt und ihnen zugleich höllische Angst eingeflößt vor diesem Gott und den „in seinem Namen“ herrschenden, richtenden und hinrichtenden Stellvertretern. Dieser Missbrauch des Wortes Gott erklärt, warum heute viele dieses Wort am liebsten vermeiden würden, wenn es möglich wäre, und Mühe haben, es in einem guten Sinne zu gebrauchen, wie ich es am Schluss versuchen möchte. Horst Eberhard Richter beschreibt in seinem Buch „Der Gotteskomplex“ (Rowohlt 1979) das frühmittelalterliche allgemeine Gefühl der Ohnmacht gegenüber den Mächtigen in Kirche und Staat und gegenüber den Naturgewalten und Seuchen, verbunden mit kindlicher Gottergebenheit und dem Glauben an die Allwissenheit Gottes und die Unwissenheit der Menschen.

3. Die Krise des „Allmächtigen“ in der Neuzeit seit etwa 1500.
Seit der Reformation und noch stärker seit dem Zeitalter der Aufklärung im 17. Jh. wird die westliche Kultur langsam freier von religiösen und politischen Zwängen, mündiger durch den Gebrauch der Vernunft und sich der Würde aller Menschen bewusst. Immer öfter erleben sich Einzelne nicht mehr eingebettet in ein fragloses Wir, sondern als ein Ich, ein Selbst, eine Person, vielfach bis hin zu dem Extrem, dass sie den Schöpfer ihres Ich-Seins entpersönlichen und nicht als ihr Du, sondern als ein Ding, eine Sache – etwa als „Energie“ – betrachten und ihn damit geringer werten als sich selbst und sich selbst höher als ihn. Nach Eberhard Richter ist inzwischen das mittelalterliche Gefühl der Ohnmacht dem der Allmacht gewichen, dem – wie er dazu sagt – „Gotteskomplex“: Wir sind Gott und können und dürfen alles, was wir wollen, z. B. mit selbstgeschaffenen Waffen das Leben auf der Erde weitgehend vernichten. Der anscheinend grenzenlose wissenschaftliche, technische und wirtschaftliche Fortschritt in der Industriegesellschaft und seine Globalisierung verstärken den Glauben an die schöpferische Allmacht des Menschen.

Trotz Jahrhunderte langer biblischer und christlicher Indoktrination in Familie, Schule und Kirche glaubt im nachchristlichen Westen kaum noch jemand, seinen seelischen Hunger nach Sinn könne der zwielichtige, janusköpfige Gott stillen, dem auch heute noch Theologen neben den lichten Angst machende „dunkle Seiten“ zusprechen. Wer religiös ist, erwartet Hilfe und Heil daher in der Regel nicht mehr im Christentum oder in der Bibel, sondern eher von anderen alten oder neuen Religionen, Psychokulten oder esoterisch-mystischen Angeboten. Schließlich ist inzwischen auch erkannt und weithin bekannt geworden, wie sehr das gepredigte Menschenbild des ohnmächtigen „Sünders von Kindesbeinen an“ die Gläubigen mit Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen belastete, und dass sie deshalb so bereitwillig allen ihnen von Menschen auferlegten Gesetzen und Pflichten folgten. Das Ergebnis dieser Prägung waren autoritäre Gesellschaften, die zuerst den Götzen Religion und Konfession und dann den Götzen Nation, Klasse und Rasse Millionen Menschenopfer brachten. Den Christen folgend fühlten sich ja nicht nur Muslime, sondern auch Nationalisten und Kommunisten berufen, es nicht dem offensichtlich passiven Gott zu überlassen, die Welt vom Bösen zu erlösen und eine neue, bessere Menschheit zu schaffen, sondern diese notwendige Reinigung in eigener Macht mit Gewalt in Angriff zu nehmen. Dazu verhalf der von den Untertanen geforderte würdelose Kadavergehorsam – ein Begriff von Franz von Assisi – , der bis ins 20. Jahrhundert auch noch in der bürgerlichen Gesellschaft verankert war und schreckliche Folgen hatte. Dabei hatte schon Jesus durch sein Reden und Sterben aufgedeckt, dass wir Menschen, wenn wir so allmächtig sein wollen, wie wir uns Gott vorstellen, und über Leben und Tod anderer verfügen, unseren uns selbst oft verborgenen Hass gegen den wirklichen Gott ausleben wie die Mörder Jesu und die mächtig gewordene Kirche nach Kaiser Konstantin.

In der Neuzeit setzte sich auch langsam die Erkenntnis durch, dass Allmacht ein in sich widersprüchlicher philosophischer Begriff ist und alle Versuche von Theologen und Philosophen vom Altertum bis zur Neuzeit gescheitert sind, die Begriffe Allmacht und Allgüte, Allwissenheit und Vorherbestimmung, Unfehlbarkeit und Vollkommenheit miteinander zu vereinbaren. Gerade weil sie die „Omnipotenz“ des Pantokrátors als selbstverständlich voraussetzten, mussten sie scheitern an dem klassischen Problem der Theodizee, also an der unlösbaren Frage nach der Gerechtigkeit eines Gottes, der so viel Leid unschuldiger Menschen, besonders der Kinder, zulässt oder gar will, z. B. beim Erdbeben von Lissabon 1755. Angesichts des offenbaren Unrechts in dieser Welt ist die in Kopf und Herz eingepflanzte Vorstellung, Allmacht sei ein unverzichtbares Kennzeichen Gottes, schon lange eine wesentliche Ursache für den Verlust nicht nur des kindlichen Gottvertrauens bei Millionen Jugendlichen und Erwachsenen, sondern überhaupt des Glaubens, dass ein Gott sei. Ein Gott, der nicht allmächtig ist, kann für die meisten vom christlichen Gottesbild geprägten Menschen – ob gläubig oder nicht – kein Gott sein. Dieser typische Fehlschluss wird in Volks- und Stammesreligionen kaum vollzogen: Wer dort merkt, dass sein – vielleicht aus Holz geschnitzter – Gott kein Gott ist und er an einen falschen Gott geglaubt hat, folgert daraus nicht, es gebe keinen anderen Gott.

4. Das Ende des „Allmächtigen“ in Auschwitz.
Wie für den Dichter Wolfgang Borchert die Schrecken des Krieges, so waren für viele Juden und Christen, die die Ohnmacht ihres geglaubten Gottes schmerzlich erlitten, Auschwitz und die anderen Orte der Massenvernichtung von Männern, Frauen und Kindern eine Menschheitskatastrophe, eine neue Geschichte des Bösen, die nicht nur das idealistische Menschenbild, sondern auch das überkommene Gottesbild ins Wanken brachte. Mehrere Theologen versuchten daher eine „Theologie nach dem Tode Gottes“ zu entwerfen, da sie für ihn keinen Ort in dieser Welt mehr fanden. Ratlos fragte einmal der nicht religiöse jüdische Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel (geb. 1928), der Auschwitz und Buchenwald überlebte: „Auschwitz mit Gott – das ist unvorstellbar schrecklich. Denn die Frage ist ja: Was ist das für ein Gott, der Auschwitz geschehen ließ? Aber ohne Gott? Wird Auschwitz dann nicht noch schrecklicher?“ Der erste, der die zunächst schwer verständliche und für Altgläubige unmögliche Provokation wagte, den ohnmächtigen Gott zu denken, war der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer (1906-1945). Aus dem Militärgefängnis schrieb er dazu am 16. Juli 1944 – neun Monate vor seiner Hinrichtung – seinem Freund: „Hier liegt der entscheidende Unterschied zu allen Religionen. Die Religiosität des Menschen weist ihn in seiner Not an die Macht Gottes in der Welt ... Die Bibel weist den Menschen an die Ohnmacht und das Leiden Gottes; nur der leidende Gott kann helfen. Insofern kann man sagen, dass die beschriebene Entwicklung zur Mündigkeit der Welt, durch die mit einer falschen Gottesvorstellung aufgeräumt wird, den Blick frei macht für den Gott der Bibel, der durch seine Ohnmacht in der Welt Macht und Raum gewinnt. ... Gott lässt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns.“

Der evangelische Theologe Eberhard Jüngel schrieb: „Wenn man Auschwitz und Golgatha in einem Atemzuge nennt, dann aus der Erkenntnis heraus, dass beide nachhaltige Erschütterungen eines Gottesbildes sind. Eine Erschütterung nämlich des Gottesbildes, in dem Gott – um es mit Hans Jonas zu sagen – ein Zauberer ist, der alles weiß und alles vermag. Auschwitz hat für viele Christen dazu geführt, dass sie sich ganz neu dem ohnmächtigen, dem am Kreuz leidenden Gott zugewandt haben – und dass sie über dem leidenden Gott nicht allzu schnell den österlichen Auferstehungs-Triumph gefeiert haben.“

Der eben erwähnte jüdische Philosoph Hans Jonas (1903-1993) kam 1984 in einem Vortrag zu folgendem Ergebnis: „Was hat Auschwitz dem hinzugefügt, was man schon immer wissen konnte vom Ausmaß des Schrecklichen und Entsetzlichen, was Menschen anderen Menschen antun können und seit je getan haben? ... In der Tat behaupten wir, um unseres Gottesbildes willen und unseres ganzen Verhältnisses zum Göttlichen willen, dass wir die althergebrachte mittelalterliche Doktrin absoluter, unbegrenzter göttlicher Macht nicht aufrechterhalten können. ... Göttliche Allmacht kann mit göttlicher Güte nur zusammen bestehen um den Preis gänzlicher göttlicher Unerforschlichkeit, das heißt Rätselhaftigkeit. Angesichts der Existenz des Bösen oder auch nur des Übels in der Welt müssten wir Verständlichkeit in Gott der Verbindung der beiden anderen Attribute aufopfern. Nur von einem gänzlich unverstehbaren Gott kann gesagt werden, dass er zugleich absolut gut und absolut mächtig ist – und doch die Welt duldet, wie sie ist. Allgemeiner gesagt: Die drei Attribute in Frage – absolute Güte, absolute Macht und Verstehbarkeit – stehen in einem solchen Verhältnis, dass jede Verbindung von zweien von ihnen das dritte ausschließt. ... Und da wir sowieso den Begriff der Allmacht als zweifelhaft in sich selbst befanden, so ist es dieses Attribut, das weichen muss.“

Auch der in Bonn lehrende katholische Dogmatiker Karl-Heinz Menke führt dazu aus (in: Handelt Gott, wenn ich ihn bitte? Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2001): „Gott kann nicht tun, was er will. Er wollte das Kreuz seines Sohnes nicht; und Auschwitz ganz sicher auch nicht. Und das heißt zugleich: Er konnte es nicht verhindern. Er konnte den Henkern seines Sohnes und den Henkern von Auschwitz ihre Werkzeuge nicht aus den Händen schlagen. ... Wenn Gott sich selbst in Jesus Christus ausgesagt hat, dann dürfen wir seine Allmacht nicht jenseits des Kreuzes suchen; dann ist seine Allmacht gerade am Kreuz sichtbar geworden; dann ist diese Allmacht nicht etwas ganz anderes als die gekreuzigte Liebe, sondern mit dieser identisch; dann bedeutet Osterglaube, dass die scheinbar (!) ohnmächtige Liebe des Gekreuzigten stärker ist als die Macht der Mächtigen, als alle Macht des Bösen.“

Dorothee Sölle, Johann Baptist Metz und viele andere könnten noch zitiert werden, aber diese wenigen Beispiele sollen genügen, um zu zeigen, dass den Holocaust nur der verstehen kann, der sein Gottes- und sein Menschenbild grundlegend verändert und nicht mehr Gott, sondern dem Menschen und damit auch sich selbst die Macht zu allem Bösen zuschreibt und Gott die Macht der Liebe, die nur wirken kann, wo auf Gewalt und Vergeltung verzichtet wird. Jesu Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15) zeigt Jesu Gottesbild in dem liebenden Vater, dessen Herrschen Dienen und dessen Richten Vergeben bedeutet und der nicht nach menschlichem Gerechtigkeitsempfinden die Guten belohnt und die Bösen bestraft. Niemand kannte diesen Vater so wie Jesus, der Mensch wurde, um durch sein Leben und Sterben den wirklichen Gott zu bezeugen und die Menschen von dem falschen Gott zu befreien, den sie sich nach ihrem eigenen Bilde gemacht hatten und dem trotz allem zu vertrauen, oft über die Kraft des Leidenden ging, so dass er manchmal nur trotzig beten konnten: „Du kannst mir antun oder zulassen, was du willst, ich werde dich dennoch lieben.“ Dagegen lautete Jesu Botschaft an alle: „Ihr könnt mir und meinem Vater, euch selbst und einander antun, was ihr wollt, wir werden euch dennoch lieben.“ Bei ihm gehören nicht Schuld und Strafe, sondern Schuld und Vergebung zusammen.

5. Der ganz andere Gott, der erfahren werden kann.
Schon immer – auch im „Alten Testament“ – hat es Beispiele dafür gegeben, dass Gottvertrauen durch schwerste Belastungen hindurchgetragen und sich dadurch sogar noch vertieft hat, wie es z. B. Julie Hausmann um 1855 nach ihrer Ankunft in Afrika erfuhr, wo ihr Verlobter, den sie heiraten wollte, gerade beerdigt worden war. Sie fand Worte für ihr Erleben, die später durch die Vertonung von Friedrich Silcher rasch Verbreitung fanden: „Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht.“ Es gab auch Menschen, die betend in die Gaskammer gingen oder im Gefängnis ihrer Hinrichtung entgegen sahen wie Dietrich Bonhoeffer. Ihr Gott griff – wie es die Regel ist – nicht von außen unmittelbar und wunderbar in die Geschicke des Einzelnen und die Geschichte der Völker ein, da er uns weder manipuliert noch sich von uns vor unseren Wagen spannen lässt. Aber ohne dass es bewusst wahrgenommen wird – es sei denn, wir hören schweigend nach innen – , kann und will er unsere Gefühle zum Frieden, unsere Gedanken zur Einsicht und unseren Willen zum Eingriff durch Wort und Tat bewegen. Indem er dazu unsere Herzen immer wieder neu füllt mit Vertrauen und Liebe, Hoffnung und Tatkraft, wirkt er durch Menschen in der Welt sein Heil und seinen Frieden, baut er sein Reich.

Das soll deutlich machen, dass mit Ohnmacht natürlich weder die biologische Folge einer Blutleere im Gehirn gemeint ist noch Kraftlosigkeit, Untätigkeit oder Teilnahmslosigkeit, sondern die Liebe Jesu, der die Mühseligen und Beladenen aufrief, zu ihm zu kommen und von ihm zu lernen, „denn ich bin demütig und von Herzen sanftmütig“ (Matth. 11,29). Leider sind auch diese Begriffe, die ja beide das Wort Mut enthalten, im Interesse der Obrigkeiten bewusst verfälscht worden zu Tugenden der Unterwürfigkeit von Untertanen. Bei Jesus meint Demut den Mut, dem liebenden Gott zu dienen an den Hungernden, Dürstenden, Fremden, Armen, Kranken, Gefangenen; und Sanftmut meint den Mut, auf Macht, Gewalt und Herrschaft über andere zu verzichten wie Jesus selbst, der auch die ihm angetragene politische Herrschaft mit dem Ziel eines souveränen Staates Israel ablehnte. Es geht bei dem Begriff Ohnmacht Gottes schon gar nicht darum, den sich als Opfer fühlenden und seelisch leidenden Menschen den Rest ihrer Hoffnung zu nehmen, sondern im Gegenteil darum, ihr verkehrtes Bild von Gott so zu ändern, dass die tief in ihnen wurzelnde Macht der Liebe und des Geistes Gottes wieder zu einem lebendigen Antrieb dazu wird, wie Jesus freudig diesem Anspruch zu folgen.

Jesus – nach dem Neuen Testament das Bild Gottes – war den Menschen ein Gegenüber auf Augenhöhe, Freund und Bruder, wollte weder Lob und Preis noch Anbetung, und niemand sollte niederknien oder sich hinwerfen vor ihm und mit der Stirn die Erde berühren. Schon Martin Luther antwortete auf die Frage, wer und wie mein Gott ist, erstaunlich psychologisch: „Wie du an Gott glaubst, so hast du ihn. Glaubst du, dass er gütig und barmherzig ist, so wirst du ihn so haben“ (EG, zu Lied 411), und in seiner Auslegung zum ersten Gebot im Großen Katechismus schrieb er: „Worauf Du nun (sage ich) Dein Herz hängest und Dich verlässt, das ist eigentlich Dein Gott.“ Es gibt einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen .Gottesbild. und Menschenbild. Nach dem jüdischen Philosophen Emanuel Levinas (1906-1995) gibt es nur ein Bild Gottes: das Angesicht des nach seinem Bilde geschaffenen Menschen. Der ist nach den Evangelien in Jesus zur Vollendung gelangt: „Wer mich sieht, sieht den Vater“ (Joh. 14.9). Wie wir und Gott selbst kann auch Jesus um Liebe nur ohnmächtig bitten, schwach in der Krippe, Spielball der Mächtigen am Kreuz (1. Kor.1,25) und doch im Vertrauen, dass nichts ihn scheiden kann von der Liebe Gottes (Römer 8,38-39) und dass er leben wird, auch wenn er stirbt (Joh.11,25). Erst am Ende der Geschichte wird sich alle menschliche Gewalt der unendlich viel mächtigeren göttlichen Güte beugen.

Dieser Gott eignet sich nicht zur Begründung von institutionellem, dogmatischem und moralischem Machtanspruch über Menschen, und auch in dem häufig falsch übersetzten Vers 18 in Matthäus 26 geht es nicht um Macht oder sogar Gewalt im üblichen Sinne schrankenloser Herrschaft über Leben und Tod. Der dort zugrunde liegende Begriff (exousía) meint wie auch sonst im NT die Vollmacht Jesu, seinen guten Willen – das Heil für alle Menschen, das „Reich Gottes“ – einmal zu vollenden, das damals durch ihn zeichenhaft anbrach und wie ein Senfkorn (Markus 4,31) langsam und verborgen in der Stille wächst, erfahrbar während schweigenden Hörens nach innen durch die dem lauteren Herzen sich unmittelbar mitteilende göttliche Gegenwart. Jesus bezeugte einen zu seiner Zeit und bis heute weithin nicht verkündeten Gott und sprach ihn so an, wie es die gesamte umfangreiche Gebetsliteratur des antiken Judentums nicht kannte, aber jedes Kind kennt. Er benutzte eines der beiden ersten Worte des Kleinkindes und damit ein Urwort des Menschen wie Mama oder Amme, nämlich: Papa, hebräisch ábba, mein lieber Vater. Das besagt, dass für ihn Gott kein fremder, weltferner Herrscher hinter der Sternen oder im Jenseits war, sondern ein naher Vertrauter, wie es ein guter Vater seinen Kindern ist, die sich eines unmittelbaren Zugangs zu ihm und der Geborgenheit bei ihm erfreuen können. Eine größere Nähe gibt es nicht als den im Menschen selbst lebendigen Gott, von dem Jesus seinen Nachfolgern versprach, sie würden ihn nach seinem Tod anstelle seines menschlichen Gegenübers innerlich als Geist der Kraft, der Liebe und des Friedens gegenwärtig erfahren und so selber lebendig werden, neue, geistliche Menschen, Licht der Welt und Ort des Gottes, den Jesus seinen Vater nannte.
Wilhelm Prasse, 17.10.07

[Vorgetragen in der Freiburger Quäkergruppe und - um ein Drittel gekürzt - abgedruckt in "Quäker, Zeitschrift der deutschen Freunde", Nr. 2, 2008, S. 69-73]

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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