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t) Macht - Liebe - Gewaltlosigkeit




aus: Martin-Luther King: Wohin führt unser Weg? Chaos oder Gemeinschaft

[S. 51]: „Macht, richtig verstanden, ist die Möglichkeit etwas zu erreichen. Es ist die Stärke, die man braucht, um soziale, politische oder wirtschaftliche Veränderungen herbeizuführen. In diesem Sinne ist Macht nicht nur erwünscht, sondern auch notwendig, um die Forderungen von Liebe und Gerechtigkeit zu erfüllen. Eines der größten Probleme der Geschichte ist es, dass die Begriffe Liebe und Macht gewöhnlich als polare Gegensätze gegenübergestellt werden. Liebe wird mit dem Verzicht auf Macht und Macht mit der Verneinung der Liebe identifiziert. Diese Fehlinterpretation war es, die Nietzsche, den Philosophen des »Willen zur Macht«, veranlasste, den christlichen Begriff der Liebe zu verwerfen. Dieselbe Fehlinterpretation war es, die christliche Theologen dazu verleitete, Nietzsches Philosophie des »Willen zur Macht« im Namen der christlichen Idee der Liebe zu verwerfen. Was wir brauchen, ist die Erkenntnis, dass Macht ohne Liebe rücksichtslos und schimpflich ist und dass Liebe ohne Macht sentimental und blutleer ist. Macht im besten Sinne ist Liebe, die die Forderungen der Gerechtigkeit erfüllt. Gerechtigkeit im besten Sinne ist Liebe, die alles ändert, was sich der Liebe entgegen stellt. – [S. 52:] Dieser Zusammenstoß unmoralischer Macht und machtloser Moral ist es gerade, der die Krise unserer Zeit bildet. – [S. 60:] Bis zum Beginn dieses Jahrhunderts hatten praktisch alle Revolutionen auf Hoffnung und Hass beruht. Die Hoffnung drückte sich in der zunehmenden Erwartung von Freiheit und Gerechtigkeit aus. Der Hass war der Ausdruck von Bitterkeit gegenüber den Frevlern an [?] der alten Ordnung. Es war der Hass, der die Revolutionen blutig und gewalttätig machte. Das Neue an Mahatma Gandhis Bewegung in Indien war, dass er eine Revolution auf Hoffnung und Liebe, auf Hoffnung und Gewaltlosigkeit gründete. Dieselbe Betonung dieses Neuen kennzeichnete die Bürgerrechtsbewegung in unserem Lande, angefangen von dem Omnibusboykott in Montgomery von 1956 bis zur Selma﷓Bewegung von 1965. Wir behielten die Hoffnung, während wir den Hass der traditionellen Revolutionen in positive gewaltlose Kraft verwandelten. Solange die Hoffnung erfüllt wurde, gab es kaum einen Zweifel an der Gewaltlosigkeit. – [S. 62:] Für uns ist es das Beste, eine feste Haltung einzunehmen, gewaltlos vorzudringen, Enttäuschungen hinzunehmen und uns an die Hoffnung zu klammern. Die Entschlossenheit, uns nicht aufhalten zu lassen, wird uns schließlich die Tür zur Erfüllung öffnen. Wenn wir die Notwendigkeit erkennen, für eine gerechte Sache zu leiden, werden wir die volle Größe unseres Menschentums erreichen. – [S. 74:] Natürlich möchte niemand gern leiden und verletzt werden. Aber es ist wichtiger, das Übel an der Wurzel zu packen, als in Sicherheit zu sein. – [S. 78:] Macht im besten Sinne ist der richtige Gebrauch der Stärke. Die Worte Alfreds des Großen sind immer noch wahr: »Macht ist niemals gut, wenn nicht derjenige, der sie hat, gut ist.« Gewaltlosigkeit ist Macht; aber sie ist der richtige und gute Gebrauch der Macht. – [S. 81:] Es gibt keine theoretische oder soziologische Trennung zwischen Befreiung und Integration. In unserer Art von Gesellschaft kann die Befreiung nicht ohne die Integration und die Integration nicht ohne die Befreiung kommen. Ich spreche hier von Integration sowohl im ethischen als auch im politischen Sinne. Einerseits ist Integration echtes Miteinanderleben von Gruppen oder Menschen. Andererseits ist es die Teilung der Macht zwischen ihnen. – [S. 82:] Streben wir nach Macht um der Macht willen? Oder streben wir danach, das Leben in der Welt und in unserer Nation besser zu machen? Wenn wir nach dem letzteren streben, kann Gewalt niemals die Lösung bringen. Die größte Schwäche der Gewalt liegt darin, dass sie gerade das erzeugt, was sie vernichten will. Statt das Böse zu verringern, vermehrt sie es. Durch Gewalt kann man den Lügner ermorden; aber man kann weder die Lüge ermorden noch die Wahrheit aufrichten. Durch Gewalt kann man den Hasser ermorden; aber man tötet den Hass nicht. Gewalt verstärkt nur den Hass. Das ist der Lauf der Dinge. Gewalt mit Gewalt zu vergelten, vermehrt die Gewalt und macht eine Nacht, die schon sternenlos ist, noch dunkler. Dunkelheit kann die Dunkelheit nicht vertreiben; das kann nur das Licht. Hass kann den Hass nicht vertreiben; das kann nur die Liebe. Das Schöne und Gute an der Gewaltlosigkeit ist, dass sie auf ihre Weise und zu ihrer Zeit die Kettenreaktion des Bösen zu brechen sucht. – [S. 86:] Die Menschheit wartet auf etwas anderes als blinde Nachahmung der Vergangenheit. Wenn wir wirklich einen Schritt vorwärts machen wollen, wenn wir eine neue Seite aufschlagen und wirklich einen neuen Menschen schaffen wollen, müssen wir anfangen, die Menschheit von der langen trostlosen Macht der Gewalt wegzuführen. Kann es nicht sein, dass der neue Mensch, den die Welt braucht, der gewaltlose Mensch ist? – S. 95:] Die Glaubenswahrheiten und die Bibel wurden zitiert und verdreht, um den Status quo zu verteidigen. – [S. 123:] Segregation leugnet die Heiligkeit der menschlichen Persönlichkeit. In unserem religiösen Erbe ist die Überzeugung tief verwurzelt, dass jeder Mensch Erbe eines Vermächtnisses von Würde und Wert ist. Unsere jüdisch﷓christliche Tradition spricht von dieser angeborenen Würde des Menschen in dem biblischen Wort vom »Ebenbild Gottes«. Am »Ebenbild Gottes« haben alle Menschen im gleichen Maße teil. Es gibt keine Stufenleiter des Wertes. Jedes menschliche Wesen trägt in seiner Persönlichkeit den unauslöschlichen Stempel des Schöpfers eingeprägt. Jeder Mensch muss geachtet werden, weil Gott ihn liebt. – [S. 128:] Echte Integration wird kommen, wenn die Menschen das Gebot befolgen, hinter dem kein Zwang steht. – Die von Menschen gemachten Gesetze sorgen für Gerechtigkeit; aber ein höheres Gesetz erzeugt Liebe. – [S. 161:] Das Böse muss durch eine beharrliche Gegenkraft und durch tägliches Kämpfen um Gerechtigkeit angegriffen werden. – Das ist das große neue Problem der Menschheit. Wir haben ein großes Haus geerbt, ein großes »Haus der Welt«, in dem wir zusammen leben müssen. – [S. 208:] Schwarze und Weiße, Morgenländer und Abendländer, Juden und Nichtjuden, Katholiken und Protestanten, Moslems und Hindus – eine Familie, die in Ideen, Kultur und Interessen zu Unrecht getrennt ist, die, weil wir niemals wieder getrennt leben können, irgendwie lernen muss, in Frieden miteinander auszukommen. – [S. 235:] Wenn ich von Liebe spreche, so spreche ich von jener Kraft, die alle großen Religionen als oberstes einigendes Lebensprinzip erkannt haben. Liebe ist der Schlüssel, der die Tür zur höchsten Wirklichkeit aufschließt. Dieser Glaube von Hindus, Moslems, Christen, Juden, Buddhisten an die höchste Wirklichkeit ist in der 1. Epistel Johannis wunderschön wiedergegeben mit den Worten: »Ihr Lieben, lasset uns unter einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer lieb hat, der ist von Gott geboren und kennet Gott. Wer nicht lieb hat, der kennet Gott nicht; denn Gott ist die Liebe ... So wir uns unter einander lieben, so bleibet Gott in uns, und seine Liebe ist völlig in uns.«“
[Econ-Verlag Wien-Düsseldorf, 3. Auflage 1968]