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m) Zu einer Schmähschrift gegen D. Bonhoeffer




Im rechtsextremen Irminsul-Verlag empfohlen (Kaiserkurier 1/2002)

17.7.02 Lieber Bruder Schultz, ich danke Ihnen für die Zusendung Ihrer Broschüre "Wer ist Bonhoeffer?" und werde den Rechnungsbetrag demnächst überweisen. Ich habe alles mit großem Interesse gelesen und bewundere die große Mühe, die sie sich gemacht haben. Allein deswegen haben Sie es verdient zu erfahren, welchen Eindruck ich von Ihnen und Ihrer Arbeit gewonnen habe. Dazu muss ich vorweg schicken, dass ich in meinem „Ruhestand“ unter anderem acht Jahre ehrenamtlich in Gefängnissen und im Krankenhaus seelsorgerlich tätig war und noch länger in Einzelgesprächen mit Gläubigen, besonders aus Freikirchen, und dabei zunehmend die große Bedeutung der Lebensgeschichte, der Persönlichkeit und der Gefühle erkannt habe für das, was und wie Menschen denken und glauben, sagen und schreiben.

Darum war es mir wichtig zu lesen, dass Sie sechs Jahre nach mir mit einer sehr schweren Behinderung geboren wurden und sicher eine lange und schwere Leidensgeschichte hinter sich haben, hinter der die meinige verblasst (seit dem ersten Lebensjahr chronisches Bronchialasthma und schon als Kind beginnende Sehbehinderung – mit eine Ursache für meine Religiosität, die mich als Jugendlicher dem Buddhismus verfallen ließ). Zugleich hatten Sie das Glück, 58 Jahre lang von Ihrer lieben Mutter treu umsorgt zu werden, die Sie jetzt erlöst bei Jesus wissen. Vor allem haben Sie mit 27 (wie ich mit 25) Jahren die zutiefst beglückende Erfahrung der vergebenden und heilenden, rettenden Liebe und Nähe Jesu gemacht, die uns verbindet und – auch durch schlimme Zeiten – bis heute hindurchgetragen hat und weiter tragen wird, bis wir – vielleicht bald – diese Welt verlassen. Bis dahin aber gilt uns Jesu Verheißung und Berufung: "Ihr werdet meine Zeugen sein", jeder in seinen Kreisen und mit seinen Gaben.

Bei aller Gemeinsamkeit zwischen Ihnen und mir sind natürlich unsere Lebens﷓ und Glaubenswege verschieden verlaufen, auch wenn wir beide uns bemüht haben, uns dabei von unserem Herrn und Heiland leiten zu lassen. Wenn wir wohl zunächst auch beide in den Gemeinden, die unsere Kinderstuben waren, die überlieferten Lehren der Brüder unbefragt als biblisch übernommen haben, hatte Jesus für jeden von uns einen eigenen Weg, da es in seiner Schule keine geistig uniformierten Marionetten, sondern nur einmalige Persönlichkeiten wie Petrus und Johannes, Thomas und Paulus gibt (s. Anlage*). Dementsprechend haben wir mit der Zeit wohl auch andere Schwerpunkte für uns gesetzt beim Lesen der gleichen Bibel und dem Suchen nach ihrer Mitte, nach dem allem anderen übergeordneten, grundlegenden Willen Jesu und seines Vaters. Solche Kernsprüche, von denen ich mich täglich neu ansprechen lasse, bevor ich Evangelium lese und bete, drücken besonders innige Ich﷓Du﷓Beziehungen aus: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (3. Mose 19,18). "Du sollst IHN, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft“ (5. Mose 6,4). "Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen" (Jer. 29,13.14). "Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen" (Johannes 8,31.32). "Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist's, der mich liebt. Wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren" (Joh. 14,21).

Ich habe daraus gefolgert, dass Jesus und sein Wort für mich Vorrang haben sollen vor allen seinen Vorgängern und Nachfolgern und ihren Worten, auch wenn ich sie an Jesu Wort prüfen und das Beste behalten darf, z. B. von Petrus und Paulus, die nicht zwei Herren dienen wollten, sondern gelehrt und gelebt haben: "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen" (Apg. 5,29). Deswegen wurden sie ja auch von der Obrigkeit hingerichtet wie Jesus, der – anders als Paulus in Römer 13 – in Matth. 20,25 sagte: "Ihr wisst: Die Fürsten halten ihre Völker nieder, und die Mächtigen tun ihnen Gewalt." Ich habe viele Zeugnisse von Geschwistern gesammelt, die um ihres Glaubens willen unter der gottlosen Terrorherrschaft der Nazis Gefängnis, KZ und den Tod auf sich genommen haben, angefangen von Pfarrer Paul Schneider bis zu denen, die den Hitler﷓Gruß als Götzendienst verweigerten, und den an Jesus gläubig gewordenen Juden. Ich habe zwar in der Freikirche, in der ich mich 1957 habe taufen lassen, die beruhigende Theologie einiger älterer Brüder gehört, nicht sie, sondern Gott habe damals den millionenfachen Mord zugelassen. Als geistlich gewirkt erlebte ich aber das seltene Schuldbekenntnis derer, die nur das halbe Evangelium verkündigt, die Forderung nach tätigem Gehorsam gegen Gott im gelebten Glauben, nach Nachfolge Jesu in der Liebe gerade zu den Verfolgten, Gefangenen und "Feinden" bewusst verschwiegen und so den totalen Gehorsams gegenüber anderen Herren unterstützt hatten: "So gehören unsere Herzen Gott und unsere Hände dem Führer".

Aus Unwissenheit und auch aus Angst und Sorge um mein noch schwaches Gottvertrauen habe ich leider in den ersten Jahren meines Glaubenslebens menschliche Auslegungen der Bibel gläubig als biblisch übernommen. Ich urteilte dadurch nicht nur im Denken engstirnig über andere christliche und überhaupt andere religiöse oder philosophisch﷓weltanschauliche Lehren, sondern – was viel schlimmer war – verurteilte in meinen Gefühlen die Menschen, die anders dachten und glaubten, lebten und lehrten. Es dauerte Jahre, bis ich das als Schwäche und als Schuld erkannte und bereute und die drei von Jesus oft wiederholten Verbote ernst nahm: „Fürchtet euch nicht!", "Sorget nicht!", "Richtet nicht!" Erst langsam wurde mir klarer: Wenn ich das nicht lerne, hindere ich Jesus und seinen Vater, die vor allem gewollten und verheißenen, bei mir aber gestörten Ich﷓Du﷓Beziehungen zu heilen und zu vertiefen. Nun, inzwischen haben erfahrene Seelsorge, Jesu Wort und Geist in mir ein immer stärker werdendes Gottvertrauen und eine zunehmende Liebe zu allen Menschen gewirkt, gleich welcher Konfession oder Religion, Nation oder Rasse sie angehören. Zugleich bin ich offener geworden für das Wirken Gottes da, wo ich es früher nicht für möglich gehalten hätte, und habe trotz kritischem Prüfen vom Wort Jesu her viel lernen können von anderen Menschen, besonders natürlich von denen, denen Jesus wichtig ist oder war wie Dietrich Bonhoeffer.

Dass Sie sich in seine Sprache nicht hineindenken und fühlen können, ist keine Schuld, sondern Ihre menschliche Grenze, die ihre Ursachen vielleicht auch in von Menschen erlernten Feindbildern und starren Glaubenssätzen hat, die Jesus fremd waren. Es ist ja auch nicht mein Verdienst, für meine Gottes﷓Beziehung, meine Nachfolge Jesu, mein Verständnis seines Wortes und mein Glaubenszeugnis viel von Bonhoeffer gelernt zu haben: Es ist Gnade, für die ich Gott nur danken kann. Aber dass Sie Ihr Buch als Richter geschrieben haben und Ihre Sprache nicht von Gottvertrauen und Erbarmen, sondern so stark von menschlichen Gefühlen wie Angst und Hass bestimmt ist (die aus ihrer Lebensgeschichte heraus verständlich sein mögen), ist nicht die Art von Lämmern, sondern von Wölfen, ungeistlich und ein schlechtes Zeugnis für Jesus. Schließlich sagte er nicht, "an der rechten Lehre", sondern "daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt" (Joh. 13,35).

Aber es ging Ihnen ja nicht darum, sich mit theologischen Gedanken auseinander zu setzen oder auch nur von ihnen zu distanzieren, sondern einen von vielen als glaubwürdigen Nachfolger Jesu geachteten Menschen restlos zu verurteilen und zu verdammen. Wie werden Sie vor dem, der allein richten darf, einmal dastehen, wenn er ihnen die Augen dafür öffnet, dass Sie unwissentlich dem "Vater der Lüge" (Joh. 8,44) gedient und was Sie einem wie Paulus im Denken und Leben um Nachfolge ringenden Bruder angetan haben, der wie Sie von Gott geschaffen und geliebt wurde mit seinen Stärken und Schwächen, seinem Gelingen und Versagen, für den Jesus sein Blut vergossen hat und der die Vergebung Jesu wie leider wenige andere verstanden hat? Lesen Sie dazu bitte meinen beigefügten Artikel, den ich einem "christlichen" Wochenblatt wegen einer Andacht schrieb, in der ein Pfarrer dem SS﷓ und Polizeirichter Otto Thorbeck, der Bonhoeffer auf Anweisung des „Führers" zum Tode verurteilte, jede Möglichkeit einer Vergebung absprach.

Ich bete für Sie und grüße Sie mit vielen guten Wünschen in der Liebe Jesu herzlich! Ihr Bruder Wilhelm Prasse

* Dietrich Bonhoeffer: Gottes Ebenbild im Anderen. „Er hat ihn mir nicht zum Bruder gegeben, damit ich ihn beherrsche, sondern damit ich über ihn den Schöpfer finde. In seiner geschöpflichen Freiheit wird mir nun der Andere Grund zur Freude, während er mir vorher nur Mühe und Not war. Gott will nicht, dass ich den Andern nach dem Bilde forme, das mir gut erscheint, also nach meinem eigenen Bilde, sondern in seiner Freiheit von mir hat Gott den Andern zu seinem Ebenbilde gemacht. Ich kann es niemals im Voraus wissen, wie Gottes Ebenbild im Andern aussehen soll, immer wieder hat es eine ganz neue, allein in Gottes freier Schöpfung begründete Gestalt. Mir mag sie fremd erscheinen, ja ungöttlich. Aber Gott schafft den Andern zum Ebenbilde seines Sohnes, des Gekreuzigten, und auch dieses Ebenbild schien mir ja wahrhaftig fremd und ungöttlich, bevor ich es ergriff.
Nun wird Stärke und Schwachheit, Klugheit oder Torheit, begabt oder unbegabt, fromm oder weniger fromm, nun wird die ganze Verschiedenartigkeit der ,Einzelnen in der Gemeinschaft nicht mehr Grund zum Reden, Richten, Verdammen, also zur Selbstrechtfertigung sein, sondern sie wird Grund zur Freude aneinander und zum Dienst aneinander.“
[Aus: Gemeinsames Leben, München, 23. Auflage 1988, S. 79. Chr. Kaiser / Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh]

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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