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c) Im KLV-Lager Schaumburg 1943-1945

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Stimmungen - erinnert nach 55 Jahren

1993 wurde mein allgemein gefasster Bildbericht („Vor 50 Jahren“) über das Kinderlandverschickungslager in den Mitteilungen des Verbandes ehemaliger Ratsgymnasiasten Nr. 28 abgedruckt. Als Ergänzung dazu versuche ich jetzt – nach unserem Goldenen Abitur – , ein Stimmungsbild dieser letzten anderthalb Kriegsjahre zu entwerfen, wie es sich mir nach meinen persönlichen Erinnerungen darstellt. Dabei geht es mir – auch auf Wunsch eines Schulkameraden – vor allem darum, zu verstehen und verständlich zu machen, wie wir mit der politischen Situation jener außergewöhnlichen Zeit umgegangen sind. Die Subjektivität meines Erlebens damals und meiner Sicht heute ist mir klar, weshalb mir kritische Stellungnahmen, Berichtigungen und Ergänzungen sehr willkommen sind. Wenn ich nun verallgemeinernd „wir“ schreibe, gilt das nicht immer für alle meine Mitschüler – jeder war ja schon damals eine Persönlichkeit für sich – und schon gar nicht für die Schüler der unteren Klassen, die teilweise ganz andere Erfahrungen machten und anders damit umgingen als wir. Natürlich hing und hängt es von der Persönlichkeitsstruktur jedes Einzelnen und seiner ganzen Lebensgeschichte ab, wie sehr er als Kind und Schüler in seinem Vertrauen verletzt war, wie verletzlich er – vielleicht bis heute – geblieben ist, ob und wann er dafür Heilung und Versöhnung gesucht und gefunden hat oder – wie einige – noch sucht, um im Frieden mit sich und seinem Leben Abschied zu nehmen von dieser Welt mit all ihren schönen und hässlichen Seiten.

Nachdem die organisatorischen Anlaufprobleme des Lagers und die – besonders für Verwöhnte – schwierige Eingewöhnungsphase überwunden war, standen den Nachteilen – vor allem der oft schmerzlich erlebten Trennung von der Familie und dem privaten Lebensraum zu Hause – auch Vorteile gegenüber wie die durch immer häufigeren Luftalarm nicht mehr gestörte Nachtruhe und die ausreichende Versorgung, als alles immer knapper wurde. Diese Einsicht bewahrte uns zwar nicht vor Unzufriedenheit über manche Entbehrungen und Unzulänglichkeiten, aber weitgehend vor Meckern und Schimpfen. Das gemeinsame Leben unter Gleichaltrigen wurde mit der Zeit sogar von vielen als so positiv erlebt, dass nach dem Kriege sich mancher danach zurücksehnte.

Ich meine auch, dass fast alle von uns eine dem Ungeist jener Zeit widersprechende Abneigung gegen Gewalt hatten und es deshalb nie eine Schlägerei gegeben hat; selbst die vorhandenen Boxhandschuhe wurden nur sehr selten und von ganz wenigen genutzt. Sicher hatten wir ein Empfinden für Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit, aber kein politisches Bewusstsein im eigentlichen Sinne; eine andere Politik als die eine, die wir erlebten und erlitten, kannten wir nicht. Die wenigen Eltern und Lehrer, die früher demokratisch eingestellt waren, pflegten ja darüber zu schweigen, um sich selbst und uns nicht zu gefährden. So kam es auch nicht zu ideologischen Gruppenbildungen, sondern nur zu mehr oder weniger stillschweigender Übereinstimmung in unserer mehr gefühlsmäßigen Ablehnung der Nazi-Diktatur und ihren totalitären Zielen und Methoden.

Als Sohn eines Beamten der Gestapoleitstelle Hannover wusste und ahnte ich einiges über das Morden und hatte schon als Elfjähriger im „Arbeitserziehungslager“ Liebenau bei Nienburg Schlimmes gesehen. Wenn ich das vertrauten Mitschülern gegenüber andeutete, konnte nur Gerhard Bode – ebenso grundsätzlich kritisch wie ich gegenüber dem NS-System – das annehmen; die anderen glaubten es nicht oder meinten: „Der Führer weiß das nicht.“ Das hätte ich auch gern geglaubt, denn das kindliche Bedürfnis nach Glauben und Vertrauen auf die Führung war ja tief in uns Deutschen verwurzelt. Aber unmittelbar nach meinem 14. Geburtstag im Januar 1944 setzte mein kritisches Denken ein und stellte alles in Frage. Dass Deutschland den Krieg begonnen hatte und dass Juden und andere Menschen ermordet wurden, wusste ich schon vorher, aber jetzt erst wurde mir die totale Macht des Unrechts und der Unmenschlichkeit, der Gewalt und der Zerstörung deutlich, obwohl ich deren Ausmaß noch nicht ahnte. Für mich folgte daraus, dass Deutschland den Krieg verlieren musste und ich uns nicht den Sieg wünschen durfte. Die Frage nach der Schuld, an der ich Anteil hatte (dazu fiel und fällt mir manches ein), tauchte auf, und es wurde für mich zum Problem, ob die deutschen Soldaten schuldig waren, die unwissentlich einer verbrecherischen Regierung gehorchten. Die Zerstörung Hannovers, in der ich heute auch ein Kriegsverbrechen sehe, empfand ich damals als gerechte Strafe, so dass ich die Feinde nicht wie vorgeschrieben hassen konnte. Über einiges konnte ich mit Gerhard Bode reden, aber ich weiß bis heute wenig darüber, was in den Köpfen und Herzen vieler meiner Klassenkameraden damals vor sich ging.

Ich hätte dringend einen vertrauenswürdigen Erwachsenen, auch einen Seelsorger gebraucht, aber wo hätte ich ihn finden sollen, wenn ich einen gesucht hätte? Es war damals Jungen wie Männern nicht erlaubt, Gefühle der Trauer und des Schmerzes, der Hoffnungslosigkeit und der Verzweiflung zu zeigen. Ich musste sie als beschämendes Zeichen unmännlicher Schwäche vor allen anderen verstecken, auch in der Familie. Als Kind war ich infolge meines chronischen Bronchialasthmas weicher als die meisten Jungen gewesen, aber das lernte ich nun hinter Albernheit zu verstecken. Ich musste auch das Weinen verlernen und zumindest nach außen hart erscheinen, obwohl ich innerlich sehr litt unter der Erfahrung der Vergänglichkeit durch den miterlebten schweren Luftangriff britischer Bombenflugzeuge, dem halb Hannover und viele Menschen zum Opfer fielen, darunter ein mir bekannter Junge. Ich war zwar nur einer von 250.000 Menschen, die in dieser Nacht wie ich ihr Zuhause verloren und heimatlos wurden, aber ich verlor dadurch auch meinen kindlichen Glauben an Gott und mein Vertrauen zu den Erwachsenen. Doch bewahrte ich mir das damals verbotene mitmenschliche Gefühl des Erbarmens mit den Opfern der von Menschen geschaffenen Todesstrukturen, die gerne „Ernst des Lebens“ genannt wurden und werden.

Die gebotenen starken Gefühle wie Wut und Zorn, Hass und Rache gegen die Feinde empfand ich nicht. Gott und Jesus, Kirche und Religion waren weder Gesprächs- noch Unterrichtsthemen, und ich weiß nicht, ob auch nur einer von uns jemals gebetet hat, auch nicht die drei Pfarrerssöhne, die z. T. meiner Stube angehörten. Bis Ostern 1944 gingen zwar noch die Konfirmanden ab und zu in die Kirche, danach nur noch die wenigen Katholiken. Vermutlich wäre mutige, zornige und aggressive Bewältigung der Angst vor den äußeren Bedrohungen gefährlicher, aber gesunder für die Entwicklung von Ich-Stärke gewesen als die weit verbreitete „innere Emigration“, der Rückzug in die Innerlichkeit bei äußerer Verstrickung in Lüge und Gewalt mit all den damit verbundenen Verletzungen von Selbstachtung und Menschenwürde bis hin zu depressiver Verzweiflung. Doch dazu hätten wir der Ermutigung durch glaubwürdige erzieherische Vorbilder bedurft, die fehlten, und so machten wir mit und hätten wohl weiter mitgemacht, wenn der Krieg länger gedauert hätte. Unsere Klasse hatte allerdings außer in den ersten sechs Monaten fast keinen HJ-Dienst, den wir ja allgemein als vormilitärische Dressur ablehnten; wir drückten uns vor diesem Zwang und Drill, wo wir nur konnten. Das geforderte übertriebene Reinigen der Stube, der Schuhe und der Uniformen ärgerte uns gelegentlich, obwohl wir uns Werte wie Ordnung, Pünktlichkeit und Sauberkeit zu eigen gemacht hatten.

Vielleicht sah manches anders aus in der etwas abgelegenen Stube 4 auf der Burg, deren Besatzung – acht Schüler – bei unserer Verlegung nach Rosenthal gemeinsam in die Dorfschule zog, da im Haus Ritter nicht genug Platz war. Ich erlebte diese Gruppe einmal auf dem Burghof, als ein Pfarrerssohn vorübergehend der Propaganda erlegen war und erfolglos die anderen dazu überreden wollte, sich gemeinsam zum Volkssturm zu melden. Aber sonst drang aus dieser Stube fast nichts nach außen, die – wie ich erst viel später erfuhr – in der Dorfschule sogar ein eigenes Radio besaß und verbotenerweise BBC London hörte, unter einer Decke und mit einer Wache an der Tür. Nach meiner Erinnerung gab es für uns keine Zeitung, um sich zu informieren, und die politischen Bücher aus der Lagerbücherei (Hans Grimm: „Volk ohne Raum“ u. a.) wurden kaum gelesen. Doch gingen Groschenhefte von Hand zu Hand, ob Krimis, Wildwestabenteuer oder kriegerische Heldentaten, die mit dem Ritterkreuz belohnt wurden und unsere Phantasie beflügelten. Im unteren Tagesraum von Haus Ritter stand ein großes Rundfunkgerät, vielleicht auch eines zeitweise im oberen Tagesraum der Burg; beide wurden kaum benutzt, so dass ich nicht mehr weiß, woher wir unsere Informationen über den Frontverlauf hatten außer aus den abgeworfenen Flugblättern, die wir im Gelände fanden, und den Nachrichten und Tageszeitungen, die uns in den Ferien zugänglich waren.

Die Schüler der Klasse über uns waren als Flakhelfer in Hannover geblieben, und dieses Los sollten wir nach dem Schuljahr 1943/44 teilen. Das galt den Lehrern, Eltern und Schülern als sicher, und deshalb wurden wir Anfang Juli 1944 alle in Klasse 5 (heute 9) versetzt, obwohl einige (wie ich) mehrere mangelhafte Noten im Zeugnis hatten. Wir selbst waren alt genug, um uns unserer persönlichen und der Kriegslage wie der Lebensgefahr, in der unsere Angehörigen schwebten, bewusst zu sein. Das führte zumindest innerlich zu frühem Ernst, den wir aber meistens voreinander verbargen hinter vielerlei jugendlichen Interessen und Aktivitäten oder auch Albernheit. Wir haben ja keine Gelegenheit zum Spaß ausgelassen, ganz abgesehen vom Erzählen politischer Witze unter Vertrauten.

Die uns im ersten Halbjahr zugewiesenen HJ-Führer waren menschlich sehr verschieden, manche sogar beliebt, und immer nur wenige Wochen bis zu ihrem 18. Geburtstag bei uns; dann wurden sie zum Wehrdienst eingezogen, was sie und wir wussten. Ab Ostern 1944 kamen bereits die 17-Jährigen an die Front und nicht mehr zu uns, und daher wurden ältere Schüler der Klassen 3, 4 und 5 zu Lagermannschaftsführern ernannt in den anfangs 4, später 5 Klassen. Als wir nach den Sommerferien überraschend doch wieder ins Lager zurück durften (hatte das Professor Oskar Hoesch oder einer der „unabkömmlichen“ Väter in hoher Position erreicht?), waren wir froh darüber; meine Klasse hatte dann bis zum Kriegsende keinen Lagermannschaftsführer mehr, und das war uns sehr recht.

Unsere Kriegserlebnisse – von Wochenschauberichten im Kino abgesehen – hatten begonnen mit der Erfahrung von Trauer um immer mehr gefallene Soldaten, steigerten sich mit dem immer häufigeren nächtlichen Aufenthalt im Luftschutzkeller und gipfelten in den an Schwere zunehmenden Terrorangriffen auf Hannover, die bei einigen von uns zum Verlust des Zuhause und vereinzelt auch von Angehörigen führten. Von der Burg aus beobachteten wir Luftkämpfe über dem Wesertal oder Tiefflieger beim Beschießen von Bahnhöfen, Zügen und LKWs. Wilhelm Gebert starb an den Folgen einer Kriegsverletzung, und die ehemaligen Lagermannschaftsführer Hermann Heesch (Burg) und Hermann Heidelberg (Haus Menneking) fielen an der Ostfront. Die sechzehnjährige Waltraud Nothdurft, die viele Monate bei uns in der Küche gearbeitet hatte und einigen von uns sehr nahe gekommen war, wurde durch einen Luftangriff auf Hannover getötet. Oft wachten wir nachts auf, wenn schwerbeladene britische Bomberverbände mit dumpfem Dröhnen über uns hinweg Richtung Hannover flogen, wo wir unsere Angehörigen wussten. Früher oder später würde es auch um unser Leben gehen – da gab es kein Entrinnen – , und schon deshalb wünschten wir uns ein baldiges Kriegsende, hofften auf die Invasion und stimmten der geläufigen Rede zu: „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“

Da die Schaumburg sich im Winter 43/44 als hygienisch untragbar erwiesen hatte, zogen wir Ende Oktober 1944 ins Haus Ritter zu Klasse 3; dort gab es Zentralheizung und bessere Verpflegung, da die Frauen in der Küche sich viel mehr Mühe gaben als die Gastwirtin auf der Burg. Wir wussten nicht, dass die Menschen in den Kriegsgefangenen- und KZ-Lagern und in den besetzten Ländern, nun auch in Holland und Norwegen, noch mehr hungern mussten, um die Wehrmacht und das deutsche Volk durch ausreichende Ernährung ruhig zu halten. Unser neuer Lagerleiter, der frisch von der Napola gekommene Ernst Brüser, führte das täglich wechselnde Amt des F. v. D. (Führer vom Dienst) für uns ein, das Aufsichtspflicht bedeutete. Damit war ich gerade im Obergeschoss beschäftigt, als ich das laute Motorengeräusch eines tieffliegenden Bombers vernahm. Ich blickte aus dem Dachfenster und sah eine brennende viermotorige Boeing Fortress sehr langsam vorbeifliegen, dann abkippen und senkrecht nach unten stürzen. Dabei kam es so nahe und wurde so groß, dass ich Angst bekam, warnend rief und mich duckte. Der dumpfe Aufschlag war nicht weit von uns, und alle machten sich gleich auf den Weg. Nur mir erlaubte mein Dienst das nicht, aber Mitschüler erzählten mir, dass Bauern in den Leichen mit einem Stock herumgestochert hätten.

Nun sahen wir auch manchmal eine V2-Rakete über uns hinweg ihre Bahn vom Harz nach London ziehen. Als zu Klassenkameraden von mir ein fanatisierter Neuankömmling von Klasse 3 (Jungschaftsführer) gelegt wurde, bekam er von seinen Stubenkameraden nachts den „heiligen Geist“ zu spüren, wie die unsanfte Behandlung von Außenseitern genannt wurde – ein einmaliges Vorkommen bei uns. Der Jahrgang 1929 – die ältere Hälfte unserer Klasse – musste in Hameln antreten und wurde gerade unter Druck gesetzt, sich freiwillig zur SS zu melden, als es Fliegeralarm gab; der höhere HJ-Führer entfloh schnell in den Luftschutzkeller – und meine Mitschüler entwichen in die Stadt. Aber zwei von ihnen (vom Jahrgang 1928) wurden am 5. Februar eingezogen – einem standen beim Abschied Tränen in den Augen – , um nach acht Wochen Reichsarbeitsdienst auch noch einige Wochen Kriegsdienst zu leisten. Die meisten von uns waren eben wie ich (noch?) zu weich fürs „Dritte Reich“ und wären im Fronteinsatz wahrscheinlich wie viele schnell den „Heldentod“ gestorben. Wir waren keine Helden, wollten nun auch keine mehr werden und lehnten die Erziehung dazu ab. Darum freute sich wohl niemand von uns auf den drohenden Militärdienst, doch wurde darüber – wie überhaupt über Politik – kaum gesprochen. Reden war gefährlich, und auch wir hatten Schweigen gelernt, besonders in Gegenwart der Lehrer, der HJ-Führer und auch eines älteren Klassenkameraden, der sich mit dem Führer und der NS-Ideologie voll identifiziert hatte. Es gab zwar noch einen Schüler, der nach jedem Urlaub – von seinem Vater beeinflusst – politisiert zurückkam, aber nach zwei Wochen war er mit unserer Hilfe wieder normal wie wir, also gleichgültig bis abwehrend gegen politische Indoktrination.

Unser erster Lagerleiter, Wilhelm von Wasmer, war völlig unmilitärisch und unpolitisch, und wir hatten nicht unter ihm zu leiden, sondern er unter unseren Streichen. Auf seine Kosten machte ich mich über ihn lustig, ohne dafür bestraft oder auch nur getadelt zu werden. Nach dem Kriege habe ich mich geschämt, seine Gutmütigkeit so ausgenutzt zu haben, um die anderen zum Lachen zu bringen. Wenn der Major Wilhelm Gebert uns mit seinen Kriegserlebnissen begeistern wollte (wir hatten dazu ins Haus Scheffler zu kommen), hatte er nach meiner Erinnerung bei niemandem Erfolg damit. Die offensichtlich hoffnungslose Kriegslage und die Sinnlosigkeit weiterer Opfer führte auch in uns – wie in den meisten Deutschen seit der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad – zu dem Gefühlswiderstreit zwischen der Verneinung der verantwortungslosen Regierung und der Bejahung unseres anerzogenen Nationalismus. So sammelte ich z. B. Soldatenlieder, da ich gerne sang, vereinbarte aber mit Gerhard Bode, bei den häufigen Feiern zwar das Deutschlandlied mitzusingen (was ich heute nicht mehr tun würde), aber bei „Die Fahne hoch“ nur die Lippen zu bewegen. Ungehorsam durfte es ja nicht geben – nur die Gedanken waren frei, solange sie verschwiegen wurden. Langsam wurde ich allerdings trotziger und begann, die Lehrer zu testen. So grüßte ich einmal Otto Lange beim Vorübergehen im Dorf provozierend mit: „Guten Tag, Herr Lange!“ Nach wenigen Sekunden rief er mich zu sich und sagte: „Das heißt: Heil Hitler!" Ich hatte gehofft, er würde wenigstens schweigen, zumal wir ja ohne Zeugen waren; nun war er bei mir durchgefallen.

Frau Brigitte Hasenclever ließ uns einen Klassenaufsatz schreiben mit dem Titel: „Soll man eine Zeitung lesen?" Ich verneinte – vielleicht als einziger – , unter anderem mit der Begründung, wir könnten ja „von Soldaten im Heimaturlaub erfahren, wie es wirklich an der Front aussieht“. Ich bekam ohne Kommentar die Note „gut" und freute mich über eine Gesinnungsgenossin. Brüser las uns im Erdkundeunterricht aus dem „Völkischen Beobachter“ einen Artikel vor über „Maritimen Sowjetimperialismus“. Wir sollten dann den Inhalt schriftlich wiedergeben, und das habe ich auch recht gut gekonnt. Trotzdem wurde meine Arbeit als mangelhaft bewertet, weil ich – offensichtlich ungläubig – mehrfach hinzufügte: „Angeblich sollen die Sowjets ...“. Brüser war nur bis Weihnachten Lagerleiter im Haus Ritter, weil sich Eltern mehrfach über ihn beschwert hatten wegen der wiederholten erheblichen Beschmutzung der Kleidung ihrer Söhne (Klasse 3), die von Brüser im Partisanenkampf ausgebildet wurden. Er trug wie Giese ständig hohe Militärstiefel, führte den Frühsport ein und schikanierte uns, indem er uns mehrfach mitten in der Nacht aus dem Schlaf pfiff: in einer Minute hatten wir angezogen im Keller zu sein, der keinerlei Schutz gegen Bomben bot.. Er verlangte auch, dass abwechselnd einer von uns den wöchentlichen Bericht zur Lage des Reichsrundfunkkommentators Hans Fritzsche am Radio hörte und den Inhalt darüber am nächsten Tag im Unterricht wiedergab; als ich an der Reihe war, sorgte ich für Kurzschluss.

Ich halte das aber nicht für politischen Widerstand oder Sabotage, sondern einfach für Trotzhandlungen, wie sie schon in Hannover begannen, als ich bei einer Schießübung mit Luftgewehren absichtlich weit daneben schoss. Ich begründete das mit meiner Kurzsichtigkeit; tatsächlich widerstrebte mir die Schulung zum Töten. Im Grunde war ich von meiner Erziehung her eher feige, ohne Mut zum Risiko des Protestes; ich hätte damit auch allein dagestanden. Aber selbst wenn ich mich damals oder später einer politischen Widerstandsgruppe hätte anschließen können, hätte mich die erlernte Angst um mich daran gehindert. Ich habe fast immer gehorcht und nie widersprochen, auch wenn ich innerlich anders dachte und fühlte. Ich fürchte, dass auch ich – wenn der Krieg länger gedauert hätte – wie so viele andere dazu gebracht werden konnte, jedem Befehl zu gehorchen. Ob wir noch naive Kinder, trotzige Jugendliche oder kritische Heranwachsende waren: Wir waren der Willkür der Machthaber ohnmächtig ausgeliefert, und daran änderten kindliche Oppositionsspiele nichts. Sie gaben uns zwar das Gefühl, im totalen Staat noch ein Rest-Ich bewahrt zu haben, aber im Ernstfall wäre wohl jeder Widerstandsgeist zerbrochen worden, spätestens im Jugend-KZ Moringen, an dem mein Vater zweimal ein Jahr in der Verwaltung tätig war.

Ich gehörte nacheinander zu drei verschiedenen Stubenbesatzungen mit zuerst sechs, dann vier und im Haus Ritter acht Schülern und habe alle meine Stubenkameraden in guter Erinnerung. Es gab keine Auseinandersetzungen, sondern im Gegenteil das Bemühen um ein gutes Auskommen miteinander, gegenseitige Achtung und Annahme trotz recht unterschiedlicher Persönlichkeiten und Prägungen durch die Elternhäuser. Heute bin ich sehr dankbar dafür und staune, dass in dieser engen und langen Lebensgemeinschaft von meist 14-Jährigen so viel Verständnis und Mitgefühl füreinander entstehen und so lange bestehen bleiben konnte. Besondere Ursachen dafür sehe ich in der ständigen Gegenwart von Leid, Trauer und Tod um uns herum wie auch in der persönlichen Bedrohung und Betroffenheit. So hat uns neben durchaus altersgemäßem Wesen wohl auch ein früher Ernst ausgezeichnet. Vielleicht nahmen uns deshalb die meist weltkriegserfahrenen Lehrer im Allgemeinen ernst, die ja wissen mussten, was auf uns zukam.

Aber auch wir hatten für manche ihrer Schwächen ein begrenztes Verständnis, etwa für ihre ja auch von uns geübte Anpassung an das Regime aus Angst oder Berechnung. So beobachteten wir Wilhelm von Wasmer, sicher ohne Überzeugung wie viele Lehrer frühzeitig Parteigenosse geworden, mit Humor, auch als er beim Näherrücken der US-Armee auf einmal ohne Parteiabzeichen erschien, „weil es den Anzug zerkratzt“, wie er mir auf meine freche Frage antwortete. Gerhard Janßen brachten wir gemischte Gefühle entgegen: Mitleid wegen seiner rechtsseitigen Nervenlähmungen – Folge einer Verschüttung – und Vergnügen über seinen dadurch – absichtlich? – verunglückten „deutschen Gruß“; Achtung wegen seines Mutes zu provozierenden Äußerungen und Angst um ihn, zumal unser Nazi ihn angezeigt hätte, wenn ihm nicht meine Klassenkameraden klar gemacht hätten, dass er dann bei uns verspielt habe. Direktor Hoesch, den wir ja leider nicht als Lehrer hatten, beeindruckte mich tief als feinfühliger und nachdenklicher Mensch. Nur Brigitte Hasenclever gegenüber – als Lehrerin und als Mensch – empfand ich ungetrübte Hochachtung und Vertrauen.

Mein Bedauern der charakterlichen Schwächen einiger unserer erzieherischen Vorbilder grenzte aber an Verachtung. Der SA-Mann Gustav Giese ließ uns einmal auf dem Burghof antreten und hielt eine Brandrede, dass es eines deutschen Jungen unwürdig sei, mit Untermenschen zu reden. Er bewirkte damit nichts: Einige haben weiterhin zwar nicht mit der faulen Russin Stani gesprochen, mit der unsere Wirtin die uns zustehende Butter teilte, aber mit der älteren Polin Anela, die für Frau Schubert hart arbeiten musste und dafür schlecht behandelt wurde, und sie bemitleidet, wenn sie wieder einen epileptischen Anfall hatte. Gerhard, Bode schrieb weiter für sie die Anschrift, wenn sie einen Brief nach Polen schickte, und als sie gerade ihm die Pantoffeln stahl, weil sie in einem eiskalten Verschlag auf dem Dachboden hausen musste, hat er sie nicht etwa angezeigt, sondern wir haben überlegt, wie wir ihr zu Pantoffeln verhelfen könnten. Ich habe für sie Weißbrot auf Reisemarken gekauft und ihr einmal, als sie zwei schwere Wassereimer von Scheffler zur Burg hoch trug, angeboten, ihr tragen zu helfen, worauf sie weinte, weil ihr ein freundliches Wort gut tat. Ich habe überhaupt in meiner Klasse viele Worte und Zeichen wahrgenommen, die von Mitgefühl zeugten, das den Mitmenschen nicht leiden sehen will, erstaunlich in einer finsteren Zeit, in der Barmherzigkeit ein Verbrechen war.

Den Sportler und Biologen Hünecke, dessen Organisationstalent wir viel zu verdanken hatten und dem als Reichsbanner-Mitglied der beantragte Eintritt in die NSDAP verweigert worden war, hörte ich die „Ausmerzung unwerten Lebens“ (galt das nicht für Asthmatiker und Kurzsichtige wie mich?) vertreten, während von Wasmer dazu bedenklich den Kopf schüttelte. Von Hünecke bekam ich eine Ohrfeige, als ich beim Fegen des unteren Klassenraumes auf der Burg ein Stück Papier unter dem Heizkörper übersehen hatte. Ich fühlte mich in meiner Würde verletzt und sagte: „Ich bin mir keiner Schuld bewusst“, worauf er mich nur höhnisch nachahmte. Trotz Verbot rückten Gerhard und Bruno Bode mit mir im Dezember 1944 als erste aus (fast alle anderen folgten unserem Beispiel), um mit den von Bomben bedrohten Angehörigen in Hannover – vielleicht ein letztes Mal – Weihnachten zu feiern. Als daraufhin mein Vater Hünecke anrief, reagierte der wegen meiner Gehorsamsverweigerung so hart mit Strafandrohung, dass mein Vater ärgerlich wurde und mich zu Hause behielt. Mitte Januar erschien plötzlich Hünecke auf unserer Stube, erkundigte sich leutselig, ob einer Geburtstag gehabt hätte, worauf ich – trotzig – nicht antwortete, aber die anderen, und gratulierte mir überaus freundlich. Von Ausrücken oder gar Bestrafen war keine Rede mehr; inzwischen hatte er wohl erfahren, zu welcher Dienststelle mein Vater gehörte ... Als erster packte gerade der Fanatiker Brüser beim Herannahen der Amerikaner seine Koffer und ließ uns im Stich. Als Ende März 1945 kein Zug mehr fuhr, entließ Hünecke endlich mit sehr vorsichtigen Worten „angesichts der Lage“ die etwa 100 Kinder, die nun sehen mussten, wie sie nach Hause kamen, zu Fuß oder per Anhalter wie ich auf einem offenen LKW. Etwa zehn Schüler, deren Familien hinter der Westfront unerreichbar waren. blieben zurück und sammelten sich im Haus Scheffler, wo sie z. T. erst nach zwei Monaten von ihrer Mutter abgeholt wurden.

Im allgemeinen gehörte damals wie im 19. Jahrhundert zur deutschen Erziehung die Zerstörung des Selbstwertgefühls sowohl in der Familie wie in der Schule, in der Berufsausbildung wie besonders im Wehrdienst („Schule der Nation“) mit dem Ziel des unbedingten Gehorsams gegenüber den jeweils Mächtigeren und der Machtausübung gegenüber den jeweils Ohnmächtigeren („Der Ernst des Lebens“). Hinzu kam nun noch der wöchentlich zweimalige Dienst in der Staatsjugend mit der auf den Wehrdienst vorbereitenden äußeren und inneren Uniformierung vom 10. Lebensjahr an. Als mich im Herbst nach dem Krieg ein ehemaliger Fähnleinführer begrüßte, nahm ich automatisch „Haltung“ an und schlug die Hacken zusammen – so tief eingefleischt war die äußere Dressur, die ich doch innerlich schon lange ablehnte. Als mich einmal auf dem Burghof ein Mitschüler fragte, warum ich nicht Jungschaftsführer werden wollte (wie er), antwortete ich: „Weil ich kein Recht habe, anderen etwas zu befehlen.“ Auch wenn ich heute genau so fühle und denke, kann ich mir meine damalige Antwort doch nur durch meinen Trotz erklären, den ich heute als unverzichtbar gegen Bevormundung ansehe zum Schutz von Würde und Gleichberechtigung. Von politischem Bewusstsein kann ich bei mir erst ab 1948 sprechen, als ich zum ersten Male die Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen in den Händen hielt. 25 Jahre alt musste ich werden, bis mir ein ganz neues Gottvertrauen geschenkt wurde.

(15.10.99)

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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