www.wilhelm.prassenet.de


a) Volk und Volkstum in der ev. Ethik 1918-1966

< voriges Kapitel
folgendes Kapitel >

A: Erster Teil: Historische Darstellung

[Seite 1:] VORBEMERKUNGEN

Unter dem Einfluss der nach dem ersten Weltkriege stark anwachsenden und sich radikalisierenden völkischen Bewegung und der damit verbundenen verschiedenen Ausprägungen völkischer Religion entstand in einem Teil der deutschen theologischen Ethik eine besondere Lehre vom Volk und vom Volkstum, und zwar im Rahmen einer bestimmten lutherischen „Theologie der Ordnungen“. Mit deren Vertretern und ihren Gegnern hat es die vorliegende Arbeit zu tun, die in einem ersten Teil die Äußerungen der verschiedenen Verfasser zum Thema möglichst mit ihren eigenen Worten darstellen soll, bevor – darauf fußend – in einem zweiten Teil eine systematische Besinnung folgt.

Die außerordentlich umfangreiche und sich zum Teil in Zeitschriften verlierende Literatur konnte nicht vollständig eingesehen werden, doch wurden alle bedeutsamen Beiträge berücksichtigt, auch die solcher Verfasser, die keine eigentliche „Ethik“ geschrieben haben. Von den letzteren wurden F. Brunstäd, G. May und H.-D. Wendland nur deswegen nicht erwähnt, weil ihre Beiträge zum Thema mit der Auffassung von P. Althaus nahezu identisch sind. Die katholische Moraltheologie mit ihrem universalen Anspruch und ein Teil der protestantischen Theologie, die beide an ihren starken vornationalistischen Traditionen auch im Deutschland nach 1918 festhielten, ergaben nichts Wesentliches für die vorliegende Arbeit. Die Ethiken von H. G. Fritzsche, K. Heim, K. E. Løgstrup, 0. Piper, W. Schweitzer und A. Schlatter gehen – nicht zu ihrem Schaden – auf den Problemkreis Volk und Volkstum nicht ein; nichts anderes lässt die noch nicht vollendete Ethik von H. van Oyen erwarten. Nur hingewiesen werden kann auf die noch nicht erschienene Untersuchung von W. Tilgner, Volksnomostheologie und Schöpfungsglaube, Göttingen (Arbeiten zur Geschichte des Kirchenkampfes, Band XVI).

Die im historischen Teil hinter den Zitaten in Klammern angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf das jeweils zuletzt genannte Werk in seiner dem Literaturverzeichnis zu entnehmenden Ausgabe.

[S. 2:] A. ERSTER TEIL: HISTORISCHE DARSTELLUNG

I. Kapitel: Volk und Volkstum als Schöpfungsordnung

In diesem Kapitel sollen Vertreter der „Theologie der Ordnungen“ zu Wort kommen, wobei – wenn hier und da allgemein von „Ordnungen“ oder „Schöpfungsordnungen“ die Rede sein wird – in der Regel auch und gerade Volk und Volkstum mitgemeint sind. Es wird deutlich werden, dass es diesen Theologen nicht nur um eine theoretische Lehre vom Volk und vom Volkstum ging, sondern um deren praktische Verwirklichung durch Kirche und Staat. Daher kann und darf diese Untersuchung nicht vorübergehen an der s. Z. hochaktuellen politischen Bedeutung einer solchen Lehre, insbesondere auch nicht an dem mit ihr verbundenen Imperativ als konkreter Weisung für den einzelnen Christen. Vielmehr wird – außer nach den jeweiligen begrifflichen und erlebnismäßigen Voraussetzungen der Verfasser – gerade nach ihren besonders problematischen wunden Punkten zu fragen sein: nach ihrer Christologie, nach ihrem Verständnis der Zwei﷓Reiche﷓Lehre (und nach dem Verhältnis von Gesetz und Evangelium), nach ihrer Ekklesiologie (Verhältnis von Volk und Kirche), nach ihrer politischen Hilfe für das Dritte Reich (insbesondere für dessen Rassendiskriminierungen), nach dem allem aber nur innerhalb ihrer – davon gar nicht zu isolierenden – Lehre vom Volk und vom Volkstum.

1. Das Volk als im Glauben erkennbare Schöpfungsordnung

Dieser Abschnitt hat es mit den Theologen zu tun, die zwar das Volk als eine Schöpfungsordnung d. h. als eine von Gott als Schöpfer aller Menschen – unabhängig von ihrem Christsein – gesetzte Lebensordnung mit einer eigenen Gesetzlichkeit verstehen, die aber der Gefahr einer natürlichen Theologie zu entgehen versuchen in dem Bemühen, die Erkenntnis des Volkes als Schöpfungsordnung vom Glauben an Christus abhängig zu machen und das „Volksgesetz“ dem Dekalog unterzuordnen, dabei aber an einer natürlichen Offenbarung – neben der biblischen – festzuhalten, um so zu einer wirklichkeitsgerechten „Volksethik“ zu kommen. Der führende Vertreter dieser Gruppe war und ist P. Althaus, der deshalb in dieser Darstellung besonders viel Raum beanspruchen wird.

[S. 3:] a) Das Volkstum als arteigenes Seelentum bei Paul Althaus

Auf einer Tagung der Fichte﷓Gesellschaft hielt P. Althaus 1926 seinen Vortrag: „Protestantismus und deutsche Nationalerziehung“, von dessen abschließenden Leitsätzen hier drei auszugsweise zitiert werden sollen: „1. Der Protestantismus lutherischer Prägung stellt ... einen Durchbruch germanischen Geistes in der Geschichte des Christentums dar. Er ist mit wesentlichen Zügen der deutschen Volksart, auch mit ihren Schwächen, wahlverwandt“ (49). „4a. In dem lutherischen Bekenntnis zu der ‚Freiheit eines Christenmenschen’ ist das protestantisch﷓deutsche Führerideal des nur Gott verantwortlichen freien Gewissens begründet“ (49). „Der Glaube an Gottes Schöpferwillen begründet den völkischen Gedanken ... Damit ist die Hingabe an Volkstum und Vaterland zugleich begründet und gereinigt“ (50).

Auch in dem Vortrag „Kirche und Volkstum“, den Althaus 1927 während einer vaterländischen Kundgebung des Königsberger Kirchentages hielt, bejaht er die immer mächtiger werdende völkische Bewegung, deren Wurzel „vor allem das hohe ergreifende Volkserlebnis des August 1914“ (8) ist. Volkstum nennt er ein besonderes Seelentum, das Gemeinsame im Fühlen, Werten, Wollen, Denken aller Volksgenossen, „den Mutterschoß arteigenen geistig﷓seelischen Wesens“ (9), eine übergreifende, ursprüngliche, vor allem Entscheiden und Wollen gegebene „geistige Wirklichkeit, durch geistige Urzeugung gehemnisvoll geboren“ (9). Zwar entsteht es nie „ohne die Voraussetzung z. B. der Blutseinheit“, aber „das Herrschende ist doch ... der Geist und nicht das Blut“, so dass „es vermag, auch fremdes Blut sich anzueignen“ (9). „Dann ist das Volksleben gesund, wenn es in völkischer Treue gelebt wird ..., aus den tiefen Quellen des Volksgeistes schöpft, ... sich als Glied am Ganzen weiß und ihm dient“ (9). Das Volk benötigt daher eine „Wiedergeburt aus dem Geiste echter Volksgemeinschaft; eine Ordnung des gemeinsamen Lebens, ... Überwindung der Zersetzung durch ein neues Erleben der Gliedlichkeit, durch Weckung opferwilligen Brudergeistes, ... Kräftigung der eigenen Art ..., Erziehung zum Heimat﷓ und Volksbewusstsein, ... Volkstumstreue, angefangen von der Eheschließung ...“ (10). „Kirchen und Volkstumsbewegungen begegnen sich“, denn „beide wollen das ganze Volk; beide wollen die Menschen ganz binden durch einen letzten Imperativ.

[S. 4:] Beide wollen Reinigung, Wiedergeburt“ (11). Vor Gott erlebt das Volk Gericht und zugleich Berufung, denn „Volkheit ist der Wille Gottes“ (12), der wir unbedingte Treue schulden. Volkheit stellt notwendig vor Gott, denn dort „findet das Volk die Glut des Willens, seine Sendung zu erfüllen, seiner Volkheit treu zu bleiben“ und „die Kraft der Freiheit“ (12). Althaus unterschätzt „die Bedrohung unseres Volkes durch den jüdischen Geist und die jüdische Macht nicht“, aber auch „die Gewalt der Dämonen nicht, die auch im deutschen Blute rasen!“ (12) „Alle Bejahung des Volkstums führt in den Kampf“, daher bedarf das natürliche und damit dämonisch gefährdete Wollen „der Macht überweltlicher Liebe, die aus Gott ist, die alles glaubt, alles hofft, alles duldet“ (13). Diese „neue“ Liebe wird an die natürliche Liebe zum Volke anknüpfen wie das Evangelium an das deutsche Volkstum, denn hat letzteres nicht „kraft einer gottgeschenkten Wahlverwandtschaft“ sein Edelstes und Schönstes herzugebracht ...: Führertum, Gefolgschaft, freie Hingabe, Vertrauen, den ganzen persönlichen Zug der germanischen Lebensordnung“ (14)? „Die Einheit ‚deutsch-christlich’, ‚christlich-deutsch’ steht als klare, helle, breite Tatsache da.“ (14) „Auch in dem Volkstum, in den Bindungen, mit denen es uns umgreift, erkennen wir eine Selbstbezeugung des Schöpfergottes an uns“ (15), wenn auch nur bruchstückhaft und der Ergänzung durch das Wort Gottes in der Bibel, dem Buch des Volkes, bedürftig. Denn dann erst „erkennt ein Volk seine Sendung ... als Träger des vom Evangelium entzündeten Lebens in besonderer Gestalt zu zeugen für das kommende Reich Gottes ...“ (16), und auf dieses hin erfährt dann das Volkstum Reinigung und Bewahrung vor Übermut wie vor Kleinmut. „Die Kirchen aber sind dazu gerufen, diesem Dienste des Evangeliums am Volkstum Werkzeuge zu werden“ (18) und die völkische Bewegung zu begrüßen, denn „evangelisches Christentum erkennt und liebt in dem Volkstum Gottes Schöpfergabe und Schöpferwillen“ als eine natürliche Gabe und „als etwas Heiliges – Gott ist es, der uns hier band! – , nun hat die Bindung unbedingten Ernst“ (18). Althaus meint, die „neue Erfahrung der Volksgebundenheit unseres Lebens kann Vorstufe, Brücke, Hilfe zu neuer Erfahrung Gottes werden“ – im Gegensatz zur bindungslosen Vereinzelung, da weithin „die Volkstreue und die Glaubenstreue zusammenhängen; jene kann einen Weg zu dieser, aber auch eine Weise ihrer Bewährung bedeuten“, denn „an der Volkstumstreue übt sich die Treue im Ewigen“ (19).

[S. 5 a:] Darum ist es die Pflicht der Kirche, wahrhaft Volkskirche – Heimat des ganzen Volkes – zu sein, d. h. dem Volke als Gesamtleben in seiner Art zu dienen durch „wahrhaft deutsche Verkündigung des Evangeliums und das Eingehen der Kirche in die organischen Lebensformen und die lebendige Sitte des Volkstums“ (20). „Die Kirchen haben die Idee der Volkheit zu verkündigen, sie sollen die Heiligkeit der Bindung an des Volkes Leben bezeugen“ (20), und sie müssen „ein Auge und ein Wort haben für die jüdische Bedrohung unseres Volkstums“ „durch eine ganz bestimmte zersetzte und zersetzende großstädtische Geistigkeit, deren Träger nun einmal in erster Linie jüdisches Volkstum ist“ (21). So hat die Kirche grundsätzlich mitzuarbeiten an der „Verjüngung eines schon kranken Volkslebens ..., an der Bewahrung und Erneuerung alter Sitte ... zurück zu gesundem bodenständigen Volksleben“ (27) und „sich mit ihrem Leben auf ihm zu bauen“ (28).

Im „Grundriss der Ethik“ fasst Althaus 1931 seine o. a. Vorstellungen kurz zusammen, bekennt sich aber darüber hinaus a) zur Rassenhygiene, denn das Volk „ist gehalten, seine biologische Gesundheit und Güte zu bewahren und wider die Gefahr seiner biologischen Verwahrlosung zu kämpfen“ (94), und b) zur Begründung des Imperativs der Volkstreue „in der schöpfungsmäßigen Wirklichkeit des Volkstums, nicht in dessen Wert“ (95). Größten Raum beansprucht nun die jüdische Frage, die „im Einzelnen ... gewiss durch ein aus wirklicher Tiefe kommendes Hineinwachsen des Juden in deutsche Art überwunden werden“ kann, im Ganzen aber nicht vom Rassenantisemitismus, sondern „von verstärkter Bewusstheit des Judentums um sein eigenes Volkstum, um sein besonderes Schicksal und seine besondere Lage zu erhoffen“ (96) ist, deren tiefster Grund in der Ausstoßung Jesu liegt, auf Gottes kommendes Reich hinweist und zum Christuszeugnis an diesem Volk auffordert. „Die Gefahr des Judentums besteht vor allem darin, dass es kraft schicksalsbedingter Wahlverwandtschaft Hauptträger des rationalkritizistischen, individualistischen Geistes der Aufklärung und damit weithin Vormacht im Kampfe gegen die irrationalen geschichtlichen Bindungen und idealen Überlieferungen unseres Volkes geworden ist“ (96). Daher „hat der aufklärerische Appell an die Ideen der Toleranz, Gleichberechtigung und allgemeinen Menschenwürde keinen Sinn“ (96).

[S. 5 b:] 1932 veröffentlicht Althaus unter dem Titel „Gott und Volk“ eine „Theologie des Volkstums“, ohne inhaltlich wesentlich über das schon Gesagte hinauszuführen. Hier ist „die Heiligkeit des Volkes ... eine Urerkenntnis ..., die an der Wirklichkeit des geschichtlichen Lebens selber aufleuchtet“ (41) und von dem biblischen Wort Gottes vorausgesetzt wird. „Das Schöpfungswort und das Christus﷓Wort zeugen gegenseitig füreinander ...“ (44), und „wir wissen uns gerufen zum Kampfe u m das deutsche Wesen – w i d e r das deutsche Wesen, wie es ist“ (46).

Die „Theologie der Ordnungen“ erschien 1934 – nach Barmen und im Zeichen der Verhärtung der lutherischen Unterscheidung von Gesetz und Evangelium. Hier werden die Ordnungen – darunter auch das Volkstum – „im Glauben an die Offenbarung Gottes in Christus ... als Schöpfung Gottes“ (10) erkannt, als Gabe und Aufgabe Gottes heilig wie das Leben. „Wir nennen die Ordnungen Schöpfungsordnungen, weil sie, obgleich in der Welt der Sünde durch diese bestimmt, Mittel fortgehenden göttlichen Schaffens sind ...“ (13), die „sich dem Gewissen als heiliges Gesetz“ (16) bezeugen, denn „aus der Wirklichkeit der Volksgebundenheit unseres Lebens vernimmt das Gewissen das Gesetz der Treue und des Opfers für des Volkes Leben“ (17). Zwar gibt es auch „das natürliche Wissen um die Ordnungen“ (18), aber der Glaube erst zeigt ihre Beziehung auf das Reich Gottes, auf das hin sie die Welt erhalten, die Menschen erziehen und Gleichnisse sind. Keine Ordnung darf absolut gesetzt werden, denn „indem Gott die Ordnungen setzt, bleibt er der Herr über ihnen. Sie finden die Grenze ihrer bindenden Macht an seiner Freiheit“ (20). Gott setzt „nicht die Statik einer fertigen Welt mit ... unwandelbaren Gestalten der Ordnungen, sondern die Dynamik“ (27). Aber eben daher „sind wir an die besondere und jeweilige Gestalt der Ordnung als an seine Ordnung, seinen uns bindenden Willen gebunden. In dieser bestimmten Obrigkeit von hier und heute, in ihrem bestimmten Anordnen ... ist Gottes Ordnung für mich da ... In dem bestimmten Rechte meines Volkes ... soll ich die Gottesordnung des Rechtes ehren, in dem konkreten Gehorsam gegen meines Volkes jetziges Recht und gegen seines Oberherren Befehl Gottes Ordnung gehorsam sein“ (28). Zwar unterliegt jede geschichtliche Ordnung „der kritischen Frage, ob sie das Wesen der Gottesordnung erfüllt oder entstellt“ (26), aber „es gilt,

[S. 6:] Gottes Ordnung gehorsam zu sein auch in der von Menschen willkürlich und böse gestalteten Ordnung“, was „die Kritik und den Willen zur Reinigung und Richtung der Ordnung“ (30) einschließt. „Nicht zwar ‚vom Evangelium her’, aber von Gottes Gesetz her sind die Ordnungen jeweils zu prüfen“ (31), und es gibt eine „Grenze, da der Gehorsam gegen die Gottesordnung zum Ungehorsam gegen die geschichtliche Gestalt der Ordnung werden müsste. Das ist Sache lebendiger Gewissensentscheidung in der bestimmten geschichtlichen Lage“ (33). Althaus nimmt Stapels und Gogartens „Volksgesetz“ durchaus positiv auf, aber für ihn bleibt „das Alte Testament mit dem von Christus her verstandenen Dekalog das alle Menschen bindende, alle Volksordnungen richtende Gottesgesetz“ (38). Denn es sind „die Ordnungen in unserer Welt des Sündenfalles und des Todesfluches vor allem einzelnen menschlichen Wollen notwendig mit Sünde verflochten“ (48), und die Liebe zum Volkstum „wird in Gegensatz und Feindschaft ihrer selbst erst ganz bewusst“, daher können wir dem Leben unseres Volkes nicht dienen, ohne – mindestens dem Willen nach – töten zu müssen und schuldig zu werden“ (54). Für Althaus bedeutet das sinnlose Bemühen um eine Versittlichung der Politik: „Die Politik zum Tode der Blutarmut, der Bleichsucht verurteilen. Es gibt keinen ganzen Einsatz für mein Volk ohne heiße Leidenschaft und wilden Zorn“ (54), denn „Schöpfung und Sünde sind grundsätzlich streng zu unterscheiden, aber in der Wirklichkeit ... konkret sowohl für das Denken wie für das Handeln unscheidbar“ (55). „Man kann in den Ordnungen der Geschichte nicht dienen, ohne zugleich auch an dem Reiche der Sünde mitzubauen“ (61). Doch „das Evangelium, das für unseren immer mit Sünde verflochtenen Dienst in den Ordnungen die Vergebung und die Erlösung verkündet“ (62), macht uns „innerlich frei und freudig, in den Ordnungen zu handeln auch da, wo dieses Handeln uns in Sünde hineinzieht, an Sünde beteiligt“ (64).

Die 1935 erschienene zweite, erweiterte Auflage der „Theologie der Ordnungen“ sieht in ihnen „Gestalten des Zusammenlebens der Menschen, die unerlässliche Bedingungen des geschichtlichen Lebens der Menschheit sind“ (9), „Dienstordnungen“ (E. Brunner), die das Leben der Menschheit erhalten und erneuern sollen. Zwar wird es „nie recht gelingen, die ethische Bindung durch Volkstum und Nation unmittelbar biblisch zu begründen“, aber „das in den Ordnungen ergehende Gesetz ist daher allen Menschen ins Herz geschrieben (Röm. 2,15)“ (17).

[S. 7:] Die Konkurrenz der Ordnungen „zwingt uns, durch die Ordnungen hindurch nach Gottes lebendigem Willen in der konkreten Konkurrenzlage zu fragen“ (20). Da es „Gott selber ist, der seine Ordnungen besondert und durch die Bewegung der Geschichte wandelt“, heißt es, „die Bewegung der Geschichte und die Neuheit jeder Stunde ernst nehmen. Halten auf Gottes Ordnung ist durchaus nicht grundsätzlich Konservatismus“ (28). „Aber die Gestaltung vollzieht sich durch Menschen“ (30), die durch Gehorsam und Willkür bestimmt sind.

„Obrigkeit und Führertum“ versucht 1936, die autoritäre „echte Herrschaft“ des Führers des Volkes theologisch zu begründen auf der Ordnung des Volkstums, denn – im Unterschied zu Paulus und Luther – „für uns heute ist Volk und Volkstum Schicksal und Verantwortung geworden. Das verpflichtet auch unser christliches Denken“ (6), denn „das ‚Gute’, das die Obrigkeit nach Paulus ehrt, besteht in der Erfüllung der Ordnungen, in die Gott die Menschen gesetzt hat; das ‚Böse’, das die Obrigkeit straft, in der Verachtung und Durchbrechung der Ordnungen“ (39), und „uns ist durch die geschichtliche Führung das Volkstum als Ordnung Gottes aufgegangen“ (41/42). Daher geht es „nicht um die Erhaltung des menschlichen Lebens überhaupt, sondern um Erhaltung eines jeglichen in seiner Art, das heißt aber: um die Erhaltung des Volkstums“ (43).

„Völker vor und nach Christus. Theologische Lehre vom Volke.“ Hier – 1937 – führt Althaus die Erkenntnis, dass das Volk Gottes Geschöpf sei, zurück auf den ersten Glaubensartikel: „Der Glaube, dass Gott mich geschaffen hat, schließt ... mein Volk ein. Denn was ich bin und habe, hat Gott mir aus dem Quell meines Volkes gegeben: das Erbe des Blutes, der Leiblichkeit, der Seele, des Geistes“ (5). „Wir erkennen Volkstum als Bildegesetz der Geschichte, die Gott waltet ... Die besondere Art eines Volkes ist seine Schöpfung und für uns als solche heilig“ (5), und dass aus „natürlichen und geschichtlichen Momenten das eigentümliche Wir﷓Bewusstsein entsteht, das Bewusstsein eines besonderen gemeinsamen Lebens, ohne das man nicht vom Volke sprechen kann, das ist unableitbar, schlechthin unerklärbare Urzeugung ..., darin verehren wir das Mysterium der Freiheit Gottes, kraft deren er ein Volk aus vor﷓volkhaftem, geschichtslosem Dasein herausruft“ (6) und auch wieder abrufen kann.

[S. 8:] „Die Furcht Gottes gibt uns den entschlossenen Willen zur völkischen Selbsterhaltung“ (7) und Trotz gegen die Bedroher, denn „als Geschöpf Gottes ist das Volkstum Gesetz unseres Lebens“ (7), bis hin zum Einsatz eigenen Lebens. Aber Gott will die Völker um der Einzelnenwillen, die er für sein ewiges Reich sucht. „Aber wir haben kein ewiges Leben, wenn wir nicht für unser Volk leben“ (8). Aber „wir sind nicht nur für unser Volk, sondern für jeden Menschen verantwortlich, wenn Gott ihn uns zum Nächsten macht, auch für die anderen Völker, soweit wir in Lebensbeziehung zu ihnen kommen“ (9). Doch „das Nebeneinander der Völker ist uns nicht nur Gottes Schöpferwille und Schöpferfülle, wir erfahren es auch als Not und Fluch“, denn „die Volkstreue führt an den Grenzen unentrinnbar in leidenschaftlichen Kampf gegen Menschenbrüder“ (9). Das bedeutet, „dass wir bei allem politischen Einsatz uns auch heraussehnen aus der Welt der Völkerkämpfe in das Reich Gottes“ (10). „Dazu ruft und erhält er die Völker, dass das Evangelium sie ergreife und Christus auf mannigfaltige Weise Gestalt gewinne in Volksarten, dass ewiges Leben anhebe in volkhaft vielfältig bestimmter Gemeinde. Dafür aber soll ein Volk zunächst einmal es selbst sein“ (10) und damit seinen Auftrag erfüllen. „Der politische Glaube lebt zunächst in den Sehern und Führern der Völker“ und „ist die innerste Kraft in der Geschichte eines Volkes“; er hat „es schon mit Gott als dem Herrn des Lebens zu tun, bewusst oder unbewusst“ (12), und ist die wagende Antwort auf den gehörten Ruf im Handeln Gottes mit dem Volk. „Es gibt kein echtes Volksbewusstsein, keine Volksgeschichte ohne religio“ (12), die auch dann echt ist, wenn sie verkehrt ist. Zwar ist Gottes „Handeln in der Geschichte der Völker ... weithin weder mit dem Gesetz noch mit dem Evangelium zu deuten“, aber „gerade indem man ... das Ereignis rein immanent, politisch oder volksbiologisch, erklärt, ehrt man das Geheimnis Gottes“ (14). Hat ein Volk sich zum Christentum gewendet, so bestimmt Christus nun seine religio so, „dass die Furcht des Gottes Jesu Christi den Gesamtgeist des Volkes, seine Weltanschauung beherrscht“ (16), und auch darum geht es der Kirche, nicht nur um das ewige Reich.

In „Kirche, Volk und Staat“ wird von Althaus 1937 als notwendiger Rückschlag gegen den liberalen Staat der totale Staat „als der zusammengefasste Wille des Volkes, sein Leben zu bewahren“ (30) bejaht und bekannt, dass „uns Deutschen jetzt die Blutgemeinschaft oder Rasse entscheidend wichtig geworden“ (18) ist.

[S. 9:] b) Das Volk als Blutzusammenhang bei Werner Elert

Elert, der im „Ansbacher Ratschlag“ nicht nur seine eigene, sondern auch die Überzeugung von Althaus gegen Barmen zum Ausdruck brachte, veröffentlichte im gleichen Jahr 1934 auch „Bekenntnis, Blut und Boden“, wo er aus Apg. 17,26 schließt: „Hier ist einmal die Bindung aller Menschengeschlechter an Blut und Boden ausgesprochen, zweitens die Gliederung der durch Blut und Boden verbundenen Menschen zu einem Volk ..., und drittens, dass dies göttliche Setzung ist“ (13). Er empfiehlt, den Begriff „Rasse“ durch „Blut“ zu ersetzen als den Träger des Erbgutes und des Arterbes und damit des leiblichen Lebens des Volkes. Das Blut schafft die Verstrebungen, um die sich dann der Volkskörper schließt, somit ist „für die menschliche Gemeinschaft gerade der Blutzusammenhang grundlegend“ (13), denn nach demselben biologischen Gesetz, nach dem wir geboren werden, müssen wir auch sterben“ (15). Die Ordnung und ihre Anordnungen sind rein, frei von sündiger Verkehrung; zwar hat Gott „dem natürlichen Gesetz sein offenbartes Gesetz hinzugefügt“ (24), aber die schon geordneten Zusammenhänge der Schöpfung, „diese schöpfungsmäßigen Bindungen, werden vom Gesetz Gottes vorausgesetzt, anerkannt und zur Mitteilung des Gotteswillens in Ansatz gebracht“ (25). So enthalten beide Gesetze den Gotteswillen, mit dem Unterschied, dass die Ordnungen „stumme Willensorgane Gottes sind, während uns das Gesetz seinen Willen sagt“ (28) und damit jedes Mal bindet an eine „bestimmte natürliche Ordnung“ (29). Diese wird damit in den Dienst des geoffenbarten Gesetzes gestellt und von Gott garantiert. Doch will Elert in seinem Begriff des natürlichen Gesetzes nicht die Anerkennung der Volksordnung als eines Anordnungs﷓, eines Sollgefüges mit einschließen, sondern nur als eines Seinsgefüges, das sich gleich einem biologischen Gesetz von selbst realisiert nach einem innewohnenden Gesetz und somit ein Teil naturhaften Lebens ist, ein Vorgegebenes.

„Das christliche Ethos“ (1949) unterscheidet innerhalb der Gesamtordnung der Schöpfung zwei Schichten von natürlichen, kreatürlichen, Schöpfungs﷓ bzw. Teilordnungen, die alle kein Soll-, sondern ein Seins﷓ und Zeitgefüge sind. Über einer rein naturgesetzlichen Schicht liegt eine zweite, deren Teilordnungen „von uns gebrochen werden können und ... daher auch der göttlichen Legislatur im engeren Sinne unterliegen“ (113).

[S. 10:] Unter den letzteren „nehmen die Ordnungen Volk und Staat insofern eine Sonderstellung ein, als sie von überpersönlicher Lebensdauer sind und weil dabei außer der zwischenmenschlichen Verantwortlichkeit auch eine gesamtheitliche besteht“ (114). Elert nennt Ordnungen dieser Art daher auch „Verband“ und versteht darunter das Volk als präexistente Gesamtheit (universitas), die mehr als die Summe ihrer Mitglieder ist, mit einem selbständigen Verbandsethos. „Dass die natürlichen Ordnungen gute Ordnungen Gottes sind, ist freilich ein Glaubensurteil“ (116). „Sie gehören der nomologisch verstandenen Gesamtwirklichkeit an, die auch dem Gesetz der Sünde und dem Gesetz der Dämonie Spielraum gewährt und die deshalb auch dem Gesetz der Vergeltung unterliegt. Dass sie trotzdem gute Ordnungen Gottes sind, kann auch der Christ nur von den Ordnungen von Fall zu Fall aussagen, denen er selbst jeweils zugeordnet ist“ (116), also von den konkreten Gestaltungen der Schöpfungsordnungen. Alle Glieder eines Volkes sind einander durch leibliche Verwandtschaft zugeordnet, und „tatsächlich ziehen alle geschichtlichen Völker eine Grenze ihres Konnubiums, das die Bedingung ihres Blutzusammenhangs ist und damit diesen auch jeweils geschichtlich begrenzt“(136). An den „drei Kriterien, Konnubium, Geschichte, Sprache, gibt sich ein Volk als Ordnung von Fall zu Fall zu erkennen“ „als gute Ordnung Gottes“ (136). „Haben die Vorfahren mit der Zerstörung der Ordnung Volk begonnen, so ist es höchste Zeit, dass wir mit ihnen brechen“ (138), doch der Staat bedarf des Machtbesitzes, „um ein Volksganzes zu schützen, zu formen und umzuformen“ (139).

c) Das Volk als Raumgemeinschaft bei Emil Brunner

Auch Brunner – obwohl reformierter Schweizer – hat sich in „Das Gebot und die Ordnungen“ 1932 von der deutsch﷓lutherischen Problemstellung bestimmen lassen. Er versteht unter Schöpfungsordnungen Gemeinschaftsordnungen, die allem geschichtlichen Leben zugrunde liegen, in ihrer Form variabel, in ihrer Grundstruktur aber unveränderlich sind, die Menschen zur Gemeinschaft zwingen und dadurch menschliches Leben ermöglichen, wenn wir auch „die Schöpfung Gottes nur in ihrer Gebrochenheit durch die Sünde ... kennen“ (194). Dabei erkennt Brunner überall ... schöpfungsmäßige Ungleichheit solcher Art, dass durch sie ein Mensch des anderen bedürftig ist“ (196), denn „Gemeinschaft kann es nur unter Ungleichen geben“ (197).

[S. 11:] Brunner bekennt sich daher zum „Gliedschaftsgedanken, denn Ehrfurcht vor dem Schöpfer, dessen Werk trotz aller menschlichen Entstellung die uns gegebene Wirklichkeit ist, fordert als erstes den Gehorsam gegen das Gegebene“ (198), in den „Dienstordnungen“, aber auf Grund dessen auch ein Zweites: „den Gehorsam gegen seinen Willen, wie wir ihn als den Willen des Vollenders und Erlösers kennen“ (199), denn Gott will die Schöpfung über sich selbst hinausführen und vollenden. Von daher ist die Bejahung des Gegebenen eine bedingte, denn es ist ein Vorläufiges und offenbart mit den Schöpfungsordnungen zugleich die Sündigkeit und Unvollkommenheit der geschöpflichen Welt. „Darum lautet der Wille Gottes ... auch: widerstreben, protestieren, sich nicht der Welt gleichstellen“ (201). Brunner will die Ordnungen dem Gebot Jesu Christi unterstellt haben, obwohl sie „ihren Dienst nur tun können, wenn sie in ihrer eigenen Gesetzlichkeit verstanden und gehandhabt werden“, die „nur vermöge der Vernunft erkannt werden kann“ (202); denn „wie der Christ nirgends vergessen kann, wessen Königs Untertan er ist, so kann er auch nirgends vergessen, dass Gehorsam gegen diesen König Liebe heißt“ (203), deren Gefäß die Ordnungen sind als der Rahmen für den Dienst am Nächsten. „Die nicht﷓radikal verstandene Liebe ist immer irgend wie partikulär“ (289) und auch als Volksliebe ungerecht, doch wird die Liebe von den einzelnen Ordnungen in jeweils besonderer Weise modifiziert. Sie sind somit nicht nur Gleichnisse „wahrer Gemeinschaft, sondern zugleich Mittel göttlicher Gemeinschaftspädagogik“ (320) und des Dienstes an der Gemeinschaft für den Glaubenden, zugleich menschliche und göttliche Schöpfungen, zugleich göttliche Gabe und heilige Aufgabe. „Sie sind die konkreten Arbeitsanweisungen des Schöpfergottes an den einzelnen Menschen ... im Gehorsam gegen das in den Ordnungen verborgene Gebot. Durch diese Ordnungen ist der Mensch ... gleichsam umgeben vom Gotteswillen und darf er andererseits das, was er tut, als Gottes Werk ansehen“ (321) und schafft so im Gottesreich. Doch da die Ordnungen auch unter dem Gericht stehen, ist „ein immer wachsames, kämpfendes Nein auf dem Grund ... eines dankbaren, dienstwilligen Ja“ (322) richtig, denn nur auf dieser Linie „wird immer das gesuchte göttliche Gebot in den Ordnungen gefunden werden können. Es liegt nirgends auf der Hand“ (322). „Gott will, dass es Völker verschiedenen Gepräges mit einer sie zusammenschließenden Einheitsform, und dass es eine Menschheit, die ihre Einheit wirksam manifestiert, gebe“ (431).

[S. 12:] Volk ist für Brunner ein geschichtlich﷓natürlicher Begriff, und er sieht seine Grundlagen 1. in der räumlichen Nachbarschaft, 2. in der Blutsverwandtschaft (deren Keimzelle die Familie ist), 3. in der Schicksalsgemeinschaft (was Staatlichkeit voraussetzt) und 4. in der Sprache, wobei nur das räumliche Beieinander unbedingt notwendige Voraussetzung der Volkseinheit ist, aber ebenso eine irrationale Geschichtstatsache ist wie das Entstehen der Völkereinheiten. Sie sind „überaus ‚zufällige’ Gebilde, in denen schöpfungsmäßiger Reichtum der Individualisierung und Wirkungen brutalster Machtkräfte unscheidbar zur Einheit verwoben sind“ (442). Aber „nicht bloß das Volk, sondern ebenso Europa, und in gewissem Sinn die Menschheit, ist Schicksalsgemeinschaft geworden. Es ist nicht einzusehen, warum der Prozess der Zusammenfassung an den heutigen Grenzen der Nationen halt machen“ (444) sollte; „Kampf zwischen den Völkern wird es geben, solange die Menschen Sünder sind“, „der Krieg aber hat unter diesen Mitteln keinen Platz mehr“ (458). Um der bedrohten geistigen Kultur willen fordert Brunner vom theologischen Standpunkt aus: „Zurück zum Rechtsstaat!“ (446) Brunner spricht für die Demokratie, aber gegen den Demokratismus, für die Autorität, aber gegen den Faschismus, da „das Wohl des Staates mit der Entmündigung seiner Glieder zu teuer erkauft ist“ (454). „Der Ruf nach dem Führer ist so oft nichts anderes als der Ausdruck der Verantwortungsscheu“, weshalb „ein bloß geführtes Volk ... ein Volk von Kindern sein muss, wenn es ihm bei diesem Zustand wohl sein soll“ (455). Schließlich fordert Brunner auch „die Ersetzung der zwischenstaatlichen Anarchie durch das Völkerrecht“ (451).

d) Das Volk als Gliedschaft Verantwortlicher bei Georg Wehrung

Das innere Verhältnis von „Christentum und Deutschtum“ wollte Wehrung unter diesem Titel 1937 aufzeigen, denn der Christ weiß – auch im Bezug auf sein Verhältnis zum Volk – , „dass das Fragwürdige zugleich heilig zu halten ist, das Vorläufige in die Ewigkeit hinüberreicht, das Gefährdete alle Treue, Wachsamkeit, Hingabe verdient“ (32). „Dass die Erbmasse von grundlegender Wichtigkeit ist, wird heute von niemand bestritten“, aber zwischen diesen Keim und die Gestalt tritt „die geschichtliche Begegnung und Auseinandersetzung“ (34). Zwar hat das Volkstum noch eine Norm über sich: [S. 13:]

[S. 13:] Es ist berufen, in seinen Werken lauteres Menschentum auszuprägen, das Menschheitsgut zu mehren“ (35) in unermüdlicher Auseinandersetzung mit fremder Geistigkeit und in deren umgestaltender Aneignung. „Unter inneren und äußeren Anfechtungen strahlt etwa die Idee der Gerechtigkeit oder der Menschenwürde oder reiner Güte auf, um eine bewegende Kraft zu werden“ (36). Dieses Ringen um letzte weisende Ideen bestimmt maßgebend die Weltgeschichte, so „dass Völker soweit geschichtlichen Rang haben, als sie durch ihre Besten an diesem Ringen teilnehmen. Hier ist kein Volk allein; hier kommt es darauf an, das Menschheitliche, das für alle Gültige, wenngleich jedes Mal eigen Ausgeprägte wie ein Banner für alle Völker aufzurichten, sie unter diesem heiligen Zeichen zu vereinen“ (36). Da in der germanisch﷓christlichen Menschheitsidee der Glaube an eine alle Stämme und Rassen verbindende und emporziehende Wahrheit lebt, fragt Wehrung: „Ist unsere Zeit größer, wenn sie nur noch ein Rassenethos, kein Menschheitsethos mehr kennen will?“ (37) Nach seiner Meinung kämpfen „gegen die westlichen Ideen einer abstrakten Gleichheit und Freiheit die germanisch﷓christlichen der Gliedschaft und des verantwortlichen Dienstes aller an allen“ (40), da „das Christentum ganz eigentlich die Religion der indogermanischen Völker geworden ist, wie sich seine Gestalt nur aus dieser Verbindung verstehen lässt“ (67). Jede Volksart soll „mit ihrem Klang miteinstimmen in die Verherrlichung Gottes. Wir vergessen nicht, dass dabei Rasse und Volkstum das Christliche überwuchern, ins Irdische hinabziehen können“ (68), denn zwischen der natürlichen Art und dem Evangelium besteht ein dialektisches Verhältnis und somit a u c h ein Kampf. Volk ist für Wehrung „ein gegliedertes Ganzes, das sich aus der Verbundenheit mit der Natur stetig erneuert, das sein Wesen im Weben seiner Phantasie, in Sage und Lied am echtesten ausspricht, das auf die große Stunde und auf den rechten Führer wartet, die seinen angestammten Möglichkeiten zum Durchbruch verhelfen. Im großen Mann übertrifft es sich vielleicht eben so, als es sich in ihm findet“ (103). Ein starkes Volk schließt sich nicht künstlich ab, sondern „vertraut seiner Kraft, Wesensfremdes abzustoßen oder es völlig umzuwandeln“ (104). Doch spricht Wehrung von „einer Zersetzungsarbeit, die nicht nur den christlichen Glauben, sondern ebenso die deutsche Staatsgesinnung ... unterwühlte“ (105).

[S. 14:] Deutsche Art und christlicher Glaube sind sich begegnet in der Sachlichkeit und in der Wahrheit, im Trotz auf die Wahrheit und im Führeranspruch des Einen, in der Freiheit (vor allem der Persönlichkeit, die sich der Gemeinschaft freudig einordnet) und in der polaren Struktur. Und „was in einem Volke ... von seinem naturgegebenen Wesen ihm hilft, in das Evangelium selbst einzudringen, das ist eine Gabe, ein Werk des Allmächtigen, – und gewiss muss es vom hl. Geiste Gottes erfasst und beseelt werden, um einen ganz unverfälschten Ton zu geben“ (117). Doch das germanisch﷓deutsche Christentum ist nur eines von mehreren, und sein Protest gegen die Verunreinigungen des Evangeliums „ist der große geschichtliche Beruf der Deutschen“ (116) bis heute, nämlich „das Auge für die Vielfältigkeit der Dinge zu üben“ (128), z. B. für das heilsgeschichtliche Offenbarungswirken Gottes und für das weltgeschichtliche Wirken Gottes. So „dürfen wir also beim Blick auf die Völkerwelt und ihre Geschichte auch von einem Offenbarwerden Gottes sprechen“ (140), wenn auch nur von einem mittelbaren, und „auch im politischen Leben ... werden Werke Gottes durchsichtig, dort etwa, wo ein Volk von den verantwortlichen Männern vom Abgrund zurückgerissen und auf den Weg der Zucht und der Ordnung gestellt“ (141) wird. Dass Gott sich mittelbar in seinen Werken auch den Glaubensentfremdeten offenbaren kann, „dass auch ihnen das feierliche Wort über die Lippen kommen kann ‚hier ist Gott’, dass sie aus ihrer Ergriffenheit Kraft schöpfen, an ihrem Platz am großen Werk mitzuarbeiten, dass sie dadurch über sich selbst hinausgehoben werden, das wird unser Glaube, der auch den Schöpfungsglauben im Sinne des ersten Artikels umspannt, nicht von der Hand weisen“ (143). Aber der Gefahr, Menschenwerk vorbehaltlos Gottes Werk gleichzusetzen, widersteht allein der christliche Glaube, und es ist daher Aufgabe der Kirche, im Raume der Schöpfung bei der Rettung eines Volkes aus der Zersetzung zu mahnen und zu segnen, sich mitzufreuen und volkhaft tiefer als bisher bewegt zu sein. Doch „die Volksehre ... ist der kollektivistische Ehrbegriff der antiken Völker, denen noch das Verständnis für die persönliche Ehre jedes Volksgliedes fehlte“ (156), die als Ehre der Geschöpflichkeit, der Gottebenbildlichkeit, aus der Ehre Gottes im Neuen Testament abgeleitet wurde.

1952 redet Wehrung in „Welt und Reich“ vom Volk als einer natürlich﷓geschichtlichen Gemeinschaft mit einem Ganzheits﷓ und Einheitscharakter, lehnt aber den biologischen Organismusbegriff dafür ab,

[S. 15:] denn „die menschlichen Ordnungen stehen unter Bedingungen eigener Art, sind auf Treue und Gewissenhaftigkeit, auf Entschluss und Wagnis gestellt“, und ihr Maß ist das Reich Gottes als das „Reich der Freiheit, das aller Freiheit Grund und Kraft ist, Vorbild wirklicher Gemeinschaft“ (193). Die Ordnungen sind „schöpfungsmäßige Zusammenbindungen, kraft deren aus Vielheit Einheit entsteht, wobei die Menschheit ihre Gliederung gewinnt“ (194). Auch das Volk ist als Ordnung herausgewachsen aus der Natur „durch natürliche Volksart, gemeinsame Sprache und gemeinsamen Raum, wozu als endgültig vereinend geschichtliche Erlebnisse, Leiden und Taten kommen“ (195). Es wurzelt in der Schöpfung und ist somit mehr als die bloße Summe seiner Artgenossen; Gott versagt ihm zu keiner Zeit verjüngende Antriebe, denn „Erhaltung ist immer auch Schöpfung, führt diese weiter“ (196). Als schöpferischer Gottesgedanke heiligt „die Volksordnung die ihr Dienenden durch die Verantwortung für das große Ganze, die sie mit einemmal emporhebt“ (197), trotz der Sünde, die die Ordnungen entstellt. Sie sind ja „nicht ohne weiteres als menschlich-göttliche Gegebenheiten anzusehen, auf denen man getrost weiterbauen kann. Sowieso sind sie immerzu in Bewegung“ (200), weshalb es „dem natürlichen Blick schwer fällt, in den Ordnungen, zumal der stets umkämpften Volks﷓ und Völkerordnung, einen Gottessinn zu entdecken“ (201). Zugang dazu „findet erst der Glaube an das Reich ... Nun wird es uns geschenkt, die Ordnungen sowohl in ihrem Schöpfungsursprung als in ihrem Schöpfungsziel zu erkennen und hinter allen Verzerrungen die Gotteswahrheit festzuhalten“ (201).

e) Das Volk als zu gestaltender Lebenskreis bei Paul Jacobs

Nach den „Grundlinien christlicher Ethik“ – 1959 – sind die Ordnungen „sowohl Ordnungen, die durch Gewohnheit und Tradition vom Menschen geschaffen wurden, also Menscheneinsetzungen, wie Ordnungen übermenschlicher Gesetzmäßigkeiten“ (131), die den Menschen zu ihrer konkreten Darstellung in den Ordnungen drängen. Ihr göttlicher und menschlicher Charakter ist untrennbar. Sie haben der Gemeinschaft zu dienen, ohne die Individualität des Einzelnen aufzuheben, denn „das Wort von der Gleichheit ist eine Lüge in jeder Beziehung“ (137), „Gemeinschaft aber baut sich gerade auf Verschiedenheiten auf“ (138).

[S.16:] „Die Ordnungen sind Schöpfungsgesetze und gehören ,wie alle Schöpfung, zugleich der in Sünde und Tod verfallenen Welt an“ (139), weshalb sie sowohl lastende Gesetze wie auch Gegenstand göttlicher Geduld sind. Ihre Schöpfungs﷓ und Sündenrelation kann die Vernunft von sich aus aber nicht erkennen, und die Ordnungen sind als solche auch nicht Gegenstand der Theologie und des Glaubens, denn es „geht um die Gestaltung, die aus dem Wort Gottes lebt, in dem Maße, wie das Wort Gottes selbst gestaltend wirkt“ (140). Es geht dabei – als Aufgabe der Kirche – um eine Fortsetzung der Verkündigung der Rechtfertigung, damit „das Bild Christi in den Lebenskreisen des Menschen Gestalt gewinnt“ (143). Dazu gehören auch Volk und Staat, die ihr Lebenszentrum biologisch wie historisch im Kreis von Ehe und Familie haben, und das einzelne Volk und ebenso „die Menschheit der Völkerwelt ist eine Erscheinung der Schöpfung wie der Sünde, zugleich“ (178).

2. Das Volk als natürlich erkennbare Schöpfungsordnung

Hier sollen die Theologen zu Wort kommen, die ebenfalls das Volk als eine Schöpfungsordnung verstehen, es als solche aber – mehr oder weniger deutlich – unabhängig vom Glauben an Christus zu erkennen meinen und entsprechend das „Volksgesetz“ dem Dekalog gleichsetzen, wobei sie – wie die im 1. Abschnitt erwähnten Theologen eine natürliche Offenbarung bejahend – auf diesem Wege einer natürlichen Theologie sehr nahe kommen.

a) Das Volk als arteigener Blutbund bei Emanuel Hirsch

In „Deutschlands Schicksal“ gelangt Hirsch 1920 von der Bejahung des Rechtes des Stärkeren und der Überzeugung, dass universales Recht den universalen Staat voraussetzt, zu der Erkenntnis: „Ohne Weltreich kein Weltfriede“ (86), wobei „der Krieg als notwendiges Stück der göttlichen Schöpfungsordnung begriffen“ (95) wird, denn er „ist der Vollstrecker der Geschichte und ihrer dem Recht widersprechenden Gerechtigkeit“ (101). Hirsch meint: „Wir waren ein Weltvolk, ein adliges Volk, vielleicht das blühendste und beste von allen“ (143) und wünscht sich „ein Volk, das sehr stolz auf die ihm von Gott gegebene Art ist“ (152).

„Das kirchliche Wollen der Deutschen Christen“ zeigt 1933 der Kirche eine zweite Aufgabe, nämlich um der ersten Aufgabe –

[S.17:] der Verkündigung des Evangeliums – willen „eine vorbereitende ethische und religiöse Zucht und Erziehung zu üben“, eine Aufgabe, die sich „gemäß der natürlichen Art der Volkstümer und gemäß der Besonderheit der geschichtlichen Stunde“ (6) abwandelt. Gehorsam gegen Gottes Wort heißt daher, „sich der Geistesführung anzuvertrauen, die einem die Wirklichkeit des geschichtlichen Lebens deutet und die in dieser Wirklichkeit liegende konkrete Pflicht erschließt“ (7). Praktisch bedeutet das – da das demokratisch﷓parlamentarische System für Deutsche nicht passt – , „den Ruf Gottes in der Stunde der nationalsozialistischen Revolution ... zu hören“ , diese Stunde zu „erfahren wie ein Aufgehen der Sonne göttlicher Güte“ und an dem neuen „Heilighalten von Sitte und Zucht“, „an deutscher Volksordnung und Volksart mitzuarbeiten“ (7), aus dem Rechtfertigungsglauben heraus das Volksethos zu vertiefen und so die gebotene „Verschmelzung evangelischer und nationalsozialistischer Sitte und Lebensführung zu zeigen“ (10). „Der Geist der Völker und Menschen steigt aus dem Blute empor“, und „die Träger guten alten und rein deutschen Bluts“ haben „die Verpflichtung, das empfangene Bluterbe in deutschen Kindern dem Volke zurückzuschenken“ (11). Die Kirche aber hat „den Mischheiraten (ebenso dem Überwuchern der Minderwertigen) gleichgültig zugesehen“ (11) und darf nun – nach dem Wandel – nicht nur das namenlose Leid der „Halbdeutschen“ sehen, die so gerne Deutsche sein möchten und unschuldige Opfer der Vorfahren sind, sondern sie „muss dem Staate in seinem schweren Werke helfen“ (11) und das neue Ethos auch selbst anwenden „in der Auslese ihres künftigen Nachwuchses an Führern“ (11/12). Da „Deutschtum und Christentum auf eine sehr innerliche Art sich finden müssen“ (12), ist eine volkhafte deutsche evangelische Kirche notwendig, ein evangelisches Christentum deutscher Art. „Natürlicher Mensch, natürliches Gesetz und natürliche Gotteserkenntnis“ (12) müssen in den Blickpunkt der Theologie kommen, und da „das Natürliche immer nur als volkhafte geschichtliche Individualität da ist“ (12), gibt es „nach Gottes Willen volkhaft und geschichtlich abgewandeltes christliches Denken, Sprechen und Handeln“ (13).

„Die gegenwärtige geistige Lage“ gedenkt 1934 des Judentums als der am Marxismus führend beteiligten Menschenschicht und als eines Volkstums, das christentumsfeindlich ist, so dass ein getaufter Jude „sich von seinem Volkstum zu scheiden und Gastrecht bei einem fremden

[S. 18:] Volkstum zu erbitten“ (22) hat, wobei „es in der Regel – soweit dergleichen nicht überhaupt, wie künftig bei uns, ausgeschlossen ist – der Blutvermischung durch mehrere Geschlechter hindurch bedarf, ehe bei den Nachkömmlingen die Lage des Gastes einer echten, d. h. von beiden Seiten als selbstverständlich empfindbaren Zusammengehörigkeit weicht“ (22). Diese geschichtliche Lage ist „göttliches Verhängnis, das erlitten werden muss“ (23). „Die Judenschaft wurde Träger und Förderer und Steigerer aller zersetzenden Möglichkeiten“ (24) des Geschichtsalters, und daher wird man den Marxismus „als Beleg der inneren Unmöglichkeit der Judenemanzipation auf dem Boden christlicher Volkstümer verstehen“ (24). „Wir nehmen die Grundordnungen unsers gemeinsamen Lebens heraus aus dem Umkreis der Diskussion“ (27) und sind gebunden an „einen gemeinsamen volklichen und staatlichen Nomos“ (28). „Der neue Wille ist als ein heiliger Sturm über uns gekommen und hat uns ergriffen“ (29), und die Vorgeschichte dieses Willens beginnt im August 1914. „Jedes geschichtsmächtige Volkstum ist ein Blutbund mehrerer Stämme mit zahlreichen Sippen, der durch gemeinsame Geschichte wird und besteht und an einem gemeinsamen nationalen Nomos Rückhalt und Festigkeit hat“ (34). Wenn Adolf Hitler vom Volkstum, vom Geheimnis des Blutbundes und der Aufgabe seiner Bewahrung spricht, dann bricht „das in ihm mächtige ursprüngliche religiöse Gefühl durch. Hier ist das Werk des allmächtigen Herrn zu spüren, dem wir lediglich Werkzeuge zu sein haben“ (36). Darum sind selbst etwaige Fehlgriffe gleichgültig, und „selbst der rücksichtsloseste Zugriff ist, solange er hier dienend bleibt, bei allem Wagen und Machen dennoch ... an Gott gebunden“ (37). Der „sich binden lassende Einzelne erkennt im Nomos des Ganzen willig den eignen und steht mit dieser Haltung in unmittelbarer Frage vor dem Herrn der Geschichte“ (38).

„Christliche Freiheit und politische Bindung“ stellt 1935 – ausgehend von der zwiefältigen Offenbarung Gottes in Gesetz und Evangelium – die These auf: „Das Gesetz, mit dem sich Gott offenbart, trifft uns durch die Wirklichkeit des menschlich geschichtlichen Lebens selbst“ (77); daher „hat die Evangeliumsoffenbarung eine Anknüpfung an das allgemein﷓menschlich﷓geschichtliche Gottesbewusstsein“ (78/79) und wird so ein die Heiligung aus Gott gewährendes gnädiges Ja zu Volkstum und Geschichte als den uns gegebenen Möglichkeiten, Gott zu erkennen

[S. 19:] und ihm zu dienen“ (79). Echte Lebensordnung nennt Hirsch den „Nomos“ eines Volkes oder Geschichtskreises, als „gemeinsames Gut der Menschen ..., die durch Art, Schicksal und eignen Willen zu einem verbindlichen geschichtlichen Lebensganzen zusammengeschlossen sind“ (80).

Nach „Deutsches Volkstum und evangelischer Glaube“ – 1934 – beruht das evangelische Christentum untrennbar „auf einer Begegnung deutscher Menschlichkeit mit dem Evangelium“ (5), und entsprechend hat die nationalsozialistische Bewegung „einen festen Grund in einer Begegnung mit dem lebendigen Gott, der der Herr der Geschichte ist, der die Völker ruft, dass sie ihm dienen, ein jegliches nach seiner Art“ (6). Der Glaube dieser Bewegung und der evangelische Glaube haben es mit dem gleichen Gott zu tun und müssen verschmelzen; davon die Bewegung zu überzeugen und so den deutschen Menschen zu deutschem Wollen tauglich zu machen, ist Aufgabe einer neuen Kirche, Theologie und Frömmigkeit. „Ein Volkstum bildet und gestaltet sich fort durch die großen Persönlichkeiten, die in ihm erstehen“ (5), aber „nur blutgebundener, dem Blute treuer Geist ist wahrhaft lebendig und wahrhaft Geist“ (11), und „die Treue unter dem Herrn wird zur Heiligung der Treue gegen Blut und Volk und Bewegung“ (21) in der Gefolgschaft des Vaters Jesu Christi, wie auch der Dienst am Volk Ehre bei Gott ist; dass diese Ehre Gottes freie Gabe ist und daher auch Entarteten, menschlicher Ehre Unfähigen angeboten wird, das heißt Rechtfertigung allein aus dem Glauben.

Im „Leitfaden zur christlichen Lehre“ – 1938 – sind die Volkstümer „ursprüngliche, d. h. in Gott ihren Urstand habende Lebenseinheiten, in denen die heiligen Lebensmächte am menschlich﷓geschichtlichen Dasein walten“, zugleich „(1.) Blutbund, und (2.) im Tun und Leiden der Geschichte gehärtete Schicksalsgemeinschaft, und (3.) Nomos, d. h. in Denkart, Empfindungsart und Umgangsart konkret ethisch bestimmte Lebensverfasstheit“ (234), wobei Hirsch in der Menschheit die „Gemeinschaft von Völkern sieht, die im Kämpfen, Herrschen und Dienen ihr lebendig eingegliedert sind“ (235). Die Glieder des Volkes müssen vor Gott „ihre Volkhaftigkeit als Gottes sie verpflichtende Gabe, Gottes sie rufende Fügung, mit innrer Freiheit heilig zu halten sich genötigt wissen“ (236), und die weißen Völker haben „sich als gemeinsam zu Waltern
[S. 20:] der Erdgeschichte berufene Herrenvölker zu wissen“ (236), wenn auch jedem Volke eigene Staatlichkeit, Ehre und Sendung zuzubilligen ist.

In „Ethos und Evangelium“ entfaltet Hirsch 1966 eine antinomistische Ethik in der – auch durch das Evangelium nicht aufhebbaren – Spannung zwischen dem „endlich Guten“ und dem „unendlich Guten“. Daraus folgt, „dass wir im Vollbringen unsers Dienstes unter den Bedingungen irdischen Gemeinschaftslebens zugleich zwei Herren dienen“ „in zwei wider einander streitenden Reichen“ (31). Hirsch redet nun nicht mehr von der Bedrohung der Deutschen durch die Juden, sondern von der der weißen Rasse durch die „anderen Menschengruppen“, die – von Hass, Gier, Neid und Erbitterung erfüllt – die weißen Völker „in sich aufsaugen und mit der dadurch bewirkten Intelligenzdüngung dann selber die Herren und Führer der Menschheitszivilisation werden“ (253) wollen. Gegenüber dieser Gefahr der Verschmelzung bedarf es „individuell geprägter und von seinem (nämlich dem christlichen Glauben) Ethos innerlich getragener Gemeinschaften, welche als Hut und Wirkungsbereich christlicher Persönlichkeiten mit starkem inneren Eigenstand im Menschheitsganzen stehen“ (263) als „eigengeprägte Volkheiten“ (263), als „Lebenszellen ethisch durchgebildeter Menschlichkeit“ (264). Auf dem Grunde der weiterhin von Hirsch vermuteten Wahlverwandtschaft zwischen Germanentum und christlichem Glauben (255) fordert Hirsch: „Die evangelischen Kirchentümer müssen sich zu der ihnen gegebenen Sendung zurückfinden, ... die individuell geprägte seelische und geistige Art zu erhalten, welche ein Volk gleichsam im Ganzen der Menschheit zu einer individuellen Persönlichkeit höherer Ordnung werden lässt“ (264).

b) Das Volk als Gabe eines sittlichen Gesetzes bei Friedrich Gogarten

In „Die religiöse Entscheidung“ (1921) lehnt Gogarten von der dialektischen Theologie her die Frage „Religion und Volkstum?“ (12) ab und hält sie außerdem für „nur zeitgemäß und darum nicht beachtenswert“ (26), doch bleibt die Frage nach dem Sinn des Volkstums von Gott her, und sie „stellt uns mitten in Gottes schaffende Tat“ (27). Zwar stehen wir – als Sterbende – vor Gott „als die, die sich lösten vom Ursprung, die darum ... Schöpfung ... zum bloß Geschaffenen und darum zum ... Sterbenden werden ließen“ (29),

[S. 21:] doch Gott spricht „ein ewiges, schaffendes, absolutes, schlechthinniges Ja zur ganzen Welt“ (30) und somit auch über das „Deutschtum“. „So müsste man das Volkstum segnen können, aber es bekommt kein besonderes mystisches Wesen und keine besondere Bedeutung“, sondern steht zwischen Gericht und Heiligung, denn „es geschieht mit ihm, was mit dem ganzen Menschen geschieht, mit allem, was irgend zu seinem gottgeschaffenen Wesen gehört: es wird geheiligt durch und durch“ (31).

Nach „Schöpfung und Volkstum“ ist Gott als Schöpfer und sind Gegebenheiten, in denen er sich als Schöpfer erweist, nur zu erkennen im Glauben an Jesus Christus. Hier – 1932 – geschieht das Gesetz Gottes, unter dem wir auch als Christen stehen, in der Schöpfung dynamisch als Gottes lebendiger Wille, indem Gott uns durch das Gesetz schafft. Somit ist unser menschliches Leben in dieser Welt, mit dem wir „unserem Schöpfer und Herrn gehören“ (492), Gottes Schöpfungsgabe, und da „der Mensch mit seinem Leben nicht sich gehört, sondern diesem Volk“ (494) und sich aus dieser seiner vorgegebenen Herkunft und ursprünglichen Verbundenheit nicht lösen kann, müssen „Volk und Volkstum ... als die Gabe eines sittlichen Gesetzes“ (494) genommen werden, das – wie das Gesetz Gottes – mich selbst fordert, an mir handelt und die lebendige, d. h. wandelbare Sitte des Volkes ist. Es ist Ausdruck eines Willens, dessen Subjekt aber nicht das Volk ist, denn das Volk ist keine Individualität und keine Einheit, die durch Blut und Rasse bedingt wäre, sondern „alles Gesetz, das es auf Erden gibt, weist hin auf Gott und ist in Gottes allmächtigem Willen gegründet, den er der Welt zum lebendigen Gesetz gegeben hat, aus dessen ewigem Geschehen sie lebt“ (502). Das „völkische Gesetz kann von keinem anderen gegeben sein als von Gott, dem Herrn“ (503), und im Glauben an Christus „erkennen wir das Volk und das Volkstum als die vorzüglichste Gabe, in der sich Gott an uns als unser Schöpfer erweist“ (504).

In „Einheit von Evangelium und Volkstum?“ wagt Gogarten 1933 ein Urteil über „Gottes Führung durch die geschichtlichen Ereignisse“ (7) der letzten Zeit: „Der deutsche Mensch weiß wieder, dass er seinem Volk gehört und in seinem Volk dem Staat, in dem der Wille des Volkes zur souveränen Macht geworden ist“ (9),

[S. 22:] denn „Staat und Volk und die Ordnungen, die mit ihnen verbunden sind, sind die Grundfesten der menschlichen Existenz“ (9), und gegen ihre drohende Entartung und Zersetzung „ist die nationalsozialistische Bewegung die elementare ... Wendung“ (11). Trotz zweier Herrschaften, „der irdischen des Staates und der himmlischen Jesu Christi“ (13) gibt es doch keine andere, auch keine biblische oder christliche Sittlichkeit neben der, die „aus den Kräften des Volkstums, der volkhaften Gebundenheit“ (14) stammt, und für das Volk ist „die Ehre nach innen und nach außen das höchste Gut und die Quelle seiner sittlichen Kraft“ (14). „Die Herrschaft des neuen Staates hat uns wieder unter das Gesetz gestellt“, das – als die Art des Volkes – bestimmt, „wie wir als zu ihm Gehörende denken und fühlen, leben und handeln sollen“ (15). „Die Not der Stunde“ erfordert, dass das deutsche Volk „zunächst in Uniform gebracht“ (17) und unter ein sehr hartes Gesetz gestellt wird, denn vorbehaltlose Einheit des Volkes und seines Volkstums ist um seiner Selbstbehauptung willen geboten. Die Parole „Einheit von Evangelium und Volkstum“ fordert nach Gogarten mit Recht die Einheit von Gesetz und Evangelium, „denn das Gesetz ist uns in unserem Volkstum gegeben“ (18), und da das Volk alle anderen Gemeinschaften in sich schließt, ist sein Gesetz das höchste und hat „eine fraglose, von jeder Problematik unangefochtene Gültigkeit“ (21). „Rasse und Blut, die gewiss von Volkstum nicht zu trennen sind“ (22), verlangen sittliche (nicht naturalistische) Zucht und Reinerhaltung. „Dass dieses Gesetz als sittliches Gesetz, dass es, was dasselbe heißt, als Gottes Gesetz erkannt und rein erhalten wird, das ist die Angelegenheit der Kirche“ (23). Durch ihre Verkündigung „bekommt das Gesetz da, wo es von Christus her erkannt wird, eine andere Gesetzeskraft. Es wird zum Wort Gottes“ (24). Der totale Anspruch Jesu Christi an den sündigen und verlorenen Menschen gibt diesem „eine neue Möglichkeit zum Leben unter seiner Herrschaft, die nichts anderes ist denn Vergebung der Sünde“ (27). Daraus folgt, „dass die Kirche den Menschen in seiner ewigen Existenz, in seiner Beziehung zur Ewigkeit in Anspruch nimmt und damit die Totalität der Existenz, die der Staat für sich in Anspruch nehmen kann, als die Totalität der irdischen Existenz erkannt wird“ (27). Das Gesetz herrscht also nicht in der ganzen, sondern nur in der irdischen Existenz um der Sünde willen.

[S. 23:] c) Das Volk als biolog. Wertungsgemeinschaft bei Wilhelm Stapel

„Der christliche Staatsmann“ stellt 1932 die Völker dar als natürliche sittliche Wertungsgemeinschaften, umgeben von einer politischen und einer sittlichen Grenze. Sie haben als ursprüngliche „Kultgemeinschaften ein göttliches Gesetz (Nomos) empfangen, durch das ihr sittliches Handeln bestimmt wird“ (210). Doch „gilt das natürliche sittliche Gebot nur, soweit die biologische Struktur der Volksgemeinschaft reicht“ (211), denn jedes Volk hat sein eigenes Ethos, und „wir ... erkennen nur das volkhafte Ethos auf Erden und das Gesetz des Reiches Gottes im Himmel an“ (216). Zwar gelten auch allgemeine ethische Begriffe in allen Völkern, aber entscheidend ist deren Rangordnung im Volksethos, die daran zu erkennen ist, „für welche Werte ein Volk seinen Jünglingen und Männern ... in den Tod zu gehen zumutet“ (217). Das gilt aber nur für „freie Völker“, denn „das Ehrgefühl ... hat seinen biologischen Grund in der Wildheit des Volkes“ (220). Dagegen steht in der Wertordnung ‚gezähmter Völker’ der sogenannte „Friede“ obenan, der nicht den religiösen Begriff, sondern die ungestörte Ordnung der irdischen Dinge meint. Daher ist es „für ein Volk von entscheidender Bedeutung, ob von Zeit zu Zeit erneuernde Stürme aus dem tiefen Grunde der ursprünglichen Wildheit hervorbrechen und die Vergreisung der Ethik wieder aufheben“ (222). Es gibt zwei Möglichkeiten, sittliche Anschauungen auf andere Völker auszudehnen: die moralistische, die äußere Gewalt verfemt und statt dessen „Propaganda und Diskussion als etwas ‚Geistiges’ mit einer moralischen Glorie umgibt (weil dies das Mittel der Machtausbreitung des Judentums ist)“ (226), und die imperialistische, bei der ein Volk den politisch höchsten Rang, die Schirmherrschaft, die „Führerschaft“ beansprucht und alle Völker der Erde in einem „Reich“ vereinigt. „Das deutsche Volk ist von Natur ein imperiales Volk“ (228), und nach dem Untergang der Römer ist das Reich „von Gott den Deutschen aufgetragen worden. Sie sind das Reichsvolk“ (232). Die dieser Aufgabe entsprechende Sittlichkeit des „reichsbildenden“ Volkes begreift notwendig in sich: „Sieg, Ruhm, Herrschaft, Gehorsam, Über﷓ und Unterordnung, Autorität“ (236). Da aber alle menschliche Sittlichkeit notwendig Sünde ist, bedarf der Christ eines Gegengewichts und „vereinigt in sich Ruhm unter den Menschen und Demut vor Gott, menschliche Vergöttlichung und Entäußerung vor Gott“ (244).

[S. 24:] „Das e i n e Reich ist der schöpfungsmäßige Sinn der Weltgeschichte“ (244). Eine Gleichberechtigung der Menschen und Nationen kann und soll es nicht geben, „denn was nicht gleichwertig ist, ist auch nicht gleichberechtigt“ (247) und muss dem höheren Werte weichen. „Wenn in ganz Polen nur zwei Deutsche wohnen würden, so wären sie mehr als die Millionen Polen“ (255). „Wo uns das Imperium nicht zugestanden wird, muss es errungen werden“ (256); dann – in einem geordneten Europa – kann das Volkstum der anderen Völker als gegenständlicher Ausdruck der Volkheit gepflegt werden. Gott wird mit einem christlichen Staatsmann als Führer den Stolz der deutschen Jünglinge belohnen, die von Gott geschaffen wurden zu Kriegern und Herren über die anderen Länder.

In „Volk“ kennzeichnet Stapel 1942 das Volk als „unmittelbares Gebilde aus Gottes Schöpferhand“ (24) mit einem Volkskörper und einer Volksseele. Als Organismus ist es ein lebendes Wesen, das sich nach einer unwillkürlichen, immanenten Gesetzmäßigkeit („Schicksal“) entwickelt. „Das deutsche Volk ... ist eine Idee Gottes“ (71) mit den typisch deutschen Wesenszügen Treue, „Sinn für kriegerisches Helden﷓ und Führertum“ (64), Entsagungskraft usw. Der Glaube an das Volk als von Gott gesetzte Erscheinung führt zu unreflektiert gelebter Volkheit, zu dem unmittelbaren „Volkserlebnis“ „mit zugleich sittlichem Zwang von überwältigender Größe und Gewissheit“ (90), Teil des Volkes zu sein, „am klarsten und bewusstesten in den Augenblicken höchster Freude und tiefster Todesgefahr“ (90), z. B. im August 1914 und im Schützengraben. Stapel bejaht zwar die Menschlichkeit als die „Kraft der Liebe, die dem einzelnen Menschen innewohnt“ (96) gegenüber aller Kreatur, aber konkret bedeutet das: „So lasst uns in Liebe hassen und im Hasse lieben! Lasst uns erbarmungslos kämpfen für die Freiheit und lasst uns Liebe üben von Mensch zu Mensch! Gott krönt uns mit dem ewigen Leben, dass wir uns in Liebe zu den Überwundenen neigen“ (100).

d) Das Volk als artgestaltender Gemeinschaftskreis bei Georg Wünsch

Wünsch entfaltet 1932 im „Wirklichkeitschristentum“ eine Theologie der Uroffenbarung als einer Offenbarung Gottes in der ganzen profanen Wirklichkeit der Schöpfung. Ihm „wird die Liebe gleichbedeutend mit dem Gehorsam gegen die Schöpfung“,

[S. 25:] (231) deren Ordnung erfassbar ist durch Vernunft und Erfahrung, also mit den Mitteln menschlicher Erkenntnis, die dabei auf dem Glauben fußt, dass das gewonnene Bild der Wirklichkeit „zum mindesten d i e Wirklichkeit, von der der Schöpfer will, dass sie für mich Wirklichkeit sei“ (235), ist. Zwar kann der Mensch nicht sicher Schöpfungsordnung und Sünde unterscheiden, aber das ist auch allein Gottes Sache, und er tut mit Hilfe des Menschen sein Werk auch durch die Sünde hindurch“ (237). „Nicht lebt der Gläubige in zwei Welten, sondern in der einen profanen“ (237), und „so realisiert sich Offenbarung als Uroffenbarung, Theologie als gläubige Anthropologie, Reich Gottes als Verstehen der Bewegtheit der profanen Geschichte“ (238).

Die „Evangelische Ethik des Politischen“ zeigt 1936 die Mannigfaltigkeit der Schöpfungsordnungen, deren Zahl und Art unbegrenzt ist und sich ändert, denn „was Schöpfungsordnung ist, kann ... nur für die jeweilige Gegenwart und für die jeweilige Situation des Menschen oder einer Gruppe von Menschen gesagt werden“ (28). Daher sind „Kriterien zur Erkenntnis der immer neu werdenden Schöpfung und ihrer erst nach Vollzug erkennbaren Ordnung ... dem gläubigen Menschen geschenkt“ (30), nämlich 1. dass die Ordnung „als solche ‚im Gewissen’ als von Gott geboten bezeugt wird“ (31); 2. „die geschöpfliche Rangordnung der Werte“ (33), deren Schöpfer Gott ist; 3. die geschichtlich bedeutsame Not als Befehl und damit als Mittel der Führung Gottes durch die Geschichte; und 4. die Liebe als „leidenschaftlicher Wille zur Entdeckung der entscheidenden Nöte“ (53). Rasse, Volk und Nation sind besondere, alle übrigen umfassende und artgestaltende Gemeinschaftskreise. Wünsch unterscheidet das „Staatsvolk“ (mit Angehörigen verschiedenen Volkstums) von dem „Volkhaften“ (negativ als „ungebildet“, positiv als „volkstümlich“ bezeichnet und unabwendbar dem modernen Schicksal der Massewerdung unterworfen) und vom „Artvolk“, das „viele Familien, mehrere Stämme umfassen und von einer bemerkbaren Bedeutung sein muss“ (441) und dessen Merkmal vor allem der auf gemeinsamer Abstammung beruhende Rassetypus ist, gemischt aus artverwandten Rassen. Jedes Volk hat und erstrebt ein „Volksrassenideal“, daneben aber auch Arteinheit von Eigentümlichkeiten geistigen Wesens, einen Volkscharakter, der sich in der Volkskultur zeigt. Die eigentümliche Mächtigkeit des Volkes wirkt als Erbkraft, als Werbekraft und als Volksethos

[S. 26:] und entspricht der „Volksrassenseele“, dem Volksgeist, den es nicht gibt ohne Volkskörper oder Volks-„Blut“ und auch nicht ohne Volksboden. Völker „entstammen dem geheimnisvollen Urgrund des Daseins, wie der einzelne Mensch auch“ (446) und sind im allgemeinen naturhaft und unbewusst gewachsen. „Dann aber wird das Volk Gegenstand des Willens zur Selbstbehauptung in allen Phasen seiner von Kämpfen getragenen Entwicklung aus Treue gegen den Willen der Natur oder – Gottes“ (447). So dient der nationalsozialistische Staat dem Artvolk durch den „Volks-Rassensozialismus“ (441).

e) Das Volk als Ordnung des objektiven Geistes bei Reinhold Seeberg

Die „Christliche Ethik“ versucht 1936 – in dritter Auflage wieder neu bearbeitet – zu beweisen, „dass eine christliche Sozialethik sich besser und richtiger auf einer nationalsozialistisch geformten Grundlage der Schöpfungsordnungen entwickeln lässt als auf dem Boden von demokratisch oder liberalistisch gestalteten Lebensordnungen“ (E. Seeberg im Vorwort, S. V). R. Seeberg unterscheidet vom subjektiven Geist des Einzelnen den objektiven oder Gemeingeist als Inbegriff der Geistigkeit der Gemeinschaft bzw. als von Gott geschaffene Ordnung eines geistigen Bewegungsprinzips. Der objektive Geist wird der Menschheit durch die Schöpfung mitgeteilt und durch die freie Richtungsnahme der subjektiven Geister zum sozialen und geschichtlichen Gemeingeist der Völker, der „als Gemeinwille die Wechselwirkung der Einzelwillen zur einheitlichen Richtungnahme bestimmt“ (10) und so national, sozial und historisch wirkt. „Überall liegt dem Sein wie dem Geschehen eine feste Gottesordnung zugrunde, welcher der Mensch als Gemeinschaftswesen folgen muss oder doch soll“ (10). Auch die neue Ordnung des Evangeliums setzt den Bestand dieser von Gott geschaffenen Ordnungen voraus, deren konkrete Gestalt allerdings fehlbar ist wegen des Missbrauchs durch die Sünde und der Wandelbarkeit der geschichtlichen Verhältnisse. Der objektive Geist hat – wie die ihm untergeordneten subjektiven Geister und auch der gesamte Naturzusammenhang – seinen Ursprung in dem absoluten Geist, d. h. in Gott. Das Volk ist eine natürliche Gemeinschaft, bestimmt durch den Trieb zur Wechselwirkung ihrer Glieder untereinander auf Grund des Wir﷓Bewusst-Seins. Dabei „setzt sich der objektive Volksgeist in der Familie an den einzelnen Individuen des Volkes durch,

[S. 27:] freilich in der Sonderprägung der Familientümlichkeit wie auch der persönlichen Eigentümlichkeit“ (264). Im Grunde ist auch das Volk eine Familie, deren Mitglieder einander nicht mehr kennen, denn „auf dem Wege physischer Vererbung und geistiger Tradition begreift sich die Entstehung des Volkstypus“ (264) in Rasse, Volkstum, Sprache und Sitte und in seiner Einheit mit dem Vaterlande und seiner Geschichte. Zwar lehnt Seeberg die Hochwertung der nordischen Rasse und die Spekulationen über das „Blut“ als unfruchtbar ab, „denn das maßgebende Motiv im Leben der Völker ist der geistige Wille“ (265), der nicht bloß durch die physische Art bestimmt wird. Aber „in dem Maße, als die degenerativen Merkmale in unserem Volk sich zu mehren beginnen, wird also es als sittliche Aufgabe anzusehen sein, bei Eheschließungen sowohl die Rassenreinheit als auch die Einheit des Volksgeistes im Auge zu behalten“ (266). Die Juden haben eine „stark ausgeprägte rassenhafte Anlage, die in vielfachem Gegensatz zu der deutschen Art steht“ (266) und in Verbindung mit der besonderen geschichtlichen Prägung des jüdischen Geistes ihnen eine Eingliederung in andere Völker unmöglich macht. Aus ihrer Lage heraus sind sie notwendig bestrebt, „die Einheit des völkischen Bewusstseins zu zersetzen und dafür den Individualismus durchzusetzen“ (260) und den ihm entsprechenden Demokratismus, entgegen dem Gemeingeist des Volkes. Daher ist es verständlich, dass „der Staat zu Maßregeln ... sich veranlasst sieht“ (267), wobei aber humane Rücksicht walten und die jüdische Rachsucht nicht nachgeahmt werden sollte. Um ein Sinken der Qualität des Volkes zu verhindern, ist „grundsätzlich festzuhalten, dass die Sterilisierung wie die Eugenik überhaupt nicht widersittlich ist und daher vom Standpunkt der christlichen Ethik aus nicht angefochten zu werden braucht“ (269). Die das Leben gestaltenden Gottesordnungen sind der Grund aller Lebensfunktionen des Volkes, daher schöpfungsmäßig notwendig und unentrinnbar, aber nicht „im Sinn des Sollens moralischer Gesetze, sondern im Sinn des Müssens“ (279), da die sittlichen Ordnungen in Natur und Geschichte eigengesetzlich sind. So „werden also alle diese Ordnungen wie auch die durch sie bewirkten Funktionen des Volkes und seiner Glieder zu Offenbarungen des allwirksamen Schöpfers der Welt“ (279), trotz aller Entstellung durch die Sünde. Zu den wichtigsten dieser Funktionen gehören Sittlichkeit und Sitte im Zusammenhang mit der Religion, die Eugenik samt Rassenhygiene, die Wehrhaftigkeit („Volk in Waffen“) und die Regierung („Führung“).

[S. 28:] Schließlich bezeichnet Seeberg die ethische Grundanschauung des Christentums kurz als „ethischen Nationalsozialismus“ (328), nämlich als ethisch, national und sozial.

f) Das Volk als Blutsgemeinschaft bei Alfred Dedo Müller

A. D. Müller bemüht sich 1937 in seiner „Ethik“ um eine „konkrete, d. h. radikal﷓realistische und kritische Theologie“, die „immer auch kirchlich und völkisch ausgerichtet sein“ (VIII) wird, da Kirche und Volk untrennbar aufeinander hinweisen. Alles Volkstum bedarf Gottes, um ganz zu sich selbst zu kommen, und gewinnt seine tiefste Würde, „wo es geheiligt und in die Jüngerschaft gerufen wird“, d. h. als Volk Gottes in die Volkskirche, „denn es geht um die Auferstehung des Volkes“ (450). Nach Müller offenbart Gott seinen Willen auf dreierlei Weise: „als Schöpfer in der Natur, als Gesetzgeber in den Ordnungen des geschichtlichen Lebens, als Erlöser in Jesus Christus. Dabei ist klar, dass erst in der Offenbarung in Christus die Selbstbekundungen Gottes in Natur und Geschichte die Eindeutigkeit gewinnen, die zu wirklichem Verstehen unerlässlich ist“ (88). „Die Antwort auf die Frage, w a s ich tun soll, geben mir die Ordnungen, in die Gott mich stellt“ (93), nämlich die zwar wandelbaren, aber lebensnotwendigen Grundformen menschlichen Zusammenlebens wie z. B. Volk, Rasse und Glaubensgemeinschaft. Sie bestehen seit Beginn der Schöpfung und „können also in ihrem Ordnungscharakter und in ihrer Bedeutung für das geschichtliche Leben ... von der Vernunft erkannt werden“ (94), z. B. in ihrer Existenzialität, ihrem Zwangscharakter und ihrer Unaufhebbarkeit, aber nicht in ihrem letzten Ursprung, ihrer Urform und ihrem Ursinn. Diese erschließen sich nur dem Glauben, also der lebensmäßigen Hingabe an die Offenbarung“ (94) in der Natur. Dass der Mensch „immer blutmäßig an den anderen gebunden ist, darin wird nun der göttliche Sinn des menschlichen. Lebens begriffen“ (94). Aber da „das durchschnittliche menschliche Erkenntnisvermögen nicht ausreicht, in Natur und Geschichte Gott zu erkennen“ (97), kann sein Wort, das er dort redet, vernehmbar werden durch die Begegnung mit Christus, der auch die Eigengesetzlichkeiten des natürlichen und geschichtlichen Lebens erhellt. Als Beispiel für Letzteres könnte Müllers Glaube gelten, „dass Sterilisierung jedenfalls zuletzt nur ‚um des Himmelreiches willen’ gefordert

[S. 29:] und letztlich auch von den unmittelbar Beteiligten nur von da aus innerlich bejaht werden kann“ (289), denn das grundsätzlich richtige Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses entspricht der in der Reichs﷓Gottes﷓Idee gebotenen Abwehr der Krankheit in jeder Form. Müller sieht das Volk 1. als Sprachgemeinschaft; 2. als Blutsgemeinschaft, da das Volk schicksalhaft an Blut und Boden gebunden ist und „die leiblich-bluthaften Grundlagen des völkischen Lebens von entscheidender Bedeutung sind“ (315); 3. als Raumgemeinschaft in der Bindung an den Raum, konkret an den Boden, in dem eine Urkraft schlummert, das Mütterlich﷓Erdhafte, das durch alle völkischen Lebensäußerungen hindurchwirkt und das Volkstum wachsen lässt; 4. als Geschichtsgemeinschaft mit gemeinsamen Schicksalen und Aufgaben sowie mit weltanschaulicher Gemeinsamkeit, denn „jedes Volk braucht seinen Mythos, braucht ein Wissen um den metaphysischen Sinn seiner Existenz, der durch allen Wandel und Wechsel seiner Geschichte hindurchscheint“ (318); 5. als Gestalteinheit mit einem einheitlichen Wesen, d. h. einer Volksseele, die einen einheitlichen Lebensstil in allen Äußerungen volklichen Lebens hervorbringt, nämlich im Volkstum als der Gestalt des Wesens der Volksseele, in der Volklichkeit als der dem Wesen des Volkes entspringenden Haltung und in der Volkheit, d. h. dem Volksgeist als der metaphysischen Wesenheit, auf die Haltung und Gestalt zurückgehen. Theologisch begreift Müller das Volk als göttliche Ordnung, indem er „vom göttlichen Ursprung und Sinn des Volkes und der Rasse“ redet. „Über der Besonderung darf der e i n e Ursprung, über der Mannigfaltigkeit der e i n e Sinn nicht vergessen werden“ (322). „So wird auch alle menschliche Mannigfaltigkeit des Blutes und der Art im Willen des Schöpfers begründet sein“ (322). Müller fragt nach dem theologischen Sinn 1. der Existentialität des Volkes und findet ihn in der Liebe, die in der Bindung an Rasse und Volk konkret zum Ausdruck kommt; 2. der Idealität des Volkes und findet ihn in der Sprache, die Organ wird für Gottes Wort und dem Volke in der Volksehre seine göttliche Sendung bewusst macht; 3. der Totalität des Volkes und findet ihn darin, dass „alle Seiten des völkischen Lebens unter dem Gesichtspunkt der Schöpfung“ (328) und somit in ihrem Dienstcharakter für das Ganze gesehen werden; 4. der Realisierung des Volkes, d. h. der völkischen Verantwortung, und findet ihn im Glauben des Christen für das Volk, in der unbeirrbaren Liebe des Christen zum Volk und in der Hoffnung des Christen,

[S. 30:] die um Sünde und radikale Erneuerungsbedürftigkeit des Volkes weiß. Dabei umfasst die Liebe das Ganze der Volkswirklichkeit einschließlich Heimat und Vaterland und schafft auch den Gesetzen wachstümlichen Lebens Raum. Zu den verpflichtenden Gesetzen der Gegenwart zur Rettung des Volkstums gehören das Reichserbhofgesetz, das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses und das Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre. Es „besteht ein Glaubensgrund für die Reinerhaltung der Rasse, weil es geboten ist, auch leiblich﷓seelisch in Ehrfurcht um die reine Darstellung der Gestalt zu ringen, die Gott selbst schöpfungsmäßig in uns angelegt und damit individueller Willkür entrückt hat“ (331). „Schließlich muss anerkannt werden, dass Menschen jüdischer Rasse an der Zersetzung unseres Volkes ... erheblichen Anteil genommen und damit eine geschichtliche Schuld auf sich geladen haben“ (331/332), doch wäre es verkehrt, sich von dem jüdischen Rassenpharisäismus selbst vergiften zu lassen. Müller bejaht die theologische Bedeutung der Idee eines europäischen Reiches – das den Volkstümern Freiheit lässt – , „denn in ihr spricht sich ein Sendungsbewusstsein aus, das nur glaubensmäßig begründet sein kann“ (361). Eine solche politische Lebensordnung ist Gleichnis für das Reich Gottes, aber nicht identisch mit ihm und streng an die Berufung durch Gott in der geschichtlichen Offenbarung gebunden. offetibai﷓nn“; gebunden.

II. Kapitel: Das Volks als Erhaltungsordnung
1. Das Volk als Interimswirklichkeit bei Walter Künneth

In dem von W. Künneth und H. Schreiner 1933 als „Botschaft der Kirche zum Dritten Reich“ herausgegebenen Sammelband „Die Nation vor Gott“ schreiben die Herausgeber im Vorwort, der „nicht zerstörbare deutsche Selbsterhaltungswille ist in gewaltiger nationaler Bewegung unter Führung Adolf Hitlers ... zu politischer Gestaltung durchgebrochen“ (V). Nach Künneths erstem Beitrag in diesem Sammelband, „Die biblische Offenbarung und die Ordnungen Gottes“, ist „das prinzipielle Ja der Kirche zur ‚nationalen Revolution’ ... letztlich aus der Frage nach der Ordnung Gottes zu verstehen“ (16), und Künneths Antwort auf diese Frage lautet: „Der Glaube an Gott, den Schöpfer, schließt die Bejahung von Rasse, Volk, Staat als Gottes Gaben zur Erhaltung der Welt ein“ (21).

[S. 31:] Was das konkret bedeutet, macht ein zweiter Beitrag Künneths im gleichen Sammelband deutlich unter dem Titel: „Das Judenproblem und die Kirche.“ Dort setzt sich Künneth zwar dafür ein, dass die Ausschaltung des jüdischen Einflusses im Volksleben sich in einer Weise vollzieht, die dem christlichen Ethos nicht widerspricht ...“ (105), aber „dem nationalen Staat ist grundsätzlich nicht bloß das Recht, die Judenfrage zu einem Problem staatspolitischer Neuordnung zu machen, zuzugestehen, sondern diese Selbstbesinnung auf die Eigenart des deutschen Volkstums ist von der Kirche aus zu begrüßen“ (94) wegen der Überwucherung, Überfremdung, Verjudung des deutschen Volkes durch die das deutsche Empfinden verletzende Vorherrschaft jüdischer Kreise mit ihrer zersetzenden Tendenz. Künneth weiß, „dass der Staat das Schwertamt zu führen hat. Dieses Amt bedeutet Härte und Strenge. Die Kirche kann und will dem Staat in der Ausübung dieses Amtes nicht in den Arm fallen. Unter diesem Gesichtspunkt ist grundsätzlich auch die neue staatliche Gesetzgebung gegenüber den in Deutschland lebenden Juden und Judenchristen zu werten“ (103). Da „dem Recht staatlicher Ausnahmegesetzgebung für Juden eine grundsätzliche Zustimmung nicht zu versagen ist“, begnügt sich Künneth damit, „vom christlichen Standort aus eine Abstufung in der Gesetzgebung zu fordern, die eine Unterscheidung einführt zwischen Juden und Judenchristen und wieder innerhalb der Judenchristen zwischen den alteingesessenen christlichen Juden und den seit dem 1. August 1914 ... christlich gewordenen Juden“ (98), damit „das Ansehen der Kirche ... nicht verletzt“ (99) wird. Auch „hängen Not und Fluch des Judentums und ihr zersetzender Einfluss aufs engste mit der Stellung zum christlichen Glauben zusammen“ (101), und „gerade die Juden, die sich bis heute nicht entschlossen haben, Christen zu werden, also nach wie vor unter dem direkten oder indirekten Einfluss der Synagoge stehen, treten damit in Distanz zum deutschen Volkstum, indem sie jede Anpassung an dieses Gastvolk ablehnen und ihre rassisch﷓kulturelle Eigenständigkeit in Deutschland zu wahren versuchen und erst dadurch zu einem offenkundigen Fremdkörper werden“ (100). Aber auch Judenchristen sind nicht Volksgenossen, denn „die biologischen, volkhaften, ständischen Ordnungen behalten ihre Gültigkeit auch für den Christen“ (96) , und die „ganz andere“ Lebensordnung des Reiches Gottes ist „nicht von dieser Welt“ (97). In dieser Welt dagegen gilt:

[S. 32:] „Die volle staatliche Gleichberechtigung der Minderheiten im Volks- und Staatsleben bedroht die nationalen Ordnungsgegebenheiten, um deren Stabilisierung und Reinerhaltung sich ein Staat bemühen muss“ (101).

In „Politik zwischen Dämon und Gott“ meint Künneth 1954, mit der Interpretation der Ordnungen Gottes als „Erhaltungsordnungen“ seien „die Wahrheitsmomente ... sowohl der ‚Schöpfungsordnung’ wie des naturrechtlichen Anliegens aufgenommen und bewahrt“ (90). Die über den Menschen verfügende, vorfindliche Ordnungsgegebenheit muss hingenommen werden, doch ist ihr Charakter als göttliche Stiftung nicht auf natürliche Weise, sondern allein durch das biblische Offenbarungszeugnis zu erkennen. Die Erhaltungsordnung ist „wesenhaft dynamisch in personeller Ausrichtung auf den Herrn dieser Ordnung“, „dessen Wille in den Ordnungen transparent wird“, zu verstehen und tritt als „Anordnung“, Ermächtigung Gottes, „an den Platz Gottes gleichsam stellvertretend, so dass demnach in der mit ihr gesetzten Verpflichtung direkt eine Begegnung mit Gott sich vollzieht“ (92). Eine Autonomie der Erhaltungsordnungen will Künneth abwehren, indem er sie trinitarisch bestimmt: 1. Sie ist „die gegenwärtige Gestalt der schöpferischen Wirksamkeit Gottes an der gefallenen Welt“ (93), um sie vor dem Chaos zu bewahren; 2. Sie spart auch als „Zornes﷓ und Strafordnung“ Gottes bewahrend die Welt auf für die heilsgeschichtliche Rettungsaktion Gottes; 3. Sie besitzt als „Interimsordnung“ zwischen Fall und Vollendung, als Notverordnung, aufschiebende Wirkung bis zur eschatologischen Erfüllung der Welt. Da es sich nicht um den ursprünglichen Willen des Schöpfers handelt bei der Erhaltungsordnung, ist sie „eine Ordnung des göttlichen Gesetzes, das Zwang und Gewalt in sich schließt“ (95) und so dem „usus politicus legis“ der zweiten Tafel des Dekalogs entspricht. Die Gesetzesforderungen, deren göttlicher Charakter auf natürliche Weise nicht erkannt werden kann, können auch „naturhaft als Sippen﷓ und Volksgesetze wie auch als Willensausdruck autonomer Staatsautorität verstanden werden“ (95/96), denn alle Menschen stehen „unter dem Gesetz Gottes in der Gestalt der zeitgeschichtlichen Volks﷓ und Staatsgesetze“ (96), der Familien﷓, Volks﷓ und Staatsordnungen, ihres „Nomos“. Aus dem metaphysisch begründeten, „ethischen“ Seinsgefüge der Erhaltungsordnungen ergibt sich die Verpflichtung zum verantwortlichen Dienst an und in ihnen.

[S. 33:] Doch „Gottes gute, der Erhaltung dienende Ordnung ist zugleich Stätte der Dämonie“ (99) und immer nur in fragwürdiger, zweideutiger Realisierung gegeben, so dass ihre Änderung Pflicht werden kann. Über das Volk lässt nach Künneth die Bibel vier Aussagen zu: 1. Gott ist der Schöpfer aller Völker und der Herr der Geschichte; 2. Die Völker sind Werkzeuge und Objekt göttlichen Gerichtshandelns; 3. „In dem Glauben an Christus werden die kreatürlichen Unterschiede zwar nicht aufgehoben“ (132), aber prinzipiell relativiert, bedeutungslos, so auch die Volkszugehörigkeit; 4. „Die volkhafte Gliedschaft trägt ... den Charakter der Berufung“ (133) zur Gehorsamspflicht in der Volksordnung. Das Volk darf aber „nur in abgeleitetem, sekundärem Sinn als Erhaltungsordnung Gottes angesprochen werden“ (133), da es nicht auf eine besondere Stiftung Gottes zurückgeht wie die staatliche Autorität und geschichtlich variabel ist, denn „das Volk ist das durch Sünde und Schuld entstellte Werk des Schöpfers“ (134), konkrete Wirklichkeit des naturhaft﷓geschichtlichen Daseins. Dem „Volkskörper“, dem „naturhaften blutmäßigen Zusammenhang“, dem „Mischprodukt nahestehender artähnlicher rassischer Gruppen“ mit einem „biologischen Erbstrom, aus dem immer wieder erneut ein Volk emporwächst und sich erneuert“ (134), entspricht als seinem seelischen Niederschlag „der geistige hintergründige und geheimnisvolle Mutterboden der Volksseele“, die die Volkskultur gestaltet mit ihrer „Eigenart der Sprache, der Sitte und Lebensgewohnheiten, wissenschaftlichen Denkens, der künstlerischen Gestaltung sowie des Frömmigkeitslebens“ (135). Aber das Volk ist nicht nur naturhafte organische Lebenseinheit, sondern auch geschichtlich geformte organische Gemeinschaft, und die erstere ist gerade durch das Geschichtsgeschehen geprägt. „Das deutsche Volk ist ohne die historischen Fakten von Leipzig, Königgrätz und Sedan in seinem Geschichtsbewusstsein nicht denkbar“ (135), denn „im Feuer der Geschichte wird ein Volk zur ‚Nation’, die sich ihres Wesens und ihres Auftrages bewusst geworden ist“ und mit dem erwachten „nationalen“ Willen entschlossen ist „zur eigenmächtigen geschichtlichen Gestaltung seines Daseins“(136). Für Künneth erweist sich das Volkstum als „Schickung Gottes“, als „kreatürliches Medium“, als „sinnsetzende Ordnung des Schöpfers“, als – von den Forderungen des vierten Gebotes umschlossene – Bindung, in der uns der „väterliche Wille Gottes“ (138) begegnet. Daraus folgt dreierlei: 1. „Von hier aus gewinnt das Volk den Wert einer besonderen ‚Gabe’

[S. 34:] Gottes“ (138) und erscheint die Völkerwelt als die biologisch﷓geschichtliche Mannigfaltigkeit der Schöpfungsgaben und der Schöpfungskräfte“ (139). 2. Zugleich aber schließt – infolge von Fall und Sünde – „die volkhafte Sonderung Trennung der Gemeinschaft und das Widereinander der Völker in sich“, so dass „jeder ‚Volksnomos’ ein in der Sünde gestaltetes und zu neuer Sünde treibendes Gesetz darstellt“ (139). 3. Völker sind als Ordnungen Gottes „Interimswirklichkeiten der Weltgeschichte“. Die Idee der „Menschheit“ ist für Künneth ein abstrakter Begriff, eine geschichtliche Illusion und „eine unerlaubte entartete Antizipation eschatologischer Einheit“ (141), obwohl „neue soziologische volkhafte Gruppierungen“ (142) mehrerer Völker ethisch möglich sind, aber auch dann in der Qualität einer Erhaltungsordnung Gottes als „Völkerfamilie“ (144), in der jedes Volk die Einheit der Volkssitte, der Volkskultur usw. als die das Volkstum erhaltenden Kräfte zu bewahren hat. Aus der Gleichwertigkeit der Volkstümer folgt aber nicht etwa, dass „das gleiche Recht aller Völker und Rassen proklamiert werden dürfe“ (145). Vielmehr ist Recht und Rang eines Volkes bestimmt durch: 1. Das Maß seines geschichtlichen Gewichtes. 2. Seine „geistig﷓kulturelle Bedeutung ..., aus der sich selbstverständlich Rechtsansprüche eines Volkes ergeben“ (146). 3. Seine zahlenmäßige Größe. 4. Seine geographische und jeweilige geschichtliche Situation. Für Künneth zeigen diese Faktoren, dass „das Prinzip des Suum cuique auch für das Zusammenleben der Völker gültig ist“ (146). Darum gehört eigene Staatlichkeit nicht zu den vitalen Rechtsansprüchen jeden Volkes, denn es hat ja „immer in der Geschichte Völker gegeben, ... die unter der Schutzherrschaft eines Fremdstaates unbeschwert und glücklich ihre Existenz gestalten konnten. Die Parole vom ‚Selbstbestimmungsrecht der Völker’“ erweckt in ihnen „unechte Gefühle und unnötige Bedürfnisse“ (147.). Schließlich meint Künneth vor jedem ethischen Optimismus warnen zu müssen, in der Überzeugung, „dass die volkhafte Selbstsucht als Urtrieb der Selbsterhaltung in der Völkerwelt dominiert ohne Rücksicht auf die Existenz und das Wohlergehen des Nachbarvolkes, dass die Grundbegriffe der Gerechtigkeit, der Billigkeit und des Friedens durchaus relativ deutbare und variable Größen sind, und dass echter Völkerfriede als harmonische und gerechte Gestaltung der Völkergemeinschaft nicht Ergebnis geschichtlichen Fortschrittes oder politischer Maßnahmen, sondern nur eschatologisches Geschehen sein kann“ (150).

[S. 35:] 2. Das Volk als verordnete Obrigkeit bei Helmut Thielicke

Für Thielicke – in seiner „Theologischen Ethik“ (1951-1964) – ist die Welt die Seinsform des Menschen und als solche mit ihren Ordnungen menschlich, geschöpflich und sündhaft „zugleich“, wie der Mensch auch. Dieser Welt und ihren Ordnungen gehört „de facto“ auch der Christ an, obwohl er „wesentlich“ durch die Gerechtigkeit Christi bestimmt und so seine ursprüngliche Identität mit der Welt zerbrochen ist. Auch die Ordnungen der Geschichte sind nicht „Schöpfungsordnungen“ sondern „Ordnungen der göttlichen Geduld, die um der ‚Herzenshärtigkeit’ willen gegeben sind“, zwielichtige „Strukturformen des gefallenen Daseins“, „Objektivierung menschlicher Geschöpflichkeit und Gefallenheit“ und zugleich „Repräsentationen des göttlichen Willens zur Gnade und zur Geduld“ (I, 707). Zu diesen zwischen Schöpfung und Vollendung stehenden Ordnungen, die „nur von der Intervention des Sündenfalles aus zu verstehen“ und so auch „Institutionalisierung des menschlichen Charakters sind“ (II/1, 239), gehört auch „das Volk als verordnete, nicht als sich selber setzende Obrigkeit“ (II/2, 19). Das Volk als „geschichtlich﷓räumlich zu mir gehörige Menschengruppe“ (III, 121) – dient wie Heimat und Vaterland als kommunikative Gliederungshilfe zur Überwindung der Masse; im Gegensatz zu dieser sind „Volk und Menschheit ... mehr oder weniger klar umgrenzte Größen, die ein bestimmtes Programm für mein Denken und Handeln enthalten und darum an die tieferen Schichten meiner Personhaftigkeit appellieren“ (II/1, 91). Das Kriterium des Volkes ist wesentlich nicht biologischer, sondern geschichtlicher Art, wodurch „das Volk mit der Heimat durch die Gemeinsamkeit persönlich﷓überpersönlicher Erinnerung, geschichtlicher Prägung und weithin auch der Sprache“ (III, 122) verbunden ist. In der Vielfalt der Völker spiegelt sich Schöpfungswirklichkeit, aber auch der Zerfall der Einheit. Die Anwendung des Begriffes Volk auf Israel als Gottesvolk und auf die Gemeinde Christi zeigt die Gleichnisfähigkeit des Volkes und damit seine Einbeziehung auch in die Erlösungsordnung, in der die Völkerzerstreuung und die Sprachenverwirrung rückgängig gemacht werden. Zwar hebt die Erlösung in diesem Äon weder die Natur des Menschen noch die der Völker auf, doch „ist der Christ nie als isolierte Privatperson der Erlösung teilhaftig“, sondern auch als Glied seines Volkes, und „ebenso ist die Gemeinde ... gliedschaftlich dem sie umgebenden Volke eingefügt“,

[S. 36:] das selbst „in seiner Sitte und seinen Lebensordnungen der 'Ausstrahlung' von Gesetz und Evangelium“ (III, 125) Raum gibt – oder nicht. Ein gesunder „Glaubensgehorsam hinsichtlich des Volkes“ (III, 126) schließt den Blick auch auf andere Völker, die Pflicht zur Respektierung anderen Volkstums und die Herausbildung eines Minderheitenrechts ein als „Anruf der Geschichte und des in ihm redenden Herrn der Geschichte“ (III, 126). Aber auch das hierin ungehorsame Volk stiftet „inmitten seiner Ambivalenz doch ... gottgewollte Ordnung“ [III, 127]

III. Kapitel: Das Volk als kommunikative Daseinsbindung

„Die Lehre von der Schöpfungsordnung“ von Werner Wiesner soll 1934 zeigen: „Gottes aktuelle Herrschaft über die Schöpfung ist ihre Ordnung“, „inhaltlich ausgedrückt: nur in der realen Gegenwart des Schöpfergeistes in seiner Schöpfung ist Schöpfungsordnung“ (19), und „die in Jesus Christus, Schrift und. Geisteszeugnis geschehende Offenbarung ist als Selbstmitteilung Gottes allein Offenbarung der Schöpfungsordnung“ (31). Bei der existenzphilosophischen Analyse des menschlichen Selbstverständnisses stößt Wiesner auch auf die „kommunikativen Daseinsbindungen“ Geschlecht, Rasse, Familie und Volk als ursprüngliches „Sein zum Anderen“ und „beim Anderen in der Geworfenheit des Daseins“ (99), unterschieden von den „ontischen Daseinsordnungen“ Recht, Sitte, Sittlichkeit und Staat. Das „zuletzt unbegründbare ursprüngliche Wissen um das Bestimmtsein zur Gemeinschaft des Mitseins durch eine alle Geworfenheit bedingende transzendente Willensmacht ist Wurzel und Wesen geschichtlichen Handelns“ (100) , und „das konkrete Miteinandersein, das so um seine Bestimmung weiß und durch dieses ursprüngliche Selbstverstehen zusammengeschlossen ist, nennen wir Volk“ (101). Indem es „sich gegenüber anderen Völkern selbst behauptet, handelt es geschichtlich, handelt es als Volk“, und so „erfordert die Erfüllung des völkischen Mitseins den Einsatz des Daseins bis zum vollen Opfer“ (101). „Die Erfüllung der völkischen Gemeinschaft besteht nicht in der Gleichberechtigung aller“ (102). „Ein Volk kennt seine Bestimmung nur so weit, als sie dem völkischen Handeln als transzendenter Befehl sich erschließt“ (103), und das ihr entsprechende, „nur für dies Volk gültige Gesetz offenbart sich ... in allen Erscheinungen des Mitseins, der Staatsform wie dem Recht, der Kultur wie der Sitte und Sprache,

[S. 37:] der Religionsausübung wie dem Ethos“ (104). Der Einzelne ist dem Volksnomos unterworfen, aber dieser ist nicht ein „mit sittlicher Autorität auftretendes biologisches Naturgesetz, sondern die konkrete Art, in der der Mensch sein Mitsein, seine Bindung an die Gemeinschaft seines Volkes und den Volksgenossen zu erfüllen hat“ (104), und zwar in Richtung auf das neue „Reich“ (105), das u. U. Opferung des gegenwärtigen Geschlechts fordert für die Zukunft des Volkes. „Alles Volkstum wurzelt in einem religiösen Glauben“ (105), und die Religion „kann verschieden sein; wenn sich mit diesem Glauben nur die Gewissheit um die völkische Bestimmung verbindet, gibt er die Grundlage für die Wirklichkeit des Volkes ab“ (106). „Der Bestand eines Volkes ist gefährdet, wenn die Rassenzusammensetzung durch die Hineinnahme artfremder Rasse verändert wird“ (96), denn die Verwirklichung der rassischen Daseinsmöglichkeiten ist das Volk“ (97). „Allein die Familien﷓ bestimmt die Volkszugehörigkeit“ (97), aber „was Volk ist, kann sich nur dem existentiellen Selbstverstehen erschließen“ (99), und „erst die sittliche Hingabe ... an das konkrete Miteinandersein macht es zur Volkseinheit“ (166). Doch Volk soll „nichts für sich sein, sondern Daseinsbindung für Verwirklichung menschlicher Gemeinschaft in der Erfüllung des Seins zu Gott“ (213), und nur so gehört es in die Schöpfungsordnung, von der Wiesner nur in der Einzahl sprechen will, denn die „Ausrichtung der Schöpfung auf ihre Aufhebung und Vollendung in der Herrschaft Gottes ist ihre gottgegebene Ordnung“ (217). „In diesem Rahmen sind dann auch die kommunikativen Daseinsbindungen ... als geschöpfliche Ordnung zu verstehen“ (226) und werden sie „unbedingt und restlos bejaht“ (229). Für Wiesner ist das Volk die „Einheit des geschichtlichen Handelns“ (232) und „wird es zu einer Pflicht des Glaubens an Christus, ... Rasse, Geschlecht, Familie und Volk zu erhalten und die Entfaltung ihrer Möglichkeiten zu fördern, weil sie zur Schöpfungsordnung gehören und dadurch trotz aller Dämonien unter der Verheißung stehen, durch die Christusherrschaft geheiligt zu werden“ (306).

In Wiesners 1937 gehaltenem Vortrag „Das christliche Verständnis vom Volke“ heißt es: „Es gibt keine in spezifischem Sinne christliche Lehre vom Volk, wohl aber ein christliches Verständnis vom Volk als dem Herrschaftsgebiet Jesu Christi“ (4), ein Verständnis, das aber mit der praktischen Erfahrung der Volkswirklichkeit korrespondieren muss.

[S. 38] Hier werden Geschlecht und Familie als zur Schöpfung gehörig und geschichtsbegründend abgesetzt von Rasse und Volk als nicht zur Schöpfung gehörige, sondern von ihr abhängige, sekundäre, geschichtliche Tatsachen. Volk ist „Resultat verborgenen Schöpferhandelns Gottes in der Geschichte und zugleich Resultat menschlich-geschichtlicher Taten“ (9). Es gehört in den Geschichtsraum zwischen Sündenfall und letztem Gericht und ist – wie die Geschichte – bestimmt durch Schöpfung, Sündenfall und Erhaltungswillen, denn: 1. Gott lässt aus der Schöpfungsordnung in der Familie das geschichtliche Volk werden, und „der Blutzusammenhang ist ja das, was wir Rasse, Erbgut nennen und was als solches zweifellos auch nach biblischem Denken die Grundlage des Volkes bildet“ (10); „darum sind wir verantwortlich für das Erbgut des Blutes und der Geschichte, dass wir es unverdorben weitergeben in die Zukunft“ (11); 2. wird „das Volk geschichtlich auf alle Fälle nach dem Sündenfall Wirklichkeit“, und unser Leben wird allein durch die – vom Schöpferwillen her gebotene – heroische Selbstbehauptung des Volkes bewahrt; doch werden wir „bei aller Freude darüber, dass unser Volk nun endlich wieder durch eigene Rüstung sich schützen kann, den Fluch empfinden, der in diesem Wettrüsten der Völker zum Ausdruck kommt“ (12); 3. ist jedes geschichtliche Volk – nach dem Willen Gottes als Gemeinde der ihm unwissend Dienenden (Apg. 17,23.27) – „verborgenes Gleichnis des eschatologischen Gottesvolkes“ (14), des Gottesreiches, dem Ziel der Wege Gottes. Dabei hat jedes Volk eine andere Aufgabe und – historisch gesehen – seinen besonderen Nomos, seine Norm der Sittlichkeit und seinen Gott. Aber diese „Volksnomoi sind theologisch gesehen die heidnische Verkehrung des sich bezeugenden Herrschaftsanspruches Gottes. Gott hat nicht für jedes Volk eine Sonderausgabe seines Gesetzes. Es gibt nur e i n e n Herrschaftsanspruch Gottes, es gibt nur e i n ewiges göttliches Gesetz“ (15), das Israel offenbart wurde. Aber das Entscheidende, worum es beim Volk geht, ist gerade nicht verwirklicht: „Es ist ja Glied einer Geschichte, die nicht Herrschaft Gottes, sondern Empörung gegen ihn ist“ (17). Jesus Christus ist die Offenbarung der Herrschaft Gottes, und „nicht bloß die Einzelnen, sondern ... auch die Völker sind vor die Entscheidung für oder gegen Christus gestellt“ (17). „Einem Volk, dem Christus gebracht wird, wird damit zugleich das Gesetz Christi als das Gesetz seiner völkischen Existenz gegeben“,

[S. 39:] denn „das Volk ... kann die Christusbotschaft nur als Gesetz hören“ (18), da Christus die Offenbarung des Evangeliums und des Gesetzes ist, die „in unauflöslicher Paradoxie als Worte Gottes nebeneinander und inhaltlich gegeneinander“ (18) stehen, trotz des e i n e n Willen Gottes in ihnen. Als „Fleisch“ unterstehen wir dem Gesetz, in unserer geistlichen Existenz dem Evangelium. „Daher untersteht die geschöpflich﷓sündige Gemeinschaft des Volkes nach wie vor dem Gesetz Gottes“ (18) und ebenso die Gotteskinder als Glieder des Volkes. Es ist „das Amt der Kirche gegenüber dem Volk, ihm mit dem Evangelium zugleich das göttliche Gesetz als Gesetz des völkischen Lebens zu verkündigen“ (19).

IV. Kapitel: Das Volk als geschichtliche Ordnung

1. Das Volk als göttliche Fügung bei Karl Barth

Schon in „Lutherfeier1933“ protestierte Barth dagegen, „dass die deutschen Christen neben der heiligen Schrift als einziger Offenbarungsquelle das deutsche Volkstum, seine Geschichte und seine politische Gegenwart als eine zweite Offenbarungsquelle behaupten und sich damit als die ‚Gläubigen eines anderen Gottes’ zu erkennen geben“ (8), und im gleichen Jahr erkennt er in der „Theologischen Existenz heute!“ (Heft 1): „Wir müssen es unter Umständen auf uns nehmen, sehr einsam zu werden gerade um der Gemeinsamkeit mit dem Volke willen. Wir würden uns auch darin nicht nur an Gott, sondern auch am Volk versündigen, wenn wir m i t dem Volk gehen wollten, statt f ü r das Volk zu stehen“ (39/40), „denn das Volk lebt auch im totalen Staat vom Worte Gottes“ (40). Daher fordert er in demselben Jahr in „Für die Freiheit des Evangeliums“ u. a.:„Die Kirche hat dem Menschen ... im Volk und im Staat den Herrn ... anzuzeigen ..., nichts anderes..., also gerade keine Moral, weder eine private noch eine öffentliche, weder eine internationale noch eine nationale Moral zu verkündigen“, was Barth aber nicht hindert, in seiner Verantwortung für das deutsche Volk als Schweizer, als „praktische politische Entscheidung“, der SPD zuzugehören, denn er hält es – 1933 in einem Brief an Paul Tillich – , „für richtig, die Partei 1. der Arbeiterklasse, 2. der Demokratie, 3. des Nichtmilitarismus und 4. einer bewussten, aber verständigen Bejahung des deutschen Volkes zu ergreifen“ (E. Wolf, Politischer Gottesdienst“, 290).

[S. 40:] Barth ist es dann auch, der auf der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche in Barmen 1934 die theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage formuliert und u. a. bekennt, dass Jesus Christus das e i n e Wort Gottes ist und durch ihn „uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen“ widerfährt, und dass es keine Bereiche des Lebens gibt, „in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären“ (E. Wolf, Barmen, 113).

Barths „Kirchliche Dogmatik III/4“ weist 1951 nach, „dass und inwiefern das eine Gebot des einen Gottes, der dem Menschen in Jesus Christus gnädig ist, auch das Gebot seines Schöpfers ist und darum die Heiligung schon des geschöpflichen Tuns und Lassens des Menschen“ (1), denn „das Handeln des Menschen ist gut, sofern es durch Gottes Wort, das als solches auch Gottes Gebot ist, geheiligt wird“ (2). Die sogenannten Ordnungen „sind die Bezirke, i n welchen Gott gebietet und i n welchen der Mensch gehorsam oder ungehorsam ist, nicht aber Gesetze, g e m ä ß welchen Gott gebietet und der Mensch gut und böse handelt“ (31). Und „wie es im Sein und Tun Gottes, seiner Einheit und Ganzheit unbeschadet, einen Bereich gibt, in welchem er im Besonderen Gott der S c h ö p f e r ist, so im Sein und Handeln des Menschen, wieder unbeschadet seiner Einheit und Ganzheit, einen Bereich, in welchem er im Besonderen Gottes Geschöpf ist“ (49), wobei „das Gebot Gottes des S c h ö p f e r s auch die Heiligung, die Befreiung des g e s c h ö p f l i c h e n Tuns und Lassens des Menschen zum Ziele hat und in sich schließt“ (49). Barth unterscheidet – als Bereiche wesensnotwendiger, geschöpflich﷓natürli- cher, mitmenschlicher Beziehungen – zunächst das Volk als die „Nahen“, Vertrauten, als in der Natur begründeten und in der Geschichte gestalteten Menschenzusammenhang, und die Menschheit als die „Fernen“, die als Mitmenschen teilweise und relativ Fremden (nach Eph. 2,13f.). Was das Volk betrifft, so gehört jeder „nach Gottes Willen und Anordnung zu einer solchen größeren Gruppe, die durch weitere Blutsverwandtschaft und biologische Eigenart physisch, durch ihre Vergangenheit und von daher in der Gegenwart durch gemeinsame Sprache und Sitte und vielleicht durch den gemeinsam bewohnten Raum oder doch durch einige dieser Merkmale verbunden, auch geschichtlich ein mehr oder weniger deutlich erkennbares Ganze bildet“ (322),

[S. 41:] zu dem jeder in einer sehr tiefen und auch verpflichtenden Beziehung steht, ohne einer Eigengesetzlichkeit überlassen zu sein, denn „Gott als der Schöpfer und Herr seines Daseins ist auch dort sein Gesetzgeber, Richter und Erretter, beansprucht ihn auch dort für seinen Dienst, sein Wort ist auch dort das einzige Licht auf seinem Wege“ (323), und sein Gebot meint den Menschen auch in seiner Eigenschaft als Glied seines Volkes und damit des Menschenvolkes, das somit Ort der Anrede Gottes und Rahmen des Gehorsams ist. Das Gebot Gottes fordert nun zuerst den rechten dienstlichen Gebrauch der Volkssprache als der Begabung zur Kommunikation und zum Lobe Gottes, wobei es auch gilt, fremde Völker zu verstehen, sich ihnen verständlich zu machen und so zu sehen: „Der Begriff des eigenen Volkes ist kein starrer, sondern ein fließender Begriff“ (328). Das eigene Volk eines Menschen sind die, in deren Mitte er selbst h i e r in der Heimat, und nicht d o r t inmitten eines anderen Volkes, in der Fremde ist“ (328). Wenn Gottes Gebot einen Menschen so im nahen Raum, im Land seines Volkes, zum Lobe Gottes und zur Nächstenliebe, „zum Gehorsam aufruft, dann k o m m t es zu einer H e i l i g u n g dieses Menschen und damit auch seiner besonderen räumlichen Bestimmtheit, seiner heimatlichen, vaterländischen, volksmäßigen Blickrichtung, Herkunft und Einstellung“ (329). Daraus folgt positiv kritisches, sorgfältiges, liebevolles Umgehen mit dem allen, bewusstes und ehrliches Bekenntnis zu der Bestimmtheit. Aber wie bei der Sprache „kommt schlechterdings alles darauf an, dass das Sein im eigenen Volk dem Sein unter Gottes Gesetz u n t e r geordnet wird und bleibt“ (330), d. h. dienstlich gebraucht wird. „Nur der ist hier also echt gebunden, der eben hier auch ganz frei ist“ (330), und er steht dann unweigerlich in der Bewegung aus der Enge in die Weite auf die Nachbarvölker hin, denn unter Gottes Gebot erweisen sich auch die Begriffe Heimat, Vaterland und Volk als erweiterungsfähig. „Im übrigen aber wird er nur davon bewegt sein, die inneren Kräfte seines eigenen Volkes und Landes so zu stärken, dass es viel Ausland ... nicht nur ertragen, sondern sich zu eigen ... machen kann“ (331), wobei „Überfremdung“ nicht zu befürchten, manchmal sogar zu begrüßen ist. Auch die räumliche Begrenztheit eines Volkes ist dynamisch zu verstehen, d. h. als Durchgang zu den anderen Völkern. Es sind, „wirtschaftliche, soziale, kulturelle, politische – auch religiöse Faktoren die geschichtlichen Realitäten, die der Existenz der Völker und ihrer Verschiedenheit zugrunde liegen“ (332)

[S. 42:] und damit auch der Scheidung zwischen den Nahen und den Fernen, die ja geschichtlich ganz verschieden geführt werden. Gottes Gebot wird mit dem Menschen auch seine geschichtliche Existenz heiligen, denn „sein Volk und dessen Geschichte und so auch er selbst waren und sind in Gottes Hand“, der „der Herr aller Geschichte und auch der Herr seines Lebens ist“ (334). Darum darf auch die geschichtliche Existenz und Aufgabe eines Volkes keiner Eigengesetzlichkeit unterworfen sein, sondern allein dem Gebot Gottes. „Und in irgendeiner größeren oder geringeren, früher oder später sichtbaren und wirksamen Tiefe haben die Wege der verschiedenen Völker sogar den Charakter eines einzigen zusammenhängenden Geschehens: nicht nur, weil sie sich gegenseitig berühren und bedingen, sondern weil die menschlichen Probleme – zu verschiedener Zeit und in verschiedener Weise entdeckt und angefasst – letztlich doch überall dieselben sind“ (335), so dass die Geschichte jedes Volkes auch Menschheitsgeschichte ist in Richtung auf ein einziges Volk und seine Geschichte. Der Sinn und das Ziel aller Völkergeschichte ist die Geschichte des Bundes Gottes mit dem Menschen, erfüllt und vollendet in Jesus Christus, und damit ist jeder auch Mensch in der Mitte der Menschheit. „Treue gegenüber den geschichtlich Nahen und Offenheit gegenüber den geschichtlich Fernen – das zu vereinigen wird freilich immer bedeuten, dass eine Spannung auszuhalten, ein Gegensatz zu überwinden ist“ (336). Doch die Nahen und die Fernen sind ein einziger Bereich mit einer einzigen Wirklichkeit: dem „Weg, auf dem sich der Mensch befindet: von hier nach dort, aus der Enge in die Weite, vom Eigenen zum Fremden. Der eine Mensch ist faktisch in diesem Übergang: er ist nicht zuerst und an sich in seinem Volk und dann möglicherweise auch noch in der Menschheit, sondern in seinem Volk zur Menschheit hin und in der Menschheit von seinem Volke her“ (337), und so trifft ihn auch Gottes Gebot als einen, der auf diesem Wege ist, und heißt ihn diesen Weg gehen. Dabei haben wir es hier gar nicht „mit einem besonderen Bereich natürlicher Mitmenschlichkeit und mit einer selbständigen Gestalt des göttlichen Gebotes zu tun“ (337), denn von einer schöpfungsmäßig notwendigen und insofern natürlichen Bestimmung der mitmenschlichen Existenz kann man nur da reden, „wo es sich zwischen Mensch und Mensch um ein mit ihrer Existenz ursprünglich und endgültig, unumkehrbar, unbeweglich und unaufhebbar gesetztes G e g e n ü b e r handelt“ (338) wie zwischen Mann und Frau und zwischen Eltern und Kindern.

[S. 43:] Alle diese Merkmale aber fehlen bei der Unterscheidung und Beziehung zwischen den Nahen und den Fernen. „Dass es diese und diese Völker gibt, das beruht auf solchen Anordnungen (ordinationen) von Gottes Vorsehung, das sind aber gerade keine permanenten Ordnungen (ordines) seiner Schöpfung“ (341). Da der Mensch im Volk in seiner natürlichen Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit derselbe bleibt, muss alles Denken im Bereich der Nahen und der Fernen davon ausgehen, „dass das natürlich, das ursprünglich und letztlich, das schöpfungsgemäß Menschliche diesem ganzen Bereich transzendent und überlegen ist“, so dass „das Gebot Gottes a l s s o l c h e s und in allen seinen s o n s t i g e n Dimensionen ... nun auch in diesem Bereich laut wird und zu beachten ist“ (342), vor allem in seiner politischen Gestalt als Aufruf zum Staat. Dass der Mensch an der Existenz und dem Verhältnis der Völker teilnehme, „ist, wo das Gebot laut wird, vorausgesetzt“ (343), und dass ein Mensch zu eben diesem Volke gehört, „das ist F ü g u n g, die er als Gottes Werk ansehen, ehren und annehmen wird“ (343), ist vorübergehende Platzanweisung ohne eigenen Imperativ. So kann es sich bei Volk und Volkstum „wohl um eine ordinatio Gottes als des Königs des Weltgeschehens, aber eben darum ... nur um eine im Fortgang seines Verfügens bewegliche und veränderliche Bestimmtheit des menschlichen Daseins handeln“ (345). Nach Genesis 9 und 10 geht „es im Verhältnis der Nahen und der Fernen um eine g u t e – und darum in heiliger D a n k b a r k e i t – aber auch um eine h a r t e – und darum in heiliger U n r u h e – hinzunehmende Fügung Gottes“ (359), deren Richtung und Mitte von Genesis 12 an sichtbar wird in dem einzigen Volk Israel. An der ihm bestimmten Heilszukunft sind die anderen Völker Teilnehmer, und mit ihm werden sie im Reiche Gottes zu einem Volk zusammengefasst werden. „Es gibt einen unumkehrbaren Weg von den vielen Völkern ... vorwärts zu dem einen Volk des einen Gottes“ (361). „Darum bedeutet die Fügung Gottes ... nicht nur eine Platzanweisung, sondern zugleich als solche eine Richtungsangabe“ (362), die Hinweis auf die Gegenwart Jesu als den der Gemeinde des Herrn im Pfingstereignis mitgeteilten Heiligen Geist mit seiner Begabung zu einem neuen, allen verständlichen Sprechen, das die großen Taten Gottes verkündigt, die die Abgründe zwischen den Nahen und Fernen überwinden werden.

[S. 44:] 2. Das Volk als ethische Kollektivperson bei Dietrich Bonhoeffer

In „Sanctorum communio“ sieht Bonhoeffer 1930 das Volk soziologisch als ethische Kollektivperson, die sich als ein angeredetes Du und somit als Aktzentrum erweist. „Dort, wo Völker angerufen werden, da ist Wille Gottes zur Geschichte ... Es gibt einen Willen Gottes mit dem Volk genau so wie mit dem Einzelnen“ (78). Gott kann in wenigen stellvertretenden Einzelnen das ganze Volk sehen und richten, rechtfertigen und heiligen, so wie er in Christus die ganze Menschheit sah, die wie das Volk sowohl in Einzelne zerfällt wie auch Kollektivperson ist: „Diese Doppelheit ist ihr Wesen, und sie wird erst durch die Einheit der neuen Menschheit in Christus aufgehoben“ (80), d. h. durch die Kollektivperson „Christus als Gemeinde existierend“.

Auf der „Theologischen Konferenz der Mittelstelle für ökumenische Jugendarbeit am 29.﷓30. April 1932 in Berlin“ (Ges. Schr. I, S. 121 ff.) wendet sich Bonhoeffer in der Diskussion gegen den Begriff der Schöpfungsordnung: „Es sei nicht möglich, gewisse Gegebenheiten der Welt als Schöpfungsordnungen vor anderen herauszuheben und hierauf ein christlich﷓sittliches Handeln zu begründen“ (128), „vielmehr solle man an Stelle von Schöpfungsordnungen den Begriff von ‚Erhaltungsordnungen' Gottes einführen ... Jede Ordnung unter der Erhaltung Gottes sei ausgerichtet auf Christus und nur seinetwegen erhalten ... Wo eine Ordnung ... dieser Verkündigung grundsätzlich verschlossen ist, muss sie preisgegeben werden ...“ (129).

Im Vortrag: „Zur theologischen Begründung der Weltbundarbeit (Ges. Schr. I, S. 140 ff.) fragt Bonhoeffer 1932 nach der Offenbarung Gottes heute und zeigt, „dass jede menschliche Ordnung Ordnung der gefallenen Welt ist und nicht der Schöpfung“, so dass es nicht möglich ist, „in ihnen unmittelbar den Willen Gottes zu vernehmen“ (150), sondern nur von Christus her. Jede dieser nun als Erhaltungsordnungen Gottes erkannten Ordnungen, „und sei es die älteste und heiligste – kann zerbrochen werden“ (151). Die Kirche hat daher im Glauben zu fragen und zu entscheiden, welche Ordnungen die Sünde am ehesten aufzuhalten und dem Evangelium den Weg offen zu halten vermögen. In der Erstform des Betheler Bekenntnisses“ (Ges. Schr. II, S. 90 ff.) – an der auch H. Sasse u. a. mitgearbeitet haben –

[S. 45:] wird 1933 auch das Volk gezählt unter die wohl wandelbaren, aber unentrinnbaren Ordnungen Gottes, die keinen eigenen Wert haben, zwar gültig, aber nicht endgültig, ja „vom Ende her schon zerbrochen und überwunden“ sind, und „der Christ empfängt diese Ordnungen, in denen der Mensch am Leben erhalten und für die Zukunft Christi bewahrt wird, im Glauben aus der Hand seines Schöpfers“ (100). Israels „Einzigartigkeit besteht darin, dass im 1. Gebot jedem Versuch, sich auf irgendwelche Ordnungen als auf Gesetze Gottes zu berufen, widersprochen wird“, und auch der Christ, der gehorsam in den Ordnungen als nach Gottes Gesetz leben will, kann das nur von der Verkündigung des biblischen Gesetzes aus“ (103). In der „Finkenwalder Homiletik“ (Ges. Schr. IV, S. 237 ff.) betont Bonhoeffer 1935: „Die Basis der predigenden Kirche ist nicht Blut und Boden und ihre Form die Volksverbundenheit, sondern ihre Basis ist das Wort und ihre Form die Nachfolge. Volks﷓ und Gegenwarts﷓Nähe zu suchen ist gerade gegenwartsfern und volksfern“ (252).

Die „Nachfolge“ zeigt 1937 „die Befreiung des Menschen von allen Menschensatzungen“ für den, der „ungeteilt dem Gebote Jesu folgt“ (9) anstatt wie die Welt zu leben und sich dabei einer Gnade zu trösten, die die Sünde rechtfertigt. Christus stellt sich mit seiner Menschwerdung als Mittler „zwischen den Menschen und die gottgegebenen Ordnungen seines natürlichen Lebens“ (71), auch zwischen den Einzelnen und das Volk. Das „trennt den Jünger Jesu von der Welt der Menschen und Dinge“ (72), denn nun gibt es kein unmittelbares Verhältnis mehr. „Wo immer eine Gemeinschaft uns hindert, vor Christus ein Einzelner zu sein, ... Anspruch auf Unmittelbarkeit erhebt, dort muss sie um Christi willen gehasst werden“ (73), denn „was mir nicht durch Christus, den menschgewordenen, gegeben wird, ist mir nicht von Gott gegeben“ (74). Aber auch, wenn es nicht äußerlich zum Bruch mit dem Volk kommt, ist der Nachfolger Christi ein Einzelner mitten im Volk, doch vereint mit der Gemeinde. Das Neue Testament zeigt: „Jünger und Volk gehören zusammen ... und doch, es wird eine Feindschaft bis ans Ende zwischen ihnen sein“ (80).

In der „Ethik“ – entstanden 1939﷓1943 – spricht Bonhoeffer von den zwei Reichen, die weder vermischt noch auseinandergerissen werden dürfen, dem Reich der Kirche und dem Reich der Welt,

[S. 46:] „aber der Herr beider Reiche ist der in Jesus Christus offenbare Gott. Er regiert die Welt durch das Amt des Wortes und das Amt des Schwertes. Ihm sind die Träger dieser Ämter Rechenschaft schuldig“ (101). Die „Beziehung der Welt auf Christus wird konkret in bestimmten Mandaten Gottes in der Welt“ (220), nämlich Arbeit (Kultur), Ehe (und Familie), Obrigkeit und Kirche. „Im Wandel aller geschichtlichen Ordnungen bleiben diese göttlichen Mandate bis ans Ende der Welt bestehen“ (351). „Göttlich sind die Mandate allerdings allein um ihrer ursprünglichen und endlichen Beziehung auf Christus willen“ (221). Unter seiner Herrschaft kommen die weltlichen Ordnungen als göttliche Zucht﷓ und Gnadenordnungen zu ihrem eigenen Wesen und damit zu ihrem eigenen Gesetz und zu ihrer eigenen Freiheit, ohne dabei unter eine Fremdherrschaft oder eine Eigengesetzlichkeit zu geraten. Der Dekalog „enthüllt sich dem Glaubenden als das Gesetz des Schöpfers und Versöhners“ (349) und „befreit zum freien Leben unter der Christusherrschaft“ (349) in echter Weltlichkeit. Zu den Mandaten zählt Bonhoeffer weder die Nation noch das Vaterland, weder die Rasse noch das Volk, dessen „Ursprung weder im Paradies noch in einem ausdrücklichen göttlichen Mandat“ (367) liegt. „Das Volk ist einerseits (nach Gen 10) natürliche Folge der Ausbreitung der Geschlechter auf Erden. Es ist andererseits (Gen 11) eine göttliche Ordnung, die die Menschheit in der Zerrissenheit und in gegenseitigem Nichtverstehen leben lässt ... Es fehlt aber in der Schrift jeder besondere Auftrag Gottes für das Volk“ (367). So ist es „eine geschichtliche Wirklichkeit, die in besonderer Weise hinweist auf die göttliche Wirklichkeit des e i n e n Volkes Gottes, auf die Kirche“ (367).

3. Das Volk als Träger historischen Daseins bei Hermann Sasse

In „Das Volk nach der Lehre der evangelischen Kirche“ unterscheidet Sasse 1934 Natur﷓ und Rechtsordnungen Gottes. Zwar sind die vorfindlichen menschlichen Ordnungen u. U. weder legitim noch gottgewollt, doch werden sie durch das Evangelium nicht aufgehoben. Jede Ordnung steht in Beziehung zu Schöpfung und Fall und sollte daher weder als Schöpfungs﷓ noch als Erhaltungsordnung bezeichnet werden, sondern als göttliche oder Gottesordnung. Innerhalb dieser Ordnungen hat jedoch das Volk keinen Platz, trotz seiner engsten Beziehungen zu ihnen, denn „es gibt menschliche Existenz auch ohne die Gestalt des Volkes“ (23).

[S. 47:] Die Ordnung des Volkes und der Völker, die Ordnung der Ge
schichte, gehört nicht zu den Ur﷓Ordnungen Gottes, die im Kern immer dieselben sind, sondern „hier ist alles in Bewegung“ (25) auf ein Ziel, ein Ende hin; geschichtslose Menschen erwachen zu geschichtlichem Dasein. „Die Träger ... dieses bewegten historischen Daseins ... sind die Völker“ (25), deren Ursprung unergründlich ist. Plötzlich erscheint „ein ‚Wir’, das sich als ein Volk bezeichnet und als Volk eine gemeinsame Geschichte erlebt“ (25), aber „jede Nation und jedes Zeitalter hat einen besonderen Volksbegriff, der zugleich ein Volksideal enthält“ (26), so dass es keinen für alle Zeiten gültigen gibt. Erst der evangelische Glaube „weiß von dem Gott, der der Herr der Geschichte ist und der sich in dem Hier und Jetzt der menschlichen Geschichte offenbart“ (26), und von dem Erlöser und versteht „mit der Geschichte auch die Ordnung des Volkes und der Völker“ (26) in ihrer Beziehung zu Gott. Volk ist wie die Kirche bedingt durch den Ruf Gottes. Er „macht das Nicht﷓Volk zu seinem Volk“ (28) und „ruft jedes Volk zu seiner besonderen Sendung, die Er allein kennt“ (28). Ebenso bedeutet sein Verwerfungsurteil auch das unabwendbare Ende der Geschichte eines Volkes. In dem merkwürdigen „’Wir’ der Volksgemeinschaft als einer Kollektivperson“ (28) sind alle Deutschen aller Zeiten „vor Gott eins durch den ‚Beruf’ zu einer geschichtlichen Sendung, haben teil an demselben Segen und demselben Fluch, tragen gemeinsam dieselbe Schuld, sind angewiesen auf dasselbe Erbarmen und werden einst – gerade auch als Volk – von Gott gerichtet werden“ (28). Wie die Geschichte der Menschheit, „so empfängt die Geschichte jedes Volkes ihren Sinn und ihre Einheit durch die Beziehung durch Christus. Es ist immer das größte Ereignis in der Geschichte eines Volkes, wenn ihm zum ersten Male das Evangelium gepredigt wird“ (29), obwohl das auch zur Zerreißung des völkischen Zusammenhanges führen kann, z. B. zu Auswanderungen um des Evangeliums willen. Denn dieses erinnert das Volk an seinen vergessenen Beruf und beruft es neu zum wahren ewigen Gottesvolk, in dem erst „das Wesensgesetz des echten Volkes erfüllt ist: ‚Ihr sollt mein Volk sein, ich will euer Gott sein’“ (29). In diesem Sinne geht es der Kirche als Volk Gottes „nicht um die Erhöhung und Verinnerlichung einer Volkskultur, sondern um die Existenz eines Volkes als Volk“ (30), dessen Dasein auf dem erneuerten und gehörten Ruf Gottes beruht.

[S. 48:] 4. Das Volk als Existenzgemeinschaft bei Alfred de Quervain

„Die theologischen Voraussetzungen der Politik“ legen 1931 dar, dass Gott nur im Glauben als Schöpfer erkannt und anerkannt werden kann, wobei für den evangelischen Christen der erste Glaubensartikel unlösbar ist von den beiden anderen, da sonst wieder die eigengesetzliche Natur an die Stelle des Schöpfers gesetzt wird. Die volkhafte Bestimmtheit des Menschen gehört zu den Äußerungen der Geschichtlichkeit, ist ein Kennzeichen der Geschöpflichkeit des Menschen und nicht zu leugnen oder abzustreifen, denn es liegt doch „etwas unmittelbar Zwingendes in dem Worte Volk, Volkstum“ (48). Aber das Bedrängende dabei ist nicht das Volk, sondern Gottes Schöpferwillen selbst, denn es geht um die menschliche Existenz, um Gottes Gebot; daher hat der Christ kein Recht, sich selbst um eines höheren Wertes oder Lebens willen aufzuopfern, denn er steht „unter dem Gebot des Schöpfers, nicht unter dem Gesetz des Volkstums“ (49). „Volk entsteht, Volk lebt durch Gottes Wort“ (141) und ist nicht einfach Entfaltung eines Gegebenen. „Wenn wir von Volk ... reden, so denken wir ganz unwillkürlich an die Dorfgemeinschaft“ (142), aber nur, weil dort der Kampf um das Volk verständlicher wird. Volk, d. h. geschichtliches Dasein, „wird zerstört, wo der Mensch restlos zum Mittel wird“ (146), zum Objekt. Daher ist Erkenntnis des Menschen in seinem geschichtlichen Dasein notwendig, denn „im geschichtlichen Geschehen verwirklicht sich das Volk, vollzieht sich Vereinigung und Scheidung“ (148), wird der ganze Mensch in Anspruch genommen im Kampfe um das Volk. Von der Unterscheidung zwischen Volk und Kirche hängt das Heil des Volkes ab, denn „wir, gefallene Menschen, haben nur durch den Sohn Zugang zum Vater und Schöpfer“ (151). Subjekt des Glaubens, erwählt, Sünder, versöhnt ist nicht das Volk, sondern der Einzelne, als Glied der Gemeinde. „Wer den Schöpfer bekennt, anerkennt auch eine schöpfungsmäßige Einheit der Menschen“ (154). Gott schuf „in Christo die gesamte Menschheit zu e i n e m n e u e n Menschen“ (155). Im Reiche Gottes wird der Mensch „gehorsam und in diesem Gehorsam seinem Volke eingeordnet“ (156). „Zu dieser Zeit Leiden gehört auch unsere Volkszugehörigkeit, unser Volkstum“ (156), denn „am Ende der Wege Gottes steht nicht das ... in Unmittelbarkeit lebende Volk, nicht die Gemeinschaft freier Völker, sondern die Herrlichkeit Gottes selbst: Gott alles in allem“ (157).

[S. 49:] In „Volk und Obrigkeit eine Gabe Gottes“, einem mutigen Zeugnis der Bekennenden Kirche, entfaltet de Quervain 1937 noch einmal sehr klar sein Verständnis vom Volk. Die Kirche weiß, „dass in dem Lobpreis der e i n e n Gabe Gottes, Jesus Christus, die relativen Gaben gesehen werden, die Gaben, die in ihm enthalten und ohne ihn nichts. sind“ (10). De Quervain wendet sich gegen die neuprotestantische Erneuerung des Naturrechts und damit der Werkgerechtigkeit bei den völkischen Theologen, denn „die von Christus gelösten Gebote töten den Menschen nicht mehr, sondern verherrlichen ihn. Sie sind nicht mehr Wort Gottes, durch das Christus die Seinen regiert, sondern sie sind des Menschen eigenes Gesetz“ (15). Es geht de Quervain nicht um eine biblische oder christliche Volkstheorie, denn in der Bibel hören wir nur „vom Gericht Gottes in der Verwirrung der Sprachen, in der Zerstreuung dessen, was ein Reich, ein Volk war“ (27). Aber „wo der Mensch unter das Gericht Gottes sich beugt ..., da müssen die Sprachen ... zeugen ... von der Einheit, die Gott durch die Sammlung seines Volkes schenkt und erhält“ (29). Unter Volk sind nach de Quervain mannigfache und verschiedene soziologische Bindungen zusammengefasst, und die Kirche darf nicht ein politisches Dogma, das bestimmen will, was Volk ist, rechtfertigen, auch nicht in ihrem Danken und Bitten: „Das durch eine Dogmatisierung belastete Wort wird sie vielleicht sogar aus ihrer Sprache weglassen oder besser gesagt, sie wird es umschreiben müssen, um nicht zu Missverständnissen Anlass zu geben“ (43). De Quervain geht es um das wirkliche Volk heute, und das heißt für ihn: 1. die Heimat als der landschaftsgebundene Volkszusammenhang im engeren Sinn; 2. die Existenzgemeinschaft als Kampf﷓, Not- und Leidensgemeinschaft und als das politisch, staatlich geformte Volk. „Über Kultur, Sprache, besonderes Volkstum hinweg ist eine gemeinsame Lebensweise da, eine besondere Art zu fühlen, zu handeln, zu denken, ein besonderes Verständnis der Ehre, für das die Glieder eines Volkes mit dem Einsatz des Lebens einzutreten bereit sind, wenn es ihnen genommen werden soll“ (45). De Quervain sieht „auch in der gemeinsamen Sitte und Lebenshaltung eine Kundgebung des Volkes“ (45), doch es geht letztlich nicht um eine Sitte, sondern um den Nächsten und damit auch um die zu achtende Sitte des Nächsten. Gemeinsamkeit der Sprache, des Wortes, das klärt und hilft, als das Köstlichste, was einem Volk geschenkt werden kann, „ist da, wo man Gottes Wort hört und gemeinsam sich entscheidet. Dieses Hören schafft Volk und schafft Scheidung im Volke“ (47).

[S. 50:] Volk ist eine Gabe relativer Art, und kein Gebot lässt sich daraus ableiten, das den Menschen bindet, auch nicht das, diese Gabe zu schützen. So kann in der evangelischen Kirche nie vorbehaltlos gebetet werden um die Erhaltung des Volkes, und „eine Theologie des Volkes darf und kann es nicht geben“ (50).

„Die Heiligung. Ethik I“ zeigt 1942: „Das Gesetz ist das Zeugnis von Christus und als solches die heilige Schrift“ (26), zusammengefasst in den Zehn Geboten, die – mit der vorausgehenden Zusage Gottes an die Seinen: ‚Ich bin der Herr, dein Gott’ – im Dienst der Herrschaft Christi stehen. Die Völker „haben keine eigene Existenzberechtigung, kein eigenes, innerweltliches göttliches Ziel“ (183); ihr Ziel ist vielmehr, „dass die Predigt des Evangeliums zu ihnen kommt, dass in der Sprache vergehender Völker die großen Taten Gottes verkündigt werden, das Lob Gottes erschallt. In der Pfingstgeschichte werden die Völker nach ihrer Sprache und ihrem Wohnsitz unterschieden“ (183) und wird Christus als der Herr aller Völker bezeugt. Die Kirche „hat nicht den Auftrag, Ordnungen zu retten, zu schützen und zu erneuern, sondern die Königsherrschaft Christi zu preisen und in solcher Freiheit in den Ordnungen zu leben“ (312). Die schweizerischen „Kantone sind die Wahrer und Pfleger des Volkstums, volkhafter Geschichte und Tradition“ (315), und es gilt „mit aller Sorgfalt zu prüfen, was geschehen muss zur Pflege des eigenen geschichtlichen Lebens: der Sprache und der Sitte, des heimischen Denkens und Fühlens, soweit es sich bewährt hat“ (315). Der Christ „bekennt, dass auch das Volk vom Dienst der Kirche lebt, dass das Leben des Volkes vom Worte Gottes her bestimmt wird“ (316).

„Kirche, Volk, Staat. Ethik II/1“ nennt 1945 Volk und Staat „Notordnungen“ (176), ohne einem von beiden einen Vorrang zuzusprechen; beider Keimzelle ist die Familie. „Die Kirche Jesu Christi ist Kirche für das Volk ... für ihre Umwelt“ (74) und steht mitten im Volk, ist ihm wirklich nahe, und „das Bekenntnis des Namens Christi heute, an einem bestimmten Ort bleibt nicht ohne Einfluss auf die Volkssitte“ (75). Aber die Kirche ist „nicht die Kirche des Volkes, sondern die Kirche Jesu Christi“ (76), aus dem Volk ausgesondert, nimmt sich des vom Volk unterdrückten Nächsten an, erfährt deshalb den Widerspruch der Volksmenge und muss sich notfalls vom Volk trennen und auswandern;

[S. 51:] denn sie steht nicht im Dienste des Volkes und ist weder Volkskirche noch Staatskirche noch völkische Kirche, sondern Kirche Jesu Christi. Eine Kirche des Volkes kann nicht mehr raten und helfen: „Sie schwebt über dem wirklichen Volk; sie kennt es nicht und trägt seine Last nicht“ und „ist in dem Sinne eine volksfremde Kirche“ als durch sie die große Freude dem Volk, den Menschen vorenthalten wird“ (80). Von den verschiedenen biblischen Ausdrücken her unterscheidet de Quervain das Volk als 1. nationale Einheit, aus derselben Stammeszugehörigkeit (Blutsverwandtschaft, durch langes Zusammenleben geprägte Art); 2. als sprachliche Einheit; 3. als Allgemeinbegriff, als Schar derer, die durch dieselbe Sitte verbunden sind; 4. als politische Einheit, wie sie durch Geschichte und Verfassung bestimmt ist (gemeinsame politische Verantwortung); 5. als Schar derer, die innerhalb bestimmter Grenzen wohnen. „Wir merken wohl, dass in dem einen Wort (nämlich Volk) auf eine Fülle von Gaben Gottes hingewiesen wird“ (178), die aber keine Welt für sich sind, neben der Welt des Glaubens, und nicht an sich gut sind und nicht den Willen Gottes offenbaren. Die Völkerwelt ist vielmehr der Ort, „wo Gott richtet, weil gerade in ihr der menschliche Übermut sich austobt“ (179), denn „die Völker sind die Heiden, zu denen Gott Nein sagt, weil sie an sich selbst glauben“ (179), an das eigene Wesen. Andererseits gilt es, „die Segensworte über die Völker und damit auch über unser Volk glaubensvoll zu hören“ (180). Die Völker „sind die Schar derer, die Gott noch draußen stehen lässt, die er aber in seiner Geduld trägt, bis er auch sie in sein Reich ruft“ (181), und der Christ liebt sein Volk, weil er sich mit und in ihm getragen weiß. De Quervain unterscheidet 1. das noch nicht christianisierte Volk vom 2. christlichen Volk, in dem die Kirche ungehindert ihren Dienst tun kann und die Sitten und Ordnungen unter der Wirkung der Verkündigung des Evangeliums umgeschaffen werden; und 3. das entchristlichte Volk, das in der Auflehnung gegen seine eigene, von der Predigt des Evangeliums mitbestimmte Geschichte lebt. „Die in einem Volk lebenden Menschen lehnen sich immer wieder auf gegen die Not, in die Gott die Völker gebracht hat. Sie wollen nichts wissen von Gottes Gericht in der Existenz der Völker“ (286) und verkennen damit auch Gottes barmherziges Tun an den Völkern. Doch Gott liebt nicht das Wesen, „nicht die Idee des Volkes, sondern die Seinen in den Völkern“ (289). Auf die Frage, was Gott mit den Völkern, mit meinem Volke vor hat, kann der Christ nur antworten:

[S. 52:] „Dass an diesem bestimmten Ort, innerhalb einer bestimmten Geschichte Menschen Buße tun, ihre Sünde, ihr Unrecht erkennen, dass sie Gott als dem Geber aller guten Gabe die Ehre geben, dass sie ihren Nächsten lieben“ (291). Aber „was Gott unter einem Volke tut, was er ihm schenkt und von ihm fordert, das wird niemals Eigentum dieses Volkes“ (292), nicht zum Gesetz seines Wesens. „Das Volk existiert dadurch, dass in seiner Mitte eine Entscheidung fällt“ (293) für oder gegen Christus, der nun den Weg des Volkes bestimmt. „Erst von der Gemeinde her erkennen wir, was in einem bestimmten Volke zur Entscheidung steht. Nun ist es möglich, den besonderen Weg, die besonderen Versuchungen, den besonderen Dienst eines Volkes zu verstehen“ (293), das gefragt und Antwort schuldig ist. Von daher bejaht de Quervain einen verantwortlichen Volksschutz vor Überfremdung, aber in christlicher Freiheit und ohne Fremdenhass, nicht damit ein Volk seinem Wesen treu bleibe, sondern damit in ihm, in der Ausrichtung seines ihm aufgetragenen Dienstes, Taten des Gehorsams, Entscheidungen geschehen, denn „so allein erfüllt ein Volk seine geschichtliche Sendung“ (327).

5. Das Volk als soziale Grundordnung bei Niels Hansen Søe

Die „Christliche Ethik“ – 1942 in Kopenhagen erschienen – , geht davon aus, dass Erkenntnis Gottes und Erkenntnis des Guten unlöslich zusammengehören, und wie Gott nur erkannt werden kann, indem er als der Dreieinige kommt in seinem Wort, seinem Sohn und dem Heiligen Geist, so gibt es auch keine zweite Quelle für die Erkenntnis des Willens Gottes neben der Offenbarung in Christus. Søe wendet sich gegen die Behauptung der Eigengesetzlichkeit eines Lebensgebietes, das so der christlichen Wertung entzogen werden soll, denn „das ganze Leben gehört unter Gottes in Christus geoffenbarten Willen“ (167). Doch „steckt in dem Satz von der Eigengesetzlichkeit ein Körnchen Wahrheit. Es sind nämlich vor jeder ethischen Entscheidung bestimmte Gegebenheiten vorhanden, die den Hintergrund des ethischen Handelns ausmachen“ (165). Zwar ist es so, dass der Christ in der Regel „sich einem für unser Denken nicht zu entwirrenden Ineinander von Schöpfung und Sünde gegenübersieht. Aber das ändert nichts daran, dass er, wenn er handeln will, die Tatsachen hinnehmen muss, die den unveränderlichen Hintergrund seines Tuns bilden.

[S. 53:] Und er kann das als Christ auch tun, weil er glauben darf, dass Gottes Vergebung alles zudeckt“ (165). Außerdem ist an dem Reden von der Eigengesetzlichkeit richtig, dass jedes Ziel zu seiner Verwirklichung nicht nur technische Mittel nötig hat, aber wir dürfen wissen, dass wir in freimütigem Vertrauen auf Gottes Gnade uns in die Tatsache zu schicken haben, dass es in der Welt selten oder vielleicht nie Mittel gibt, die nicht mit menschlicher Sünde befleckt wären“ (167). Für Søe, der das Volk zu den „sozialen Grundordnungen“ wie Familie und Staat zählt, „ist es schon schwer zu sagen, was überhaupt für ein Volk konstitutiv ist“ (309), aber „trotzdem ist es eine Tatsache, dass das, was mit dem Begriff ‚Volk’ gemeint ist, allenthalben auf der Erde eine Wirklichkeit ist, und dass für die meisten Menschen die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk einen ursprünglichen Teil ihres Menschseins ausmacht, der für sie ebenso bestimmend ist wie ihre. Familienzugehörigkeit“ (309/310). Doch haben wir kein Recht, „die Aufteilung der Menschheit in Völker und die Grenzen zwischen ihnen als eine göttliche Schöpfungsordnung anzusehen. Das AT betrachtet die Sprachverwirrung und die Zerstreuung über die ganze Erde als Strafe für die Sünde“ (310), und in Christus haben alle rassischen und anderen Unterschiede ihre Bedeutung verloren. Für Søe besteht kein „Grund für die Annahme, dass die Entwicklung der Menschheit in dieser Frage auf dem heutigen Standpunkt ... stehen bleiben müsste“ (310). Wenn auch Natur und Volkstum in hohem Maße die ganze Seinsweise des Menschen bestimmen, so lässt sich daraus doch keine ethische Verpflichtung ableiten auf eine bestimmte, zu verwirklichende Seinsweise: „Es führt nun einmal kein legitimer Weg von einem schlichten Indikativ zu einen bestimmten Imperativ“ (504). Daher „muss man seine Pflicht dem Volk gegenüber vom Gehorsam gegen Christus her verstehen. Erst kommt der Christ, und dann erst der Mensch, auch der von seinem Volk geprägte und in ihm verwurzelte Mensch“ (313). Dass sich das Christentum der Eigenart des Volkes anpassen soll, kann nur für die äußere Form gefordert werden, doch ist auch dann Wachsamkeit geboten, da zwischen Form und Inhalt praktisch oft schwer zu unterscheiden ist und Nachgiebigkeit u. U. das Evangelium verfälschen kann. Gerade weil die Prägung des Christentums durch das Volkstum natürlich ist, soll man sie nicht anstreben, abgesehen eben von der äußeren Form – z. B. in der Mission. Theologie und Verkündigung dürfen nicht auf den Volkscharakter abgestimmt oder ihm angepasst sein.

[S. 54:] „Auch in äußerlichen Dingen muss die Kirche bekennen, dass alles, was in Christus verbindet, viel stärker ist als jede völkische Grenze“ (315). Der übernationale, universalistische Charakter der Kirche darf nicht verwischt werden, daher war es „nicht gut, dass sich die evangelischen Kirchen und unter ihnen besonders die lutherischen so stark als Landeskirchen organisierten“ (316). Aber der Christ – wenn er einem Volke angehört – hat ihm gegenüber positive Verpflichtungen und darf „seine Volkszugehörigkeit und die damit zusammenhängende Seite seines Daseins aus Gottes Hand annehmen, in der Gewissheit, dass auch der sündige Ursprung der Völker ... von der Gnade Gottes bedeckt ist“ (317). Der Christ erkennt, dass er „de facto in eine bestimmte leib﷓seelische Gemeinschaft berufen ist, um in ihr Gott zu dienen“ (317). Das bedeutet aber in der Regel, dass er vor allem für die Durchführung des Willens Gottes unter seinen Volksgenossen zu wirken hat“ (317), „da er auch als Christ in seinem Volk verwurzelt ist und deswegen ihm gegenüber besondere Verpflichtungen hat. Gerade der Christ sollte beurteilen können, was am Wesen seines Volkes wertvoll ist, und sollte so besonders zum Kampf dafür geeignet sein, dass diese Werte gereinigt werden und erhalten bleiben, während es das Wertlose und Wertwidrige auszuscheiden oder zurückzudrängen gilt“ (318). „Gerade weil die Kirche und nur sie den heiligen Willen Gottes kennt, ist sie berufen, über die Gewissen zu wachen, ja sie ständig zu beunruhigen“ (319) und „u. a. dafür zu kämpfen, dass die Regeln der christlichen Ethik das öffentliche Leben so weit wie möglich beherrschen, wenn auch die eigentliche Aufgabe darin besteht, den Einzelnen für das Evangelium zu gewinnen. Ein Volk kann sich nicht bekehren, sondern nur zurückfinden zu christlicher Lebensauffassung und zur Achtung vor christlicher Sittlichkeit. Die Verantwortung dafür tragen die Christen, weil „Gott seine Pläne verfolgt, wenn er einzelne Völker hat entstehen lassen“ (506). Für den Christen ist das Völkische nicht „an und für sich von solchem Werte, dass es um jeden Preis behauptet und geschützt werden müsse“ (319); daher muss er jeweils prüfen, ob und inwieweit er Eigenart oder Selbständigkeit seines Volkes mitverteidigen müsste gegen fremden Einfluss. „Während eines solchen Kampfes zum Schutz und zur Behauptung sittlicher Werte eines Volkes und zur Verteidigung des in der Eigenart eines Volkes gegebenen Gutes“ (320) können „Christen und manche Nichtchristen in gewissem Ausmaß zusammenstehen“ (320), z. B. gegen den Krieg.

[S. 55:] 6. Das Volk als Form der Gesellschaft bei Wolfgang Trillhaas

Trillhaas, „der philosophischen Ethik und des näheren ... der Phänomenologie aufs stärkste verpflichtet“ (Vorwort, S. VI), geht 1959 in seiner „Ethik“ aus von einem soziologischen Begriff der Gesellschaft als „Gefüge, in dem wir uns befinden“ und als „Bezug, in dem der einzelne nicht frei ist, sondern abhängig“ (280), um einer Theologie der Ordnungen zu entgehen, gegen die er sich schon 1934 wandte. Unter allen Formen der Gesellschaft kommt nach Trillhaas ein besonderer Rang dem Volk zu, das aber nur konstituiert wird durch das gewachsene, „einheitliche Volksbewusstsein und die gemeinsame Erfahrung der Geschichte in Glück und Leid, das eigentümliche ‚Wir-Bewusstsein’, von dem P. Althaus „gelegentlich spricht“ (280), denn das Volk ist die geschichtlich gewachsene und natürlich gewordene Gesellschaft, die durch ein spezifisches, traditionsgebundenes Selbstbewusstsein ausgezeichnet ist“ (282). Doch trotz der „privilegierten Stellung“ (283) des Volkes ist ihm doch der Begriff der Gesellschaft überlegen, die 1. auch dann erhalten bleibt, wenn das Volk verfällt oder sich völlig verwandelt; 2. in kolonialen Verhältnissen häufig zuerst gebildet wird, bevor ein Volk daraus entsteht – z. B. die USA – , und 3. frei ist von der Versuchung zur Borniertheit, die aller volkhaften Existenz anhaftet und sie als nicht genugsam erscheinen lässt. Denn „es setzt einen hohen Grad von Abgeklärtheit und wahrer Bildung voraus, wenn man bei Festhaltung des eigenen Volksbewusstseins Sinn, Hochachtung und Aufgeschlossenheit dem fremden Volkstum gegenüber bewährt“ (283). Aber wenn auch „über der Größe der Vergangenheit des Volkes eben diese Teilhabe an der gemeinsamen Schuld nicht vergessen“ werden darf, So erfüllt doch „das Bekenntnis zur eigenen Geschichte jeden volksbewussten Menschen mit Stolz“ (284) und Vaterlandsliebe. Treue zu den geschichtlichen Ursprüngen erfordert Treue zum Volke, als dessen Glieder wir die unmittelbarsten Güter „empfangen: die Sprache, die Bildung und die Religion, diese als die Überlieferung der Bindung unserer Väter an Gott verstanden. Das Bewusstsein dieser empfangenen hohen Güter ruft uns daher immer zur Dankbarkeit dafür auf, dass wir Glieder unseres Volkes sind“ (284). „Volk bedeutet die Geborgenheit des Menschen bei seinesgleichen“, und das Lied des Volkes „ist die unmittelbare Sprache seiner Seele“ (284). „Von allen denkbaren Formen der Gemeinschaft, in einem größeren als dem nur familiären Rahmen verstanden,

[S. 56:] ist das Volk die Form der innersten Zusammengehörigkeit des Menschen“ und zugleich Träger einer theologischen Bedeutung, eschatologischer Begriff, denn „die neue Menschheit, die Menschheit Gottes wird Gottes Volk sein“ (284). Die Analogie zwischen Kirche und Volk macht Trillhas deutlich an der Integrationskraft des Volkes, das seine Lebendigkeit zeigt im Aufweisen von Differenzierungen und subtilen Gliederungen, die sich zum Volk integrieren und es also nicht lähmen oder in seiner Einheit zerstören: „Um an dass Elementarste zu erinnern: Das gewachsene Volk ist in Stände gegliedert; deutlich heben sich Führungsschichten vom einfachen Volk ab“ (285). „Um dieser Analogie willen kann die Kirche ins Volk eingehen, kann sich organisch mit ihm verbinden“, „muss sogar die Kirche Volkskirche sein“ (285). Aber die überkommene Gestalt des gewachsenen Volkes ist für Trillhaas nicht die einzige Form des gesunden Soziallebens, sondern nur eine spezifische Erscheinungsweise der Gesellschaft. Er sieht, dass die „moderne Sozialentwicklung ... intentional von diesem Volk weg“ geht, „dass eben dieses Volk selbst in der Neuzeit in einem grundlegenden Wandel begriffen ist, einem Wandel, der durchaus zu neuen volkartigen Gesellschaftsbildungen führen kann“ (286). Aus der Analogie zwischen Volk und Gottesvolk, aus der Volkhaftigkeit der Kirche ergibt sich ihr Charakter als Volkskirche, deren Modell eben das Volk ist. Sie ist daher auch nicht Gemeinde der Heiligen, sondern Heimat der Gerechten und der Sünder, der Guten und der Bösen, der Gläubigen und der Heuchler. „Und das ist der Segen des in jedem Volkstum eingewobenen Erbes, dass es die Sprache gestaltet, in der das Evangelium die Menschen dieses Volkes erreicht. Volk ist ja nicht nur eine allgemeine soziologische Form des Zusammenlebens der Menschen, sondern immer eine bestimmte, unverwechselbare Art des Zusammenlebens, der gemeinsamen Sprache, der Sitte, der ererbten Begriffe“ (421). Sinn und Aufgabe der Volkskirche bestehen darin, um des „Laien“, des „gemeinen Mannes“ (423) willen volkstümlich zu sein, zu verkündigen und zu lehren, an Sitte und Brauch des Volkes nicht vorbeizugehen und auf dem Missionsfeld die jungen Christen in ihrem Volkstum zu belassen und zu bestätigen, ja „dieses alte und vielleicht schon verfallende Volkstum zu neuem sinnvollen Leben erwecken“ (422) zu helfen. Doch sind Kirche und Volkstum nicht identisch und daher getrennt zu halten, wenn auch beide „aneinander wachsen müssen“ (424).


Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
Er kann gemäß den Richtlinien der Creative Commons-Lizenz "Attribution-ShareAlike" weitergegeben werden.
Zitate und verlinkte Texte unterliegen dem Urheberrecht der jeweiligen Autoren.