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f) Christlicher Fundamentalismus



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von Prof. Dr. S. E. Ahlstrom in „Religion in Geschichte und Gegenwart"

„Fundamentalismus, religiöse Bewegung amerikanischen Ursprungs gegen den theologischen Liberalismus und die vom Evolutionsgedanken beherrschte moderne Wissenschaft. Der F. hat seinen Ursprung in verschiedenen Bibelkonferenzen der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts, als der christliche Glaube durch den Darwinismus bedroht schien. Die Bewegung gewann bald an Boden. Ihre fünf Programmpunkte sind: Irrtumslosigkeit der Bibel, Jungfrauengeburt, stellvertretendes Sühnopfer, leibliche Auferstehung und Wiederkunft Christi. – 1919 wurde die World's Christian Fundamentals Association gegründet, die ein Jahrzehnt lang der Hauptträger der Bewegung blieb. Neben ihr gab es noch Dutzende von regionalen, auf einzelne Kirchen und besondere Ziele beschränkte fundamentalistische Gruppen. Viele bedeutende Erweckungsprediger gehörten dem F. an. – Obwohl verschiedentlich Professoren der Geologie und Biologie unter Druck gesetzt oder zur Aufgabe ihres Amtes gezwungen und in einigen Staaten im Süden der USA Gesetze gegen die Evolutionslehre erlassen wurden, war dies doch nicht die Hauptabsicht des F.

Der Hauptkampf spielte sich innerhalb der Denorninationen ab. Besonders unter den Baptisten, Presbyterianern und Disciples of Christ kam es zu erbitterten Auseinandersetzungen über die Besetzung der Missionsausschüsse und die Verwendung von Geldern, die Grundsätze der Publizistik, den Inhalt des Unterrichtsmaterials und die Rechtgläubigkeit der theologischen Fakultäten. In einzelnen Fällen kam es zur Gründung von konservativen »Gegen-Seminaren«. In den 90er Jahren verurteilte die presbyterianische Kirche des Nordens drei ihrer bedeutendsten Gelehrten wegen Irrlehre. Um 1906 trennte sich eine Gruppe streng konservativer »Kirchen Christi« von den Disciples. 1936 bildete sich die Orthodox Presbyterian Church. 1951 trennte sich nach langem Streit die Conservative Baptist Association von der American (Northern) Baptist Convention. Der F. hat auch zur Bildung zahlloser kleiner Sekten geführt, in denen die Lehren von der Heiligung und der Wiederkunft Christi oft eine bedeutende Rolle spielen. Die Einführung der Revised Standard Version (Bibelübersetzung) rief 1952 den Protest der Fundamentalisten hervor. Ebenso lehnt der F. die ökumenische Bewegung ab wegen angeblich kommunistischer und katholisierender Tendenzen (1948 Gründung des International Council of Christian Churches als Gegenschlag gegen die Weltkirchenkonferenz von Amsterdam).

Der F. ist ein komplexes Gebilde, das man weder allein aus ökonomischen und politischen Gründen noch aus dem Gegensatz von städtischer Intelligenz und ländlicher Unbildung oder von Nord und Süd erklären kann. Diese Faktoren wirkten alle mit; charakteristisch aber ist eine doktrinäre Abneigung gegen Methoden und Ergebnisse der Naturwissenschaft und historischen Forschung. Der F. ist keine selbständige Bewegung mit eigener Lehre, sondern eine heftige, aber schlecht informierte Protestbewegung gegen den extremen und militanten Liberalismus. Im Unterschied zu anderen konservativen christlichen Bewegungen hat der F. keinen eigenen Ausgangspunkt, sondern ist eher eine Reaktion gegen eine wirkliche oder vermeintliche Gefährdung des christlichen Glaubens.“

[von Prof. Dr. S. E. Ahlstrom, New Haven-USA in: Religion in Geschichte
und Gegenwart Bd. 3, J. C. B. Mohr Tübingen 1958, Spalten 1178/79]