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p) Zum Missbrauch historisch-kritischer Bibelauslegung




Hörerzuschrift vom 5.6.06 zu Radiosendungen über die Entstehung der Bibel

Betreff: Hörerzuschrift zu SWR 2 Wissen vom 26.5. und 2.6.06,
aus der Reihe Heilige Schriften (Redaktion Rolf Cantzen)
(1) Ich bin der Herr dein Gott – Entstehung des Alten Testaments
(2) Jesus und andere Göttersöhne – Entstehung des Neuen Testaments

Sehr geehrte Damen und Herren,

die beiden o. a. scheinbar wissenschaftlichen Sendungen sind von einer extrem polemischen Tendenz bestimmt, wie ich sie als regelmäßiger Hörer von SWR 2 nicht gewöhnt bin.

Auch ich habe schon während meines Studiums der evangelischen Theologie gelernt, die Bibel nicht mit einer dogmatischen Brille, sondern – selbständig arbeitend – historisch-kritisch zu verstehen und dabei die zunehmenden Forschungsergebnisse vieler Wissenschaftszweige einzubeziehen. Diese dem aufgeklärten und mündigen Leser allein angemessene Methode im Umgang gerade mit sehr alten Schriften versucht ja u. a. die Fragen zu beantworten, was wirklich geschrieben steht, was damals damit gemeint war, was an den Erzählungen über Ereignisse und Personen als historisch zuverlässig gelten kann und wie der Text im Laufe der Überlieferung eventuell verändert wurde. Der Vergleich mit anderen Überlieferungen hat dabei das Ziel, die Eigenart der jeweiligen Verfasser und die Besonderheit ihrer Anliegen und deren Darstellung herauszustellen und beides gerade nicht zu relativieren, wie es im Gegensatz dazu die entsprechend ausgewählten Teilnehmer und Zitate in den o. a. Sendungen versuchen.

Tatsächlich ist die Behauptung der Erzählerin, dass „Jesus weder einzigartig noch dass seine Lehre besonders originell war“, schon lange widerlegt worden eben durch religionsgeschichtliche Vergleiche seiner Person und seiner Lehre mit Gestalten und Texten aus den Israel benachbarten Kulturen, und die offensichtlich wesentlichen Unterschiede sind gewichtiger als alle Ähnlichkeiten wie die von Herrn Macho erstaunlicherweise wahrgenommene, dass „der Liebesgedanke nicht so ganz originell ist“ – wo gibt es ihn nicht?

Wer das Fehlen einer eigenen Vertrauensbeziehung zu Gott bedauert und ein solches Gegenüber sucht, wird die Bibel vor allem daraufhin befragen, wer der Gott ist, der nach vielen ihrer Zeugnisse um Vertrauen und Liebe der Menschen ringt und von zahllosen Lesern als grenzenlos liebender und bedingungslos vergebender Vater erkannt und erlebt wurde und wird, besonders vermittels der immer neuen Herausforderung durch die überwiegend echten Worte Jesu, etwa in der Bergpredigt.

Warum wurde nun gerade dieser Gott in den o. a. Sendungen nicht wenigstens erwähnt neben den dort genannten, anderen Religionen entnommenen Gottesbildern, und warum nicht die von vielen als Heil und Friede erfahrene Liebe dessen, den Jesus Vater nannte, und der durch seinen erneuernden und belebenden Geist auch heute noch Menschen dazu frei macht, diese Liebe in Worten und Taten der Barmherzigkeit weiterzugeben an andere?

Ich kann diese Fragen nur dahingehend beantworten, dass in den o. a. Sendungen die guten Methoden der historisch-kritischen Auslegung bewusst missbraucht wurden, um nicht nur die Bibel undifferenziert als Ganzes unglaubwürdig zu machen, sondern auch die Person Jesu und seine Botschaft als nicht vertrauenswürdig zu erweisen. Damit wurde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet infolge einer nicht nur kritischen, sondern feindseligen Einstellung gegenüber den Kirchen und ihren falschen Auslegungen der Bibel in der Vergangenheit und leider z. T. noch in der Gegenwart mit häufig schlimmen Folgen für „Gläubige“ und „Ungläubige“.

Mit freundlichen Grüßen
Wilhelm Prasse
Religionslehrer i. R.

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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