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h) Hanns Dieter Hüsch: Religiöse Nachricht




Vortrag auf dem 23. Deutscher Evangel. Kirchentag, Berlin 1989

Als die Nachricht um die Erde lief, Gott sei aus der Kirche ausgetreten, wollten viele das nicht glauben. „Lüge, Propaganda und Legende“, sagten sie, bis die Oberen und Mächtigen der Kirche sich erklärten und in einem sogenannten Hirtenbrief folgendes erzählten:

„Wir, die Kirche, haben Gott, dem Herrn, in aller Freundschaft nahegelegt, doch das Weite aufzusuchen, aus der Kirche auszutreten und doch gleich alles mitzunehmen, was die Kirche immer schon gestört. Nämlich seine wolkenlose Musikalität, seine Leichtigkeit und vor allem Liebe, Hoffnung und Geduld. Seine alte Krankheit, alle Menschen gleich zu lieben, seine Nachsicht, seine fassungslose Milde, seine gottverdammte Art und Weise, alles zu verzeihen und zu helfen – sogar denen, die ihn stets verspottet; seine Heiterkeit, sein utopisches Gehabe, seine Vorliebe für die, die gar nicht an ihn glauben, seine Virtuosität des Geistes überall und allenthalben, auch sein Harmoniekonzept bis zur Meinungslosigkeit, seine unberechenbare Größe und vor allem, seine Anarchie des Herzens – usw.
Darum haben wir, die Kirche, ihn und seine große Güte unter Hausarrest gestellt, äußerst weit entlegen, dass er keinen Unsinn macht und fast kaum zu finden ist.“

Viele Menschen, als sie davon hörten, sagten: „Ist doch gar nicht möglich! Kirche ohne Gott? Gott ist doch die Kirche! Ist doch eigentlich gar nicht möglich! Gott ist doch die Liebe, und die Kirche ist die Macht, und es heißt: »Die Macht der Liebe«. Oder geht es nur noch um die Macht?!“
Andere sprachen: „Auch nicht schlecht, nicht schlecht; Kirche ohne Gott! Warum nicht, Kirche ohne Gott!? Ist doch gar nichts Neues, gar nichts Neues! Gott kann sowieso nichts machen. Heute läuft doch alles anders. Gott ist out, Gott ist out! War als Werbeträger nicht mehr zu gebrauchen.“
Und: „Die Kirche hat zur rechten Zeit das Steuer rumgeworfen.“ „Kirche ohne Gott!“ das ist der Slogan. Doch den größten Teil der Menschen sah man hin und her durch alle Kontinente ziehn, und die Menschen sagten:
„Gott sei Dank!
Endlich ist er frei.
Kommt, wir suchen ihn!“

(Auf dem Liturgischen Fest in der Waldbühne,
23. Deutscher Evangelischer Kirchentag, Berlin 1989)
[Aus: Hanns Dieter Hüsch, Das Schwere leicht gesagt.
Herder Spektrum Bd. 4274, Verlag Herder 1994, S. 28]