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n) Dialoggruppe von One by One, Berlin 2002




Aus unserem Weihnachtsrundbrief 2002

Von dem Frieden auf Erden, den Engel nach der Geburt Jesu den Hirten verkündigten, haben wir im Frühjahr einen Vorgeschmack in Berlin erlebt am Ende einer fünftägigen Dialoggruppe von „One-by-One“ (Prospekt siehe unten). Dort trafen sich zwanzig Nachkommen von Tätern oder Mitläufern des „Dritten Reiches“ und von Holocaust-Opfern, darunter acht Jüdinnen und Juden, um die Geschichte ihrer Eltern und ihre eigene zu erzählen und den anderen zuzuhören. Viele litten noch immer besonders daran, dass ihre Eltern über ihr Erleben geschwiegen hatten. Einige stellten sich jetzt zum ersten Male ihren Gefühlen, und das ging nicht ohne Tränen ab. Es wurde aber auch viel gelacht bei dieser sehr eindringlichen und aufrichtigen Begegnung, und die starke Anteilnahme aneinander ließ schnell freundschaftliche Beziehungen wachsen. Mich beeindruckten besonders zwei ältere Damen, die die Shoa überlebt haben, die eine mit der eintätowierten Häftlingsnummer von Auschwitz, die andere als „Mischling ersten Grades“ in Berlin. Beide betonten wie Martin Buber, dass es nicht wichtig sei, welchem Volk und welcher politischen Richtung, welcher Rasse oder Religion die Opfer oder Täter angehörten, sondern dass es Menschen waren, die solches Leid erlitten oder es anderen zufügten. Eine ebenfalls teilnehmende junge jüdische Psychologin hat in den USA eine wissenschaftliche Arbeit veröffentlicht über psychologische Perspektiven eines palästinensisch-israelischen Friedens, der nur gestiftet werden kann durch Verständnis für beide Seiten und Einfühlung für Opfer und Täter. Jede Parteinahme, jedes Be- oder Entschuldigen bedeutet, einbezogen zu sein in den Kampf gegen Menschen, anstatt für beide Seiten und ihr friedliches Miteinander zu wirken. Das ist ja nicht nur ein erfolgreicher politischer Stil, wie Mahatma Gandhi, Martin-Luther King u. a. zeigten, sondern nach der Bergpredigt Jesu der einzige beglückende Lebensstil: „Glückselig die Friedensstifter, die Sanftmütigen, die Barmherzigen ... und die deswegen verfolgt werden“. Als die Auschwitz-Überlebende von einem anwesenden jüdischen Arzt gefragt wurde, wie sie trotz der Ermordung ihrer Familie und aller erlebten Entwürdigung ihr Vertrauen auf Gott habe bewahren können, antwortete sie: „Wenn ich Gott verantwortlich machen würde, würde ich die Menschen frei sprechen. Die Täter haben nicht die Opfer der Menschenwürde beraubt, sondern sich selbst.“ Und – ergänze ich – sich ihrer berauben lassen durch das in Familien, Staaten und Kirchen erlernte Vertrauen auf menschliche „Obrigkeiten“ und die Unterwürfigkeit unter sie und ihre Feindbilder, anstatt ihre eigene und die Würde aller Menschen zu achten. Wie auch schon von Muslimen/innen haben wir in dieser Dialoggruppe neu die Nächstenliebe von Nicht-Christen erfahren und das Entstehen enger Verbundenheit durch gegenseitige Achtung, Einfühlung und Offenheit. So gab es beim Abschied viele Umarmungen – für uns eine Auswirkung des Gottes, der – im Unterschied zu politischen Revolutionären – zuerst die Gefühle des Misstrauens, der Enttäuschung, der Schuld, der Angst, der Wut, des Hasses, der Feindseligkeit, der Rache, der Gier, der Gewaltbereitschaft und die dadurch gestörten und zerstörten menschlichen Beziehungen zu einander, zu sich selbst und zu Gott heilen will. Nur so nach Gottes Bild erneuerte Menschen des Friedens und des Erbarmens können dann auch Frieden stiften und an der möglichen und notwendigen Veränderung des Bewusstseins und der gesellschaftlichen Strukturen in Richtung Freiheit, Gleichberechtigung und Geschwisterlichkeit erfolgreich mitarbeiten. Für dieses Tun ist ja nicht Gott, sondern sind wir Menschen verantwortlich, ebenso wie für das Zulassen von Unrecht und Ausbeutung durch die wirtschaftlichen, politischen und militärischen Machtzentren, die den Hungertod von elf Millionen Kindern jährlich und Meere von Blut und Tränen nicht scheuen und nicht selten religiös rechtfertigen – ohne Mitgefühl für ihre Opfer.

Was war mir wichtig? Mich selbst einzubringen in der Hoffnung, dass ich als glaubwürdig angenommen werde und dass das den anderen hilft, mit sich selbst, ihren Erinnerungen und Gefühlen besser klar zu kommen.

Was will ich mitnehmen? Die Erinnerung an Menschen, die wie ich auf dem Wege sind, sich selbst und die anderen nicht nur als Glieder eines Volkes, einer Rasse, einer Religion, sondern auch und vorrangig als Menschen zu erleben, und die wie ich aus ihrer persönlichen und familiären Geschichte lernen wollen, was verändert werden muss, damit die Beziehungen in allen Bereichen menschlicher werden.

Was hat mich verändert? Ich bin durch das Miterleben der Gefühle der zunächst ja fremden anderen ihnen sehr nahe gekommen und dadurch selbst offener geworden. Dabei habe ich erkannt, dass ich mich selbst und meine Gefühle nicht gut genug und nicht früh genug wahrnehme und zu schnell mit gedanklichen Schlussfolgerungen bin.

Prospekt: Wer ist One by One?

Nicht das Wegsehen, sondern das Hinsehen macht die Seele frei.
(Theodor Litt, 1946)

One by One, Inc. ist eine gemeinnützige Organisation, die von AmerikanerInnen und Deutschen 1996 in Boston/USA gegründet wurde. One by One versteht sich als Forum für den Dialog zwischen den Nachkommen der Opfer und den Nachkommen der Täter des Nationalsozialismus. Die Mitglieder kommen von zwei Seiten. Sie sind aufgewachsen in
•Familien, deren Angehörige in der Zeit des Nationalsozialismus durch Diskriminierung, Verfolgung und Konzentrationslager traumatisiert wurden. Viele Nachkommen leiden noch heute unter dem Trauma ihrer Eltern,
•Familien, deren Angehörige in der Zeit des Nationalsozialismus zur Tätergesellschaft gehörten, indem sie die nationalsozialistische Ideologie unterstützten, Mitläufer waren oder Verbrechen zu verantworten hatten. Die Nachkommen fühlen sich durch das Schweigen ihrer Eltern belastet.

Was will One by One?

One by One hat das Ziel, einen Dialog zwischen den Nachkommen der Verfolgten und den Nachkommen der Täter des Nationalsozialismus zu ermöglichen. In diesem Dialog ermutigen sich die TeilnehmerInnen gegenseitig:
• die Verstrickungen der eigenen Familie in den Nationalsozialismus zu begreifen, um sich der Folgen von Schuld und Verdrängung bewusst zu werden,
• die Bürde traumatischer Erlebnisse der Eltern mitzuteilen, um sich der Folgen von erfahrener Inhumanität bewusst zu werden,
• zu Personen zu werden, die fähig sind zu Anteilnahme und Klarsicht, •Stellung zu beziehen gegen die Verharmlosung des Faschismus und die Relativierung der Shoah,
•aufzustehen gegen jede Form von Diskriminierung und Rassismus heute.
One by One versteht sich als Modell für die Begegnung von Gruppen, die sich wegen politischer, religiöser oder ethnischer Konflikte gegenüberstehen. Verständigungsversuche sind ein Schritt auf dem Weg, den Kreislauf von Hass und Gleichgültigkeit zu durchbrechen – hin zu einem Leben in Vielfalt und Respekt.

Wo begegnen sich die Teilnehmer?

•Offene Gesprächsrunden, die einmal im
One by One bietet an: Monat stattfinden. Hier kann die Auseinandersetzung mit der Haltung der eigenen Familie während des Nationalsozialismus mit Gleichgesinnten beginnen.
•Dialoggruppen, die einmal jährlich als 5-tägiges Seminar stattfinden. Die Gruppen werden von professionellen Leiterinnen begleitet. Sie kommen wie die TeilnehmerInnen von beiden Seiten. Die Frage in den Dialoggruppen lautet: „Welche Spuren hat es in meinem Leben hinterlassen, aus einer verfolgten Familie oder aus einer Familie zu kommen, die zur Tätergesellschaft gehörte? Im Miteinandersprechen können Antworten gefunden werden, was die Nachkommen von der Opfer- und der Täterseite miteinander verbindet und was sie voneinander trennt.
•Jährliche Konferenzen, die entweder in den USA oder in Deutschland stattfinden. Sie vertiefen die Erfahrung durch Referate und Workshops und ermöglichen die Begegnung mit Menschen, die sich mit ähnlichen Fragen beschäftigen.

Öffentlichkeitsarbeit

One by One will die Erfahrungen aus den Dialoggruppen weitergeben bei Besuchen in Schulen und Universitäten, Kirchengemeinden und Synagogen und anderen Institutionen, sowohl in Deutschland als auch in den USA. Nach Möglichkeit sprechen je eine Person der Opfer- und der Täterseite gemeinsam. SprecherInnen können angefragt werden.

Ausstellungen – Konzerte – Lesungen

Kunst ist ein wichtiges Medium des Dialogs. Sie hilft, eine Sprache für das Unaussprechliche zu finden. Künstlerinnen bei One by One äußern in ihrer Sprache, ihrer Musik, ihren Bildern und Skulpturen, welche Spuren der Holocaust und der Nationalsozialismus in ihrem Leben eingegraben hat. Eine Ausstellung, sowie ein Konzert oder eine Lesung können gebucht werden.

„Der schlimmste Feind der Erinnerung ist die Abstraktion. Sie tötet ab, weil sie zu Distanz und oft zu Gleichgültigkeit ermutigt. Wir müssen uns
daran erinnern, dass der Holocaust nicht die Zahl ‚sechs Millionen’ repräsentiert. Er bedeutet: ein Mensch und noch ein Mensch und noch ein Mensch“ (Judith Miller: One-by-One-by-One)

Kontakt und Adressen

One By One, Inc.
Fehrbelliner Straße 92
10119 Berlin
Tel: (030) 792 07 92 Fax (030) 44052-246
Email: OneByOneBerlin@aol.com

One by One, Inc.
P.0. Box 1709
Brookline, Ma 02446-0014 USA.
': (001) 617-424-1540 Fax. (001) 413-256-1804
Email: OnebyOne_Inc@hotmail.com

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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