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e) Die Bibel - Werkzeug Gottes und des Satans



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Zur Inspirationslehre und ihren Folgen

Betendes Lesen der Evangelien führte mich vor mehr als 30 Jahren zur Erkenntnis und Erfahrung Jesu als meines Erlösers, und seitdem habe ich immer wieder die Bibel als ein einzigartiges Werkzeug Gottes erlebt, durch das er zu mir spricht und mir hilft, im Vertrauen auf ihn zu bleiben und zu wachsen. Als alle anderen Bücher überragende heilige Schriften studiere ich sie dankbar, ehrfürchtig und mit der vom Evangelium gebotenen und geschärften Wachsamkeit, nicht mit der Brille menschlicher Lehren und durch sie tief eingefleischter Vorurteile, die uns blind und taub machen sollen gegen den Willen Gottes, den Jesus verkündet und erfüllt hat. Gottes Heilshandeln wird in so einzigartiger Weise offenbart in der Bibel – und das macht ihre Autorität aus – , dass sie dadurch selbst Teil und Werkzeug der Heilsgeschichte wird, so dass wir durch sie in Gottes Heilsgeschehen mit hineingenommen und durch den heiligen Geist selbst inspiriert werden, ohne auf das Korrektiv durch das geschriebene Wort Gottes verzichten zu können.

Man kann sich aber nicht nur ohne die Bibel, sondern auch mit ihr verirren, da sie auch Werkzeug des Satans werden und dann Unheil statt Heil, Tod statt Leben wirken kann. So konnten Theologen – angefangen von den Kirchenvätern – Krieg und Todesstrafe, Kreuzzüge und Folter, Hexen- und Ketzerverbrennungen, Nationalismus und Rassenpolitik und vieles andere biblisch rechtfertigen. So können heute amerikanische Fundamentalisten die Militärpolitik der USA bis hin zum nuklearen Holocaust mit biblischen Argumenten unterstützen und als Vollstrecker des göttlichen Gerichtes („Die Elemente werden sich in der Gluthitze auflösen“, 2. Petrus 3,10) den gleichen Mann begrüßen, in dem viele unserer Brüder den gefährlichsten Präsidenten sehen, den sie je hatten. Nun, solche politische Theologie entspringt nicht dem Evangelium, sondern der satanischen Mordbereitschaft vom Bösen nicht erlöster Herzen,

Die Grundlage für einen solchen Missbrauch der Bibel hat schon die alte Kirche gelegt mit ihren Inspirationslehren und der Doktrinalisierung des Wortes Gottes, indem sie zuerst Schrift und Offenbarung, dann Bibel und Gottes Wort und schließlich sogar Predigt und Gottes Wort einander gleichsetzte. Dadurch wurde in dem berechtigten, aber übertriebenen Bemühen, die Autorität und Heilsnotwendigkeit des Wortes Gottes zu sichern, Menschenwort zu Gottes Wort gemacht und die Bibel zur mörderischen Waffe der immer mächtiger und intoleranter werdenden Kirchen.

Fragen wir die heiligen Schriften selbst, was sie unter Gottes Wort und Inspiration verstehen, finden wir im Alten Testament die zehn Gebote und vor allem Gottes Reden durch die Propheten, das später – Schrift geworden – als Offenbarung Gottes in Gesetz und Geschichte durch Formeln wie „so spricht der Herr“ gegen Verwechslung mit dem umgebenden Menschenwort geschützt wird. Um die gleiche Abgrenzung sind die Autoren des Neuen Testamentes bemüht, die nun in Jesus selbst das endgültige und rettende Wort Gottes sehen; zugleich wird die von ihm verkündigte und jahrzehntelang mündlich überlieferte Heilsbotschaft vom Reich Gottes, sichtbar an Jesu Wirken, als Wort Gottes bezeichnet (1. Thess. 2, 13). Den Anspruch, den Geist Gottes zu haben (personale Inspiration) erheben außer den Propheten Jesus, Johannes und Paulus (wie alle Nachfolger Jesu); verbale Inspiration wird vor allem für die Propheten geltend gemacht, die eben zu diesem Zweck mehr oder weniger verzückt (Offbg. 1, 10) vorübergehend aus Eingebung reden. Nur auf sie beziehen sieh 2. Petr. 1, 20 u. 21 sowie 2. Tim. 3,16, während z. B. Paulus ausdrücklich seine persönlichen Meinungen vom Wort des Herrn unterscheidet (1. Kor. 7), und Lukas (1, 1-4) die Glaubwürdigkeit seiner „Erzählung“ nur mit der Zuverlässigkeit seiner historischen Forschungen begründet.

Das kirchliche Dogma, alle Verfasser und Schriften der Bibel seien bis ins letzte Wort hinein inspiriert und damit prophetisch und daher sei an die ganze Bibel als Wort Gottes zu glauben, hat nicht nur den Menschen Gewalt angetan, denen diese Lehre eingeimpft wurde, sondern der Bibel selbst und sie zu dem Götzen gemacht, dem seit Konstantin viele Millionen Menschen geopfert wurden – im Namen Gottes. Die hier notwendige, befreiende Klärung formuliert die aus bitterer Erfahrung erwachsene 1. Barmer These 1934 vom Evangelium her als Glaubensbekenntnis: „Jesus Christus, wie er uns in der heiligen Schrift bezeugt wird, (ist) das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ So antworten Schafe, die seine Stimme hören, den Wölfen im Schafspelz.

[7.3.86. Leicht gekürzt abgedruckt in: Brücke. Mennonitisches Gemeindeblatt 6/1986, S. 94]

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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