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k) Gedichte, die mich angesprochen haben




Lebenserfahrungen und Lebensweisheiten

Und als der nächste Krieg begann,
da sagten die Frauen: Nein!
Und schlossen Bruder, Sohn und Mann
fest in der Wohnung ein.

Dann zogen sie, in jedem Land,
wohl vor des Hauptmanns Haus
und hielten Stöcke in der Hand
und holten die Kerls heraus.

Sie legten jeden übers Knie,
der diesen Krieg befahl:
die Herren der Bank und Industrie,
den Minister und General.

Da brach so mancher Stock entzwei.
Und manches Großmaul schwieg.
In allen Ländern gab’s Geschrei,
und nirgends gab es Krieg.

Die Frauen gingen dann wieder nach Haus,
zum Bruder und Sohn und Mann,
und sagten ihnen: Der Krieg ist aus!
Die Männer starrten zum Fenster hinaus
und sahn die Frauen nicht an ...

von Erich Kästner




DEM UNBEKANNTEN GOTT

Noch einmal, eh ich weiterziehe
Und meine Blicke vorwärts sende,
Heb' ich vereinsamt meine Hände
Zu dir empor, zu dem ich fliehe,
Dem ich in tiefster Herzenstiefe
Altäre feierlich geweiht,
Dass allezeit
Mich deine Stimme wieder riefe.
Darauf erglüht tiefeingeschrieben
Das Wort: dem unbekannten Gotte.
Sein bin ich, ob ich in der Frevler Rotte
Auch bis zur Stunde bin geblieben:
Sein bin ich - und ich fühl' die Schlingen,
Die mich im Kampf darniederziehn
Und, mag ich fliehn,
Mich doch zu seinem Dienste zwingen.

Ich will dich kennen, Unbekannter,
Du tief in meine Seele Greifender,
Mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender,
Du Unfassbarer, mir Verwandter!
Ich will dich kennen, selbst dir dienen.

von Friedrich Nietzsche (1863/64)




STUFEN

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen:
nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegensenden.
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

von Hermann Hesse




GANZ UNTEN WARTEST DU

Gib mir den Mut, zu sehen,
wie sich mein Tag hier neigt,
bin ich doch schon im Gehen,
die Nacht empor bald steigt.

Lass mich die Grenzen ehren,
mich beugen deinem Rat,
und mich nicht angstvoll wehren,
wenn sich die Stunde naht.

Hilf mir den Abend füllen
und brauchen seine Zeit,
führ mich in deinen Willen
und Deine Ewigkeit.

von Oskar Loy




Wem du dich gegeben,
kann in Frieden leben,
er hat, was er will;
wer im Herzensgrunde
lebt mit dir im Bunde,
liebet und ist still;
bist du da und innig nah,
muss das Schönste bald erbleichen
und das Beste weichen.

Was genannt mag werden
droben und auf Erden,
alles reicht nicht zu;
einer nur kann geben
Freude, Trost und Leben,
eins ist Not, nur du!
Hab’ ich dich nur wesentlich,
so mag Leib und Seel’ verschmachten,
will ich’s doch nicht achten.

Komm, du selig Wesen,
das ich mir erlesen,
werd’ mir offenbar!
Meinen Hunger stille,
meine Seele fülle
mit dir selber gar.
Komm, nimm ein mein Kämmerlein,
dass ich allem mich verschließe
und nur dich genieße.

von Gerhard Tersteegen




Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last,
ach, Herr, gib unsern aufgescheuchten Seelen
das Heil, für das Du uns bereitet hast.

Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus Deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört Dir unser Leben ganz.

Lass warm und still die Kerzen heute flammen,
die Du in unsre Dunkelheit gebracht.
Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all Deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

von Dietrich Bonhoeffer, Silvester 1944




Fern oder nah
im Glück oder Unglück
erkennt der eine im andern
den treuen Helfer
zur Freiheit
und Menschlichkeit.

von Dietrich Bonhoeffer




OFFENE TÜREN

Jeder neue Tag öffnet eine neue Tür,
manchmal zu dem Weg nach draußen,
manchmal auf dem Weg zu dir.

Kommt der Abend, geht der Tag zu Ende,
schließt sich eine Türe zu.
Scheint dies auch als eine Wende
hin zum Schlechten, nimmt dir Ruh:

Sei getrost, es kommt ein neuer Morgen,
der eine neue Tür dir öffnet still.
D’rum nützen abends keine Sorgen.
Schau, was der Morgen Neues von dir will!

Und wenn sich draußen gar nichts wendet,
wendet sich vielleicht etwas in dir.
Damit ein falscher Weg beendet,
öffnet Einsicht eine neue Tür.

Ingrid Eckebrecht


DIE HERRLICHKEIT DES WORTES JESU

Dein Wort ist so tief, Dein Wort ist so weit,
Dein Wort zeigt den Weg in die Herrlichkeit!
Dein Wort ist der Grund, der ewig besteht,
Dein Wort ist die Kraft, die nie vergeht.

Dein Wort ist der Brief der göttlichen Huld,
Dein Wort ist das Siegel vergebener Schuld.
Dein Wort hat mir Heil und Segen gebracht,
Dein Wort ist's, das stark und weise mich macht.

Dein Wort erleuchtet und reinigt mein Herz,
Dein Wort ist Trost und Balsam im Schmerz.
Dein Wort gibt Vertrauen in Freude und Not,
Dein Wort ist mir Zuflucht im Leben und Tod.

Dein Wort ist mir Waffe im Kampfe allhier,
Dein Wort ist der Treffpunkt der Liebe mit Dir.
Dein Wort ist mir teurer als Schätze und Geld,
Dein Wort ist das Licht, das den Weg mir erhellt.

Dein Wort ist vom Weinstock erquickender Trank,
Dein Wort ist mein Glück und mein Lobgesang!
Dein Wort ist mir alles in allem zugleich,
Herr Jesus, Dein Wort macht mich königlich reich!

(von unbekanntem Verfasser)




WO DU GELIEBT WIRST

Wo du geliebt wirst, kannst du getrost alle Masken ablegen,
darfst du dich frei und ganz offen bewegen.
Wo du geliebt wirst, zählst du nicht nur als Artist,
wo du geliebt wirst, darfst du so sein wie du bist.

Wo du geliebt wirst, musst du nicht immer nur lachen,
darfst du es wagen auch traurig zu sein.
Wo du geliebt wirst, darfst du auch Fehler machen,
und du bist trotzdem nicht hässlich und klein.

Wo du geliebt wirst, darfst du auch Schwächen zeigen,
oder den fehlenden Mut,
brauchst du die Ängste nicht zu verschweigen,
wie das der Furchtsame tut.

Wo du geliebt wirst, darfst du auch Sehnsüchte haben,
manchmal ein Träumender sein,
und für Versäumnisse, fehlende Gaben,
räumt man dir mildernde Umstände ein.

Wo du geliebt wirst, brauchst du nicht ständig zu fragen
nach dem vermeintlichen Preis.
Du wirst von der Liebe getragen,
wenn auch unmerklich und leis.

Elli Michler




MEINEM KINDE (ins Poesiealbum)

Der die Welt und dich erschuf,
ist dein Herr, dem du gehörst.
Wenn du einmal seinen Ruf
tief in deinem Herzen hörst,
folge kindlich diesem Vater,
der dich voll Erbarmen liebt,
Freund dir sein will und Berater,
dem, der umkehrt, gern vergibt.
Jesus hat durch seine Wunden
alles Unheil überwunden –
lässt auch dein Herz ganz gesunden.
Leidend ohne Widerstreben
starb er, um auch dir zu geben
volles, heiles, neues Leben.