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f) Protest gegen ein Wort zum Sonntag




An das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt

Lieber Herr Pfarrer C.,

„Das Wort“ zum 8. Januar 1999 fordert mich zum ebenso öffentlichen Widerspruch heraus, schon allein deswegen, weil Sie darin eine Frau herabgewürdigt haben, die doch wie Sie die Freiheit hat, zu sagen und zu schreiben, was sie denkt und glaubt, auch und gerade als engagierte und geschätzte Mitarbeiterin in ihrer Gemeinde, im Arbeitskreis Frauen in der Evangelischen Kirche in Bayern und darüber hinaus. Wer darf sie daran hindern, dass sie ihr „Licht leuchten lässt vor den Menschen“ (Matthäus 5,16), das ihr aufgegangen ist im Hören auf das Evangelium und auf Dietrich Bonhoeffer?

Da ich von ihm schon als Theologiestudent und bis heute in meinem Glauben und Denken stark beeinflusst bin, nahm ich anlässlich seines 50. Todestages an der Gedenkveranstaltung in Flossenbürg teil. „Zufällig“ saß neben mir eine Dame, die sich sofort als Schwiegertochter des Richters zu erkennen gab, der Bonhoeffer wegen Landes- und Hochverrates auf Befehl Hitlers zum Tode verurteilt hatte. Der mündige Mut dieser Frau imponierte mir, zumal unter Hunderten von Menschen, die sicher waren, sie hätten damals nicht mitgemacht, und sich so innerlich wie äußerlich nicht nur von den Untaten distanzierten, sondern auch von den Tätern und damit von ihren Vätern und Großvätern, die vielfach zu den Mitläufern oder Mittätern gehörten.

Obwohl Familien- und Zeitgeschichte grundsätzlich miteinander verwoben sind, ist ja das übliche davon Abrücken verständlich, denn für den Stolz ist es fast unerträglich, wie der Prophet Elia erkennen und bekennen zu müssen: „Ich bin nicht besser als meine Väter“. Leider gehört diese alte Geschichte und die darin berichtete Selbsterfahrung noch immer nicht zu dem „Licht, das in die Augen sticht“, das unser Selbstbild schmerzlich demütigen und zurechtrücken würde, damit wir endlich die gute Botschaft Jesu hören von der ausnahmslos alle Menschen – Opfer und Täter, „Gerechte und Ungerechte“, „Gute und Böse“ – umfassenden Liebe Gottes, die auch von seinen Nachfolgern gefordert wird als ihr einziges Erkennungszeichen dafür, dass sie Kinder Gottes und Jünger Jesu sind (Matthäus 5, 43-48; Johannes 13, 35).

Oder sollten sie noch gar nicht erkannt haben, dass alle Menschen Schwestern und Brüder sind – und Nachkommen des Brudermörders Kain, den Gott vor „dem Netz der Jäger“ schützte? Hat Jesus umsonst immer wieder gewarnt: „Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet“? Warum nannte er seinen Verräter bis zum Schluss „Freund“ und betete für die, die ihn kreuzigten? Er hat seine Nachfolger weder zu Rechts- oder Staatsanwälten noch zu Anklägern und Richtern berufen, sie nicht beauftragt, Zeit- und Kirchengeschichte juristisch und historisch aufzuarbeiten oder offizielle Ablehnung von Einzelnen und Gruppen biblisch zu rechtfertigen, sondern zu Zeugen der erbarmenden Liebe Jesu, der die „Sünde der Welt hinwegnahm“ am Kreuz, weil alle schuldig werden und alle der Vergebung bedürfen und vor Gott keiner besser ist als der andere. Nur die Bitte: „Herr, erbarme dich!“ kann uns aus unserer Verstrickung in Unrecht, Schuld und Leid und aus der Verwechslung von moralisch-juristischen Kategorien wie Recht und Gerechtigkeit, Buße und Sühne mit biblischen Begriffen führen und zu einem heilenden Umgang mit Geschichte aller Art.

Von Dietrich Bonhoeffer habe ich gelernt: „Gott liebt den Menschen. Er liebt die Welt. Nicht einen Idealmenschen, sondern den Menschen, wie er ist, nicht eine Idealwelt, sondern die wirkliche Welt. Was uns verabscheuungswürdig in seiner Widergöttlichkeit erscheint, wovon wir uns zurückziehen in Schmerz und Feindschaft, der wirkliche Mensch, die wirkliche Welt, das ist für Gott Grund unergründlicher Liebe, damit vereint er sich aufs innigste.“ „Er hat meinen schlimmsten Feind nicht weniger geliebt als mich.“ „Sein Angesicht, das mir vielleicht fremd oder unerträglich war, verwandelt sich in der Fürbitte in das Antlitz des Bruders, um dessentwillen Christus starb, in das Antlitz des begnadigten Sünders.“ „Wie überwinden wir das Böse? Indem wir es vergeben ohne Ende. Wie geschieht das? Indem wir den Feind sehen als den, der er in Wahrheit ist, als den, für den Christus starb, den Christus liebt.“ „Jesus hat Frieden geschaffen mit all unseren Feinden am Kreuz. Diesen Frieden lasst uns bezeugen vor jedermann.“ „Nichts von dem, was wir in anderen verachten, ist uns selbst fremd.“

Ähnliche Sätze finde ich auch im Vermächtnis des Trappisten-Priors Christian-Marie de Chergé, geschrieben 1994, zwei Jahre vor seiner erwarteten Ermordung in Algerien: „Ich habe genügend lange gelebt, um zu wissen, dass auch ich Komplize des Bösen geworden bin, das – leider – in der Welt die Oberhand zu behalten scheint. Komplize gar dessen, der mich dereinst blind erschlagen wird. Ich möchte, wenn dieser Augenblick kommt, so viel ruhige Klarheit haben, dass ich die Verzeihung Gottes und meiner Menschengeschwister anrufen kann, aber ebenso, dass ich dem aus ganzem Herzen vergeben kann, der mich umbringen wird.“ Und an seinen unbekannten Mörder gerichtet: „Und auch Du bist eingeschlossen, Freund meines letzten Augenblicks, der Du nicht weißt, was Du tust! Ja, auch für Dich will ich diesen Dank und dieses A-Dieu, das Du beabsichtigt hast. Dass es uns geschenkt sei, uns als glückliche Schächer im Paradies wiederzusehen, wenn es Gott, dem Vater von uns beiden, gefällt.“

So habe ich auch das Anliegen von Frau Hanna Thorbeck verstanden: Es geht um den Grund, auf dem ihr Glaube steht, dass wir Menschen als in der Liebe Unvollkommene und schuldig Gewordene schwesterlich und brüderlich füreinander in der Fürbitte vor Gott eintreten, „der allein gerecht ist“ (Römer 3,26) und allein das Recht auf Rache (Römer 12,19) und Gericht beanspruchen kann, damit wir – befreit vom Zwang zum Hassen und Rächen, Richten und Strafen – nicht mehr von unserer (eher männlich-herrischen Selbst-)Gerechtigkeit leben und Schuld noch über das Grab hinaus nachtragen müssen, sondern wieder wie Kinder vom (eher weiblich-mütterlichen) Erbarmen und Vergeben leben können, immer wieder bereit und fähig zum Neuanfang unserer gestörten Beziehungen. Wenn meine Versöhnungsbereitschaft und mein Erbarmen Grenzen haben, kann ich es natürlich auch Gott nicht überlassen, ob seine Endlösung der Schuldfrage möglicherweise auf „Allversöhnung“ hinausläuft oder nicht, und seine scheinbaren Grenzen entschuldigen wiederum meine Grenzen der Fürbitte

Und nun kämpfen Sie unter Missbrauch diagnostischer Begriffe aus der Psychoanalyse als Waffen („Verleugnung“, „Verdrängung“, „neurotisch“) gegen eine Ihnen völlig unbekannte Frau und diskriminieren sie und ihr entscheidend christliches Anliegen? Das erinnert mich an die „religiöse Pathologie“, von der der Evangelische Oberkirchenrat in Berlin im Sommer 1933 sprach, als er von Dr. Hermann Stöhr aufgefordert wurde, die KZ-Insassen in die gottesdienstliche Fürbitte aufzunehmen. Haben Sie die völlige Unvertrautheit mit Bonhoeffer, seiner Familie und seiner Theologie und den reißerischen Ton des Buches nicht bemerkt, das sie lasen und das seine Informationen über den Richter nur aus Zeitungen bezog, da der Verfasser zu faul war, um die Gerichtsakten einzusehen? Wie konnten Sie sich sein Unverständnis für den erbetenen Grabspruch – für mich Ausdruck von Gottvertrauen und Hoffnung – zu eigen machen und daraus ein ganz falsches Bild von Frau Thorbeck übernehmen und es verbreiten? „Wer zu seiner Schwester sagt: Närrin ...“ (s. Matthäus 5, 2)!

Als therapeutischer Seelsorger bin ich ja vertraut mit den von Freud erforschten Abwehrmechanismen gegen peinliche Gefühle und Vorstellungen, denke dabei aber auch an die verständliche Verdrängung und Verleugnung kirchlicher Schuld aus Scham und Angst. Ich erinnere nur an die Mitgliedschaft Tausender von Pfarrern bei den nationalsozialistischen Deutschen Christen, an die Einführung des Arierparagraphen in der Kirche, an die Treuebekundungen und Glückwünsche für den Führer, an das Schweigen zur Verfolgung von Millionen und zur Todesstrafe für Tausende von Menschen. Natürlich wäre auch gegen die Hinrichtung Bonhoeffers kirchlicherseits kein Einspruch erhoben worden.

Ich klage damit nicht an, denn ich weiß, dass – wie jeder einzelne Mensch – auch die Kirche „allein von der Gnade“ (Luther) lebt und nach dem Kriege Grund genug gehabt hätte, für die Täter, Mittäter, Mitläufer und damit auch für sich selbst Gott um Erbarmen zu bitten, anstatt die wenigen und einsamen Ausnahmen wie Bonhoeffer als Aushängeschilder für ihre Selbstdarstellung zu missbrauchen. Als ein Onkel von Frau Thorbeck, Pfarrer wie ihr Vater, Mitglied der Bekennenden Kirche, Angeklagter vor dem Reichskriegsgericht und KZ-Häftling, 1946 die nun von Hinrichtung bedrohten Hauptkriegsverbrecher in seine sonntägliche Fürbitte einschloss, bekam er Ärger mit seiner Kirchenleitung, die doch ein Jahr vorher für die damals noch amtierende Regierung vor Gott eintrat. Gilt die Ermahnung zur Fürbitte für alle Menschen (1. Timotheus 2, 1) nur unter risikofreien Umständen?

Vielleicht fehlte es ja damals und fehlt es auch heute noch weithin an dem, was Sie so schön formulierten: „Licht, das Jesus bringt zerreißt das Netz der frommen und unfrommen Lügen und eröffnet einen neuen Weg ins Leben.“ Aber es würde schon heller, wenn Sie sich wie ich in Roth genauer kundig machen und dann für Ihre Missverständnisse und öffentliche Beleidigung einer ehrenwerten Schwester und warmherzigen Frau und Mutter ebenso öffentlich um Verzeihung bitten würden. Das entspräche ja auch dem von Ihnen betonten Zusammenhang zwischen dem Licht, das Schuld aufdeckt, und der Buße, die Gemeinschaft stiftet und uns verkopften Brüdern hoffentlich auch die Ohren öffnet für die oft lebens- und leibfreundlichere Theologie von Frauen, die uns an Liebesfähigkeit weit voraus und dadurch wie die Kinder dem Herzen Jesu näher sein könnten.

In der Liebe Jesu grüßt Sie herzlich

[gezeichnet: Wilhelm Prasse] (1.3.99)

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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