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r) Von der antiken Gnosis zur neuzeitlichen Esoterik




Ein Streifzug durch zwei Jahrtausende

Die „christlichen“ Kulturen entfremden sich seit 500 Jahren zunehmend der Weltreligion, die aus der Verkündigung Jesu gemacht worden ist. Den Platz des erlernten Glaubens nehmen mehr und mehr alte oder neue religiöse Gedankensysteme ein. Zugleich entdecken mündige Bibelleser im Neuen Testament und in den Lehren ihrer Kirchen die gleichen mythischen Vorstellungen wie in den apokalyptischen Schriften des damaligen Judentums und wie in den Schriften der Gnosis des klassischen Altertums, die z. T. erst in den letzten 60 Jahren gefunden wurden. Sich mit der antiken Gnosis und ihrem Fortwirken bis heute zu beschäftigen, dürfte daher hilfreich sein, um sich sowohl im Neuen Testament wie in der Vielfalt der religiösen Angebote der Gegenwart besser zurechtzufinden.

Die antike Gnosis,
auf deutsch Erkenntnis oder Wissen – gemeint war Geheimwissen – , war in den ersten Jahrhunderten n. Chr. von Ägypten bis Gallien, vom Zweistromland bis China weit verbreitet, doch ist zu der großen Vielfalt ihres Denkens und Verhaltens erst jetzt ein umfassender Zugang möglich geworden. Es entfaltete sich in zahlreichen nichtchristlichen und christlichen Richtungen, die – um nur einige zu nennen – der Schlange im Paradies göttliche Natur zuschrieben, in dem Brudermörder Kain und in Judas Ischariot die Träger der wahren Erkenntnis verehrten, sich von Seth, dem dritten Sohn Adams, herleiteten, den in der Apostelgeschichte erwähnten „Magus“ oder Magier Simon aus Samarien als Gott verehrten oder beanspruchten, „die Tiefen des Satans erkannt zu haben“, wie in der Offenbarung im Neuen Testament über die sexuell freizügigen Nikolaiten zu lesen ist.

Diese „Gnostiker“ organisierten sich in Gruppen, Zirkeln und vor allem in „Schulen“, d. h. in kleinen um einen Lehrer gescharten Gemeinden, die oft als Geheimbünde und nach dem Vorbild der Mysterien organisiert und hierarchisch gegliedert waren entsprechend den Stufen der erreichten Erkenntnis ihrer Schüler. Die Überlieferungen wurden esoterisch, also als Geheimwissen, weitergegeben, häufig unter Berufung auf angebliche Geheimlehren Jesu, seiner Jünger und Jüngerinnen, oder auf Apostel, Apostelschüler und Propheten. Dass z. B. Jesus nach dem „Philippus-Evangelium“ Maria Magdalena küsste – was heute modern als Verliebtsein gedeutet wird – , bedeutete gnostisch Erlösung aus ihrer Sündhaftigkeit und machte sie zur weiblichen Helferin Jesu im Erlösungsgeschehen. Rechten Gebrauch des Leibes in leibhaftiger Liebe, die ohne Einheit von Leib und Seele nicht möglich ist, gab es nicht bei den Gnostikern. Der Leib wurde ja verachtet, sei es asketisch, indem man ihm überhaupt keinen Genuss gönnte, oder sei es libertinistisch, indem man alles laufen ließ in der Einstellung: Gebt dem minderwertigen Leib, was des Leibes ist – das berührt den Geist nicht. Doch waren es auch Schuldgefühle wegen der triebhaften Bedürfnisse und Angst um das eigene Seelenheil, wodurch mindestens ein Drittel der gnostischen Christen in Oberägypten veranlasst wurde, als Einsiedler in die Wüste zu ziehen und dort dem alten Ideal einer weltfernen Selbstvervollkommnung nachzustreben, bevor dort im 4. Jh. n. Chr. Pachomios die ersten christlichen Klöster gründete.

Die Gnosis entwickelte eine eigene Kultur, hatte ihre eigenen Propheten und schuf zahlreiche eigene heilige Schriften, die fast alle von der im 4. Jh. entstandenen Staatskirche vernichtet wurden. Bei den damals versteckten und nun zufällig wieder gefundenen handelte es sich um Übersetzungen von z. T. bis ins 2. Jahrhundert zurückgehenden Texten aus dem Griechischen in die in Oberägypten entstandene koptische Sprache und Schrift. Die sensationell aufgemachten Erwartungen, bisher verborgene Geheimnisse und Neues über Jesus und seine Lehren zu erfahren, wurden bei näherer Betrachtung der Texte enttäuscht. Nur dem „Thomas-Evangelium“ liegt wohl eine griechische Spruchquelle aus dem 1. Jh. zugrunde, doch wurden die Worte Jesu durch Zitate aus "Evangelien"von Lebensangst und Daseinsunsicherheit, verbunden mit einem pessimistischen Welt- und Menschenbild, wie es ähnlich Philosophen von Lebensangst und Daseinsunsicherheit, verbunden mit einem pessimistischen Welt- und Menschenbild, wie es ähnlich Philosophen des 2. Jh., aus manichäischen Texten und von Kirchenvätern ergänzt und das Ganze gnostisch bearbeitet. Neben die Auslegung wirklich alter trat die Abfassung für alt ausgegebener, „geoffenbarter“ Schriften. Sie wurden durch geheime Unterweisung dem Auserwählten, der stufenweise zu immer höherer Erkenntnis fortschritt, nach und nach überliefert, durch Weihen erschlossen und durch Sakramente verstärkt, damit er im Leben wie nach dem Tod magisch auf die Welt und ihre Geister einwirken konnte. Die wesentliche Aussage der meisten gnostischen Erlösungsmythen beschränkt sich darauf, dass es eine Art des Wissens gebe, die seine Träger auf eine höhere Ebene des Bewusstseins und des ganzen Daseins befördere. Daraus, dass kein gnostischer Text zeitlich früher als die Schriften des Neuen Testamentes datiert werden kann, wird geschlossen, dass Christentum und Gnosis etwa zeitgleich und unabhängig voneinander entstanden, aber auch sehr früh eine Verbindung eingegangen sind. Ihre volle Entfaltung erreichte die Gnosis erst im christlichen Bereich.

Die Religionswissenschaftlerin Julia Iwersen charakterisiert in ihrem Buch über die Gnosis diese als „subjektivistische [also ohne mitmenschliche Beziehungen], weltfeindliche und antiinstitutionelle Religion“. Deren Bedeutung für heute beurteilte ein holländischer Religionshistoriker vor 50 Jahren mit den Worten: „Eine Weltreligion ist neu entdeckt, entdeckt für unsere Zeit. Und Gnosis, diese versunkene Religion der Antike, die lange noch schattenhaft neben dem Christentum existierte, ist wieder aktuell geworden. Sie erfährt eine erstaunliche Renaissance in Tendenzen moderner Seelenforschung wie in den Debatten um New Age und Wendezeit, in der Suche nach neuer Spiritualität außerhalb der verordneten Lehren und Dogmen.“ Offensichtlich ist die Verwandtschaft vieler gnostischer Vorstellungen mit ähnlichen des Buddhismus, des Parsismus von Zarathustra, der ägyptischen und babylonischen Religionen, des von Mani im 3. Jh. v. Chr. gegründeten Manichäismus, des Mandäismus aus dem 2. Jh. n. Chr., der sich bis heute im Irak und Iran erhalten hat, der griechischen Philosophien – es gab auch eine philosophische Gnosis – , der Mysterienkulte, des Judentums und des Christentums. Diese Verwandtschaft ist nicht zufällig, sondern die Gnosis hat – wie ähnliche moderne religiöse Systeme – Gedanken und Begriffe aus vielen Quellen übernommen, zu einem neuen Ganzen vereinigt und gerade dadurch religiös Suchende fasziniert.

Der Anspruch der antiken Gnosis, die »Urreligion« wiederherzustellen, verbunden mit dem Wunsch nach Beglaubigung durch das Uralte, hängt damit zusammen, dass in den letzten Jahrhunderten vor Christus archaische Denkstrukturen wieder auflebten wie in allen von Krisen bedrohten Spät- und Wendezeiten von Kulturen – so ja auch heute – mit ihren Tendenzen zu Globalisierung von Handel und Ideen, Säkularisierung (Verweltlichung, wenn alte Religionen sich überlebt haben) und gleichzeitiger Rückkehr zu Religiosität. Das gnostische Schrifttum kann nur verstanden werden auf dem Hintergrund von Lebensangst und Daseinsunsicherheit, verbunden mit einem pessimistischen Welt- und Menschenbild, wie es ähnlich viele Denker im 19. und 20. Jh. vertraten, als Begriffe wie Dekadenz, Degeneration, Weltschmerz, Resignation und Realitätsflucht Mode wurden und Spenglers „Untergang des Abendlandes“ die Gemüter mehr erregte als heute Huntingtons „Kampf der Kulturen“. Im zweiten nachchristlichen Jahrhunderten soll sich diese Verdüsterung ausgebreitet haben infolge der beginnenden politischen und wirtschaftlichen Krise des römischen Reiches. Angesichts des offensiven Vorgehens der Völkerschaften jenseits der Grenzen im Norden und Osten, bei wachsendem Steuerdruck und stetigem Produktionsrückgang erscheinen diese neuartigen religiösen Strömungen als geistige Versuche verständlich, den Verlust der Vertrautheit mit den herkömmlichen Ordnungen und die sich steigernden Ängste zu meistern.

Aus den gnostischen Lehren, die den Wortschatz aus den verschiedensten überkommenen Gedankengebäuden in den Dienst spekulativen Denkens und einer üppigen Fantasie nahmen, lassen sich folgende Grundgedanken verallgemeinern: Zentral ist der Dualismus – die Gegensätzlichkeit – zwischen einerseits der Verworfenheit der diesseitigen Welt – als deutlichster Beweis galt die Stofflichkeit der Erde und des menschlichen Körpers – und andererseits des offenbarten Einsseins des guten, lichten, in der bösen, finsteren Welt gefangenen Selbst mit seinem jenseitigen Teil im Himmel. Viele Gnostiker meinten, die feindlichen Mächte, von denen sie sich verfolgt und in einem irdischen Körper festgehalten glaubten, seien in den Juden vermenschlicht, die nach den gnostischen Mythen die Abkömmlinge und Verehrer jener widergöttlichen Schöpfungsmacht waren, die sie in dem biblischen Jahwe sahen. Dieser „Demiurg“ – Weltschöpfer – wurde nun ein absolut böses Wesen, das sich in eifersüchtiger Weise von den Menschen verehren ließ. Er entstand durch den Fehltritt eines der vom guten Gott ursprünglich geschaffenen Lichtwesen. Der Mensch ist danach in eine von einem bösen Gott geschaffene, dem Menschen feindlich gegenüberstehende Welt geworfen, in der er ein Fremder ist. Das Grundgefühl des gnostisch denkenden Menschen ist verneinend; Geschöpflichkeit und Menschsein sind „Minderformen" der Existenz, von denen es sich zu erlösen gilt. Das ist aber nur dem auserwählten „Pneumatiker“ (Geistlichen) möglich: kraft seines diesseitigen Selbst betet er um dessen Erlösung zu dem Selbst, das im Jenseits ist, oder dieses jenseitige erleuchtet das Selbst, das im Menschen ist, und ermöglicht ihm dadurch die Erkenntnis (Gnosis). Der Psychiker (Seelische) ist nur gläubig, und die wahre Erkenntnis bleibt ihm verschlossen. Der „Hyliker“ (Stoffliche) ist rein materiell gesinnt, hat kein Selbst und ist verworfen.

Der Erlösermythos erklärte, wie das Selbst in die materielle und fleischliche Welt geriet und wie es wieder daraus befreit wird. Alle gnostischen Systeme sind geoffenbarte Lehren, die zu kennen Erlösung mit sich bringt, sei es als Befreiung vom Schicksal, sei es als Vergottung zu Lebzeiten oder sei es als Himmelsreise der Seele nach dem Tode. Der Gnostiker erleidet die Welt als Jammertal der Tränen und ist bewegt von der Frage nach Ursache und Sinn des Lebens und des Leidens. Dabei wird das Problem der Theodizee, der Rechtfertigung Gottes hinsichtlich des von ihm in der Welt zugelassenen Übels und Bösen, dualistisch gelöst durch unüberbrückbare Gegensätze zwischen einer guten und einer bösen Gottheit oder der bösen Materie. Der sichtbaren Sinnenwelt mit ihren veränderlichen und scheinhaften Abbildern ist die unsichtbare, wirkliche, bleibende Welt der Urbilder, der geistigen Urgestalten, der Ideen übergeordnet wie schon um 380 v. Chr. in Plato’s Höhlengleichnis in seiner Politeia (Staat). Das Muster der Gnosis ist das individuelle Heil der eigenen Seele, die – befreit von der Abhängigkeit des Einzelnen vom Familien- und Stammesverband – sich vergeistigt, um Abstand vom verachteten Körper zu gewinnen. Die antike Gnosis macht in ihrer übernatürlichen Ausrichtung gleichgültig gegenüber irdischem Unrecht und dem Elend der anderen; sie hat keine Hoffnung für diese Welt und kennt keine politische Verantwortung. Sie hat entschieden, dass die Schöpfung kein freundlicher, sondern ein böser Ort ist, ein Jammertal, wie es später im Christentum hieß, das sich dementsprechend auch dafür entschied, dass der Mensch nicht gut, sondern böse sei.

Die christliche Gnosis
entstand vorwiegend durch Aneignung christlicher Traditionen durch Gnostiker. Ihre Erlösergestalt war Christus, der aber meistens im Sinne des „Doketismus“ (von griechisch dokeo = scheinen) gedeutet wurde, der also nur einen Scheinleib besaß, weder geboren wurde noch starb, und der den bis dahin teilweise oder völlig unbekannten obersten, lichten Gott offenbarte. Dem Ursprung der christlichen Gnosis in jüdisch-synkretistischer Umwelt entspricht es, dass ihre ältesten Formen weithin mit jüdischem Material arbeiteten, es allerdings völlig umwerteten und etwas Eigenes, eben den kriegerischen Mythos von der dualistischen Spaltung der Kosmos schufen. Der Dualismus war zunächst nicht radikal, Gott blieb der Ursprung der Weltentstehung, aber die Schöpfung war ihm entglitten. Der Seinsunterschied zwischen Pneumatikern und Hylikern wurde nur in ihrer Entscheidung für oder gegen die gnostische Heilslehre offenbar. Das Selbst des Gnostikers sollte durch die vom Erlöser verliehene Gnosis aus eigener Kraft den Weg finden und wurde der grundsätzlich abgelehnten Welt, den anderen Menschen und nicht zuletzt dem eigenen Leib entfremdet.

Der Gnostiker hörte im Alten Testament – wie unbefangene Bibelleser auch heute – neben der Stimme des obersten Gottes auch Stimmen anderer Mächte. Marcion aus Kleinasien sah n u r den „Demiurgen“ im Alten Testament, lehnte es als Ganzes ab und gründete 144 n. Chr. eine eigene Kirche, die sich bis Ägypten und Persien ausdehnte und trotz schwerster Verfolgungen bis ins 5. Jh. bestand. Viele seiner Gemeinden gingen im radikal-dualistischen Manichäismus auf, der bis ins Mittelalter sehr weit verbreitet war und bei dem – wie beim Mandäismus – die Gnosis wieder zu einer eigenen Religion wurde, die ihre jüdischen und christlichen Ursprünge hinter sich ließ. Dagegen übernahm die christliche Gnosis schließlich weithin die kanonischen Evangelien, legte sie aber ihren Theorien entsprechend aus. Zwischen christlicher Gnosis, nicht-christlicher Gnosis und nicht gnostischem Christentum lassen sich von Anfang an wechselseitige Einwirkungen erkennen. Die Trennung zwischen christlicher Rechtgläubigkeit und Gnosis wurde erst im 4. Jh. eingeleitet durch die Sammlung der nicht-gnostischen Gemeinden zu einer von Bischöfen geleiteten Großkirche, die Glaubensregeln festlegte und sich um den Kanon des Neuen Testamentes scharte als der echten, abgeschlossenen, nicht geheimen, sondern öffentlich zugänglichen apostolischen Tradition. Das Entstehen einer christlichen Mystik und Askese und die Ketzergesetzgebung des christlichen Reiches vollendeten den Sieg der Kirche.

Das „Neue Testament“
geht teilweise auf jüdisch-apokalyptische Quellen zurück, z. B. die „Offenbarung“ und ganze Kapitel in den ersten drei Evangelien und einigen Briefen, teilweise auf die gleichen Mythologien wie die spätere Gnosis, wenn etwa in den Briefen an die Korinther (2. Kor. 4,4) und an die Epheser (2,2) die Luft als Aufenthalt des Teufels, des Gottes dieser Welt, und der ihm untergebenen Geister oder Engelwesen gilt, von denen geglaubt wurde, dass sie einzelne Teile dieser Welt regieren. Darüber hinaus klangen die Worte und Gedanken der beginnenden Gnosis manchmal so ähnlich wie die der christlichen Überlieferungen, dass es von Anfang an leicht zu Verwechslungen der Begriffe kam. Auch heute lässt es sich häufig kaum klären, ob die vorhandenen gnostisch-christlichen Schriften ursprünglich gnostische waren, die christianisiert wurden, oder christliche, die gnostisiert wurden. Zwei Epochen sind schon im Neuen Testament erkennbar: Anfänglich wurden noch bestimmte gnostische Begriffe und Vorstellungen verwertet, wurde aber ein weiteres Vordringen der Gnosis bekämpft; später wurde die Gnosis schlechthin als Irrlehre betrachtet und die Auseinandersetzung mit ihr als nutzlos und schädlich verboten. Die Sprache des Johannes-Evangelium ähnelt der gnostischen dadurch, dass es die Macht der Finsternis in den ungläubigen Juden anschaulich werden lässt und – wie Paulus – häufig Dualismen verwendet wie Licht und Finsternis, Wahrheit und Lüge, oben und unten. An gnostische Geistesart erinnern die radikale Trennung der Bereiche Gott und Welt, der Weg des Erlösers als Ab- und Aufstieg, die Vorherbestimmung der Erlösten und der Heilsindividualismus. Auf der anderen Seite bindet das Johannes-Evangelium das Heil an das Vertrauen auf den historischen Menschen Jesus von Nazareth und sein Wort und verkündet nicht die Gleichheit eines Seelenfunkens mit Gott, so dass Gottes- und Selbsterkenntnis ein und dasselbe bedeuten würden. Auch wird der gnostische Schlüsselbegriff gnosis nicht verwendet und werden die Fleischwerdung Jesu und sein leibhaftiges Leiden und Sterben antignostisch betont.

Die Apostelgeschichte lässt erkennen, dass die außer- und innerkirchliche Gnosis bedrohlich wird für die jungen christlichen Gemeinden. Der erste Johannesbrief zeigt besonders deutlich, dass die teilweise Christianisierung gnostischen Gutes den Kampf gegen die Gnosis nicht ausschließt. Da aber manches in der asketischen Richtung der Gnosis einigem in den Schriften des Neuen Testamentes zu gleichen schien, kamen doch geistige Beziehungen zwischen Gnosis und Christentum zustande und wurde einiges vom Gedankengut der Gnosis, vor allem die ganze Leib- und Lustfeindlichkeit, in das Christentum übernommen. Man denke z. B. an die Lehren des christlichen Neuplatonikers Augustinus von der Vorherbestimmung zu Seligkeit oder Verdammnis, von der Erbsünde und vom Leid als göttlicher Strafe dafür, und an seine Forderung: „So muss die disciplina ins Mittel treten: autoritative Belehrung, Ermahnung, Drohung, am Ende Zwang.“ Das erinnert daran, dass dieser bedeutende christliche Theologe und Heilige sich im 4. Jh. – leidend am inneren Zwiespalt zwischen seinen gleich starken geistigen und „fleischlichen Begierden“ – zunächst neun Jahre lang dem asketischen Manichäismus zugewendet hatte, allerdings ohne auf eine Konkubine verzichten zu können. Heute fragen sich manche Theologen, ob die Verkündigung Jesu nicht zumindest teilweise in eine gnostische Weltanschauung verkehrt worden und daher eine sinnvolle Entgnostisierung des Neuen Testamentes und der Theologie angebracht ist. Andere fürchten aber, dass dann der Weizen mit dem Unkraut ausgerissen wird.

Gnostizismus,
ein Begriff aus dem 17. Jh., wird heute in der Regel – neben Gnostik und Gnosis – von der vergleichenden Religionswissenschaft als zusammenfassende Bezeichnung für spezifisch mythische Erscheinungsformen verwendet, die meistens aus der Antike übernommen wurden und z. T. zu synkretistischen, d. h. aus verschiedenen Quellen gemischten – künstlich neu geschaffenen Bewegungen wurden. Dabei geht es also in der Regel nicht mehr um die antike Gnosis und ihre heute als verfehlter Bewältigungsversuch sozialer und seelischer Störungen beurteilte Verachtung der Welt, des Lebens und des Leibes bis hin zu Askese und Selbstbestrafung. Zum westlichen Gnostizismus zählt die Religionswissenschaft u. a. die bis heute lebendigen antiken Geheimlehren der Alchemie und Hermetik, der Astrologie, der Kabbala und der Magie, die – zumindest als magisches Denken – z. B. auch gesehen wird im neurolinguistischen Programmieren (NLP), in bestimmten psychotherapeutischen Praktiken, im Neoschamanismus und im „Channeling“, also dem Empfangen und Weitergeben der Botschaften übernatürlicher Wesen. Als gnostizistisch werden auch die synkretistischen Aleviten in der Türkei und schiitische Gruppierungen wie die Drusen und Jesiden angesehen, ebenso die von der Kirche im 13. Jh. vernichteten Katharer oder Albigenser und die 1830 gegründete Kirche der Mormonen, schließlich der moderne Okkultismus und die okkulten Gesellschaften wie Theosophie und Anthroposophie, die Existenzphilosophie Martin Heideggers, die Theorien von C. G. Jung über das „kollektive Unbewusste“ als der ererbten Grundlage der Menschheitsgeschichte und über die Bedeutung der religiösen Mythen der Menschheit für die Psyche, dann der Nihilismus, der moderne Antisemitismus und die völkische Bewegung, die beide im 19. Jh. entstanden.

Beide endeten im Nationalsozialismus mit Rosenbergs „Mythos des 20. Jahrhunderts“, mit Himmlers Ordensburgen und mit der Einteilung der Menschen in rassisch hochwertige und minderwertige, eine Unterscheidung, die sich – wie im Buch Mormon – auch bei Rudolf Steiner und C. G. Jung als völkische Ideen und diskriminierende Aussagen über Rassen finden; beide waren am historischen Menschen Jesus nicht interessiert, der erste nur am „transpersonalen kosmischen Christusimpuls“, der letztere am symbolisch wirksamen seelischen Urbild, den „Archetypen“ Gott und Jesus als Teilen der Seele. In seiner Autobiografie schrieb Jung u. a.: „Die Erinnerung an die äußeren Fakten meines Lebens ist mir zum größten Teil verblasst oder entschwunden“, und dazu gehörte auch seine Rolle von 1934 bis 1939 als Präsident der „Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie“, nachdem Ernst Kretschmer von diesem Amt aus Solidarität mit jüdischen Kollegen zurückgetreten war.

Als gnostizistisch gilt schließlich die seit Jahrzehnten boomende Esoterik, die neugnostisch Elemente aus all diesen spekulativen, also über die erfahrbare Wirklichkeit hinausgehenden Philosophien und aus vielen, auch längst untergegangenen Religionen mischt oder neu zu beleben versucht bis hin zu germanischen oder keltischen Kulten. Außerdem werden in vielen geistigen Systemen, die nicht im eigentlichen Sinne gnostizistisch sind, gnostische Bestandteile gesehen, z. B. in der Mystik, im Idealismus, in der jüdischen Philosophie und in den Versuchen, die Einheit aller Religionen und die von Philosophie und Religion zu verkünden. Dahinter sieht der Ägyptologe Jan Assmann einen „esoterischen Monotheismus“, also einen verborgenen Glauben an die Einheit des Göttlichen in allem Religiösen. Insofern ist der Wunsch, vom Baum der Erkenntnis, der Gnosis, zu essen, ein grundlegendes religiöses Verhalten, nämlich ein Ausdruck des menschlichen Bedürfnisses nach der schmerzlich vermissten Einheit von Glauben und Wissen.

Die meisten gnostischen und gnostizistischen Erlösungsmythen wollen die Frage Rudolf Steiners beantworten: „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ (Titel seines Buches von 1904) und lehren, dass es eine Art des Wissens gebe, die seine Träger auf eine höhere Ebene des Bewusstseins und des ganzen Daseins befördere. So behauptete Steiner 1910, dass jeder – wie er selbst – auf dem anthroposophischen Schulungsweg durch eine Art innerer Schau die Geheimschrift der „Akasha-Chronik“ lesen könnte, einer angeblich vorhandenen jenseitigen und alles umfassenden historischen Bibliothek. Was geheimnisvoll klingt, faszinierte schon immer die Neugierde und zog religiös Suchende an, und das Bedürfnis, an etwas zu glauben, ist so groß, dass viele Menschen, die sich enttäuscht vom ihrem erlernten Glauben abwenden, sich oft kritiklos einem anderen Glauben und seinen Riten und Ritualen anvertrauen, besonders dann, wenn er sich einen wissenschaftlichen Anstrich gibt. Gnosis beginnt meistens mit dem Glauben an von oben eingegebene Schriften, ob der Verfasser Mose heißt oder Mohammed, Josef Smith, der das Buch Mormon schrieb, oder z. B. Neal D. Walsch, dessen „Gespräche mit Gott“ hohe Auflagen erleben. Was auf dem unübersehbar gewordenen Markt auch als „Neuoffenbarungen“ geheimen Wissens den Lesern zu glauben zugemutet wird, alles findet gläubige Anhänger. Erst wenn in der Wirklichkeit des Sterbens der neue Glaube nicht hilft, zeigt es sich schmerzlich, das auch er keine Hoffnung über den Tod hinaus und kein Gottvertrauen vermittelt hat, das stärker ist als Angst, Einsamkeit und alle Enttäuschungen. Was Psychologen und Soziologen über Menschen und Gesellschaften zu sagen haben, die gnostische und gnostizistische Religiosität in so großem Umfang hervorbringen, ist zwar wichtig und interessant, überschreitet aber den Rahmen dieses geschichtlichen Durchgangs. Doch auf Ergebnisse der erst etwa 10 Jahre alten historische Religionsforschung als Teildisziplin der Geschichtswissenschaft muss noch hingewiesen werden.

Esoterik
ist für sie – im Unterschied zu der etwa 100 Jahre alten vergleichenden Religionswissenschaft – ein Zentralbegriff moderner Religiosität. Sie benutzt damit die antike Bezeichnung „esoterike gnosis“ („geheimes Wissen“), lässt sie aber als Spielarten westlicher Esoterik in der frühen Neuzeit, der Renaissance, beginnen und bis heute andauern. Damals im 15. Jh. wurden die ersten „Heiligen Schriften“ nichtchristlicher, z. T. untergegangener Kulturen durch humanistische Philologen in europäische Sprachen übertragen. Ohne dass ein religionsgeschichtlicher Zusammenhang mit der Gnosis des Altertums bestand, wurde nun infolge der Aneignung antiker religiöser Quellen Gnosis zu etwas Eigenem, dem religiöses Grundmotiv eines erlösenden esoterischen Wissens als Leitfigur europäischer Religionsgeschichte der Neuzeit. Esoterische Religiosität ist dabei gekennzeichnet durch den Anspruch auf den Besitz von Gnosis oder „höherem Wissen“, und der Zugang dazu wurde als ein doppelter vorgestellt: Sowohl durch Visions- oder Imaginationserlebnisse, d. h. durch Erleuchtung, als auch durch den Anschluss der eigenen Erkenntnis an das Urwissen der Menschheit, das Schöpfungswissen Adams, das als eine Art Gedächtnisgeschichte aus den ältesten Schriften aller religiösen Kulturen erschlossen wird.

Die Kenntnis des „Magus“, der aus seinem Wissen von den Strukturen der Schöpfung und des Kosmos Macht gewinnt, gibt ihm die Möglichkeit, in diese Strukturen einzugreifen: als Alchemist durch schöpferischen Umgang mit Substanzen, als Kabbalist mit zahlenmystischen Berechnungen, als Magier mit einer Wirkungsmacht, die die Reichweite menschlichen Handelns ins Unermessliche erweitert. Dort, wo sich Esoterik mit dem Christentum verband − und das ist frühneuzeitlich nahezu durchgängig der Fall − , da entwickelte sich das Selbstverständnis eines „höheren“, eines „wahren“ Christentums. Dem institutionellen Herrschaftsanspruch der Kirchen wurde ein geistiger Herrschaftsanspruch entgegengesetzt, durch den das Christentum überhöht und vollendet werden sollte. Folgerichtig wird zur Zeit unter Historikern besonders e i n e Linie der Esoterik erörtert, die in den „politischen Religionen“ der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts endete mit ihrer Menschenverachtung einerseits und der Verherrlichung einer auserwählten Klasse oder Rasse andererseits und mit ihrem Ziel einer apokalyptischen Vernichtung der alten und der Schaffung einer neuen Welt, und das mit pseudowissenschaftlichen Begründungen. Esoterik als religiöses Konzept des Wissens will sich ja dem Wissensfortschritt ihrer jeweiligen Epoche nicht entziehen, verlängert und steigert ihn aber in „höheres Wissen“, zu einer überlegenen Wahrheitsform.

Es begann mit der alten Suche nach der „Urreligion“, dem „Urvolk“ und der „arischen Urzeit“, entwickelte sich zum Völkerdualismus zwischen Ariern und Semiten und lud sich durch den Aufstieg der Rassenkunde zu einem rassischen Dualismus auf. Dem antijüdischen Denken christlicher Herkunft konnte sich nun ein antisemitisches Denken verbinden, das mit dem alten gnostischen Weltbild zusammenpasste. Dadurch entstand erstmals die Möglichkeit, dass die gesamte Vielfalt der religiösen Kultur Europas von einem Denken erfasst wurde, das sich gegen die Juden richtete. Religionsgeschichtliche Historiker sehen am Beginn des 20. Jh. enge Beziehungen zwischen der Religionsgemeinschaft Mazdaznan, dem Indologen Leopold von Schroeder, der „Guido von List-Gesellschaft“ in Wien und Adolf Josef Lanz und seiner Zeitschrift „Ostara“. Darüber urteilt Wilfried Daim 1958, „dass hier fast das gesamte nationalsozialistische System vorlag, krass und radikal formuliert wie nirgendwo". Und er zitiert einen Brief von Lanz vom 22. Februar 1932: „Weißt Du, dass Hitler einer unserer Schüler ist? Du wirst noch erleben, dass er und dadurch auch wir siegen und eine Bewegung entfachen werden, die die Welt erzittern macht." Der Historiker Michael Hesemann schrieb 2004, „dass der Nationalsozialismus aus den esoterischen Strömungen des 19. Jahrhunderts − von der Theosophie und Ariosophie bis zum Wagnerianismus − hervorging. Er war nichts anderes als die politische Umsetzung ihrer abstrusen Heilslehren (…). Fast die gesamte Machtelite des Dritten Reiches hatte sich intensiv mit den esoterischen Lehren Richard Wagners (wie Hitler, Eckart, Rosenberg, Goebbels) und der neognostischen Mystik (wie Eckart, Rosenberg und Goebbels) befasst oder esoterischen Männerbünden angehört (wie Heß, Himmler, Rosenberg, Eckart und Frank). (...) Hitler war Esoteriker!"

Doch warum waren die Deutschen in ihrer großen Mehrheit einschließlich bedeutender Teile ihrer Elite, ebenso wie die Anhänger des Faschismus in Europa, von seinen Vorstellungen fasziniert oder hatten doch zumindest nur wenig Probleme mit ihrer religiösen Einbettung? Weil es sich bei der esoterischen Glaubensform in ihrem Ursprung um ein Modell der gebildeten Elite handelt. Apokalypse und Chiliasmus, die im „Tausendjährigen Reich“ eine unbestreitbar große Rolle spielten, sind religiöse Möglichkeiten innerhalb von Judentum, Christentum und Esoterik. Krasse Formen esoterischer Aneignung christlicher Grundbegriffe gegen ihren Sinn sind typische Erscheinungen der Neuzeit, ihr Grundmuster aber war schon lange ausgebildet und eingeübt. Der Bezug zur Tat und zur gesamten Bandbreite der Ausübung von Macht ist e i n Gesichtspunkt esoterischen Denkens, besonders des Magus. In „Mein Kampf“. schrieb Hitler, dass der Arier „allein der Begründer höheren Menschentums überhaupt war, mithin den Urtyp dessen darstellt, was wir unter dem Worte 'Mensch' verstehen. Er ist der Prometheus der Menschheit, aus dessen lichter Stirne der göttliche Funke des Genies zu allen Zeiten hervorsprang, immer von neuem jenes Feuer entzündend, das als Erkenntnis die Nacht der schweigenden Geheimnisse aufhellte". Nationalsozialistische Politik wollte die Bedingungen schaffen für den Durchbruch zu einer neuen Entwicklungsstufe des höheren Menschentyps, und das setzte die Ausmerzung eines als nicht-schöpferisch gedachten rassischen Gegentyps voraus. Zwar schimpften nach dem Beispiel von Karl Marx auch Linke im Namen des arischen Sozialismus gegen semitischen Kapitalismus, doch der moderne Nationalismus mit seiner andere ausschließenden Absicht stellt wahrscheinlich die größte Gefahr dar. Heute neigt die moderne Esoterik dazu, die Verantwortlichkeit für den Zustand des eigenen Bewusstseins und der Wahrnehmung der äußeren Welt allein in der menschlichen Psyche zu suchen. Alles, was ein Übender also tun muss, ist, sein Bewusstsein zu schulen. Dann wird er sich selbst und damit zumindest ein Stück von der Welt zum Guten verändern. Gegner, aber auch manche Esoteriker selber beklagen einen boomenden Supermarkt verschiedenster und teils widersprüchlicher Traditionen, die über Jahrhunderte in unterschiedlichen Kulturen der Welt entstanden und nun in der Konsumgesellschaft zur Ware werden, wobei sich verschiedene Trends und Moden schnell abwechseln.

Historisch-kritisches Lesen
religiöser Schriften aller Art – auch der vielen angeblich von einem Gott eingegebenen – und Wahrnehmung gnostischer oder gnostisierender Gedanken und Vorstellungen setzt u. a. die Kenntnis der vielerlei Quellen voraus, die diese Texte verwenden, meistens ohne sie anzugeben. Wer erlöst ist von erlernten religiösen Zwängen und Ängsten, kann aber darauf vertrauen, dass der Geist, der in ihm ist, ihm hilft, alle Geister zu prüfen und voneinander zu unterscheiden, und sich dabei auch durch die zunehmenden Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung helfen lassen. Dazu gehören der Mut, vieles bisher Geglaubte in seiner unbedingten Gültigkeit zumindest einschränken zu lassen, und die Hoffnung, dass gerade dadurch das um so deutlicher hervortritt, was unbestritten bleibt und als echt und ursprünglich, zuverlässig und vertrauenswürdig angenommen werden kann. Dazu gehört in erster Linie alles, wofür nichts Vergleichbares in anderen Quellen gefunden werden kann, aus denen der Verfasser abgeschrieben hat. In den Evangelien findet sich beides. Zum einen die allen Menschen zugewendete bedingungslose und grenzenlose Liebe Gottes, der alles Verurteilen von Menschen verbietet, und die Verheißung einer Welt des Friedens, der Gerechtigkeit und der liebevollen Verantwortung der Menschen füreinander; das freudige Ja zu dieser schönen Schöpfung, diesem Leben, diesem Leib der Menschen mit seinen Bedürfnissen, auch zum Leiden, nicht als Strafe wie im Christentum oder als Folge von Schuld wie bei Buddha, sondern als Herausforderung zu barmherzigem Handeln.

Zum anderen findet sich in den Evangelien Einmaliges, wie z. B. Warnungen, nicht wissend oder weise zu werden wie die gebildeten Erwachsenen, die buchgläubigen Gesetzeskundigen, die schriftgelehrten Theologen und Priester. „Werdet wie die Kinder, wenn ihr – wie sie – Gott wieder ganz nahe sein wollt“, hat Jesus gesagt, der die spirituell Armen selig pries und kein Philosoph war, sondern weinen, vor Zorn fauchen und vor Angst zittern konnte, der die Menschen ermutigte, von neuem geboren zu werden wie ein Säugling, sich selbst zu erniedrigen wie ein Kind und ihren und seinen Vater als „Papa“ anzureden. Einmalig und für viele zu einfach und schon deshalb unannehmbar ist auch das Angebot der Überwindung von Angst, Einsamkeit und allen Enttäuschungen nicht durch Religiosität oder Psychotherapie, sondern durch Vertrauen, Liebe und Hoffnung, wie sie glücklichen Kindern und Erwachsenen – z. B. Verliebten – zu eigen sind. In diesem Sinne gebrauchte Paulus den Begriff Erkenntnis für die immer inniger werdende Ich-du-Beziehung zwischen Gott und Mensch, so wie das „Alte Testament“ beim Einswerden von Mann und Frau von Erkennen spricht.

Sich von der Gabe der Unwissenheit und des Staunens, die Kinder noch haben, neu beschenken zu lassen anstatt nach „Erkenntnissen“ höherer, jenseitiger oder tieferer, innerer Welten trachten, das erinnert an die„Agnostiker“, die nun auch noch erwähnt werden müssen, zumal sie schon seit dem 5. Jh. v. Chr. die grundsätzliche Begrenztheit menschlichen Erkennens und Wissens betonen, religiöse Fragen – auch die nach der Existenz von Gott oder Göttern – für unbeantwortbar erklären und jeglichen Glauben ablehnen, aber humane Werte wie die Würde und Rechte aller Menschen bejahen. Und wenn zuweilen in ihrem eigenen Herzen ein inneres Licht aufleuchtet, vermeiden sie doch religiöse Begriffe, um nicht in einer der herkömmlichen geistigen Schubladen von Religionswissenschaftlern, Historikern und Vertretern einer Religion zu landen. Mancher allerdings verzweifelt angesichts der von Menschen veranstalteten Apokalypsen wie der 21jährige Soldat Wolfgang Borchert (1942): „Rings war Vernichtung und Tod – sinnlos sank das Leben in das Nichts, zu keiner Auferstehung. Wo ist der Sinn der Welt – fragte ich in das All. Ist kein Sinn? Verzweifelt und ohnmächtig wanderte ich von Zeit zu Zeit, aber immer war es Krieg. Voll Grauen und Größe brach diese Vision des Untergangs auf mich hernieder – wo ist der Gott? fragten die sterbenden Augen. Wo ist das Leben – fragten die welkenden Münder – wo ist der Sinn und die Liebe – fragten die verirrten, verwirrten Seelen! Das Nichtwissen um die Dinge ist die Antwort auf alles." Andere Vertreter dieses „Agnostizismus“, der sich sowohl gegen den Glauben wie gegen den Unglauben an Gott wendet, bezeugen starke Hoffnung auf ein besseres Zusammenleben der Menschen und großes Vertrauen auf das Leben und auf das im Menschen, das andere Gott oder Geist, einige auch Jesus oder Licht, manche wieder anders oder auch gar nicht benennen.

Sich mit solchem Urvertrauen, mit dem die Kinder schon geboren werden, zu begnügen und sich spekulative Verirrungen in „übersinnliche“ Welten zu ersparen, könnte der „Stein der Weisen“ sein, der die Finsternis in und unter den Menschen in Licht verwandelt. Sogar Augustinus schrieb einmal: „Gott hat jeder, der glücklich ist. ... In die Augen unseres Innern gießt jene verborgene Sonne ihren Glanz, ... wenn man nur die Nichtigkeiten allen möglichen Aberglaubens aufgibt.“ Sollen wir damit warten wie ein anderer großer Philosoph und Theologe, der heilig gesprochene Kirchenlehrer Thomas von Aquin, der kurz vor seinem Tod eine Erleuchtung erlebte, die ihn veranlasste, sein gesamtes umfangreiches theologisches Werk als Stroh zu beurteilen? Oder bedarf es erst eines Schocks, z. B. durch die unerwartete Ohrfeige eines Zen-Meisters im rechten Augenblick, damit das ewig kreisende Rad des Verstandes erschreckt still steht und beim Schüler plötzlich die Wirklichkeit mit großer Freude durchbricht? Hat es im Laufe der Geschichte nicht wenigstens einen Menschen gegeben, der das Licht glaubwürdig verkörperte, das die geistig Irregeführten und Verängstigten mehr als alles andere brauchten? Hat dieses Licht nicht in den von fehlerhaften Menschen geschriebenen und überlieferten Evangelien deutlich erkennbare Spuren hinterlassen, und ist es dem nicht als gegenwärtig erfahrbar, der sich ihm schweigend nähert, indem er sich nach innen öffnet? Gibt es nicht das religionslose Christentum, zu dem sich Dietrich Bonhoeffer schon 1942 seinem Freund gegenüber äußerte: „Ich spüre, wie in mir der Widerstand gegen alles ‚Religiöse’ wächst, … Ich bin keine religiöse Natur. Aber an Gott, an Christus muss ich immerfort denken, an Echtheit, an Leben, an Freiheit und Barmherzigkeit liegt mir sehr viel. Nur sind mir die religiösen Einkleidungen so unbehaglich.“

Wilhelm Prasse, 21.7.06
von Lebensangst und Daseinsunsicherheit, verbunden mit einem pessimistischen Welt- und Menschenbild, wie es ähnlich Philosophen
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Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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