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i) Ullrich Hahn: Überwindung der Kriminalstrafe




Vortrag in Villingen-Schwenningen am 26.1.2000

Zum Autor: Ullrich Hahn ist Rechtsanwalt und Vorsitzender des deutschen Zweiges des Internationalen Versöhnungsbundes

Ullrich Hahn: Zur Überwindung der Kriminalstrafe


1. Strafverfahren, Strafurteile und GefĂ€ngnisse sind feste Bestandteile unserer Gesellschaft. Etwa 764.000 Angeklagte wurden 1996 in Deutschland verurteilt, ĂŒber 80 % von ihnen zu Geld-, die anderen zu Freiheitsstrafen. Knapp 70.000 Menschen saßen zum 31.03.1997 in deutschen Strafanstalten; darĂŒber hinaus einige 1.000 aufgrund strafrichterlicher Urteile in den forensischen Abteilungen psychiatrischer Anstalten: Und kein Jahr vergeht, in dem nicht aufgrund irgendwelcher Verbrechen höhere Strafen gefordert und zum Schutz der Umwelt, des Arbeitsmarkts und vieler anderer gesellschaftlicher Anliegen neue Strafvorschriften formuliert werden. Alle Parteien haben sich angewöhnt, auf öffentlich diskutierte Probleme mit dem Strafrecht zu antworten. Wer sich fĂŒr mehr und höhere Strafen einsetzt, zeigt eine StĂ€rke, die nichts kostet, aber doch den Anschein einer Problemlösung vermittelt. Das Strafrecht ist ein beliebtes Objekt auf dem Feld symbolischer Gesetzgebung geworden. In anderen Bereichen der Gesellschaft, insbesondere in Schule und Erziehung, wird Ă€hnlich geredet: "Ohne Strafe geht es nicht." Kein Zweifel: das Volk steht hinter den Urteilen, die da in seinem Namen verkĂŒndet werden. Und doch handelt es sich bei jeder Strafe um die bewusste Verletzung eines Individuums, um einen Eingriff in sein Eigentum, den Entzug der Freiheit mit den damit verbundenen vielfĂ€ltigen EinschrĂ€nkungen fĂŒr das eigene Leben und das der oft mitbetroffenen Familien. Die Achtung vor der MenschenwĂŒrde der Verurteilten gebietet, solche Eingriffe nur dann zuzulassen, wenn sie als Mittel zum Schutz anderer Menschen notwendig und unabdingbar sind. Andernfalls sind sie zu unterlassen.

2. Es hat sich allerdings gezeigt, dass die VerhĂ€ngung von Strafen ein ungeeignetes Mittel ist, um die Einhaltung der fĂŒr das Zusammenleben in einer freien Gesellschaft und die Sicherheit ihrer Menschen notwendigen Regeln zu gewĂ€hrleisten:
a. Strafen schrecken nicht ab. Es ist empirisch kein Einfluss von Strafe und Strafhöhe auf den Umfang von KriminalitĂ€t nachweisbar. Nicht zufĂ€llig sind die beiden Staaten mit der höchsten GefĂ€ngnispopulation in der Welt zugleich auch von einer hohen KriminalitĂ€t geprĂ€gt (USA und Russland mit je ca. 2.000.000 Strafgefangenen). Wenn ĂŒberhaupt – beim rational handelnden TĂ€ter – , so ist die Entdeckungswahrscheinlichkeit abschreckend, nicht aber die Art und Höhe der Konsequenzen. FĂŒr einen psychisch gesunden und sozial integrierten Menschen bedarf es in der Regel auch keiner Abschreckung, um seinen Mitmenschen und der Gesellschaft, deren Teil er oder sie ist, kein Unrecht zu tun. Die meisten Menschen wollen das nicht aus eigener Einsicht.
b. Strafen bessern nicht. Das gilt insbesondere fĂŒr den Vollzug von Freiheitsstrafen. Auch der relativ humane Strafvollzug in Deutschland hĂ€lt die Gefangenen in ihrer ĂŒberwiegenden Zahl in einer kĂŒnstlichen Binnengesellschaft, welche zur Auflösung der oft schon angeschlagenen Außenbeziehungen fĂŒhrt; der Verlust ihrer Eigenverantwortung fĂŒhrt zur Infantilisierung; ohne ausreichende Entlohnung der Arbeit im GefĂ€ngnis sind sie nicht in der Lage, Unterhalt fĂŒr die Angehörigen und Schadensersatz fĂŒr die Opfer zu leisten; in der Enge der Haftanstalten geht jede IndividualitĂ€t verloren; insbesondere die Jugendstrafanstalten sind Orte des Verbrechens, denen die Einzelnen kraft staatlicher Anordnung nicht entfliehen können und wo sie selbst zu Opfern aller Arten von Gewalt werden. Wenn Erziehung im Knast stattfindet, dann durch die Mitgefangenen mit einem gesellschaftlich wohl kaum wĂŒnschenswerten Lehrplan. Je nach Art der Berechnung betrĂ€gt die RĂŒckfallquote entlassener Strafgefangener zwischen 60 und 80 %.
c. Strafen tragen durch ihren Vollzug auch nicht zur Sicherheit der Gesellschaft bei. Dies gilt fĂŒr die Geldstrafen sowieso, aber auch fĂŒr die Freiheitsstrafen, soweit diese zeitlich begrenzt sind. Die hohen Mauern tĂ€uschen: Wenn es richtig ist, dass der Strafvollzug nicht bessert, verschlechtert sich mit jedem Gefangenen, der frĂŒher oder spĂ€ter seine Strafe verbĂŒĂŸt hat, die Sicherheitslage fĂŒr die BĂŒrger draußen. Allerdings zĂ€hlen nur etwa 10 % aller GefĂ€ngnisinsassen zu den "gefĂ€hrlichen" TĂ€tern, die z. B. wegen schwerer Gewaltdelikte verurteilt wurden. Die Sicherheit der Gesellschaft vor diesen Menschen ist kurzfristig tatsĂ€chlich nicht anders als durch deren Einsperrung zu haben. Juristisch kann das dann aber statt durch die VerhĂ€ngung von Strafe auch durch entsprechende "Maßnahmen" geschehen, die nicht an einer Schuld fĂŒr vergangenes Fehlverhalten, sondern direkt an der GefĂ€hrlichkeit fĂŒr die Zukunft anknĂŒpfen. Bei entsprechender Konzentration der Mittel auf diese Menschen sollte auch die Schaffung von "sozialtherapeutischen Einrichtungen" (d. h. unter Einsatz von SozialpĂ€dagogen und Psychologen) möglich sein.
d. Rationalen Kriterien halten die Strafen nicht stand. Es bleibt die vom deutschen Idealismus (Kant, Hegel) geforderte Vergeltung um der reinen Gerechtigkeit willen. Letztlich beruht unser modernes Strafrecht noch immer auf den Vorstellungen Kants von einer zweckfreien Vergeltung. Die Bestrafung der "alten MĂ€nner" wegen Verbrechen in der Nazizeit oder im Zusammenhang mit der RegierungskriminalitĂ€t der frĂŒheren DDR sind mit Überlegungen der Abschreckung, Besserung oder Sicherung nicht zu begrĂŒnden. SpĂ€testens hier bricht dann auch bei sonst reformfreudigen Linken das BedĂŒrfnis nach Vergeltung durch. Die Logik einer Bestrafung „um der reinen Gerechtigkeit willen" endet aber schon bei der Frage nach dem dann gerechten Strafmaß. FĂŒr Kant ist nur die Todesstrafe fĂŒr den Mörder klar; Kriterien fĂŒr andere Delikte hat er nicht entwickelt. Gemessen an den MaßstĂ€ben unserer heutigen Grundrechte, die auch dem StraftĂ€ter gebĂŒhren, dĂŒrfte die IrrationalitĂ€t eines Vergeltungsstrafrechts kaum tragbar sein.
e. Wie die Rechtsgeschichte zeigt, war und ist das Strafrecht nicht in der Lage, KriminalitĂ€t zu verhindern oder wenigstens zu unterdrĂŒcken. Erfolgreicher war und ist es als Mittel zur Herrschaftssicherung vornehmlich unfreier Gesellschaftssysteme, wo Schuldzuweisung und Aburteilung von Opponenten in einem justizförmigen Verfahren eine Fassade von LegitimitĂ€t aufrechterhalten. Aber auch in demokratischen Gesellschaften wird das Strafrecht genutzt, um etwa die bestehende – nicht unbedingt gerechte – Eigentumsordnung zu sichern oder auch Regierungsentscheidungen zur Nutzung von Atomenergie, zur Stationierung von Raketen etc. durchzusetzen. Im Rahmen des Straf- und Strafverfahrensrechts sind in Deutschland in den letzten Jahren Instrumente zur Überwachung der ganzen Bevölkerung gesetzlich festgeschrieben worden (Telefon- und WohnraumĂŒberwachung, verdachtsunabhĂ€ngige Personenkontrollen, gentechnische Kontrollen und entsprechende Datenspeicherung, Einsatz verdeckter Ermittler bis in die engste IntimsphĂ€re hinein etc.), die das Überwachungsinstrumentarium frĂŒherer totalitĂ€rer Staaten weit ĂŒbersteigen.
f. Einzig ehrlich und auch nachvollziehbar ist mir die BegrĂŒndung des Strafens mit der eigenen Hilflosigkeit Tat und TĂ€ter gegenĂŒber. Nur das EingestĂ€ndnis, dass wir oftmals nicht wissen, was wir mit einem StraftĂ€ter Sinnvolles tun können, öffnet auch den Weg zur Suche nicht nach besseren Strafen, sondern nach etwas, das besser ist als das Strafrecht (Gustav Radbruch). Der TĂ€ter-Opfer-Ausgleich, der seit einigen Jahren zuerst ins Jugendstrafrecht (§ 10 Abs. 1 Ziff. 7 JGG) und dann auch ins StGB (§ 46 a) Eingang gefunden hat, bisher allerdings nur eine Nebenrolle in der Strafrechtspraxis spielt, ist solch ein Schritt zu einem neuen Denksystem.

3. Strafe und Strafrecht sind nicht Teil der Schöpfungsordnung; den antiken und außereuropĂ€ischen Hochkulturen waren sie unbekannt. Das Strafrecht als staatliche Aufgabe und die Idee, Strafen zu verhĂ€ngen, die nicht dem Opfer nĂŒtzen, sondern das Tatunrecht zur Förderung allgemeiner Gerechtigkeit vergelten sollen, sind erst ab dem 12. Jahrhundert parallel zur Ausbildung des modernen Territorialstaates entstanden. Im 19. Jahrhundert war diese Entwicklung abgeschlossen: Die Straftat galt jetzt als Unrecht gegenĂŒber dem Staat. Auch wenn ein konkreter Mensch durch die Tat Schaden erlitten hat, wird die Geldstrafe an den Staat gezahlt. Das Opfer ist in der Regel nur Zeuge, aber nicht unbedingt Partei im Strafverfahren (es kann beantragen, die Stellung als NebenklĂ€ger zu erhalten). FĂŒr die Antike, so im römischen als auch im jĂŒdischen Recht, und fĂŒr die Stammesgesellschaften bis in unser Jahrhundert hinein (Uwe Wesel, FrĂŒhformen des Rechts in vorstaatlichen Gesellschaften) ist das Unrecht im VerhĂ€ltnis zwischen TĂ€ter und Opfer zu bereinigen. Staatliche und religiöse Instanzen haben lediglich Vermittlungsfunktion. Wo von "Vergeltung" die Rede ist, ist damit ein Maßstab fĂŒr den angemessenen Schadensersatz gemeint. Was wir aus dem Alten Testament als grausames "Auge um Auge, Zahn um Zahn, Wunde um Wunde“ kennen, ĂŒbersetzen jĂŒdische Autoren wohl richtig mit "Auge um Augersatz, Zahn um Zahnersatz, Wunde um Wundersatz“. Entsprechend hatten die germanischen Stammesrechte nicht anders als die Rechte der unterschiedlichen afrikanischen Stammeskulturen bis in unsere Zeit hinein ausgefeilte und differenzierte Ersatzregelungen fĂŒr viele Arten von Vergehen und Verletzungen entwickelt. Gleiches Anliegen aller dieser Ersatzregelungen war es, zwischen TĂ€ter und Opfer bzw. TĂ€terfamilie und Opferfamilie den Schaden wieder gutzumachen und die Parteien möglichst zu versöhnen, um nicht in den zerstörerischen Strudel der Gewalt in Form der Blutrache hineingezogen zu werden. Ein wichtiges Institut, um diese Vermittlung zu ermöglichen, war in allen diesen Gesellschaften das Asyl (hierzu auch Bianchi, Alternativen zur Strafjustiz, MĂŒnchen 1988). Auf frischer Tat ertappt, konnte der TĂ€ter damals wie heute seines Lebens nicht sicher sein. Erreichte er aber die dafĂŒr vorgesehenen, zumeist heiligen, Orte, die HĂŒtte des Priesters, den Tempel, die Kirche, das Kloster etc., war er vor Verfolgung sicher. Nun war Zeit, Abstand zu gewinnen und unter Vermittlung der HĂŒter dieser heiligen Orte (der Priester etc.) Verhandlungen mit dem GeschĂ€digten aufzunehmen mit dem Ziel, unter Zahlung des angemessenen Schadensersatzes oder einer sonstigen Genugtuung den Frieden wiederherzustellen. Nahezu alle alte Strafrechtspflege war TĂ€ter-Opfer-Ausgleich. Beginnend mit dem 16. Jahrhundert wurden dann bis zur französischen Revolution die Asylorte von den Territorialherren in Europa abgeschafft. An ihre Stelle trat das Monopol staatlichen (Straf-) Rechts, das jetzt – wie die französische Nationalversammlung 1792 meinte – das Asyl aller Menschen sein sollte. Der Staat hatte sich auch die zwischenmenschlichen Konflikte zu eigen gemacht.

4. Im RĂŒckblick auf die Geschichte wird deutlich, dass der Verzicht auf die Kriminalstrafe nicht bedeutet, dass unrechtes Handeln ohne Reaktion bleibt. Auch unsere gegenwĂ€rtige Rechtsordnung hĂ€lt vielfĂ€ltige Reaktionsmöglichkeiten bereit, die uns wegen der Dominanz des Strafrechts nur nicht in gleicher Weise bewusst sind:
a. Das zivile Schadensersatzrecht, das sowohl materielle als auch immaterielle SchĂ€den in Form von Schmerzensgeldzahlungen auszugleichen vermag. Unrecht erworbenes Gut ist ohnehin zurĂŒckzuerstatten; Vertragsstrafen können einen zusĂ€tzlichen Anreiz zur Vertragstreue bieten, etwa im öffentlichen Nahverkehr.
b. Unrechtes Handeln fĂŒhrt zu vielfĂ€ltigen EinschrĂ€nkungen der persönlichen und beruflichen Handlungsfreiheit; im Verwaltungsrecht z. B. durch die Entziehung der Fahrerlaubnis, der Gewerbezulassung, durch das Verbot der BerufsausĂŒbung u. a.; im Arbeitsrecht durch die KĂŒndigung eines ArbeitsverhĂ€ltnisses; im persönlichen Bereich durch Ehescheidung und Sorgerechtsentzug.
c. Soweit Menschen durch eine BetÀubungsmittel-AbhÀngigkeit nicht selbst in der Lage sind, sich aus der Sucht zu lösen, und dadurch sich selbst und andere gefÀhrden, besteht die Möglichkeit einer zwangsweisen Unterbringung, gegebenenfalls unter Beiordnung eines Betreuers.
d. DarĂŒber hinaus sind NormĂŒberschreitungen in der Regel mit einem Verlust von Ansehen verbunden, sind peinlich und lösen Scham aus. Die meisten Menschen fĂŒrchten sich beim Gedanken an eine Strafverhandlung mehr vor der eventuell anwesenden Öffentlichkeit als vor dem Staatsanwalt.
e. Vielfach erleidet der TÀter durch sein Verhalten auch einen eigenen Schaden: materieller Art, insbesondere bei Verkehrsdelikten, körperlich, etwa beim Konsum von BetÀubungsmitteln, seelisch durch die mit der Erinnerung an die Tat verbundene Gewissensbelastung.

Wenn das Alte Testament in unseren Ohren von "Strafe" spricht, so meint es meist die mit dem unrechten Verhalten verbundene SelbstschĂ€digung. Viele Sprichwörter haben diesen Gedanken aufgenommen ("Wer anderen eine Grube grĂ€bt, fĂ€llt selbst hinein", "LĂŒgen habe kurze Beine" ...). Kriminalstrafe besteht im Gegensatz zu diesen jeweils mit der Tat verbundenen Folgen eines unrechten Verhaltens in der Auferlegung eines neuen Übels, das keine innere Verbindung zur Tat besitzt: Geld- und Freiheitsstrafe haben weder etwas mit der Tat noch mit dem Opfer zu tun, auch nicht mit der Therapie der beim TĂ€ter etwa vorhandenen MĂ€ngel oder Verletzungen. In ihrer Zwecklosigkeit gleicht die Kriminalstrafe der Rache, um deren Überwindung sich alle antiken Hochkulturen und alle ungeschriebenen Stammesrechte erfolgreich bemĂŒht haben. Als menschliches BedĂŒrfnis ist die Rache von den Emotionen des Verletzten geprĂ€gt; im Rahmen unseres Strafrechts wird sie auch ohne Emotion von staatlichen Instanzen verordnet.

5. ÜberflĂŒssig und schĂ€dlich ist die Strafe; notwendig bleiben aber die Arbeit der Polizei zur Ermittlung des TĂ€ters und ein förmliches Verfahren zur Zurechnung der Verantwortlichkeit fĂŒr das Geschehene, im heutigen Sprachgebrauch: die Schuldfeststellung. Hier gilt es, die Errungenschaften des modernen Strafprozesses zu erhalten, wie sie in Art. 6 der EuropĂ€ischen Menschenrechtskonvention garantiert und in der Strafprozessordnung ausgefĂŒhrt sind mit der Unschuldsvermutung fĂŒr den Beschuldigten, seinem Recht, nicht an der eigenen ÜberfĂŒhrung mitwirken zu mĂŒssen, andererseits aber aktiv eigene Prozessrechte zur Entlastung wahrnehmen zu können. Im justizförmigen Verfahren zur Rekonstruktion des vergangenen Geschehens liegt die Hilfe fĂŒr das Opfer nicht nur darin, dass mit der Feststellung von Verantwortlichkeit und Schuld die Grundlage fĂŒr die Geltendmachung von SchadensersatzansprĂŒchen geschaffen wird. Das Verfahren selbst dient zur Rehabilitation des Opfers, indem das ihm begangene Unrecht beim Namen genannt und dem TĂ€ter zugeordnet wird. Wie die Arbeit der Wahrheitskommissionen in SĂŒdafrika zeigt, ist den meisten Opfern diese Art der Rehabilitation wichtiger als die mögliche Rechtsfolge einer Bestrafung des TĂ€ters. In der Aufarbeitung des Vergangenen durch ein justizförmiges Verfahren lag auch die Hauptbedeutung des NĂŒrnberger Prozesses 1946 und der Eichmann-, Auschwitz- und anderer Prozesse ĂŒber die Verbrechen der Nazizeit. Darin liegt auch die Notwendigkeit von Strafverfahren gegen Mielke und Pinochet und andere Diktatoren und deren Helfer: Es geht darum, dass ihre Taten offenbar und mit den Methoden des Strafprozesses festgestellt werden; die Opfer sollen ihre Anerkennung und auch – soweit möglich – EntschĂ€digung erhalten. Es liegt aber kein Sinn darin, verwirrte alte MĂ€nner ins GefĂ€ngnis zu stecken.

6. AufgeklÀrte Kriminalpolitik besteht zuerst
a. im Abbau und Überwindung der Ursachen von KriminalitĂ€t, d. h. in der Schaffung sozialer Gerechtigkeit, von wirtschaftlichen Lebensperspektiven fĂŒr alle Mitglieder der Gesellschaft, in ihrer Integration als gleichberechtigte und geschĂ€tzte Mitmenschen in menschenwĂŒrdige Wohnungen, in Nachbarschaft, Gemeinde und vielfĂ€ltige soziale ZusammenhĂ€nge. Wer nichts hat und deshalb nichts zu verlieren hat, kann durch Straftaten nur gewinnen.
b. Alle Strafnormen, die zum Schutz der Mitmenschen und des Zusammenlebens nicht notwendig sind, können gestrichen, die entsprechenden Verhaltensweisen entkriminalisiert werden. Das gilt insbesondere fĂŒr den Gebrauch verbotener BetĂ€ubungsmittel. Erst das Verbot begrĂŒndet den Schwarzmarkt. Sucht ist Krankheit und bedarf der Hilfe, u. a. auch der kontrollierten Abgabe des Suchtmittels im Rahmen einer Therapie.
c. Zur aufgeklĂ€rten Kriminalpolitik gehört die AufklĂ€rung, dass wir auch in der besten Gesellschaft mit dem Risiko des Verbrechens ebenso leben mĂŒssen wie mit dem Risiko der Krankheit, des Straßenverkehrs, der Natur etc. Eine Sensationsberichterstattung ĂŒber einzelne Verbrechen ist ebenso unverantwortlich wie die Verbreitung von Horrorvideos. Das Risiko, in Deutschland Opfer einer Gewalttat zu werden, ist statistisch sehr gering; es betrug 1996 rechnerisch 0,1875 %. FĂŒr die Betroffenen ist das zwar kein Trost; es kann uns aber darin bestĂ€rken, unser privates Geld besser fĂŒr soziale Zwecke als fĂŒr den Einbau von Sicherheitsanlagen zu verwenden. Ebenso können wir bezĂŒglich der Verwendung von Steuergeldern votieren.
d. Zur AufklĂ€rung gehört auch die Einsicht in die eigenen Anteile des Bösen. "Das öffentliche Bild von StraffĂ€lligkeit wird weithin durch spektakulĂ€re Schwerverbrechen geprĂ€gt. Sich davon abzusetzen, fĂ€llt der Mehrheit leicht. Viele tun es um so nachdrĂŒcklicher und emotionaler, als sie damit von den dunklen Seiten in ihrer eigenen Seele ablenken können. Auch derjenige, der die ethischen und rechtlichen Normen des Zusammenlebens anerkennt, kann sich nicht sicher sein, wie hoch der Anteil unbewusster, verdrĂ€ngter Aggressionen in ihm ist." (Strafe: Tor zur Versöhnung? – eine Denkschrift der evangelischen Kirche in Deutschland zum Strafvollzug, GĂŒtersloh 1990). Ich selbst war und bin in meiner Phantasie zu allen Verbrechen fĂ€hig, die von anderen tatsĂ€chlich ausgefĂŒhrt werden. Die Warnungen der Bergpredigt davor, andere zu richten, und der zugespitzte Hinweis "Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen", sollen uns offenbar diese ZusammenhĂ€nge bewusst machen.
e. Zur AufklĂ€rung gehört schließlich auch die Vermittlung des Wissens darum, dass jede freiheitliche Gesellschaft die Übertretung von Normen in einem schwer zu bestimmenden Umfang hinnehmen muss, um die Freiheit aller zu erhalten. So wie es im Strafprozess nicht darum geht, den TĂ€ter um jeden Preis zu ĂŒberfĂŒhren, sondern eher im Zweifel viele Schuldige freizusprechen als einen Unschuldigen zu verurteilen, darf es auch in den polizeilichen Ermittlungsverfahren nicht darum gehen, Straftaten um jeden Preis aufzuklĂ€ren. Die Entwicklung und Zulassung heimlicher AufklĂ€rungsmethoden der Polizei (TelefonĂŒberwachung, WohnraumĂŒberwachung, verdeckte Ermittler u.a.) und ihre Befugnisse zu verdachtsunabhĂ€ngigen Kontrollen gefĂ€hrden die Freiheit mehr, als dass sie die Sicherheit vor Straftaten verbessern.

7. Die Abschaffung des Strafrechts ist aus heutiger Sicht Utopie, aber nicht im Sinne eines Landes "Nirgendwo", sondern im Sinne der Zielbeschreibung einer Entwicklung, die schon begonnen hat und fortgefĂŒhrt werden kann. Utopie ist auch der Ort jenseits unseres gegenwĂ€rtigen Topos, des gegenwĂ€rtigen Standpunktes. Es gibt in der Strafrechtswissenschaft viele Autoren, die fĂŒr eine solche Entwicklung keine sachlichen Hindernisse sehen. Das grĂ¶ĂŸte Hindernis ist auch nicht der Gesetzgeber, sondern die mangelnde Vorstellungskraft und mangelnde Akzeptanz in der noch immer vom Strafdenken geprĂ€gten Bevölkerung. Aber die ist der öffentlichen Meinungsbildung zugĂ€nglich. Was wir tun können:
a. die Legitimation der Strafe zu entziehen, indem wir ihre Notwendigkeit in Frage stellen,
b. den Opfern von Straftaten beizustehen; uns selbst auch dort einzumischen, wo Unrecht geschieht, und diese Aufgabe nicht nur dem Staat und seinen Organen zuzuschieben,
c. ĂŒber den privaten Raum hinaus an der Bildung von Gemeinschaften mitzuwirken und in Nachbarschaften, Gemeinden und darĂŒber hinaus am Netz mitmenschlicher Beziehungen zu wirken, das einerseits Kontrollfunktion wahrnehmen kann, andererseits in der Lage ist, sowohl Opfer als auch TĂ€ter in die Gemeinschaft zu reintegrieren und die durch die Tat verursachten Verletzungen zu heilen.