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c) Lernstoff für Psychotherapeutenüberprüfung

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Psychotische Störungen

Psychotische Störungen mit strukturellem Wandel des Erlebens [im Gegensatz zum funktionellen Wandel bei neurotischen Störungen]. Somatogene/organische/symptomatische Depressionen gehören zu den organisch begründbaren psychotischen Störungen.

I. Symptomatische/(hirn-)organische psychotische Störungen/
Funktionspsychosen/exogene psychotische Störungen
ICD 10 F00-09 [im Zusammenhang mit Alkohol siehe Sucht]

A) AKUTE ORGANISCHE PSYCHOTISCHE STĂ–RUNGEN

Die meisten sind reversibel [umkehrbar], wenn die Stoffwechselstörungen im Gehirn abgeklungen sind. Leitsymptom ist die Bewusstseinsstörung. Hinzu treten Störungen des Gedächtnisses, der Orientierung und des Ich-Erlebens, Wahn und Halluzinationen [Sinnestäuschungen].

Ursachen: Auftreten bei oder nach anatomischen und funktionellen Veränderungen des
ZNS [Zentralnervensystems], z. B. durch
frĂĽhkindlichen Hirnschaden,
Infektionen (Encephalitis, Meningitis, fieberpsychotische Störung),
Traumata wie Schädel-Hirn-Kontusion [Quetschung],
Hirntumoren (Anzeichen: Druck im Kopf, Augensymptome, motorische
Auffälligkeiten),
vaskuläre Hirnerkrankungen [der Blutgefäße],
Epilepsie [Fallsucht] (neuropsychotische Störungen),
Intoxikationen [Vergiftungen] (durch psychotrope Medikamente, Alkohol und
andere Drogen),
endokrine Störungen [der Hormone in das Blut absondernden Drüsen] (Hypo-
/Hyperthyreose = Unter-/Ăśberfunktion der SchilddrĂĽse u. a.).
Stoffwechsel- oder sonstige schwere internistische Krankheiten, die auf das
Gehirn wirken,
Aids,
Ermüdung (erschöpfungpsychotische Störungen)
emotionale Erregung,
cerebrale Durchblutungsstörungen und Hirnatrophie [-ernährungsmangel]
degenerative [Zellen entarten lassenden] Hirnveränderungen] (Morbus Pick,
Arteriosklerose, Alzheimer = degenerationspsychotische Störungen).

Quantitative Aspekte der Bewusstseinsstörung:
1. Benommenheit (Schläfrigkeit),
2. Somnolenz (verstärkte Schläfrigkeit),
3. Sopor (tiefer Schlaf; starke Benommenheit mit Desorientierung, Schmerzreiz
kaum abgewehrt),
4. Koma (tiefste, durch keine äußeren Reize zu unterbrechende Bewusstlosig-
keit; lebensgefährlich; kann sich aus organischem Psychosyndrom entwickeln, z. B. bei Stoffwechselstörungen: Zucker-, Leber-, Nierenkoma).

Qualitative Aspekte der Bewusstseinsstörung:
1. AMENTIELLES/DELIRANTES [verwirrt] SYNDROM: Verwirrtheitszustand (Bewusstseinstrübung, Desorientierung, formale Denkstörungen wie Inkohärenz [mangelnder Zusammenhang], Ratlosigkeit, Ängstlichkeit, motorische Unruhe bis zu ausgeprägten Erregungszuständen, z. B. bei vaskulären [Blutgefäß-]Hirnerkrankungen und Schädelhirntrauma; Affektivität zum Teil verändert; ohne Halluzinationen und Wahn.

2. DELIR/DELIRIUM [Verwirrung]/DELIRANTES SYNDROM:
BewusstseinstrĂĽbung,
Desorientiertheit,
psychomotorische Aktivität schießt über oder fehlt, Unruhezustände (Nesteln,
Zupfen, Suchen),
Angst (reizbar, depressiv, schreckhaft, eventuell Euphorie [ĂĽberbetonte
Lustigkeit] oder Apathie [Teilnahmslosigkeit]),
Halluzinationen (meist optisch, szenische Abläufe),
Illusionen [Sinnestäuschungen],
Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus (Umkehrung, Albträume, Benommenheit);
vegetative Zeichen (Tremor [Zittern, Schwitzen, rotes Gesicht, Dysregulationen [Entgleisungen] von Körpertemperatur, Blutdruck, Pulsfrequenz: Lebensgefahr! Intensivstation!
3. DÄMMERZUSTAND: auch Wahrnehmungstörungen und teilweise Desorientiertheit mit nachfolgender totaler oder partieller [teilweiser] Amnesie [Erinnerungslosigkeit]. Selten, häufig verkannt; Handlungsfähigkeit erhalten, aber eingeschränkt [Verbrechen selten]; fast traumwandlerisch, tranceähnlich; EEG verändert. Ohne Störung der Orientierung bei Epilepsie, nach Schädelhirntrauma, bei Intoxikationen [Vergiftungen].

4. DURCHGANGSSYNDROM: reversibel, mit vorübergehenden Wahnerlebnissen und hysteriformen [abnorme seelische Verhaltensweise] Verstimmungszuständen, aber ohne Bewusstseins- oder Orientierungsstörungen (akutes Korsakowsyndrom).
Drei Schweregrade:
a) Störung der normalen Tätigkeit und des Antriebs; eventuell Gefühlsveramung.
b) Verlangsamung aller psychischen Funktionen; Störung des Gedächtnisses und der Aktivität.
c) ausgeprägte Gedächtnis- und Denkstörungen; eventuell Konfabulationen und Halluzinationen.

5. ONEIROIDE PSYCHOTISCHE STÖRUNG: traumähnliche Erlebnisweise, wenig Bewusstseinstrübung, keine Amnesie [Gedächtnisschwund]. Auch bei epileptischer Aura [Unbehagen vor epileptischen Anfällen].

6. INVOLUTIONS- [Organrückbildungs-] PSYCHOTISCHE STÖRUNG tritt nach dem 45. Lebensjahr als depressives (Involutionsmelancholie, -depression) oder paranoides Syndrom auf und ist durch sehr lange Phasen (bis 9 Monate) gekennzeichnet. Häufig ausgelöst durch
Medikamente,
Hormonentgleisungen,
organische Krankheiten (z. B. Arteriosklerose) u. a.

7. WOCHENBETTDEPRESSION. Zwei Formen:
[a] nichtpsychotische seelische Störungen nach der Geburt („Heultage“); eine Therapie
ist meist nicht notwendig;
[b] kurzfristige psychotische Depression mit ausgeprägter Verstimmung, schweren
Schlafstörungen, Unruhe oder Apathie meist in den ersten beiden Wochen nach der Entbindung; 1-2 Fälle auf 1000 Geburten [Schwangerschaft schützt!].

B) CHRONISCHE ORGANISCHE PSYCHOTISCHE STĂ–RUNGEN
/ORGANISCHE PSYCHOSYNDROME

1. FRÜHKINDLICH-EXOGENES PSYCHOSYNDROM [ICD 10 F7.0]: zwischen dem 6. Schwangerschaftsmonat und dem Ende des ersten Lebensjahres an dem noch unfertigen Großhirn meistens durch Hypoxie [Sauerstoffmangel] vor und bei der Geburt entstandene Hirnschäden. Symptome (gehen häufig beim Heranwachsen zurück): Hyper-/Hypokinese [Steigerung(Minderung der Motorik]; herabgesetzte Konzentrationsfähigkeit; erhöhte Reizempfindlichkeit, Ablenkbarkeit, Ansprechbarkeit und Labilität; Antrieb meist überschießend, aber Durchhaltefähigkeit u. Sozialgefühl eher verringert; häufig psychomotorische u. Verhaltens-(Distanz- u. Kommunikations-)störungen.
Je nach Ausmaß der Hirnfunktionsstörungen und Umweltbedingungen sind die Auswirkungen weitgehend oder vollständig kompensierbar (Heilpädagogik!): Beeinträchtigung der Motorik, z. B. Spastik [Krämpfe], und der Intelligenz, z. B. Schwachsinn, Morbus Little [infantile cerebrale Lähmung, Bewegungs- und Sprechstörungen, Intelligenzdefekte, Lernschwächen, Teilleistungsstörungen [ICD 10 F81] und -schwächen, daraus sich ergebende Charakterauffälligkeiten. Psychosoziale Wechselbeziehungen mitbestimmend für den Ausprägungsgrad („sekundäre Neurotisierung“, schizophrene psychot. Störung). Mit zunehmendem Alter wird die Diagnose schwieriger, oft ist nur Verdacht möglich.

2. CHRONISCHES [HIRN-] ORGANISCHES PSYCHOSYNDROM/ PSYCHOORGANISCHES SYNDROM (in der Regel irreversibel), das sich meist allmählich entwickelt und länger bestehen bleibt, wenn es nicht chronisch wird, gekennzeichnet durch Demenz, organische Persönlichkeits-/Wesensänderungen, psychovegetatives/pseudoneurasthenisches [Schein-Nervenschwäche] Syndrom.

DEMENZ [Intelligenzverlust] meint heute alle Schweregrade des organischen Psychosyndroms. Verlauf hängt von der Art des zugrunde liegenden Leidens ab (AIDS/HIV, Pick-, Creutzfeldt-Jacob-, vaskuläre [Blutgefäß-] u. a. Krankheiten; frühkindliches Rett-Syndrom bei Mädchen); gelingt es, die Ursache zu beheben, z. B. Hirndruck, Intoxikation [Vergiftung], kann es zu Rückbildung und auch Ausheilung kommen. [ICD 10 F00-03]. Kennzeichen:
a) Gedächtnisstörungen: Merkschwäche – Altgedächtnis – „Zeitgitter“
[Ordnung von biographischen Daten und Erinnerungen] – Desorientiertheit;
b) Denkstörungen: betroffen sind abstrahierendes Denken, Informationsverarbeitung und Konzentration, Wechsel des Standpunktes, Wendigkeit, Übersicht, Urteils-, Kritik- und Merkfähigkeit, Schlussfolgern. Langsames, schwerfälliges, eingeengtes Denken, Perseverationen [Wiederholungen];
c) Affektive Störungen: 40 % sind depressiv, besonders bei subkortikaler Demenz [unterhalb der Hirnrinde]; Euphorie, Bagatellisieren; häufig labil;
d) Antriebsstörungen: meist Abulie [Antriebsverarmung] mit Einengung des Lebensraumes und der Interessen; häufig ideenarme Logorrhoe [Geschwätzigkeit] mit Perseverationen;
e) Psychomotorik: Mimik und Gestik verarmt (Hypomimie, Hypokinese) (hypo- = unter; hyper- = über]; Reaktionszeit verlängert; Sprache monoton, Gang langsam.

Bei CHOREA HUNTINGTON (Chorea major, Veitstanz, erblich, extrapyramidales Syndrom mit Hyperkinesen und allgemeiner Hypotonie der Muskulatur) kann sich auch Demenz entwickeln ohne psychotische Störungen.

ALZHEIMER-KRANKHEIT/DEMENZ VOM ALZHEIMER TYP (mit 50 % häufigste Ursache der Störung): Progrediente [fortschreitende] Hirnatrophie (Rückbildung und Schwund der Nervenzellen, besonders der Großhirnrinde, durch Ernährungsmangel) nach dem 40. Lebensjahr, vor allem bei Frauen (familiäre Häufung möglich). Ursache unklar. Behandlung: Durchblutung des Gehirns fördernde Mittel (z. B Gingko biloba).
Symptome:
Gedächtnisstörungen;
Unruhe, Akathisie [Unvermögen, ruhig zu sitzen];
Orientierungsstörungen;
Aphasie [zentrale Sprachstörung];
Agnosie [Störung des Erkennens] oder
Apraxie [des Handelns, von Bewegungsabläufen];
eventuell Euphorie oder Depression.

EPILEPSIE [Fallsucht]; Paroxysmal [in Anfällen] auftretende Funktionsstörungen des Gehirns infolge exzessiver [unmäßiger] Entladungen von Neuronen [Nervenzellen]. Ursache: verschiedene Erkrankungen des Gehirns und des Gesamtorganismus sowie Erbfaktoren. Es gibt viele Formen. Unmittelbar vor dem Anfall epigastrische Aura: vegetatives Unwohlsein in der Magengrube mit sensorischen Wahrnehmungen (gustatorischen = Geschmacks- und olfaktorischen = Geruchs-Halluzinationen), traumhaften Derealisationserlebnissen (z. B. déjà-vu-Phänomen: „Das habe ich schon einmal gesehen“). Therapie: a) Beseitigung der fassbaren Ursachen; b) Medikamente (Antiepileptika); 60 – 70 % werden anfallsfrei; c) Operationen (weitere 50 - 70 %).

AMNESTISCHES PSYCHO-/KORSAKOW-SYNDROM:
Häufige psychotische Störung mit extremen Gedächtnis- (Merkfähigkeits-)störungen, auch Pseudomnesien [Erinnerungstäuschungen]. Besonders bei Alkoholkrankheit, meistens mit Polyneuropathie [Erkrankung der peripheren Nerven] [ICD 10 F04 außer nach Alkohol oder Drogen]. Symptomtrias:
a] Merkfähigkeitsverlust;
b] Orientierungsverlust;
c] Konfabulationsneigung.

SUBKORTIKALE DEMENZ (PARKINSON-SYNDROM z. B.): Beeinträchtigt sind hauptsächlich Aufmerksamkeit, Vigilanz [Wachsamkeit] und Umstellungsfähigkeit; reizbar; Dysphorie [depressive Verstimmung] oder Apathie [Teilnahmslosigkeit]; eventuell leichte Gedächtnis- und Denkstörung. Stammhirntrias:
a] motorische Störungen: Rigor [Starre], Tremor [Zittern], Akinese [Bewegungslosigkeit];
b] vegetative Störungen: Speichelfluss, Hitzegefühl, Schwitzen;
c] psychische Störungen: Verstimmung bis zum Grad einer psychotischen Störung mit melancholischem Gepräge, Antriebsschwäche, Verarmung des psychomotorischen Ausdrucks; intellektuelle Funktionen kaum oder nicht gestört, aber verlangsamt (Bradyphrenie). [ICD 10 F02.3]
Therapie: Medikamentöse Behandlung; Psychotherapie wegen des pathischen Effektes (häufig Verkennung verbliebener Leistungsfähigkeit und Vitalität).

Parkinsonoide Symptome möglich auch nach Encephalitis lethargica [Gehirnentzündung], Vergiftungen (besonders mit Kohlenoxid), Hirndurchblutungsstörungen, Neuroleptika. Differentialdiagnose schwierig.

ORGANISCHE PERSÖNLICHKEITSVERÄNDERUNGEN (hyper- oder hypotypisch) werden von hirnorganischen und persönlichkeitseigenen Einflüssen geprägt. Besonders leiden die höheren (Rücksichtnahme) und feineren seelischen Schwingungen; Interessenverlust, Gleichgültigkeit. Patient wird langsamer, umständlicher, reizbarer und im (z. B. sexuellen) Verhalten anders. Beziehungen werden stark beeinträchtigt (z. B. durch Projektionen). [ICD 10 F07].
Symptomtrias:
a) Störungen des Antriebs;
b) Störungen der Stimmung;
c) Störungen der Kritikfähigkeit mit und ohne Demenz.

3. HIRNLOKALES PSYCHOSYNDROM:

Im Vordergrund stehen Affekt- und Antriebsstörungen:
a] Bewusstseinsstörungen und kognitive Ausfälle treten nicht oder nur geringfügig auf;
b] weitgehende Ă„hnlichkeiten mit Syndromen bei affektiven und schizophrenen
psychotischen Störungen (zum Teil auch mit neurotischen Syndromen);
c] neben hirnorganischen sind auch andere patho-genetische Faktoren beteiligt, z. B.:
Organische (z. B. Alkohol-)Halluzinose [ICD 10 F 06.0];
Organisch-paranoides Syndrom [ICD 10 F 06.2];
Organisch-katatones Syndrom [ICD 10 F 06.1];
Organisch-manisches Syndrom [ICD 10 F 06.30];
Organisch-depressives Syndrom, häufig [ICD 10 F 06.31];
Organisch-asthenisches Syndrom [ICD 10 F 06.6].

NEUROPSYCHOLOGISCHE SYNDROME: Störungen einzelner Handlungsabläufe; (sogenannte Werkzeugstörungen), die auf Läsionen [Verletzungen] umschriebener Hirnregionen zurückgeführt werden:
Agnosie [Störung des Erkennens],
Aphasie [Störung der Sprache],
Alexie [Störung des Lesens],
Agraphie [Störung des Schreibens],
Akalkulie [= Dyskalkulie, Störung der Zahlenverarbeitung; Rechenschwäche],
Apraxie [Störung der Bewegungsfolge, besonders, der gestaltenden
Handlungen].

II. Affektive (endogene) psychotische Störungen

körperlich nicht begründbar (ohne erkennbare organische Ursachen; doch wird eine Stoffwechselstörung des Gehirns angenommen). Krankhafte Verstimmung mit phasenhaftem Verlauf oder plötzlichem Beginn; z. T. vollständige Remission ohne bleibende Persönlichkeitsveränderungen ist.

A) SCHIZOPHRENIE

[Begriff von E. Bleuler, 1911] ist durch ein Nebeneinander von gesunden und veränderten Erlebnis- und Verhaltensweisen gekennzeichnet. Akut: weniger als 3 Monate; chronisch: seit 2 Jahren. Prävalenz [Vorkommen] 1 %; Manifestation [Sichtbarwerden] vor allem zwischen Pubertät und 30. Lebensjahr; ein Drittel der Ersterkrankten heilt nach einem halben Jahr aus; 40-50 % können mit Rückfällen und Einschränkungen leben und arbeiten; ca. – bedarf dauernder Betreuung, eventuell ambulant. Diagnose am Anfang mit Hilfe projektiver Tests [bei denen Projektion benutzt wird: Rorschach]. Ursachen: Vererbung, double-bind (minimal), verletzbare Persönlichkeit (ererbt), Belastungen Schule, Bundeswehr, Studium, Partnerschaft). Wohlhabende haben mehr Quellen, um mit Belastungen umzugehen; manchmal ist Verrücktsein die passende Antwort auf eine Situation.

Symptome: Im Mittelpunkt stehen die schizophrenietypischen formalen
[1] Denkstörungen:
Inkohärenz [ohne Zusammenhang]: Zerfahrenheit, lose Assoziation, Sperrung,
Begriffszerfall,
Begriffsverschiebung,
Neologismen [Bildung neuer Wörter],
Symboldenken [in Sinnbildern],
Wahn;
[2] Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsstörungen:
Depersonalisation [Verlust des Persönlichkeitsgefühls],
Körpergefühlsstörung,
Halluzinationen (meist akustisch),
Selektions-[Auswahl-]schwierigkeiten,
ReizĂĽberflutung;
[3] motorische Störungen:
bizarres [seltsames] Verhalten, schnell wechselnd,
katatonische [durch Muskelkrampf] Unbeweglichkeit oder Überaktivität;
[4] affektive Störungen:
flach-hedonisch [lustbestimmt] und unangepasst,
auĂźerhalb vom Kontext [Umgebung] oder ambivalent zwischen Extremen schwankend;
[5] soziale Isolation:
kaum Freunde,
wenig heterosexuelles Interesse,
kontaktscheu.

Achtung! Eine Diagnose kann nur aus einem längeren Verlauf gestellt werden. Darum sind die folgenden Einteilungen veraltet, werden aber bei den schriftlichen Psychotherapeutenprüfungen gefragt.

a) Symptome 1. Ranges nach K. Schneider:
1. Ich-Störungen;
2. Gedankeneingebung, -lautwerden, -beeinflussung, Fremdbeeinflussungser-
lebnis; Willensbeeinflussung; Depersonalisation; Derealisation [Umwelt erscheint als unwirklich, fremd]
3. Wahnwahrnehmung (z. B. Vergiftungswahn);
5. Stimmenhören in Form von Rede und Gegenrede; dialogische [miteinander
redende] und kritisch-kommentierende Stimmen.
b) Symptome 2. Ranges nach K. Schneider:
1. Wahneinfall;
2 Halluzinationen (besonders akustische Wahrnehmungen mit Realitätsgewissheit ohne äußere Sinnesreize];
3. Gefühlsverarmung [Gemütsverödung, Athymie];
4. Verstimmungen.

Wenn mehrere Symptome 1. Ranges nach K. Schneider zusammentreffen bzw. mindestens ein Symptom 1. und zwei Symptome 2. Ranges, kann – nach definitivem [endgültigem] Ausschluss einer organischen psychotischen Störung – eine Schizophrenie angenommen werden.

a) Grundsymptome nach Eugen Bleuler [1857-1939] die „4 A's“:
1. Störung der Assoziation [Gedankenverbindung];
2. Störung der Affekte [inadäquate = Parathymien; Verstimmung, Labilität];
3. Autismus [Verlust der Realitätsbeziehung]; [unterscheiden vom frühkindliches Kanner-Syndrom und vom Asperger-Syndrom im Schulalter
4. Ambivalenz.

b) Akzessorische [hinzutretende] Symptome nach Bleuler (eventuell Monate später auftretend):
1. Halluzinationen (auch Geruch und Geschmack);
2. Wahn;
3. Katatoniesymptome [siehe unten: Formen 3.];
4. Katalepsie [anhaltendes Verharren in einer bestimmten Körperhaltung];
5. psychomotorische [willkĂĽrliche Bewegungen] Unruhe;
6. Befehlsautomatie: Ausführen von Befehlen (auch gegen den eigenen Willen) oder zwanghaftes Handeln (Echolalie/-praxie [Wiedergabe von Wörtern und Sätzen/Nachahmen von Bewegungen anderer].

Die Grundsymptome sind oft auch bei schizophrenen Residual-[Rest-]zuständen sichtbar. Alle Schizophreniesymptome können auch bei anderen Erkrankungen vorkommen; sie sind nicht spezifisch.

FORMEN DER SCHIZOPHRENIE
(klare Trennung und präzise Prognosen nicht möglich):

1. Borderline-Syndrom [Kernberg]: Persönlichkeitsstörung, die durch ein tiefgreifendes Muster von Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen (auch zum Therapeuten), im Selbstbild und in den Affekten sowie von deutlicher Impulsivität gekennzeichnet ist. Alternierend treten neurotische und psychotische Symptome auf, die aber kontrolliert und in der Regel als krankhaft empfunden werden; fast nie Übergang in eine Schizophrenie; impulsive Gefühlsausbrüche, widersprüchliche Gefühle. Therapie: Tiefenpsychologie, Gesprächstherapie, kognitive Verhaltenstherapie. Ziele: weitere Selbstschädigungen verhindern, Selbstwertgefühl fördern, Kompetenzen im Umgang mit Affekten und Menschen aufbauen; erst nach ausreichender Stabilisierung mit oft vorhandenen Missbrauchserfahrungen beschäftigen. [Vergleiche Borderline-Persönlichkeitsstörung, ICD 10 F 60.31]

2. Desorganisierter [zerstörter] Typ [ICD 10 F20.1]/Hebephrenie [veraltet]: Beginn im Jugendalter; systematisierter Wahn fehlt. Schlechte Prognose. Symptome:
a] Denkstörung (inkohärent [unzusammenhängend]);

b] unangemessen wirkende Gefühle [heiter läppische Gestimmtheit]
c) Aktivitätsstörung [übersteigertes, rasch wechselndes, kurzzeitig beeinflussbares Verhalten zwischen psychotisch-unangepasst und normal-angepasst].

3. Katatone Form [ICD 10 F 20.2]: Störungen der Willkürmotorik, die Tage bis Monate persistieren [andauern] können. Im allgemeinen gute Prognose. Zwei manchmal wechselnde Formen:
a] Sperrung mit Hemmung der Motorik: Stupor [Erstarrung bei wachem Bewusstsein],
Negativität [äußerlich gleichgültig erscheinendes, bewegungsloses Verhalten bei
innerer Widerständigkeit], Rigidität [Starrheit der Muskulatur]. Begleitsymptome:
Stereotypien [ständig wiederholte Äußerungen, Handlungen, Bewegungen],
Manierismen [absonderliches Ausdrucksverhalten], Flexibilitas cerea
[wachsartige Biegsamkeit der Extremitäten] und Mutismus [Stillschweigen];
b] psychomotorischer Erregungszustand.

Perniziöse [verderbliche] Katatonie [mit Fieber, Blutungen, Kreislaufstörungen, eventuell tödlichen vegetativen Entgleisungen].

4. Paraphrenie (paranoide Verlaufsform der Schizophrenie, akut oder chronisch) [ICD 10 F20.0]. Im Alter auftretende psychotische Störungen mit (z. B. Verfolgungs-, Größen-, Besessenheits-)Wahn, ausgestalteten (vor allem akustischen, aber auch optischen) Halluzinationen, abnormen (gesteigerten Angst- und Unlust-)Gefühlen oder ganz neuartigen Gefühlserlebnissen bei insgesamt gut erhaltener Persönlichkeit. Im allgemeinen gute Prognose.

5. Schizophrenia simplex [ICD 10 F20.6: Stellung dieser Diagnose nicht empfohlen!]: Selten, sehr schwer sicher zu diagnostizieren, da sie fast unmerklich beginnt und sehr langsam, undramatisch fortschreitet ohne Schübe, Wahnvorstellungen und Halluzinationen; Grundsymptome nach Bleuler; langsamer Zerfall der Persönlichkeit; zunehmend Kontaktvermeidung; ohne vorhergehende floride [voll entwickelte] psychotische Symptome entwickeln sich ausgeprägte Merkmale des schizophrenen Residuums [Rest]: Affektverflachung, Antriebsminderung, weiterer sozialer Abstieg bis zur Nichtsesshaftigkeit; selbstversunken, untätig, ziellos. Schlechte Prognose.

ÄTIOLOGIE multikausal (viele nur in Ansätzen bekannte Ursachen wirken zusammen: biologische, psychologische und soziale). Starke genetische Beteiligung nachgewiesen: bei eineiigen Zwillingen Konkordanzrate 80 %.
THERAPIE:

a) Stationäre Aufnahme bei großer Erregung, bei Suizidalität oder Wahn mit panischer Angst;
b) Neuroleptika, stationär begonnen und überwacht (beeinflussen kaum den Verlauf, dämpfen aber Symptome wie psychomotorische Erregtheit, Wahn und schizophrene Denkstörungen; keine Garantie auf Erfolg, viele Nebenwirkungen, aber keine physische oder psychische Abhängigkeit);
c) Rehabilitationsmaßnahmen: Milieugestaltung mit Hilfe sozialpsychiatrischer Dienste (Lebensbedingungen und Abschirmungsstrategie wegen Vulnerabilität [Verwundbarkeit], eventuell Teilhospitalisierung); klare Beziehungsstrukturen (und was wann gemacht werden muss); Gemeinschaft (einfach zusammen sein); seelsorgerliche Begleitung.
d) Arbeits-/Ergo-/Beschäftigungstherapie; Routine-Arbeit wichtig, ohne entscheiden zu müssen;
e) unterstĂĽtzende Therapien: Verhaltens-, Familien- und Gruppentherapie.

GUTE PROGNOSE BEI:
plötzlichem Auftreten der Symptome,
langem Intervall,
guter Anpassung vor der Erkrankung,
Partnerschaft (Ehe verkĂĽrzt den Verlauf),
unauffällige Primärpersönlichkeit zwischen den Schüben,
affektiven und katatonen (vielen akzessorischen) Symptomen im Vordergrund
Pyknikern [s. Kretschmer] (neigen zu affektiv. psychotischen Störungen)

SCHLECHTE PROGNOSE BEI:
pathologischer Persönlichkeit,
fehlender Belastungssituation,
schlechter Anpassung vor der Erkrankung,
Alleinstehenden,
schleichendem Beginn,
Hebephrenie, frĂĽhem Beginn (12 bis 18 Jahre),
Leptosomen [s. Kretschmer] (neigen zu Schizophrenie).

B) AFFEKTIVE STĂ–RUNGEN

Störung der Affektivität, bei der Depression im Vordergrund steht.

1. MELANCHOLIE [Schwarzgalligkeit] (SCHWERMUT)/DEPRESSIVE EPISODE einer manisch-depressiven Erkrankung [ICD 10 F32] [alt: Endogene Depression]; depressive Phasen sind insgesamt häufiger als manische. Ein schon in der antiken Anschauung über die Temperamente* und Körpersäfte [Hippokrates, Galen] beschriebener Gemütszustand der schweren Verstimmung. [*Melancholischer Reaktionstyp: schwermütig, schwerblütig, in sich gekehrt, vom Leid mehr als von der Freude ansprechbar.]
Symptome:
herabgestimmt,
depressive Gedankengänge,
GefĂĽhl der GefĂĽhllosigkeit,
Angst,
formale und inhaltliche Denkstörungen (Verlangsamung), Wahngedanken und
Wahn bei etwa 20 % (Verschuldungs-, Verarmungs-, Kleinheits-, hypochondrischer Wahn),
Morgentief [Tagesschwankungen, Durchschlafstörungen],
Suizidgefahr (15 % sterben durch Suizid),
am Ende: hypomanische Nachschwankungen.

Verlauf:
monophasisch [einmalig] oder biphasisch [wiederholt];
monopolar (nur manische oder nur depressive Phasen) oder
bipolar (manische und depressive Phasen = Episoden wechseln sich ab).

Ă„tiologie:
Erbfaktor (20faches Risiko, wenn in der Familie eine affektive psychotische Störung bekannt ist; 66% Konkordanz bei eineiigen Zwillingen); Serotonin im Gehirn vermindert; psychoanalytisch: Versagung oraler Impulse. [Erklärungsansätze der sozialen Lerntheorien siehe unter Neurotische Störungen II]

Auslösung durch
psychosoziale Gegebenheiten,
Klimakterium [Wechseljahre],
Schlafstörungen,
Cortison [Hormon der Nebennierenrinde],
Wechsel von Gewohntem,
Entlastungskonstellation [-zusammentreffen].

Therapie:
(bei leichten Störungen: Johanniskraut 1000mg! oder Kava-Kava)
Strukturen ändern, nicht Persönlichkeit;
(Traum-, REM-)Schlafentzug (2. Nachthälfte genügt, einmal wöchentlich);
Lichttherapie (zweimal 2 Stunden um 6 und 21 Uhr, besonders bei Herbst-
/Winter-/Lichtmangeldepressionen;
Verhaltenstherapie: Wiederaufbau verstärkender Aktivitäten; Vermittlung sozia-
ler Fertigkeiten; Identifizierung und Abbau negativer verzerrter Kognitionen sowie Aufbau positiver Selbstbewertungen u. a.
Interpersonale Therapie nach Klerman & Weissman;
trizyklische Antidepressiva (Thymoleptika, stimmungsaufhellende Wirkung erst
nach 1-2 Wochen; keine Abhängigkeit); oder:
Lithium (Dauermedikation bei biphasischen psychotischen Störungen; wirkt erst
nach ca. 6 Monaten; geringe therapeutische Breite];
Elektrokrampftherapie (selten, in besonders therapieresistenten Fällen).

LARVIERTE [verhĂĽllte]/(VEGETATIVE) DEPRESSION
Sehr häufige Sonderform; wahrscheinlich beginnt etwa die Hälfte aller Depressionen larviert. Kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern ein auf Depression verdächtiger Zustand. Patienten sind oft bei mehreren Ärzten in Behandlung. Unfähig, die depressive Verstimmung als solche zu beschreiben, werden Beschwerden verlagert und dargestellt als körperliche Symptome [= depressives Syndrom, siehe Neurosen II: Depressive Verstimmungen], aber mit deutlichem Morgentief!

2. MANIE [ĂĽbersteigerte Neigung]/MANISCHE EPISODE [ICD 10 F30]

Am Anfang der Manie zum Arzt gehen! Abnormer Gemütszustand mit Vorkommen besonders bei affektiver psychotischer Störung (oft im Wechsel mit Depression), Schizophrenie, Durchgangssyndrom, organisch psychotischer Störung, Drogenabusus (von Haschisch, Mescalin, Cocain). Ursache unbekannt. In der psychotischen Manie wird oft ein Autoritätskonflikt ausgelebt oder eine Depression abgewehrt. Monomanie: Steigerung einer einzigen, spezifischen Handlungsweise, z. B. Klepto- [Stehl], Pyro- [Feuer-], Dipso- [Alkoholdurst-], Porio- [Wander-, Weglauf-], Nymphomanie [weibliche Hypersexualität] und andere.

Symptome:
gehobene Stimmung, heiter oder gereizt, Affektüberschuss, Selbstüberschätzung, unbeirrbarer Optimismus;
gesteigerter Antrieb (Bewegungs-, Beschäftigungs-, Rededrang);
Triebsteigerung (bes. Sexualität und Aggressivität);
Steigerung der Wahrnehmungsintensität;
Denkstörungen (Beschleunigung mit Oberflächlichkeit, Ideenflucht, Assozia-
tionsreichtum);
VitalgefĂĽhle herabgesetzt oder gesteigert (Hunger);
Störungen vegetativer Funktionen (Blutdruckanstieg, Tachykardie [Anstieg der
Herzfrequenz auf über 100/min] Schlafstörungen;
eventuell Wahn.

Therapie:
Neuroleptika; zur Prophylaxe [Vorbeugung] eventuell Lithium; kombiniert mit
Soziotherapie: Schutz vor sozialer und materieller (Selbst-)schädigung;
Verhaltenstherapie: Stärkung von Kontrolle und Selbstkontrolle;
Veränderung interfamiliärer Aktionsmuster.

3. MANISCH-DEPRESSIVE/BIPOLARE STĂ–RUNG

[ICD 10 F31]/Zyklothymie, zirkuläres [kreisförmiges] Irresein: Recht unterschiedliches Krankheitsbild, überwiegend bestimmt durch den Wechsel von manischen und depressiven Phasen/Episoden. Dieser Wechsel kann auch ausbleiben und die viel häufigere Depression das Krankheitsgeschehen allein beherrschen. Depressionen des bipolaren Typs gelten als schwieriger zugänglich für Psychotherapien; Therapie siehe oben.
ZYKLOTHYMIA

Der Begriff wird heute fĂĽr zwei Sonderformen gebraucht:
a] nach ICD 10 F34.0: Hyperthyme Persönlichkeitsstörung, die zum Teil schon vor der Erstmanifestation affektiver psychotischer Störungen besteht und als deren abgeschwächte Randform verstanden werden kann mit anhaltendem Wechsel zwischen leichter Depression und leicht gehobener Stimmung (andauernde Instabilität) und gelegentlich normalen und monatelang stabilen Phasen. Sie kann chronisch verlaufen, aber auch zeitweilig oder dauernd verschwinden.
b] Schwere Form, bei der manische und depressive Phasen oft ohne freies Intervall [Zeitabstand ] ineinander ĂĽbergehen.

C) SCHIZOAFFEKTIVE STĂ–RUNGEN

[ICD 10 F25] Häufige episodische Störungen, bei denen sowohl schizophrene als auch affektive (manisch, depressiv oder gemischt) Symptome in derselben Krankheitsepisode auftreten, meistens gleichzeitig oder höchstens durch einige Tage getrennt. Gewöhnlich vollständige Remission [Nachlassen einer Krankheit] ohne Residuum.

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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