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s) "Was glaubte Jesus?" Ruth Lapide's Verfälschung




Stellungnahme zu Bibel-TV-Sendung und Buch

"War Jesus Pazifist?" ... so lautet die Überschrift eines Kapitels in dem Buch „Was glaubte Jesus?“ (Kreuz Verlag, Stuttgart 2006), in dem die Religionswissenschaftlerin Ruth Lapide Fragen von Henning Röhl, dem Geschäftsführer von Bibel-TV, beantwortet. Ich bin von der Freiburger Gruppe der Quäker gebeten worden, zu diesen ursprünglich in Bibel-TV gesendeten „Gesprächen“ Stellung zu nehmen, bei denen es scheinbar nur um die Fortsetzung der begrüßenswerten Arbeit des 1997 verstorbenen Judaisten Prof. Dr. Pinchas Lapide ging. Er wollte Fehlübersetzungen in deutschen Bibeln korrigieren, Vorurteile und Feindbilder gegeneinander bei Juden und Christen abbauen und den Dialog miteinander fördern. Aus den Forschungen ihres Mannes, die er in über 35 Büchern veröffentlicht hat – vier davon besitze ich – , zieht Ruth Lapide nun Nutzen. Tatsächlich erstreben aber beide Gesprächspartner ein politisches Ziel: „Ein Christ muss immer auf Seiten des Staates Israel stehen“, so Henning Röhl (S. 120), der die „Zwei-Reiche-Lehre“ vertritt (S. 73), durch die nach Luther auch Christen gefordert sind, „das Schwert zu führen“. Auch Ruth Lapide möchte die Christen für die Unterstützung der Politik des modernen Israel gewinnen, die sie als Kampf ums Überleben rechtfertigt, um den es nach ihrer Deutung auch Jesus und dem damaligen Israel ging. Ganz anders haben sich ihr Mann, Martin Buber, Leo Baeck, Schalom Ben-Chorin, Ernst Bloch, Hans Joachim Schöps und viele andere aufrichtig bemüht, Jesus in seiner Einzigartigkeit und in seinem Anliegen gerecht zu werden, und standen der inzwischen wachsenden jüdischen Friedensbewegung nahe. Die lehnt bekanntlich innerhalb und außerhalb Israels die Siedlungs- und Besatzungspolitik des Staates Israel ab, weil sie zu Apartheid führe, Menschen- und Völkerrechten zuwiderlaufe und eine Eskalation der Gewalt bewirke, deren Folge die Vernichtung der eigenen Bevölkerung durch einen Krieg sein könnte.

Im Unterschied zu den oben genannten jüdischen Denkern bestreitet Ruth Lapide alles, was im Neuen Testament ihrer Absicht widerspricht, Jesus als einen durchaus gewaltbereiten jüdischen Patrioten hinzustellen. Das erinnert an die Bemühungen der „Deutschen Christen“, aus Jesus einen „Arier“ zu machen, und an die Vorstellung mancher Christen in den USA: Christus ist Amerikaner (spöttisch abgekürzt: CIA). Ohne dass Henning Röhl ihr widerspricht, führt Ruth Lapide die Wanderungen Jesu, auf denen er seine Botschaft verbreitete, darauf zurück, dass er „ständig auf der Flucht vor den Verfolgungen der Römer“ gewesen sei, und ergänzt in Lukas 13,31 die Warnung der Pharisäer: „Herodes will dich töten“ willkürlich mit „und die Römer“ (S. 71), eine Lesart, die es in keiner einzigen der alten Handschriften gibt. Tatsächlich erwähnen nicht erst die Evangelien und die Apostelgeschichte jüdische Verfolgungen, sondern schon Paulus in seinem ältesten Brief, geschrieben etwa 50 n. Chr., also 17 Jahre nach der Hinrichtung Jesu (1. Thess. 2,14-16): „Denn, ihr Brüder, ihr habt das Beispiel der Gemeinden Gottes nachgeahmt, die in Judäa in Christus Jesus sind, weil auch ihr eben dasselbe von euren eignen Volksgenossen erlitten habt wie sie von den Juden, welche auch den Herrn getötet haben, Jesus, und die Propheten und uns verfolgt haben ... indem ... sie uns wehren, zu den Heiden zu reden, damit sie gerettet werden.“ Nach Ruth Lapide wurde Jesus aber nicht von den herrschenden jüdischen Kreisen befeindet, und eigentlich sei ja – christlich verstanden – Gott für seinen Tod verantwortlich, der nach Joh. 3,16 und Römer 8,32 Jesus opfert (S. 98), bzw. Jesus selber (S. 101), der in Joh. 10,18 gesagt hat: „Niemand nimmt mein Leben von mir, sondern ich gebe es von mir aus hin“.

Es darf auch nicht sein, dass ein Jude Jesus seinen Gegnern überliefert hat, zumal Judas zu einer Gruppe von Zeloten gehörte, die Ruth Lapide Helden nennt, denn „sie verdienen unseren Respekt als Freiheitskämpfer gegen fremde Eroberer“ (S. 154), und – gegen Luther – „gewaltsamer Widerstand und Aufstand ist erlaubt“ (S. 116). Ob das auch für die erste und zweite Intifada der Palästinenser zutrifft, die sich als Freiheitskämpfer verstanden, bleibt offen. Friedrich Schorlemmer meinte, nicht nur im Blick auf Israel: „Was gegenwärtig läuft, ist die Wiederholung terroristischer Aktionen, um dem Terrorismus zu Leibe zu rücken". Gewiss hat Paulus in seinen Briefen Judas und seinen Verrat (S. 159) nicht erwähnt, wie er auch die meisten anderen Jünger Jesu nicht nennt oder die Frauen, die die ersten Zeugen der Auferstehung waren, vielleicht weil die Jünger über sie und Judas nicht gern geredet haben. Paulus ist es weniger wichtig zu überliefern, was andere erlebt haben (1. Kor. 15,5 u. a.), als den Jesus zu bezeugen, den er selbst erfahren hat: den Auferstandenen. Doch dieses Erleben vor Damaskus erklärt Ruth Lapide mit einem epileptischen Anfall (S. 118), der drei Jahre Pflegebedürftigkeit für Paulus zur Folge gehabt habe, obwohl die Apostelgeschichte (9,9) nur von drei Tagen Blindheit berichtet. Die angebliche Epilepsie muss auch herhalten für nicht-jüdische Empfehlungen des Apostels, z. B. – wenn es möglich ist – lieber nicht zu heiraten. Paulus nennt aber als Grund seinen Wunsch, sich ganz auf das bald erwartete Wiederkommen Jesu einzustellen, mit der die alles verändernde große Befreiung anbricht, die in der neuen Gemeinschaft zeichenhaft schon sichtbar wird durch das Überwinden der Rangunterschiede zwischen Herren und Sklaven, Männern und Frauen, Juden und Griechen, Reichen und Armen.

Ruth Lapide sieht es anders: „Paulus wollte nur eine Reformation des Judentums“ (S. 113), und er habe bei den Nicht-Juden nur wegen ihrer Angst vor Beschneidung auf diese verzichtet (S. 114). Aber zum einen ist ohne diese bis heute ein Jude-Werden für Männer nicht möglich, und zum anderen hat Paulus gemeinsam mit den Jüngern Jesu auf einem Konzil in Jerusalem (Apg. 15,10 ff.) geklärt, dass Nicht-Juden nicht erst Juden werden, das „Joch“ des jüdischen Gesetzes auf sich nehmen und beschnitten werden müssen, um den Geist Gottes zu empfangen und dadurch Kinder Gottes, „von neuem geboren“ zu werden. Aufgrund der gleichen Erfahrung hatte schon vor Paulus Petrus im palästinischen Cäsarea Römer getauft, ohne sie zu beschneiden. Dazu äußerte sich später Paulus ganz eindeutig: „In Jesus Christus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern das Vertrauen, das durch die Liebe tätig ist“ (Gal. 5,6). Das ist unjüdisch, doch Ruth Lapide meint, nicht nur alles, was Jesus gelehrt habe, sei schon im Judentum vorhanden gewesen, sondern das ganze Christentum sei ursprünglich jüdisch gewesen, die Christen hätten sich Jahrhunderte lang bis Konstantin als Juden verstanden und die ganze Bibel sei im Lande der Juden, im „Heiligen Lande“, entstanden (S. 52). Letzteres trifft jedoch für keine einzige Schrift des Neuen Testamentes zu, und zumindest die Quellen einiger Texte auch der hebräischen Bibel stammen aus anderen Kulturen, z. B. aus Babylonien und Ägypten, etwa die von Priestern bearbeiteten Schöpfungsberichte oder die gesammelten „Sprüche Salomos“. Solche Übernahmen waren durchaus üblich und wurden auch von Paulus empfohlen: „Prüfet alles, und das Gute behaltet“ (1. Thess. 5,21). Er selbst berief sich wie Jesus auf solche Schriftstellen in der hebräischen Bibel, die seiner Lehre entsprachen, und verwarf damit alles andere, das ihr widersprach, z. B. die vielen Todesstrafen, die besonders im 3. Buch Mose für zahlreiche „Gräuel“ verhängt wurden.

Ruth Lapide behauptet so nebenher: „Übrigens kommt die Auferstehungshoffnung wie das meiste Schöne und Gute von der Wurzel her aus dem Judentum“, und auch das Vaterunser sei nur ein „Sammelsurium“ aus jüdischen Quellen. Jesus selbst war für sie ein Pharisäer (S. 112) – wofür es keinen Beleg gibt – und ein ganz normaler Rabbi (S. 24 und 29), der nichts Neues gebracht habe. Sie ist blind gegen das ganz Andere und Unjüdische an Jesus, sowohl in seinem häufigen Widerspruch: „Ihr habt gehört, ... ich aber sage euch“, in seinen aufreizenden Reden, in seiner herausfordernden Missachtung des Sabbatgebotes und in seinem brüderlichen Umgang mit Kranken, „Sündern“ und sogar Frauen aller Art – auch mit Dirnen. Ruth Lapide legt ihr eigenes Denken und Wollen in Jesus hinein und vereinnahmt ihn ebenso für den Nationalismus, wie es die Staats- und die meisten Freikirchen vieler Länder bis heute tun, obwohl doch nach Jesus sich alle Herrscher dieser Welt Gott und seinem Reich widersetzen (Lukas 22,25). Damit verfälscht Ruth Lapide das Jesusbild der Evangelien und maßt sich an, es besser zu wissen, wer Jesus war und was er wirklich glaubte und wollte, als die Weggefährten Jesu, deren durchaus vertrauenswürdige Zeugnisse über das, was sie gesehen und gehört haben, in den Evangelien überliefert worden sind, wenn auch ausgewählt, bearbeitet, aus anderen Quellen ergänzt und ins Griechische übersetzt.

Für Ruth Lapide gilt wie für alle Ausleger der Bibel, was George Fox, der Begründer der Quäker, sagte: Ohne das innere Licht, den er mit dem Geist Jesu gleichsetzte, sind weder die Bedeutung der Person Jesu mit ihrem einmaligen Sendungsbewusstsein zu begreifen noch die Art und Weise seines Lehrens und Handelns, weder der neue Inhalt seiner Verkündigung eines väterlich liebenden Gottes, der den Menschen alles Richten und Hinrichten verbietet, noch seine Wirkung auf Zehntausende seiner Landsleute, weder die schnelle Ausbreitung seiner Botschaft im ganzen Mittelmeerraum und darüber hinaus unter Juden und Nichtjuden noch das inzwischen weltweite Anwachsen der Anhänger Jesu mit über zwei Milliarden Menschen. Viele von ihnen bezeugen auch heute die gleiche Erfahrung der Gegenwart des Auferstandenen wie die Verfasser des Neuen Testamentes: „Er hat uns einen neuen Weg eröffnet“ (Hebr. 10,20), nämlich „den Weg Gottes“, „des Lebens“, „des Herrn“, des Heils“, „des Friedens“, „der Wahrheit“, „der Gerechtigkeit“.

Aus der Kirchengeschichte ist bekannt, dass zwar in den ersten beiden Jahrhunderten nach Jesus jeder Christ, der – auch als Soldat des Kaisers – Menschenblut vergoss, vom Abendmahl ausgeschlossen wurde, danach aber bis nach dem Zweiten Weltkriege Kriegsdienstverweigerung von den Kirchen als Ungehorsam gegen Gott abgelehnt wurde. Das bedeutete theologisch und praktisch eine 1700 Jahre andauernde Heuchelei, einen Verrat Jesu, denn (Lukas 16,13): »Kein Knecht kann zwei Herren dienen.“ Der Satz des Paulus „Jedermann sei untertan der Obrigkeit“ (Römer 13,1) wurde und wird bis heute weithin fälschlich mit Gehorsam gleichgesetzt, wodurch die neue Lehre Jesu und seiner ersten Nachfolger mit ihrer für sie selbst tödlichen Praxis, »man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg. 5,29), verkehrt wurde in Hörigkeit gegenüber jeder menschlichen Herrschaft. In diesem Sinne wurden und werden Bibelverse umgedeutet und missbraucht, um militärisches und juristisches Töten und die Beteiligung von Christen daran religiös zu rechtfertigen und um durch Seelsorge die Gewissen der Täter zu beschwichtigen. So wie durch religiöse und politische Führer, die weder auf Gott noch auf die Menschen vertrauten, die guten, mütterlichen Weisungen Gottes, die dem Leben dienen sollten, schon in der hebräischen Bibel verkehrt wurden in männliche Strafgesetze, die zum Töten dienten, so wurde durch falsche Hirten das verheißene und in Jesus anbrechende Friedensreich Gottes ohne Strafjustiz und Krieg zur unausführbaren Utopie erklärt, die bestenfalls kurz vor oder nach dem Untergang der irdischen Reiche vom Himmel her über die Schöpfung hereinbricht. Ein von Barmherzigkeit und Vergebung, Friedfertigkeit und Sanftmut bestimmtes Zusammenleben der Menschen trotz aller ihrer Unterschiedlichkeit, wie es u. a. schon vor 2700 Jahren von dem Propheten Jesaja vorausgesagt wird, und der in der Bergpredigt von Jesus gebotene Verzicht auf Recht kann und darf nicht einmal versucht werden, da weder dem „allmächtigen“ Gott noch den „von Natur aus bösen“ Menschen zu trauen ist, denen Jesus doch zusagte: „Ihr seid das Licht der Welt“ (Matth. 5,14).

Jesus und seine Botschaft lassen sich in keine der vielen Formen moderner -ismen einordnen, so sehr das deren Vertreter immer wieder versuchen, seien es Kapitalisten oder Sozialisten, Nationalisten oder Pazifisten oder was auch immer. Nicht die Vereinnahmung von Person und Lehre Jesu für menschliche Grundeinstellungen und politische oder religiöse Weltanschauungen wird ihm gerecht, sondern Nachfolge im Leben und – wenn nötig – im Sterben. Das bedeutet, im Gegensatz zu der o. a. Forderung Henning Röhl’s: Alle Menschen – besonders wenn sie auf Jesus vertrauen – müssen zusammenhalten gegen politische, militärische, religiöse oder wirtschaftliche Verletzungen der Würde und Rechte des Menschen und zu jedem Einzelnen stehen, unabhängig davon, ob er Israeli oder Palästinenser, Jude oder Moslem, Christ oder Atheist, Soldat oder Terrorist, Staatsbürger oder Asylsuchender, Straftäter oder Opfer oder – wie so oft – beides ist. Was auch immer Menschen unterscheidet, es darf sie nicht trennen, auch nicht die von allen und an allen Seiten begangene geschichtliche Schuld, wie z. B. unvergessene Kreuzzüge und Kriege, koloniale Unterdrückung und Ausbeutung, die das Christentum weithin unglaubwürdig gemacht haben, nicht nur in muslimischen Ländern, sondern auch im Abendland selbst.

Das von Jesus angekündigte Friedensreich Gottes meint mehr als Gewaltverzicht und Vermeidung von Krieg, nämlich die Verwirklichung eines Heils und Friedens, der alle Menschen als Kinder Gottes mit ihrem Vater und miteinander in Liebe und Vertrauen verbindet und alle Lebensbereiche durchdringt und gestaltet. Dieser Frieden wird schon gestört durch Angst voreinander und vor Gott, durch Misstrauen und Bosheit gegeneinander, durch Neid und Hass aufeinander, durch Gier nach mehr Macht und Besitz Diesen beiden Götzen, zu denen niemand „du“ sagen kann, haben sich aber nicht nur unersättliche Mächtige und Besitzende, sondern auch fast alle anderen unterworfen, die beten: „Dein Reich komme! Dein Wille geschehe auf Erden!“ Stattdessen kamen Herrschaftsstrukturen, die bis heute brüderlich-schwesterliche Beziehungen verhindern. Aber so unzerstörbar wie die Liebe Gottes zu seinen Kindern können und sollen auch alle ihre Ich-Du-Beziehungen untereinander sein, besonders die Ehe, aber auch die Freundschaft, weshalb Jesus seinen Jünger Judas noch mit „mein Freund“ (Matth. 26,50) anredet, als der ihn verrät. Doch er schützt nicht nur ausdrücklich die Ehe, sondern auch die Ehebrecherin vor der Todesstrafe, weil nach Gottes Willen kein Mensch durch Menschen getötet werden soll, auch nicht vor der Geburt: „Kinder sind eine Gabe Gottes, und Leibesfrucht ist ein Geschenk“ (Psalm 127,3).

Zur frohen Botschaft Jesu gehört die auch durch sein Tun bezeugte Entmachtung der bösen Macht, die Menschen vor Gott verklagen will und ihre Verdammnis fordert. Im Unterschied zur menschlichen Gerechtigkeit, die wie das indische Karma, das mosaische Gesetz und der biblische Satan Bestrafung der Schuldigen fordert, verkündete Jesus die bessere göttliche Gerechtigkeit (Matth. 5,20), die auch den Feinden und den Bösen bedingungslose Liebe und grenzenloses Erbarmen schenkt (Matth. 5,38-48). In biblischer Sprache wird das – auch schon vor Jesus –„Gnade“ genannt: wohlwollende, unverdiente Zuwendung und Vergebung, die Freude und ein „von Neuem Geborenwerden“ (Joh. 3,3), ein wieder „wie die Kinder Werden“ (Luk. 18,17) bewirken. Diese Erfahrung wird im Titusbrief (3,4b-6) so beschrieben: „... rettete er uns nach seiner Barmherzigkeit durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im heiligen Geiste, welchen er ausgegossen hat über uns reichlich durch Jesus Christus, unseren Heiland.“ Das dadurch geschenkte neue Leben ist nicht nur gekennzeichnet durch Sanftmut und Friedfertigkeit (Matth. 5,5 u. 9), sondern auch durch Zorn auf menschliche „Gerechtigkeit“, immer aber durch zielstrebiges Handeln aus Barmherzigkeit (Matth. 5,7 und 38-48), Sie soll sowohl die persönlichen Beziehungen bestimmen wie das soziale Gefüge verändern, z. B. auch den Umgang mit Geld und Besitz: „Hütet euch vor aller Habgier, denn niemand lebt davon, dass er viel besitzt“ (Lukas 12,15). Das entspricht dem häufigen Zinsverbot in der hebräischen Bibel.

Es ging Jesus nicht um eine erneuerte oder eine neue Religion, auch nicht um eine philosophische Ethik oder Weltanschauung oder um eine staatliche oder wirtschaftliche Ordnung, sondern um das Menschsein des Menschen in allen Beziehungen nach dem Bilde Gottes, das Jesus selber verkörperte und wodurch er wahrer Mensch und damit „Sohn Gottes“ war – der erste von vielen Brüdern und Schwestern. Als Folge dieser umfassenden Heilung sollten diese neuen Menschen wie Jesus selbst lebendige Zeugnisse des Friedens und der Liebe sein, nicht mehr – soziologisch ausgedrückt – „autoritäre Persönlichkeiten“, bestimmt vom „männlichen“ Konkurrenzkampf gegen andere in allen Lebensbereichen. Jesu Gottes- und Menschenbild wird bis heute auch von der christlichen Religion weithin ebenso abgelehnt wie zu seiner Zeit von den maßgebenden Gruppen der jüdischen Religion. Beide Religionen „nehmen den Menschen den Schlüssel der Erkenntnis“ des in Jesus gekommenen Reiches Gottes weg und „wehren denen, die hinein wollen“ (Lukas 11,52), – darum geht es heute noch in der Weltgeschichte immer noch so zu wie vor Jesus. Nur „eins aber ist not“ (Lukas 10,42): Die vertrauensvolle Liebe zu Jesus und seinem Vater, die uns Menschen auch untereinander wieder so natürlich und liebesfähig macht, wie wir es als kleine Kinder schon einmal waren, bevor wir uns anpassten, denn Jesus war „das Licht, welches alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen“ (Joh. 1,9).
Wilhelm Prasse, 24.3.07 [veröffentlicht in der Zeitschrift "Quäker" Nr. 3//2008 Ss. 120-125]

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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