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o) Gott: Allmächtig, Herr, Vater, Abba?




Es steht geschrieben - Textbefunde

1. Der „Allmächtige“.

Diese Bezeichnung fehlt in der hebräischen Bibel und in den Evangelien. In der Septuaginta, der Übersetzung der hebräisch-aramäischen Bibel ins Griechische (1.-3. Jh. v. Chr.), wurde der unübersetzbare Gottesname El Schadai (kanaanitischer Stadtgott) immer ersetzt durch die griechische Götterbezeichnung Pantokrátor („Allmächtiger“), die seit dem 4. Jh. Ausdruck des universalistischen Anspruchs des Christentums wurde. Entsprechend übersetzten Luther u. a. in:
1. Mose 17,1; 28,3; 35,11; 43,14; 48,3; 49,25; 2. Mo. 6,3; 4. Mo. 24,4.16;
Hiob 5,17; 6,4.14; 8,3.5; 11,7; 13,3; 15,25; 21,15.20; 22,3.17.23.25.26;
23,16; 24,1; 27, 2.10.11.13; 29,5; 31,2.35; 32,8; 33,4; 3410.12.17; 35,13; 37,23; 39,32; 40,2;
Ruth 1,20.21; Psalm 68,14; 91,1; Jesaja 13,6; Hesekiel 1,24; 10,5; Joel 1,15.
Im Neuen Testament wurden alle o. a. Schriftstellen nicht zitiert, aber in der von den Christen gelesenen Septuaginta war auch die häufige hebräische Gottesbezeichnung Zebaoth („Herr der Kriegsscharen“; als Gottesname verstanden und vermieden) immer ersetzt worden durch Pantokrátor. Sie findet sich nur in:
2. Kor 6,18 (Zitat) vergleiche 2. Samuel 7,8 und Amos 3,13
Offenbarung 1,8 vergleiche Amos 3,13
4,8 vergleiche Jesaja 6,3 und Amos 3,13
11,17 vergleiche 2. Samuel 7,8 und Amos 3,13 und 4,13
15,3 vergleiche Amos 3,13 und 4,13
16,7.14 und 19,6.15 sind ohne Parallelstellen
21,22 vergleiche Jesaja 24,23: Zebaoth
In Matthäus 26,64 wurde Luthers falsche Übersetzung inzwischen korrigiert; wörtlich heißt es dort „Kraft“ (dynamis). In der „Septuaginta“ wurden die Gattungsbezeichnungen El, Eloah, Elohim (Gott, Götter) mit Theos (Gott) übersetzt. Die deutschen Übersetzungen des Alten Testamentes folgten diesem Beispiel. Die Gottesnamen Jahwe (JHWE) (6156mal) und Ba’al (15mal) ebenso wie der Titel Adon, Adonaj (Herr) wurden in der Septuaginta meistens ersetzt durch die ursprünglich orientalische, außerjüdische Götterbenennung Kyrios („Herr“).

2. Gott, Herr, HERR,

In der „Septuaginta“ wurden die Gattungsbezeichnungen El, Eloah, Elohim (Gott, Götter) mit Theos (Gott) übersetzt. Die deutschen Übersetzungen des Alten Testamentes folgten diesem Beispiel. Die Gottesnamen Jahwe (JHWE) (6156mal) und Ba’al (15mal) ebenso wie der Titel Adon, Adonaj (Herr) wurden in der Septuaginta meistens ersetzt durch die ursprünglich orientalische, außerjüdische Götterbenennung Kyrios („Herr“). Luther u. a. folgten auch diesem Beispiel, schrieben aber, wenn im Alten Testament JHWH stand, Herr mit vier Großbuchstaben: HERR. Im griechischen Neuen Testament werden Gott und Jesus häufig als Kyrios bezeichnet und angeredet.

Prof. Dr. Hans Bietenhard: „Die Entwicklung der deutschen Sprache: Auch weltliche und kirchliche Obere und Machthaber aller Art wurden »Herr« genannt bis hin zum »Pfarrherrn«. Wenn aber jeder Herr ist, dann ist niemand mehr Herr im ursprünglichen Sinn des Wortes; wohl aber maßt sich jedermann über alles und jedes Herrenrechte an.“ [aus Artikel „Kyrios“ in Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament, hg. von L. Coenen, E. Beyreuther, H. Bietenhard; R. Brockhaus Verlag 1971, 1. Sonderausgabe 1993, S. 666]

3. Vater

In den vaterrechtlich organisierten Gesellschaftsordnungen der Antike sind für das Vaterbild vor allem zwei Grundzüge kennzeichnend: Der Vater gebietet als Hausherr und höchste Respektsperson in unumschränkter Gewalt über seine Familie; er ist zugleich der für die Seinen verantwortliche Beschützer, Ernährer und Helfer. Beide Züge sind auch da lebendig, wo eine Gottheit mit dem Vaternamen benannt oder angeredet wird. Der religiöse Gebrauch des Vaterbildes „gehört zu den Urphänomenen der Religionsgeschichte. Der Benennung Gottes als Vater in den Religionen des alten Orients und der griechisch-römischen Antike liegen durchweg mythische Anschauungen von einer Urzeugung und einer naturhaft-physischen Abstammung aller Menschen von Gott zu Grunde. Im Vaternamen drückt sich vor allem die absolute, Gehorsam fordernde Autorität, daneben aber auch die barmherzige Liebe, Güte und Fürsorge der Gottheit aus. Dem entspricht auf Seiten des Menschen eine doppelte Grundhaltung: einerseits »die Erkenntnis der eigenen Ohnmacht und des totalen Angewiesenseins auf die Gottheit« und andererseits »die Haltung des kindlichen Vertrauens und der Liebe zur Gottheit“ (Gustav Mensching). Nach Plato und der Stoa durchwaltet Gott als Vater das Weltall; er ist „Schöpfer, Vater und Erhalter der Menschen als seiner ihm verwandten Kinder“ (Epiktet). In den antiken Mysterienkulten gilt die Wiedergeburt und Vergottung des Eingeweihten als Zeugung durch die Gottheit; diese wird deshalb im Gebet als Vater angerufen. Auch die Gnosis bezeichnet den höchsten Gott als Vater oder Urvater, doch ist hier das personale Gegenüber von Gott und Menschen völlig aufgehoben: die aus Gott hervorgegangenen und in den menschlichen Leib eingeschlossenen Lichtfunken verhalten sich zum Urvater wie der Wassertropfen zum Meer.

Das Alte Testament verwendet das Wort Vater fast ausschließlich im weltlichen und nur 15mal in religiösem Sinn, davon zweimal als Gebetsanrede, und immer auf das Volk Israel oder seinen König bezogen. Deren Gotteskindschaft wurde aber nicht biologisch oder mythisch begründet, sondern mit der göttlichen Erwählung und Erlösung. Ebenso wie das Alte Testament, so lässt auch die Literatur des antiken palästinensischen Judentums eine deutliche Zurückhaltung in religiösem Gebrauch des Wortes spüren. Der Einzelne erfährt nur als Glied des Volkes Gott als seinen Vater in seiner barmherzigen vergebenden Liebe wie auch in seinem Anspruch auf Ehrfurcht und Gehorsam und in der Verpflichtung zur Gemeinschaftstreue.

Im Neuen Testament findet sich der Vatername Gottes 245mal – allein im Johannes-Evangelium 100mal – und damit die Anschauung vom Vatertum Gottes als ein zentraler Gedanke. Jesus hat Gott offenbar nirgends den Vater Israels genannt, und er hat zwar von Gott als seinem Vater und als dem Vater der Jünger gesprochen, sich aber nie mit ihnen in einem gemeinsamen „unser Vater“ zusammengeschlossen. Wenn Jesus Gott seinen Vater nennt, so ist das in der ihm von Gott geschenkten einzigartigen Gottesoffenbarung und in seiner unvergleichlichen Sohnesstellung begründet. In seiner Sendung, in der die kommende Königsherrschaft anbricht, offenbart sich Gott als der Vater. Gottes im Sohn offenbares Vatertum ist deshalb eine eschatologische Wirklichkeit. Gott erweist sich als der Vater der Jünger in seiner Barmherzigkeit, Güte, vergebenden Liebe und Fürsorge; er schenkt ihnen die Gaben der Heilszeit und bereitet ihnen das eschatologische Heil. Dass dem Jünger aus der Erfahrung der Vaterliebe Gottes eine besondere Verpflichtung für das eigene Verhalten gegenüber den Mitmenschen erwächst, wird ausdrücklich erwähnt. Auf den Höhepunkt der Vaterbotschaft als Christologie führen der Jubelruf und das Gleichnis von den beiden Söhnen (Lukas 15). Sie besteht in seinem vom Vater bestimmten Handeln, durch das er die in Gerechte und Ungerechte zerklüftete Gemeinde zur neuen Gemeinschaft eint. „Vater“ ist Offenbarungswort. Dieser Name ist nach Johannes 17, 11 die bewahrende Macht, in der die Jünger geschützt sind. Die Anklage gegen Jesus lautet auch auf überhebliche Selbstvergottung, weil er Gott als seinen Vater in Anspruch nehme. Nach Johannes 5, 18 (vgl. 19, 7) muss Jesus darum sterben. Den Jüngern bringt Jesu Vollendung das unmittelbare Sein zum Vater, das als Erhörung des Gebetes erlebt wird.

Wenn Paulus neben „Gott der Vater“ und „Gott unser Vater“ häufig die Wendung „Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus“ gebraucht, so kommt darin zum Ausdruck, dass Gott sich in Jesus Christus als Vater offenbart hat und deshalb nur in ihm als Vater erkannt wird. Und Johannes, der das Wort Vater geradezu als Synonym für Gott verwendet, betont Jesu einzigartige Verbundenheit mit Gott. Als der mit der vollen Gotteserkenntnis betraute Sohn offenbart Jesus den Vater. Er gewährt so den Seinen die Gotteskindschaft, die nur durch ihn gewonnen wird und allein als ein Geschenk der göttlichen Liebe empfangen werden kann. Nur an drei neutestamentlichen Stellen liegt ein nicht christologisch verankerter Vaterbegriff vor: Epheser 3, 14; Hebräer 12, 9; Jakobus 1, 17; an diesen Stellen könnte der griechische Allvater-Gedanke mit anklingen.

4. Abba

„Abba“ ist ein aramäisches Wort, das im Neuen Testament nur an den drei Stellen Markus 14, 36; Römer 8, 15; Galater 4, 6 als Gebetsruf vorkommt und sich in der übrigen griechischen Literatur des frühen Christentums ausschließlich in Zitaten dieser Stellen findet. Es ist wie Mama ein in der Sprache des Kleinkindes beheimatetes Lallwort. Durch schon vorchristliche Bedeutungserweiterung wurde es auch von den erwachsenen Söhnen und Töchtern gebraucht. Dabei trat der verniedlichende Charakter des Wortes („Papa“) zurück. und gewann jenen innigen familiären Klang, der im Deutschen etwa in den Worten »du lieber Vater« empfunden wird. Für Jesus bedeutet es die einfachste und herzlichste Aussage über Gottes Verhalten, zugleich auch die Absage an allen religiösen erhabenen Stil. So wird gerade Abba grundlegendes Glaubenswort der Offenbarung Jesu und Bekenntnis seiner Gemeinde. Dieses Urwort besagt, dass Gott nicht mehr weltferner Herrscher im Jenseits ist, sondern ein naher Vertrauter. An keiner Stelle in der gesamten umfangreichen Gebetsliteratur des antiken Judentums begegnet „Abba“ als Gottesanrede. Jesus hat in seinen Gebeten Gott mit „mein Vater“ angeredet und sich dabei des vertrauten und innigen „Abba“ der alltäglichen Familiensprache bedient. Nur am Kreuz zitierte er aus Psalm 22: „Mein Gott ...“ Auch in den übrigen von den Evangelisten mitgeteilten Gebeten Jesu liegt der jeweiligen griechischen Fassung der Vateranrede direkt oder indirekt das aramäische „Abba“ zu Grunde. Die Urgemeinde hat die Gebetsanrede „Abba“ übernommen. Jesus hat mit der Übergabe des Vaterunsers seine Jünger dazu ermächtigt, ihm das „Abba“ nachzusprechen, und ihnen damit Anteil an seiner Sohnesstellung gegeben.

Dementsprechend erblickt Paulus in dem Gebetsruf „Abba, lieber Vater“ (Galater 4, 6; Römer 8, 15) das eigentliche und beherrschende Gebetswort als das deutliche Zeichen der durch Christus geschenkten Gotteskindschaft und des eschatologischen Geistbesitzes: das innerlichste Erlebnis der Gemeinde von grundsätzlicher Bedeutung. Paulus sieht die Eigenart des Schreiens freilich nicht im Enthusiastischen, Ekstatischen, sondern in der kindlichen, unmittelbar-freudigen Gewissheit im Gegensatz zur knechtischen Haltung. Der Knechtschaft der Angst treten entgegen Sohnschaft, Erbschaft, Mündigkeit (Gal. 4, 1 ff; Röm. 8, 15 ff). Der Abbaruf realisiert also den Gegensatz zur Gesetzlichkeit und deren Ende: „Vater“ als Ausgang, Mitte und Ziel der Erlösung. Im Urchristentum ist die Nennung des Vaters nicht nur dogmatische, sondern die starke, preisende, höchste Aussage des Glaubens. Durch die Kargheit des Gebrauchs wird das Wort Vater nicht abgenutzt. Es bleibt hauptsächlich für die Segenspende, den Lobpreis, das Gebet vorbehalten. Jesus ermöglicht erst den wahren Vaterglauben. So umschließt „Vater“ den unmittelbaren Zutritt zur Gnade (Eph. 2, 18; Röm. 5, 2); die nicht mystische, sondern glaubensmäßige Geborgenheit im Vater wird von der ganzen Gemeinde ausgesagt (1. u. 2. Thess. 1, 1).


[Auszüge aus den Artikeln „Vater“:
1. von Prof. D. Gottlob Schrenk in: Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Band V, hg. Gerhard Friedrich u. a., W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 1954, S. 984ff.
2. von Dr. Otfried Hofius.: Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament, hg. von L. Coenen, E. Beyreuther, H. Bietenhard, R. Brockhaus Verlag 1971, 1. Sonderausgabe 1993, S. 1242ff.]

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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