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c) Im KLV-Lager Schaumburg 1943-1945



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Bildbericht für die früheren Mitschüler

Wie in England, so wurden auch in Deutschland ab Ende 1940 Kinder aus luftangriffgefährdeten Städten in sichere Gegenden evakuiert. Von dieser „Kinderlandverschickung“ (KLV) wurden die beiden humanistischen Gymnasien Hannovers erst nach der am 8./9. Oktober 1943 erfolgten Zerstörung ihrer Schulgebäude erfasst. Für die Schüler der Klassen 1 bis 4 (heute 5 bis 8) beider Schulen gemeinsam fanden sich schnell geeignete Unterbringungsmöglichkeiten auf der Schaumburg (Klasse 4) und in den Hotelpensionen Scheffler (Klasse 3), Weber (Klasse 2, Bild 1) und Menneking (Klasse 1) im benachbarten Rosenthal.

Bild 1: Klasse 2 1944 vor Haus Weber
Bild 1: Klasse 2 1944 vor Haus Weber

Bereits am 18. Oktober kamen die ersten Schüler und Lehrer sowohl des Kaiser-Wilhelms- wie auch des Ratsgymnasiums auf der nur behelfsmäßig vorbereiteten Burg an, und es bedurfte mehrerer Wochen, bis alle Häuser eingerichtet waren und bezogen werden konnten. Doch dann war tatsächlich bis kurz vor Ostern 1945 ein geordneter Unterricht möglich, unterstützt durch regelmäßige Arbeitsstunden für die Hausaufgaben und ungestört durch die in Hannover immer häufiger werdenden Luftalarme. Der Hauptlagerleiter, Herr Hünecke, bewältigte erfolgreich alle organisatorischen Probleme, und die Klassenlehrer wurden zugleich Lagerleiter in den einzelnen Häusern, während die anderen Lehrer privat im Dorf unterkamen (Bild 2).

Bild 2: Unsere Lehrer am Elterntag (25.6.44)
Bild 2: Unsere Lehrer am Elterntag (25.6.44)

Die Hitlerjugend stellte zunächst die für unsere vormilitärische Erziehung verantwortlichen Lagermannschaftsführer, die jeweils nur wenige Wochen bis zu ihrem 18. Geburtstag bei uns blieben, dann eingezogen wurden und in der Regel bald an der Ostfront fielen. Da ab Ostern 1944 dieser Geburtstag nicht mehr abgewartet wurde, mussten ältere Schüler aus unseren Reihen als „Lamafü" eingesetzt werden. Ihre Aufgabe bestand einmal darin, uns im nachmittäglichen „Dienst“ zweimal wöchentlich für das Marschieren (Bild 3) und das Schmettern von Jungvolk- und Soldatenliedern zu begeistern, zum anderen im häufigen Abhalten von Stuben-, Kleider-, Schuh- und anderen Appellen, wobei von uns ein Höchstmaß an Disziplin, Ordnung und Sauberkeit verlangt wurde. Dem Lamafü zur Seite stand in Klasse 5 der täglich wechselnde - wir kamen also alle dran - „F. v. D." (Führer vom Dienst) mit seiner besonderen Aufsichtspflicht.

Bild 3: Klasse 3 hat
Bild 3: Klasse 3 hat "Dienst" (1944)

Doch gab es in dem vom Morgenpfiff bis zum Zapfenstreich minutengenau geregelten Tagesablauf genügend Freizeit zum Spielen, Basteln, Lesen, Briefschreiben und für Entdeckungen in der Umgebung, auch um Wäschepakete zur Post zu bringen oder gelegentlich das Dorfkino in Westendorf oder den Friseur in Rinteln aufzusuchen. In den Ferien durften wir nach Hause fahren, und wenn wir krank waren, kam Schwester Margarethe mit ihrer Medizin für alles: Panflavin. Samstagnachmittag durften wir uns genussvoll mit warmem Wasser waschen, und sonntags war das Glück am größten, wenn die Mutti zu Besuch kam und nicht nur saubere Wäsche mitbrachte. Als Höhepunkte erlebten wir auch die von den einzelnen Stuben geplanten und durchgeführten „Bunten Abende“, den großen Elterntag am 25. Juni 1944, an dem meine Klasse in echten Ritterrüstungen aus dem Burgmuseum einen Teil der „Quitzows“ von Ernst von Wildenbruch aufführte, und die gemeinsamen Wanderungen an Feiertagen – einmal auch mit den Lagermüttern und Küchenhelferinnen (Bild 4), die für unser leibliches Wohl zuständig waren, das einige der jungen Damen in umfassendem Sinne verstanden, womit sie den Reiferen unter uns entgegenkamen. Um so lustloser fanden wir uns ein zu den obligatorischen Feiern, zum befohlenen Zuhören von Rundfunkreden und von Erzählungen unseres kriegsbegeisterten Direktors, der uns noch einige Male besuchte, bevor die Kugel in seinem Herzbeutel ihn tötete. Es glaubte ja fast niemand mehr unter uns an den Endsieg, und dazu bedurfte es nicht der Flugblätter, die wir manchmal fanden, sei es im Walde, am Feldrand beim angeordneten Sammeln von Kamille, von Mai- oder Kartoffelkäfern (die der Feind abgeworfen haben sollte) oder neben der Landstraße beim Sammeln von Äpfeln mit dem Bollerwagen (Bild 5), der uns auch zum Milch- und Brotholen diente.

Bild 4: Alle 4 Lager wandern am 20.4.44 zur Ahrensburg mit den Küchenhelferinnen. Bild 5: Pepo Giese beim Äpfelsammeln.
Bild 4: Alle 4 Lager wandern am 20.4.44 zur Ahrensburg mit den Küchenhelferinnen. Bild 5: Pepo Giese beim Äpfelsammeln.

So waren die meisten meiner Klassenkameraden (Bild 6: Unterricht auf dem Burghof) ebenso froh wie ich, dass wir nach den Sommerferien 1944 nicht – wie zunächst geplant – Luftwaffenhelfer wurden, sondern als 5. Klasse wieder ins Lager zurückkehren durften, das nun auch eine neue 1. Klasse aufzunehmen hatte.

Bild 6: Klasse 5 hat Unterricht bei Pitze Bein auf dem Burghof im Herbst 1944
Bild 6: Klasse 5 hat Unterricht bei Pitze Bein auf dem Burghof im Herbst 1944

Es wurde daher ein weiteres Haus in Rosenthal belegt, die ehemalige Schülerpension Ritter, und zwar von der 3. und zum Teil der 5. Klasse, von der acht Schüler in die Dorfschule zogen. Vorübergehend erlebten wir nun als Lehrer und Lagerleiter das „Scheusal“, von einer „Nationalpolitischen Erziehungsanstalt“ gekommen, das uns nicht nur gern zum Probealarm aus den Betten pfiff, sondern auch politisch fanatisieren und zum Partisanenkampf ausbilden wollte (Bild 7), beim Herannahen der amerikanischen Panzer aber heimlich verschwand. Überhaupt hat das enge Zusammenleben mit den Lehrern unser Vertrauen zu ihnen nicht gerade gestärkt, mit einer Ausnahme: Frau Brigitte Hasenclever (Bild 8), die trotz – oder wegen? – ihrer 33 Jahre durch ihre menschliche und politische Haltung als Lehrerin und als Frau die Hochachtung von uns kritischen Fünfzehnjährigen gewann.

Bild 7: Klasse 3 vom Haus Ritter wird im Winter 44/45  zu Partisanen ausgebildet. Bild 8: Brigitte Hasenkleber auf der Wiese vor der Burg im  Herbst 1944.
Bild 7: Klasse 3 vom Haus Ritter wird im Winter 44/45 zu Partisanen ausgebildet. Bild 8: Brigitte Hasenkleber auf der Wiese vor der Burg im Herbst 1944.

Als uns vor Weihnachten 1944 wegen Überlastung der Reichsbahn die Heimfahrt verboten wurde, hatten viele den Mut, einfach auszurücken, um das Fest zu Hause zu feiern – vielleicht das letzte als Familie. Wer konnte schon wissen, was das nahe Kriegsende noch alles mit sich bringen würde? Einige Schüler hatten schon den Vater oder den Bruder an der Front oder die Mutter bei einem Bombenangriff verloren. So manche Nacht wachten wir auf, wenn die schwerbeladenen Bomberverbände über uns hinwegdröhnten Richtung Hannover. Tagsüber beobachteten wir manchmal Luftkämpfe zwischen Jagdflugzeugen und Tieffliegern beim Angriff auf Bahnhöfe, Züge und Lastkraftwagen, einmal auch den nahen Absturz eines brennenden Bombers. Der Krieg kam immer näher; zweimal wöchentlich musste Stromsperre angeordnet werden, und schließlich lernten wir auch noch, Panzersperren zu bauen, wobei uns vor allem die Schinkenbrote mit dicker Butter beeindruckten, die wir von den zum „Volkssturm“ eingezogenen Bauern erhielten. Als wir endlich Ende März 1945 nach Hause durften, fuhr schon kein Zug mehr, und jeder musste sehen, wie er sich durchschlug, meistens mitgenommen auf einem der zurückflutenden Lastwagen. Mehrere Schüler, deren Mütter im Westen hinter der Front wohnten, mussten bis nach Kriegsende im aufgelösten Lager bleiben und erlebten die Eroberung der noch zur Festung erklärten Schaumburg.

Heute erwecken viele Hunderte von Fotos, aufbewahrte Briefe und Tagebuchaufzeichnungen in den Händen der damaligen Schüler gemischte Erinnerungen. Vor allem die Jüngeren haben im Lager doch sehr unter Heimweh gelitten, viele auch unter der Angst, dass ihre Angehörigen umkommen. Diese und andere Gefühle waren in jener Zeit Zeichen „unmännlicher“ Weichheit und durften nicht gezeigt werden; auch bei sehr schmerzlichen Verlusten war nur „stolze Trauer" erlaubt. Für die selbständig denkenden Schüler war es bedrückend, gegen ihre Überzeugung nicht nur schweigen, sondern mitmachen zu müssen in einem alles durchdringenden und alle – auch die Lehrer – beherrschenden, verbrecherischen System. Je nach Persönlichkeit des Schülers und Zusammensetzung seiner Stubenmannschaft ist die erzwungene Lebensgemeinschaft auch nicht von allen Schülern positiv erlebt worden. Die meisten denken jedoch trotz gemischter Erfahrungen gern zurück an die Zeit, in der sie die letzten und schwersten anderthalb Kriegsjahre doch relativ sicher und gut versorgt nicht nur überlebt haben, sondern dazu noch durch das gemeinsame Leben eine prägende Sozialerziehung teils erlitten, teils genossen haben, die sie insgesamt doch als wertvolle Bereicherung ihrer Persönlichkeit ansehen.

[aus: „Mitteilungen des Verbandes ehemaliger Ratsgymnasiasten“ Nr . 28, 1993]

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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