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l) Kleine lesenswerte Prosatexte




Einsichten, die meinem Denken entsprechen

WER BIN ICH?

Je mehr du dich finden willst, desto mehr wirst du dich verlieren; denn wer du bist, das kannst du dir nicht selber sagen. Je mehr du dich an Gott verlierst, desto mehr wirst du dich finden; denn er sagt dir, wer du bist.

Ich bin des Maskentragens so müde, und doch kann ich mich meiner Maske nicht entledigen, mein Gott. Wie oft sieht es so ganz anders aus in mir, als ich mich nach außen hin gebe.

Ich habe Angst, mich dem Nichtverstehen auszusetzen, dem Nichtangenommensein, wenn ich mich schwach zeige.

Ich fürchte, ganz allein dazustehen mit meiner Art, Menschen und Dinge zu sehen. Mir ist bange vor dem unbarmherzigen Zugriff derer, die vorschnell mit starren Urteilen bei der Hand sind.

Du weißt, dass ich in vielem nicht der bin, für den meine Umwelt mich hält. Mich zu verbergen verleiht mir ein Stück Sicherheit, aber es macht mich auch einsam.

Manchmal frage ich mich, ob ich mir nicht selber ein falsches Bild von mir mache. Ich kann eine Rolle spielen und zugleich mein eigener Zuschauer sein. Was ist echt? Was gespielt? Oft weiß ich es selber nicht.

Du siehst mich an, mein Gott, du kennst mich. Vor dir kann ich rückhaltlos ausbreiten, was mich im Innersten bewegt. Ich bin immer schon verstanden. Ich bin immer schon angenommen. Deinen Augen bin ich kostbar, wie unansehnlich ich mir selber auch vorkommen mag. Dein Gedanke bin ich. Hilf mir, dass ich mich sehen lerne im Spiegel deines Angesichtes.

von Antje Sabine Naegeli (aus: Du hast mein Dunkel geteilt, Herder Freiburg, 19. Aufl. 2001)


Ich werde nicht glauben
ans Haben und Behalten,
an Unfrieden und Krieg,
an geballte Fäuste.
Ich will glauben
ans Schenken und Empfangen,
ans offne Reden und Verzeihen,
ich glaube an geöffnete Hände.
Ich werde nicht glauben,
dass Menschen besser sind,
weil sie mehr verdienen.
Ich will glauben,
dass Menschen besser sind,
weil sie sich mehr kümmern
um ihre Mitmenschen.
Ich werde nicht glauben
an Mauern, Grenzen, Rassen.
Ich will glauben
an freie Länder, offne Häuser,
gastfreie Menschen in allen
Farben des Regenbogens.
Ich werde nicht glauben
an ein unglückliches Ende –
alles verschmutzt und verbraucht.
Ich will glauben
an einen neuen Anfang,
wo alles geheilt und gleich verteilt ist.
Ich werde nicht glauben
an die Angst zu sterben.
Ich will glauben an die Freude zu leben
zusammen mit so vielen.
Ich werde nicht glauben an einen Geist,
der uns von einander trennt.
Ich will glauben an den Geist von Jesus,
der Menschen zusammenführt,
bis alles vollendet ist.

(aktion »e« 1977)


DIE REISE NACH INNEN

Ich sitze hier vor Dir, Herr,
aufrecht und entspannt, mit geradem Rückgrat.
Ich lasse mein Gewicht senkrecht durch meinen Körper
hinuntersinken auf den Boden, auf dem ich sitze.

Ich halte meinen Geist fest in meinem Körper.
Ich widerstehe seinem Drang, aus dem Fenster zu entweichen,
an jedem anderen Ort zu sein als an diesem hier,
in der Zeit nach vorn und hinten auszuweichen,
um der Gegenwart zu entkommen.
Sanft und fest halte ich meinen Geist dort, wo mein Körper ist:
hier in diesem Raum.

In diesem gegenwärtigen Augenblick
lasse ich alle meine Pläne, Sorgen und Ängste los.
Ich lege sie jetzt in Deine Hände, Herr.
Ich lockere den Griff, mit dem ich sie halte, und lasse sie Dir.
Für den Augenblick überlasse ich sie Dir.
Ich warte auf Dich – erwartungsvoll.
Du kommst auf mich zu, und ich lasse mich von Dir tragen.

Ich beginne die Reise nach innen.
Ich reise in mich hinein,
zum innersten Kern meines Seins, wo Du wohnst.
An diesem tiefsten Punkt meines Wesens
bist Du immer schon vor mir da,
schaffst, belebst, stärkst ohne Unterlass meine ganze Person.

Und nun öffne ich meine Augen,
um Dich in der Welt der Dinge und Menschen zu schauen.
Ich nehme die Verantwortung für meine Zukunft wieder auf mich.
Ich nehme meine Pläne, meine Sorgen, meine Ängste wieder auf.
Ich ergreife aufs neue den Pflug.
Aber nun weiß ich, dass Deine Hand über der meinen liegt
und ihn mit der meinen ergreift.
Mit neuer Kraft trete ich die Reise nach außen wieder an,
nicht mehr allein,
sondern mit meinem Schöpfer zusammen.

von Dag Hammarskjöld


EHESEGEN

Der Herr segne euch
und schenke euch seinen Frieden
Er entfalte sich in eurer Liebe
dass sie wächst an Leidenschaft und Tiefe
einer immerwährenden Glut
die in euch ruht

Der Herr segne euch
und schenke euren Herzen einen weiten Raum
damit ihr einander viel Raum gewährt
in dem wachsen kann was zu euch gehört
eure Sehnsucht Gestalt gewinnt
zum Leben durchdringt

Der Herr segne euch
und schenke euren Grenzen Frieden
mit dem Mut euch ehrlich anzuschaun
ungeteilt einander zu vertraun
was euch fremd ist liebevoll anzusehn
und zu verstehn

Der Herr segne euch
mit einem erfüllten Leben
mit der Freude euch hinzugeben
mit einer tiefen Lust am Leben
mit einem Herz das offen denkt
und sich gern verschenkt

Der Herr segne euch
mit einem langen Atem
damit ihr dann auch zueinander steht
wenn der Wind ins Gesicht euch weht
und liebevoll mit dem was verletzt
euch auseinandersetzt

Der Herr segne euch
und spanne über euch seinen Bogen
mit dem Er Treue verheißt jeden Augenblick
Er geht voran und Er geht mit
führt eure Schritte
Gott wohnt in eurer Mitte

von Frieder Gutscher


GEBET EINES SENIORS

Herr, du weißt es besser als ich,
dass ich von Tag zu Tag älter und eines Tages alt sein werde.
Bewahre mich vor der großen Leidenschaft,
die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.

Lehre mich, nachdenklich, aber nicht grüblerisch,
hilfreich, aber nicht diktatorisch zu sein.
Bei meiner ungeheuren Ansammlung an Weisheit
tut es mir leid, sie nicht weiterzugeben,
aber du verstehst, Herr,
dass ich mir ein paar Freunde erhalten möchte.

Lehre mich schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden.
Sie nehmen zu, und die Lust, sie zu beschreiben,
wächst von Jahr zu Jahr.
Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen,
mir Krankheitsschilderungen anderer mit Freude anzuhören,
aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen.

Ich wage auch nicht, um ein besseres Gedächtnis zu bitten –
nur um etwas mehr Bescheidenheit
und etwas weniger Bestimmtheit,
wenn mein Gedächtnis nicht mit dem der anderen übereinstimmt.

Lehre mich die wunderbare Weisheit,
dass ich mich irren kann.
Erhalte mich so liebenswert wie möglich.
Ich weiß, dass ich nicht unbedingt ein Heiliger bin,
aber ein alter Griesgram ist das Krönungswerk des Teufels.

Lehre mich,
an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken,
und verleihe mir, Herr, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen.

(Verfasser unbekannt)


GEBET DER VERSÖHNUNG

Ich habe dich, mein Gott, gefunden und freue mich wie ein verirrtes Kind, wenn es aus der Ferne eine vertraute Gestalt erblickt. Ich habe dich gefunden, mein Gott, und ich freue mich wie ein Kind, das aus einem Albtraum aufgeweckt worden ist und das gütig herabschauende Gesicht mit heiterem Lächeln begrüßt. – Ich habe dich gefunden, mein Gott, wie ein Kind, das, einer schlechten, einer fremden Pflege anvertraut, geflohen ist und nach so vielen Mühen, nach Abenteuern sich endlich an die teure Brust schmiegt und dem Lied ihres Herzens lauscht. –
Eine Träne der Unruhe, dass ich allein bin in der Menge – und schon sind wir zusammen. Du mit mir, mein Gott.
Dunkle Nacht. Und unter dem Augenlid des Schläfrigen geschieht so viel. – Ein Schwarm schrecklicher Kometen, verzerrte Gesichter, Feuersbrunst, Blut, Sturm, Ertrunkene – mal schwimme ich auf trüber Woge, mal jage ich auf seltsam schweren Flügeln hinter dem Blitz her, mal beißt mich ein rothaariges Mädchen, mal kriecht eine Flamme, die das Gesicht meines Freundes hat, in den Sumpf; ich will schreien – eine kalte Hand packt mich an der Gurgel – Mal um Mal schlägt etwas, was weder eine Uhr noch eine Glocke.
Ein einziger Seufzer, dass ich hilflos bin – und schon sind wir zusammen. – Du bist bei mir. –
Und das ist das Schlimmste: Dass deine helle Gestalt, o Gott, mir verstellt wurde von deinen verlogenen Deutern. Ich war gezwungen, mich durchzukämpfen durch diese finstere Meute. Durch ihr trügerisches »Geradeaus – fall nieder – erzittere – steh auf – nach rechts.« Durch ihren Übelkeit erregenden Weihrauch – die Gebeine – durch Rauch und Kerzen – die Wunder – die Drohungen und Sünden – die Mauern – die Asche – die Ermunterungen und Versprechungen – durch ihre steinernen Tafeln – durch ihre vergiftenden Lehren und Gase. – Durch ihr: »Zu mir, denn mein Gott ist kein Krimskrams«, durch den Haufen deiner Gehilfen, Vermittler, Stellvertreter und Henker, die mich zurückgestoßen haben, mich frieren machten, alles verhüllten, mich nicht zu dir ließen – durch all das und sie alle strebte ich, mein Gott, dennoch zu dir.
Deshalb ist es so spät – deshalb bin ich erst jetzt da.
Durch die Versuchungen des Lebens, durch irre Wolken und Gestöber meiner Sinne, durch falsche Propheten – komme ich zu dir. Und ich freue mich wie ein Kind – und ich nenne dich weder groß noch gerecht noch gut – ich sage: »Mein Gott.« Ich sage: »Mein« und habe Vertrauen.

von Janusz Korczak


DAS BEFREITE GEWISSEN

Christus hat uns befreit nicht aus einer menschlichen Knechtschaft, sondern von dem ewigen Zorn. Wo aber? Im Gewissen. Hier muss unsre Freiheit still stehen und schreitet nicht weiter; denn Christus hat uns geistlich frei gemacht, das ist, er hat uns so befreit, dass unser Gewissen frei und fröhlich sei und sich nicht fürchte vor dem zukünftigen Zorn.
Das ist die wahre Freiheit, die niemand hoch genug achten kann; denn wer kann es ausreden, was für ein groß Ding das sei, dass jemand gewiss dafür halten soll, dass Gott ihm nicht zürne, ja nimmermehr zürnen werde, sondern sei und bleiben wolle in Ewigkeit ein gnädiger und barmherziger Vater um Christi willen?
Wahrlich, es ist eine herrliche und unbegreifliche Freiheit, dass einen die hohe Majestät gnädig ist.
Aus dieser folgt eine andere Freiheit, dass wir durch Christum sicher und frei gemacht werden vom Gesetz, Sünde, Tod, des Teufels Gewalt und der Höllen. Denn gleich wie uns Gottes Zorn nicht schrecken kann, denn Christus hat uns von ihm befreit, so kann das Gesetz und Sünde uns auch nicht anklagen noch verdammen.

von Martin Luther


Eine jüdische Geschichte,
erzählt von einem Rabbi,
der seine Schüler fragte,
woran sie den Augenblick erkennen,
da die Nacht in den Tag übergeht.

„Ist das der Augenblick“,
fragt einer der Schüler,
„wenn man einen Hund
von einem Schaf unterscheiden kann?“
„Nein“, sagt der Lehrer.

„Ist es dann Tag,
wenn man einen Feigenbaum von
einer Dattelpalme unterscheiden kann?“,
fragt ein anderer.
„Falsch!“, ruft der Lehrer.

Da bitten alle:
„Sag uns doch, Rabbi,
wann ist der Tag da?
Wann ist die Nacht verschwunden?“

„Das ist dann“, sagt er,
„wenn du in das Gesicht irgendeines
fremden Menschen blickst,
und du erkennst deine Schwester,
deinen Bruder.
Bis dahin ist es noch Nacht.“


WIE ICH DIE BEGEGNEN MÖCHTE

Ich möchte Dich lieben,
ohne Dich einzuengen;
Dich wertschätzen,
ohne Dich zu bewerten;
Dich ernst nehmen,
ohne Dich auf etwas festzulegen;
zu Dir kommen,
ohne mich Dir aufzudrängen;
Dich einladen,
ohne Forderungen an Dich zu stellen;
Dir etwas schenken,
ohne Erwartungen daran zu knüpfen;
von Dir Abschied nehmen,
ohne Wesentliches versäumt zu haben;
Dir meine Gefühle mitteilen,
ohne Dich für sie verantwortlich zu machen;
Dich informieren,
ohne Dich zu belehren;
Dir helfen,
ohne Dich zu beleidigen;
mich um Dich kümmern,
ohne Dich ändern zu wollen;
mich an Dir freuen, so wie Du bist.

(Wandspruch in einem englischen Souvenirladen)


GOTTES EBENBILD IM ANDEREN

Er hat ihn mir nicht zum Bruder gegeben, damit ich ihn beherrsche, sondern damit ich über ihn den Schöpfer finde. In seiner geschöpflichen Freiheit wird mir nun der Andere Grund zur Freude, während er mir vorher nur Mühe und Not war. Gott will nicht, dass ich den Andern nach dem Bilde forme, das mir gut erscheint, also nach meinem eigenen Bilde, sondern in seiner Freiheit von mir hat Gott den Andern zu seinem Eben-bilde gemacht. Ich kann es niemals im Voraus wissen, wie Gottes Ebenbild im Andern aussehen soll, immer wieder hat es eine ganz neue, allein in Gottes freier Schöpfung begründete Gestalt. Mir mag sie fremd er-scheinen, ja ungöttlich. Aber Gott schafft den Andern zum Ebenbilde seines Sohnes, des Gekreuzigten, und auch dieses Ebenbild schien mir ja wahrhaftig fremd und ungöttlich, bevor ich es ergriff.
Nun wird Stärke und Schwachheit, Klugheit oder Tor-heit, begabt oder unbegabt, fromm oder weniger fromm, nun wird die ganze Verschiedenartigkeit der Einzelnen in der Gemeinschaft nicht mehr Grund zum Reden, Richten, Verdammen, also zur Selbstrechtfertigung sein, sondern sie wird Grund zur Freude aneinander und zum Dienst aneinander.

von Dietrich Bonhoeffer (aus: Gemeinsames Leben, München, 23. Auflage 1988, S. 79. Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus)


GANZ NAHE

Wussten Sie schon,
dass die Nähe eines Menschen
gesund machen, krank machen,
tot und lebendig machen kann?
Wussten Sie schon,
dass die Nähe eines Menschen
gut machen, böse machen,
traurig und froh machen kann?
Wussten Sie schon,
dass das Wegbleiben eines Menschen
sterben lassen kann?
Dass das Kommen eines Menschen
wieder leben lässt?
Wussten Sie schon,
dass die Stimme eines Menschen
einen anderen Menschen
wieder aufhorchen lässt,
der für alles taub war?
Wussten Sie schon,
dass das Wort oder das Tun eines Menschen
wieder sehend machen kann;
einen, der für alles blind war,
der nichts mehr sah,
der keinen Sinn mehr sah in dieser Welt
und in seinem Leben?
Als Jesus den Tauben heilte,
da ist er mit dem Finger in dessen Ohren gegangen.
Er blieb nicht auf Distanz.
Jesus ist ganz dicht an den Tauben herangetreten.
Als Jesus den Blinden heilte,
da ist er ganz nah an den Blinden herangetreten.
Und dann hat Jesus ihn angeschaut."

von Wilhem Willms (aus: Roter Faden Glück. Lichtblicke, Kevelaer, 4. Aufl. 1982, S. 197f.)


DIE DREI SIEBE

Zu Sokrates kam einmal ein Mann und sagte:
"Du, höre, ich muss Dir etwas Wichtiges
über Deinen Freund erzählen!"
„Warte ein bisschen“, unterbrach ihn der Weise.
„Hast Du schon das, was Du mir erzählen willst,
durch die drei Siebe hindurchgehen lassen?“
"Welche drei Siebe?"
"So höre gut zu! Das erste ist das Sieb der Wahrheit.
Bist Du überzeugt, dass alles, was Du mir sagen willst, auch wahr ist?"
"Das nicht, ich habe es nur von anderen gehört."
"Aber dann hast Du es wohl durch das zweite Sieb
hindurchgehen lassen? Es ist das Sieb der Güte.“
Der Mann errötete und antwortete:
"Ich muss gestehen, nein."
Und hast Du an das dritte Sieb gedacht
und Dich gefragt, ob es nützlich sei,
mir das von meinem Freund zu erzählen?“
"Nützlich? – Eigentlich nicht."
„Siehst Du“, versetzte der Weise,
"wenn das, was Du mir erzählen willst,
weder wahr, noch gut, noch nützlich ist,
dann behalte es lieber für Dich.“

[frei nach einer Erzählung von Platon]