www.wilhelm.prassenet.de


m) Dietrich Bonhoeffer 4.2.1906 - 9.4.1945




von Dr. Oliver Kohler, Mainz, Publizist

Wieder und wieder hält der Mann inne. Dann schreibt er weiter. Dabei ist er ein Virtuose der Sprache. Als Lehrer der Theologie, als Wissenschaftler, als Prediger, als Denker des Widerstands, als Schriftsteller und als Freund hat er vielen Sätzen und Seiten sein Gepräge gegeben. An diesem Brief aber hängen Ketten. Er schreibt ihn in Haft. Unter die Erde hat man ihn verbannt. Hier erstreckt sich das Gefängnis des Reichssicherheitshauptamtes als ein Labyrinth des Schreckens. Kein Verbrechen raubte ihm das Licht des Tages. Er gehört zu den Aufrechten, den Mutigen, den Beherzten in einer Zeit der Angst. Er zählt zu den Konstruktiven in einer Flut der Zerstörung. Er arbeitet an der Überwindung des Bösen und an einem Neubeginn, bevor alles ausgelöscht ist. Für Hitler und seine Getreuen genug Gründe, ihn seiner Freiheit und seines Lebens zu berauben.

Abgeschnitten, angegriffen und ausgezehrt schreibt er 1944 einen Weihnachtsbrief voller Wärme und Trost an seine Braut Maria von Wedemeyer. Darin schenkt er ihr, seiner Familie und uns allen eines der wunderbarsten Gedichte des Glaubens. Mühelos wandert sein Blick zwischen Mensch und Gott hin und her. Seinen Nächsten sagt er seine Nähe zu: „so will ich diese Tage mit euch leben / und mit euch gehen in ein neues Jahr“. Seinen Schindern aber verwehrt er, letztlich über ihn zu verfügen. Ein Anderer, ein Ewiger ist sein Gegenüber. Was ihm in guten Tagen aufging, bleibt auch in diesem seinem letzten Advent wahr. „Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern, / des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, / so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern / aus Deiner guten und geliebten Hand.“

Bonhoeffers ganzes Wirken ringt um Ehrlichkeit. Ein getäuschter oder sich selbst täuschender Mensch entwickelt kein Vertrauen in Gott. Wer in der „Nachfolge“ (1937) leben und „Gemeinsames Leben“ (1938) wagen will, darf, kann und muss die Dinge so sehen, wie sie sind. Doch er fixiert sich dabei nicht auf das Schwere. Im Gegenteil. Bonhoeffer liebt Gesichter und Gesten, Landschaften und Kultur Gerade seine Bejahung des Geschaffenen macht ihn ja sensibel gegenüber dem Ungeist vermeintlicher Übermenschen. Sein Ja zum Leben weckt erst sein Nein zu dessen Vernichtern. Er weiß sich auf der Seite des Geschenkten: „Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken / an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz, ...“.

Welt beginnt für ihn im Mikrokosmos der Familie. Acht Geschwister sind sie, früh schon entdeckt er, wie verschiedenartig Menschen sein können. Breslau und später Berlin sind unerschöpfliche Fundgruben jugendlicher Entdeckerlust. Das Klavier wird sein Instrument, bevor es seine Bücher werden. Zu lieben heißt auch zu verstehen. Der Vater ist als angesehener Professor für Psychiatrie und Neurologie ein Vorbild in der Durchdringung des Rätselhaften. Der vielfach Begabte wählt als Beruf, den Geber bekannt zu machen. Der „Sonne Glanz“ sieht und spürt er in vielen Ländern. Bonhoeffer lebt, denkt und kommuniziert international. Früh schon bricht er auf. 1924 verbringt er einige Monate in Rom und Nordafrika. Nach seiner Promotion tritt er 1928 das Vikariat in Barcelona an. 1930 führen ihn seine Forschungen nach New York. Nach seiner Habilitation (1930) und Ordination (1931) entscheidet er sich für eine Pfarrstelle in London. Als das Deutsche Reich ein großes Ghetto wird, arbeitet er mit an einer ethischen Globalisierung. Den Widerstand gegen das Hitler﷓Regime stärkt er vor allem durch Vernetzungen mit dem Ausland.

Wenn die anderen Häftlinge vor Sorge und Angst unruhig schlafen, wacht Bonhoeffer. Er ist an einem Ende und doch nicht allein. „Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet / so lass uns hören jenen vollen Klang / der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, / all Deiner Kinder hohen Lobgesang.“ Den Kindern Gottes hat er sein Leben gewidmet. Er findet sie in den Behinderten von Bethel, die ein schrecklicher Ausrottungsbefehl bedroht. Sie sitzen unter seinem Katheder. Bei Jugendkonferenzen, Treffen des Ökumenischen Rates der Kirchen und in Pfarrkonventen hört er sich mit ihnen in die Bibel hinein. Heranwachsenden Theologen hilft er, ihren Auftrag zu verstehen und anzupacken. Bonhoeffer übernimmt das Predigerseminar von Finkenwalde als einen Versuch der Bekennenden Kirche, die Blendungen der NS﷓Ideologie zu überwinden. Alles Oberflächliche ist ihm zuwider. Aus der Tiefe des Glaubens will er Schätze ans Licht bringen, die Orientierung und Halt geben, In einer Zeit voller Unruhe und Hast wagt er sich daran, eine Ethik zu schreiben.

Nicht irgendwann, sondern früh erkennt Bonhoeffer den Ungeist. Nicht irgendwie, sondern entschlossen leistet er der Macht aus dem Dunkel Widerstand. Er bringt sich ein in ein Netzwerk von Frauen und Männern, die in Wort und Tat das Böse begrenzen und überwinden wollen. Die militärische Abwehr unter Admiral Canaris ermöglicht ihm Auslandsaufenthalte. Dort berichtet er, wie es wirklich in Deutschland aussieht. Der wie ein Feuer von Landstrich zu Landstrich springende Krieg lässt ihn um Verbündete für einen raschen Frieden werben. Intelligenz und Tollkühnheit können nur für eine Zeit schützen. Zu lange schon ist Bonhoeffer den Herrschenden ein Dorn im Auge. Der Wehrlose gefährdet ihre Willkür. Sie beobachten, überwachen und verhaften ihn. Bei einer Besprechung mit Hitler fällt am 5. April 1945 der Todesbeschluss. Am 9. April geht er die letzten Schritte zum Galgen.

Sein Brief wurde gerettet. Seine Spur verweht nicht. Sein Zuspruch ist auch heute ganzes Vertrauen wert: „Von guten Mächten wunderbar geborgen / erwarten wir getrost, was kommen mag. / Gott ist bei uns am Abend und am Morgen, / und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

[aus: Dietrich Bonhoeffer – Worte durch das Jahr. Artikel-Nr. 8.648
Hg.: Evangelische Buchhilfe e. V., Husumer Str. 44, 25821 Breklum,
Tel.: 04671﷓91 00 11, Bestellung@buchhilfe.de, www.buchhilfe.de]