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d) Armut, Reichtum und wir




Zu „Wo sind wir?“ von Bernhard Ott (Antenne 18/85)

Lieber Bernhard, ich danke Dir, dass Du zwar aufrüttelnd, aber nicht so hart mit den Reichen und Mächtigen ins Gericht gegangen bist wie Jesus und die Propheten, bevor sie – eben deswegen – zum Schweigen gebracht wurden. Sonst wäre Dein Wort für uns so unerträglich wie ihres, weil es das fromme Bild, das wir von uns selber haben, und damit unsere Selbstzufriedenheit zerstört. Wir ziehen eine Verkündigung vor, die uns selbst rechtfertigt und in unserem Glauben und Leben bestätigt und beruhigt. Wir lieben einen Herrn, der – wie der moderne freiheitliche Staat – sich mit unseren Spenden oder Steuern begnügt und sonst so leben lässt, wie unsere unbekehrten Nachbarn leben – selbstherrlich.

Deine Thesen, lieber Bernhard, veranlassten mich, in der Bibel nach Entschuldigungen für mein natürliches Streben nach wachsendem Besitz zu suchen, und mir gefiel besonders, was ich in Sirach 13, 30 fand: „Reichtum ist gut, wenn keine Sünde daran klebt.“ Doch dann musste ich mich fragen, ob es solches Eigentum heute überhaupt noch gibt; weiß ich doch, dass die Reichen auch jetzt und hier noch reich werden, wie es die Heiligen Schriften von Israel berichten: durch Blut, Schweiß und Tränen der Armen, die arm bleiben. Und wenn auch in meinem Lande Leid und Ungerechtigkeit gemildert wurden, vor allem durch den Kampf der Gewerkschaften, bin ich doch zu gut informiert über die wirtschaftlichen, politischen und militärischen Beziehungen zwischen armen und reichen Ländern in Vergangenheit und Gegenwart, als dass ich mich noch unbefangen oder gar stolz mit Staat, Volk oder einer Partei identifizieren könnte.

Die Geschichte lehrt mich, dass der Kommunismus genauso gottlos und mörderisch ist wie der Kapitalismus und dass auch der demokratische Staat mehr und mehr zur einzigen und totalen Ordnung menschlichen Lebens – also totalitär – wird und – wie die Diktaturen – das tausendjährige Friedensreich verwirklichen will. Ich kann daran nicht mitarbeiten, hat mir doch die Hinrichtung Jesu wie des Paulus und zahlloser anderer Märtyrer die Augen dafür geöffnet, dass jede menschliche Obrigkeit nicht nur vom Auftrag Gottes, sondern auch vom Aufstand gegen ihn bestimmt ist. Ich halte es wie die Christen im 1. und 2. und wie die friedlichen Täufer im 16. Jahrhundert für unvereinbar, Jesus u n d dem Staat zu dienen, da Jesus als Herr unser ganzes Leben beansprucht und jede Hoffnung, jedes Vertrauen auf die Mächte dieser Welt als Götzendienst zu schmerzlicher Enttäuschung führen muss. Darum formuliert die „Barmer Theologische Erklärung“ 1934: „Wir, verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären.“

Lieber Bernhard, ich sehe nur den einen praktischen Weg zur Überwindung zwischen arm und reich – wenigsten unter den Kindern Gottes – , dass wir den Spuren aller unserer Geschwister folgen, die von der Urgemeinde in Jerusalem an bis zu den zahlreichen Kommunitäten der Gegenwart den Versuch wagten, das neue Leben aus Gott auch in neuen Formen gemeinsamen Lebens zwar nur modellhaft, aber doch sichtbar und zeugnishaft den gottlosen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnungen ihrer Zeit entgegenzustellen, als „Licht auf dem Berge“, als „Salz der Welt“, als gute Botschaft für alle. Denn wenn auch ein Reicher nur schwer ins Himmelreich kommen kann, weil er viel zu verlieren hat, sein Verlust wird doch hundertfach aufgewogen durch den Gewinn an geistlichem Reichtum, um dessentwillen die Armen im Neuen Testament selig gepriesen werden. Möchte doch der Ruf Jesu endlich die vielen nationalen in internationale „Patrioten“ des Volkes Gottes und seines „himmlischen Vaterlandes“ (Hebr. 11,16) umgestalten!

[24.2.86. Abgedruckt in: Antenne. Jugendzeitschrift der Gemeinschaft
Evangelisch-Taufgesinnter, Wetzikon, Nr. 20, Mai 1986]

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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