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h) Über die Betreuung eines Strafgefangenen




Mein Anfang als therapeutischer Seelsorger

Als ehrenamtlicher Mitarbeiter in der hiesigen Justizvollzugsanstalt lernte ich im Herbst 1986 einen damals 46 Jahre alten Strafgefangenen kennen, der kurz vorher eine tiefgreifende und überzeugende Wandlung durch Jesus erlebt hatte. Zur Verbüßung seiner Strafe (7 Jahre) in ein entfernteres, großes Gefängnis verlegt, geriet er körperlich und seelisch in eine solche Verfassung, dass er wegen Verdacht auf Magenkrebs (starker Gewichtsverlust und Fleischunverträglichkeit) vorübergehend in ein Vollzugskrankenhaus verlegt werden und ich meine erlaubten monatlieben Besuche von 90 Minuten und unseren Briefwechsel als nicht ausreichend erkennen musste für einen so sensiblen Bruder, der keinerlei sonstigen Besuch erhielt, weder zu Verwandten noch Freunden eine wenigstens briefliche Beziehung hatte und trotz seiner sofortigen Mitarbeit im "Schwarzen Kreuz" die schweren Belastungen der Strafhaft nicht verkraften konnte. Ich beantragte daher die Zulassung aIs Betreuer für diesen Gefangenen und besuche ihn seit Mai 1987 mit der Bundesbahm vierzehntäglich für zweieinhalb Stunden, die wir ohne Aufsicht in einem besonderen Raum allein miteinander verbringen können in Gespräch und Gebet.

Seitdem ist W. körperlich und seelisch stabiler geworden, und die anfangs extrem starken Schwankungen in seinem Gefühlsleben zwischen offensichtlich beglückenden Jesus-Erfahrungen und depressiven Verstimmungen sind etwas gemäßigter und nicht mehr so bedrohlich, zumal sie in ausführlichen Gesprächen aufgefangen werden können, die von beiden Seiten mit großer Offenheit und Ehrlichkeit und dem Mut zum Widerspruch und zur Kritik – auch im biblisch-theologischen Bereich – geführt werden. Durch die Teilnahme an einem Bibelfernkurs und das Studium zahlreicher christlicher – sogar theologischer – Bücher hat W., der Realschulabschluss, eine kaufmännische Ausbildung und eine gute lntelligenz aufzuweisen hat, sich inzwischen beachtliches theologisches eigenes Fundament erarbeitet, das ihm eine gewisse Sicherheit verschafft und daher nicht angegriffen werden darf. Auch in anderen Bereichen reagiert W. – stolz und sehr auf Anerkennung angewiesen – empfindlich auf jedes Infragegestelltwerden oder – und das ist die Regel – weicht instinktiv durch Nichtzuhören, Ablenken und Themawechsel aus, wobei seine Tendenz, im Gespräch zu dominieren, ihm hilft.

Ein Verunsicherungsfaktor dürfte dabei meine ja recht gemischte Funktion sein, da W. in mir zugleich oder nacheinander verschiedene Personen oder zumindest Rollen erlebt: 1. den Betreuer, mit dem sich Erwartungen auf Hafterleichterungen, Lockerungen und vorzeitige Entlassung verbinden; 2. den Vater, der die Chance bietet, die Beziehung und das Vertrauen aufzubauen, das zwischen dem noch lebenden Vater und dem Sohn nie da war; 3. den Bruder, den ihm Jesus zur Seite gestellt hat; 4. den seelsorgerlichen Therapeuten; 5. den Theologen. Diese konfliktträchtige Mischung von Rollen, die z. T. Hoffnungen, z. T. Ängste erwecken, würden normalerweise das sowieso in den Gefängnissen herrschende Misstrauen aller gegen alle – auch von meiner Seite her – nähren. Um so mehr haben wir beide Grund zum Dank für das trotz mancher Krisen nicht zerstörte, sondern langsam noch gewachsene Vertrauen, das natürlich weder blind gegen die Schwächen des anderen noch grenzenlos ist, sondern durchaus wachsam und kritisch und dadurch für beide hilfreich.

Ich versuche, alles in W. zu verstärken, was ich als positiv für die Entfaltung seiner Persönlichkeit ansehe, insbesondere sein Vertrauen auf Jesus (nicht auf seine oder meine Theologie!) und sein Bemühen um geistliches Wachstum, aber auch seine erst in der Haft erkannten guten, Begabungen für anspruchsvolles Musizieren mit der Konzertgitarre und für ebenso anspruchsvolles Malen mit verschiedenen Techniken in seiner Freizeit. Diese neuen Entwicklungen und auch die geschickte Arbeit in der Buchbinderei dürften W.’s Selbstbewusstsein auf eine gesunde Weise stärken. Dagegen versuche ich mäßigend zu wirken, wenn W. sich negativen Gefühlen (Trotz, Wut, Hass, Empörung, Ärger und ebenso negativen Gedanken so preisgibt, dass er für die Realitäten seines Lebens ebenso blind wird wie in seinen jährlich wiederkehrenden enthusiastischen Wochen. An die anscheinend größte Wunde, die bis heute abgewehrte Versöhnung mit seinem Vater, der auf meinen Versuch hin ebenso abwehrend reagiert hat, darf ich nicht rühren, obwohl die den zeitweilig beseligend erfahrenen Frieden immer wieder zerstörenden Gefühle aus dieser immer noch blutenden Verletzung stammen dürften. Dafür scheinen beide, die Zeit und der seelsorgerliche Therapeut noch nicht reif zu sein.

Meine Wirkung als älterer und relativ gefestigter und ausgeglichener Mensch, verbunden mit der Verlässlichkeit meiner Zuwendung zu W., dürfte in erster Linie in dem äußeren Halt bestehen, den ich – von außerhalb des Gefängnisses – für ihn bedeute, und somit ein Beitrag zum Wachsen seines Selbstwertgefühls sein. Das wieder hilft in den Gesprächen, das zunächst im Vordergrund stehende Leiden an der andauernden Gefangenschaft und das Verlangen nach Freiheit vorübergehend etwas zurücktreten zu lassen und an sidh selbst zu arbeiten, wobei allerdings auch die gegenwärtige psychische Situation Vorrang hat vor einer seelsorgerlich-therapeutischen Beschäftigung mit der Vergangenheit, teils wegen der offensichtlichen Abwehr von W., die sicher nicht nur in der äußeren Zwangslage begründet ist, teils wegen ungenügender Ausbildung und Fähigkeiten bei mir. Dazu kommt ein uns beiden bewusster ganz erheblicher Unterschied zwischen uns in den Wesensmerkmalen unserer Persönlichkeit, auch wenn wir diese Tatsache durchaus positiv – als Chance gegenseitiger Ergänzung und Bereicherung – aufgenommen und uns so selbst und gegenseitig besser eingeschätzt haben, ohne darüber die gegenseitige Wertschätzung einzubüßen. Trotz mancherlei Kämpfen finden wir uns doch immer wieder zusammen – spätestens im Gebet – und sind dankbar, dass diese Gemeinschaft möglich ist zwischen so verschiedenen Menschen, bei denen sich zwar durch Jesus Entscheidendes geändert hat und ein neuer Grund gelegt wurde, die aber beide noch unterwegs, noch Lernende sind und von der Vergebung leben.

Bisher gehe ich nicht bewusst therapeutisch vor, etwa mit den Methoden einer Gesprächstherapie vor, wenn ich im Gespräch versuche, W. zu einem besseren Verständnis seiner selbst und seines Lebens zu verhelfen, sondern vertraue darauf, dass sich in und unter uns ein Prozess des Verstehens, Einfühlens und Einsehens entwickelt, der jedoch behindert wird durch die Schwierigkeit, miteinander – außer im Gebet – wirklich "ein Herz und eine Seele" zu werden, worunter W. wohl mehr leidet als ich. Was mich betrifft, dürfte meine Kopflastigkeit noch immer dem wünschenswerten Einfühlungsvermögen im Wege stehen, ohne dass ich mit Verstandesarbeit – "Eindenken" – die mangelhafte Empathie voll ersetzen könnte. Jedenfalls erfahre ich mich selbst und werde vor allem erfahren als ein sich selbst durch Mauern schützender, auf andere aber scharf schießender Mensch. Trotz allem Bemühen bin ich also in den Gesprächen doch nicht ganz ich selbst und kann so auch anderen nicht helfen, ganz sie selbst zu sein. Zwar möchte ich nicht die extremen Gefühlsschwankungen eines emotional so labilen Menschen wie W. innerlich mit vollziehen, aber das kann keine Entschuldigung sein für meine vielleicht nur scheinbare emotionale Stabilität, hinter der sich erstarrte Gefühle verstecken und Unfähigkeit zu echter Kommunikation verbergen können. Zumindest habe ich Probleme, meine eigenen Gefühle wahrzunehmen und zum Ausdruck zu bringen, und da mir das mit anderen genau so geht, mache ich Fehler. Ich rede wo ich schweigen sollte, lasse dem anderen zu wenig Zeit, finde nicht die rechte Zeit und die rechte Art, wann und wie ich etwas sagen sollte und überfordere den andern. Ich spüre nicht das Betroffensein des anderen und bin von seinem Leid nicht wirklich selbst betroffen, nehme nur Worte und Gedanken wahr und reagiere entsprechend verbal, statt menschlich-mitfühlend, so dass sich der andere nicht verstanden und manchmal verletzt fühlt. Wahrscheinlich habe ich es in meiner Kindheit und Jugend lernen müssen, meine Gefühle so zu kontrollieren, dass sie versteinerten und niemand mehr an mich herankam – und ich nicht an andere. Doch ist da, seit ich Jesus nachzufolgen versuche, einiges in Gang gekommen und noch im Gange, so dass ich guter Hoffnung bin.

Ob es mir in meiner Beziehung zu W. auch um meine persönlichen Bedürfnisse geht – z. B. zu helfen und gebraucht zu werden oder einen Freund zu gewinnen – , kann ich unter diesen Umständen weder mit Sicherheit bejahen noch verneinen. Bis zur weiteren Klärung dieser Frage hoffe und vertraue ich weiter, dass es zumindest auch die Liebe Jesu ist, die mich zu diesem Dienst treibt und mit den dazu nötigen, noch zu entfaltenden Begabungen ausgerüstet hat.

(23.1.90)

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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