www.wilhelm.prassenet.de


c) Lernstoff fŁr PsychotherapeutenŁberprŁfung

< voriges Kapitel
folgendes Kapitel >

Neurotische Störungen

Neurotische St√∂rungen mit funktionellem [nur die T√§tigkeit eines Organs betreffendem] Wandel des Erlebens (im Gegensatz zum strukturellen [das Organ selbst betreffenden] Wandel des Erlebens bei psychotischen St√∂rungen). ‚ÄěNeurose" (nach W. Cullen, 1776) ist heute Sammelbe-griff f√ľr nicht hirnorganisch bedingte psychische St√∂rungen ohne Desintegration [Aufl√∂sung] der Pers√∂nlichkeit. ICD 10 und DSM IV verwenden die tiefenpsychologischen Begriffe Neurose und Psychose nicht mehr, aber ‚Äěpsychotisch" und gelegentlich ‚Äěneurotisch" bei der Klassifikation von ‚ÄěSt√∂rungen". Es gibt zahlreiche Modelle je nach der theoretischen Position:
NEUROSEN SIND z. B.:
a) Psychoanalytisch: Resultat einer unvollst√§ndigen Verdr√§ngung von Impulsen aus dem Es durch das Ich; Impuls droht, in das Bewusstsein und das Verhalten durchzubrechen. Zur erneuten Abwehr dieses Impulses wird das neurotische Symptom entwickelt, das einerseits eine Ersatzbefriedigung dieses Impulses, andererseits aber einen Versuch der endg√ľltigen Beseitigung dieses Triebes darstellt. die Neurose ist ein (infolge unbewussten Widerstandes unteroptimaler) L√∂sungsversuch von psychodynamischen Trieb-Abwehr-Konflikten (intrapsychischen Widerspr√ľchen); lediglich deren √Ąu√üerungen sind die neurotischen Symptome.
b) J. H. Schultz: ‚Äěim Unbewussten lagernde, seelisch begr√ľndete Fehlhaltung des gesamten Organismus, die infolge der Verkn√ľpfung des nerv√∂s-seelischen Faktors mit allen Lebensfunktionen sich nun auf s√§mtlichen Lebensgebieten √§u√üern kann."
c) Harald Schultz-Henke [1892-1953]: Folge von (Mikro-)Traumen [kleinen Wunden], die das Antriebsleben hemmen und √ľber- oder ‚Äď gelegentlich auch ‚Äď untersteuern (und dann zu hemmungslosen Triebausbr√ľchen f√ľhren).
d) Carl Gustav Jung: Selbstentzweiung und gleichzeitig Signal f√ľr die Wiedervereinigung von Bewusstsein und Unbewusstem.
e) Alfred Adler: Arrangement, das auf einer √úberkompensation beruht [siehe Abwehrmechanismen].
f) Karl Jaspers [1883-1969]: Individuelles Scheitern in Grenzsituationen.
g) Arnold Gehlen: Unfreiwillige Askese oder Lebensabsperrung.
h) Viktor Frankl: Eine Weise geistiger Entscheidung.
i) Ludwig Binswanger [1881-1966]: Existenzieller Konflikt zwischen Ich u. Welt (auch zwischen Leib u. Innenwelt).
k) Verhaltenstherapie: Nichtbew√§ltigen fundamentaler Gesellschafts-/Lebens-aufgaben. Hans-J√ľrgen Eysenck [1916-1997]: Gelernte Fehlanpassung (Fehlsteuerung). J.Wolpe: Gelerntes emotionales habit [wunderlicher Aufzug].
l) Entwicklungsschäden.
m) genetisch mitbedingt.

UNTERSCHEIDUNGEN:
FREUD unterscheidet (nach den Kriterien der Dauer und Stärke des auslösenden
Konfliktes sowie nach der Art seiner Verarbeitung):
1. ‚ÄěAktualneurose" mit prim√§r vegetativen Symptomen (Schreck- und Angstneurosen;
neurasthenische Syndrome = Nervenschwäche).
2. ‚ÄěPsychoneurosen" mit psychischen und somatischen Symptomen. Je nach der Trieb-
abwehr und dem Triebschicksal entwickeln sich die einzelnen Formen:
a) hysterische Syndrome einschlie√ülich Organneurosen [‚Äěvegetative Neurose"; vgl.
Konversionsneurose];
b) phobische Syndrome [siehe Angststörungen];
c) anankastische Syndrome [siehe Zwangsstörungen];
d) Charakter- oder Kernneurosen (durch besonders tiefliegende Konflikte
Veränderung der Persönlichkeitsstruktur, unter der die Umwelt mehr leidet als der Patient) [siehe Persönlichkeitsstörungen].
3. ‚ÄěTraumatische Neurosen" mit gleichen Symptomen, aber spezifischer Genese: Prim√§re Unfallneurosen [mit prim√§rem Krankheitsgewinn = Form unbewusster
Konfliktabwehr; Frage A 13] und sekundäre Renten-, Versicherungs- und Rechts- = Zweckneurosen mit Sicherungstendenz [und sekundärem Krankheitsgewinn; dazu gehören auch Entlastung von sozialen Verpflichtungen und persönliche Zuwendung, z. B. des Therapeuten].
J. H. SCHULTZ unterscheidet (nach dem Kriterium der Tiefe der Verwurzelung des Konflikts in der Persönlichkeit):
1. Exogene Fremdneurosen;
2. psychogene Randneurosen (durch somatopsychische Konflikte bedingt);
3. Schichtneurosen (durch innere seelische Konflikte entstanden);
4. Kernneurosen (im Charakter u. seinen autopsychisch. Konflikten wurzelnd).

I. Hauptgruppe: Angststörungen

Angst [von ‚Äěeng"]: Ein aus dem Gefahrenschutzinstinkt (eine der urspr√ľnglichsten, angeborenen Triebkr√§fte zur Art- und Selbsterhaltung) erwachsendes Lebensgef√ľhl, das erlernt werden muss und sch√ľtzt, sich aber ausdehnen kann bis zur Phobie. Manche suchen Angstkitzel. Normale Angst vergeht; Angstst√∂rung macht handlungsunf√§hig, f√ľhrt zu Vermeidung. Angst h√§ngt zusammen mit Stress und Depression, ist verkn√ľpft mit Beengung, Erregung, Verzweiflung und Aufhebung der willens- und verstandesm√§√üigen Steuerung der Pers√∂nlichkeit. Gut behandelbar, aber mit Scham besetzt und daher oft sp√§t oder unbehandelt. Angst und Hass sind Affekte, die sich abl√∂sen (umschlagen) k√∂nnen, so wie Flucht und Aggression. (Anders die stets objektbezogene Furcht, da hier rational der Fehlschlag als m√∂glich erkannt wird, vgl. Pr√ľfungsangst). Philosophen wie Ludwig Klages, Martin Heidegger u. a. sehen in der Angst stets Todesangst. In der Psychoanalyse stellt die Angst die erste Erfahrung dar, die der Mensch bei der Geburt macht. Sie ist nach Freud Realangst, neurotische Angst oder Moral = √úber-Ich-Angst. In nahezu allen psychotherapeutischen Ans√§tzen standen √Ąngste am Anfang und im Mittelpunkt. Die Herangehensweise h√§ngt von den jeweiligen Theorien zu Entstehung und Aufrechterhaltung ab. So wird in tiefenpsychologischen (psychodynamischen) Therapien vor allem versucht, ein Verst√§ndnis f√ľr die unbewussten, Angst hervorbringenden Konflikte zu erarbeiten, in humanistischen Therapien wird versucht, einen besseren Kontakt zu abgespaltenen Teilen der eigenen Person und dadurch Selbstakzeptanz und Selbstwertgef√ľhl herzustellen, in kognitiv-verhaltenstherapeuti- schem Vorgehen wird versucht, Vermeidungsverhalten zu bek√§mpfen, neue Fertigkeiten (Kompetenzen [Zust√§ndigkeiten]) aufzubauen (besonders bei sozialen Phobien) und angstausl√∂sende Denkweisen (√ľberzeugungen) zu ver√§ndern (Wirksamkeit empirisch am besten belegt; sehr konkrete Auseinandersetzung mit furchtausl√∂senden Objekten und Situationen ist dabei wesentliches Element, davon ausgehend, dass die aufrechterhaltenden Bedingungen wichtiger sind als die urspr√ľngliche Entstehung). Aber auch Gespr√§chspsychotherapie u. a. Verfahren k√∂nnen zu Erfolgen f√ľhren, besonders bei unspezifischen √Ąngsten.

ANGSTST√ĖRUNGEN sind im DSM-IV der Oberbegriff f√ľr Panikattacken, Agoraphobie, spezifische und soziale Phobien, Zwangsst√∂rungen (umstritten), posttraumatische Belastungsst√∂rungen, generalisierte Angstst√∂rungen und durch k√∂rperliche Krankheitsfaktoren oder Substanzinduzierung ausgel√∂ste Angstst√∂rungen. Beginn bei 55% nach kritischen Life-Events [Lebensereignissen]. [Vgl. ICD 10 F40 phobische St√∂rungen, F41 sonstige Angstst√∂rungen und F93 emotionale St√∂rungen des Kindesalters]

1. PHOBIEN: extreme unangemessene Furcht; zwanghaft auftretende neurotische Symptombildung, bei der die Angst (ohne wirkliche Gefahr) vor bestimmten Objekten oder Situationen Leitsymptom ist und das Verhalten einengt. Urs√§chlich oder zus√§tzlich k√∂nnen Fixierungen an echte Angsterlebnisse mitwirken (z. B. bei Kardiophobie [Herzangst]) oder auch kindliche √Ąngste (z. B. vor M√§usen, Spinnen [Arachnophobie], dunklen R√§umen). Einem phobischen Element (also einem konkreten Anlass) kann man ausweichen. Die klassischen Phobien haben ihren Ursprung im Vorschulalter. Jeder kann eine Phobie entwickeln. Alle Phobien haben einen Anfang und ein Ende.

Psychoanalytisch: Urspr√ľnglich Angst vor einer inneren Triebgefahr (Triebangst) bzw. Angst vor dem Triebdurchbruch und der Triebbefriedigung an einem bestimmten Objekt. Phobie entsteht durch Verschiebung vom urspr√ľnglichen Triebobjekt auf ein Ersatzobjekt oder eine Ersatzsituation, die Stellvertreterfunktion haben. Da ‚Äď lerntheoretisch gesehen ‚Äď jeder Art Objekte und Situationen mit Angst belegt werden k√∂nnen, sind zahllose Phobien beobachtbar, die die verschiedensten Bezeichnungen gefunden haben, z. B. Akaro-[Insekten-], Aichmo-[Spitzen-], Astra-[Gewitter-], Cancero-/Karzino-[Krebs-], Hydro-[Wasser-], Glosso-/Lalo-[Stottern, Sprech-], Hydro-[Wasser], Myso-[Beschmutzungs-], Nekro-[Leichen-], Noso-[Krankheits-], Ochlo-[Menschenmassen-], Photo-[Licht-], Pyro-[Feuer-], Toxi[ko]-[Gift-], Xeno-[Fremden-]phobie u. a. Sozialphobien treten mehr bei M√§nnern auf, alle anderen mehr bei Frauen.

[Rommelfanger:]
Säuglingsalter: Anpassungsangst [8. Monat]
Trennungsangst
Vorschulalter: Tierphobie [Zoophobie]
Dunkelangst Nyktophobie]
Höhenangst [Akrophobie]
mittl. Kindheit: Schulangst, ist auch eine Trennungsangst
Adoleszenz: Angstneurose
soziale Phobien
Herzneurose
Hypochondrien

2. ANGSTNEUROTISCHE ST√ĖRUNGEN mit unbestimmter Angst (man kann nicht ausweichen, da kein konkreterAnlass) √§u√üern sich oft mit somatischen Begleitaffekten
a) als Panikattacken (Anfälle mit und ohne Angststörung; heftige, belastende
körperliche Reaktion, nicht an Situation gebunden (Therapie u. a.
systematische Desensibilisierung nach J. Wolpe) oder als
b) generalisierte Angststörung. Therapiemethoden der kognitiven Verhaltenstherapie:
1. paradoxe Intervention;
2. kognitives Reframing;
3. Gedankenstopp.

BEISPIEL EINER BEHANDLUNG VON AGORAPHOBIE UND
PANIKERKRANKUNG [nach Martin Hautzinger:
Verhaltenstherapie):

Differentialdiagnosen [Unterscheidung von √§hnlichen Krankheitsbildern]: Depressive mit Vermeidungsverhalten, Personen mit Schizophrenien oder Residual[Rest]zust√§nden, hirnorganisch Erkrankte mit Orientierungsst√∂rungen, S√ľchtige.

Vorbemerkung: Bei Spinnen- und M√§usephobie er√ľbrigt sich meist eine Behandlung. Eventuell notwendige Behandlung bei Flugangst eines Gesch√§ftsreisenden: Klassische systematische Desensibilisierung; bei sozialer Phobie: Selbstsicherheitstraining; bei generalisierter Angstst√∂rung: Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie.

Agoraphobie [Platzangst]: eine komplexe Phobie; dazu geh√∂rig h√§ufig: Klaustrophobie (vor engen oder √ľberf√ľllten R√§umen: kein R√ľckzug m√∂glich), Angst vor Blamage, Kontrollverlust, Panikattacken. Typische Entwicklung in 4 Stufen:
1) Schl√ľsselerlebnis: Unbedingter Reiz [UCS = unconditioned stimulus], z. B. Unfall, wird zu realem Angsterleben [UCR = unbedingte Reaktion]. Weitere m√∂gliche Anl√§sse [Stimuli]: mehrere synergetische [mitwirkende] Faktoren wie zu wenig Schlaf, zu viel Alkohol, Hypoglyk√§mie [Verminderung des Blutzuckers]; Streit mit Partner, Warten an Kaufhauskasse f√ľhren zu vegetativer Entgleisung, Tachykardie [Anstieg der Herzfrequenz auf √ľber 100/min.], Atemnot. Wahrnehmung der vegetativen Dysregulation [Entgleisung] f√ľhrt zur Angst mit nachfolgender Verst√§rkung = Panikerleben.
2) Phobophobie [Angst vor der Angst]: verst√§rkte Beobachtung der eigenen vegetativen Reaktionen; konditionierte Stimuli: Die Unfallstra√üenkreuzung ‚Äď einschie√üende Gedanken k√∂nnen zur √ľbersteigerten vegetativen Reaktion f√ľhren: Geringe Stressoren ‚Äď verst√§rkte Reaktion ‚Äď Verst√§rkung der √§ngstlichen Wahrnehmung.
3) Meideverhalten: negative Verstärkung. Je mehr gemieden wird, desto stärker wird die Angst.
4) Anpassung wichtiger Lebensbereiche an die Einschränkung durch die Phobie.

Ziele der Therapie: Wiederherstellung sozialer Kontakte, berufliche Entwicklung, Klärung der Lebensziele.

Ablauf: Beginn mit paradoxer [widerspr√ľchlicher] Intervention [Einmischung]: Panikzustand m√∂glichst detailliert beschreiben bzw. willentlich herbeif√ľhren und dann ausf√ľhrlich beschreiben = kognitives Reframing [neu rahmen]: Vegetative Symptome, die Angst und Bedrohung bedeuteten, werden beschrieben als ‚ÄěHerzklopfen, schwei√ünasse H√§nde und Atembeklemmung", also als ‚Äěnormale Reaktionen" auf angstausl√∂sende Situationen = Aha-Erlebnis.

Ver√§nderung von angstausl√∂senden Kognitionen [Erkenntnissen]: Zusammenhang von ‚ÄěHorrorfilm im Kopf" und Reaktion beobachten, dann Beobachten des internen [inneren] Dialogs und Ein√ľben von Gedankenstopp ‚Äď Bewegungsradius vergr√∂√üert sich, neue Ziele k√∂nnen schrittweise abgesprochen werden.

Problem der ‚ÄěTherapeutischen Falle": Phobie nicht wegdiskutieren! Wichtig: Empathisch-diagnostisch-experimentelles Vorgehen.
Probleme des Patienten:
1. Tranquilizer-Abusus [Missbrauch von Beruhigungsmitteln]; Medikamente sind nicht mehr situatonsabhängig zu gebrauchen, sondern regelmäßig, bis das Vermeideverhalten bearbeitet ist. Situationsbezogenes Einnehmen ist Meideverhaltenl Durch veränderte Selbstwahrnehmung ist schrittweise Reduktion [Verringerung] der Medikamente möglich. (Agoraphobie ul Panikerkrankung können auch behandelt werden mit aktivierenden Antidepressiva, eventuell auch mit Neuroleptika.)
2. √úberforderung durch Umwelt oder den Patienten selbst, bezogen auf neue soziale Kompetenz, kann zu R√ľckschritt f√ľhren.

II. (Psychogene) depressive Verstimmungen

geh√∂ren zu den neurotischen St√∂rungen, sind mehr vom sozialen Umfeld beeinflusst als psychotische St√∂rungen. (Somatogene/organische/symptomatische Depression geh√∂rt zu den organisch begr√ľndbaren psychotischen St√∂rungen; wenn Depressionen regelm√§√üig wiederkehren, sind sie biologisch bedingt). Eine depressive Trauerreaktion, z. B. nach einem schweren Verlust, ist ein ad√§quater, schmerzhafter seelischer Vorgang der Abl√∂sung, oft mit k√∂rperlichen Beschwerden und vegetativen St√∂rungen, abweisender K√ľhle und Gereiztheit. Hinter feindseligen Reaktionen stehen oft eigene Schuldgef√ľhle. Nicht abwehren! Nur das Wahrhaben des Verlustes und der Trauer, das Akzeptieren des Verlassenseins kann zur Bew√§ltigung der eingetretenen Situation und zur Neuorientierung f√ľhren (Trauerarbeit), ‚Äěnach deren Vollendung das Ich wieder frei und ungehemmt ist" (Freud). Depression ist ein komplexer Begriff f√ľr vielf√§ltige Symptomatik:

Depressives Syndrom:
1. emotional: gedr√ľckte, traurige Verstimmung; Minderwertigkeits- und Schuldgef√ľhle, √Ąngste, Zw√§nge, √úberempfindlichkeit, Reizbarkeit;
2. kognitiv: negatives Selbstkonzept, Selbstvorw√ľrfe und -beschuldigungen, Gr√ľbelneigung, Konzentrationsverlust (Aufmerksamkeitsst√∂rungen); Verarmungsideen; hypochondrische Bef√ľrchtungen, leichtere paranoide Fehldeutungen und Entfremdungserlebnisse;
3. motorisch: Veränderungen im Aktivitätsniveau (retardiert vs. [versus] agitiert [verzögert gegen aufgereizt]); innere Unruhe oder psychomotorische Hemmung;
4. motivational: Freud-, Mut-, Interesse-, Entschluss- und Energielosigkeit
(Antriebsverlust);
5. psychosozial: Beziehungsstörungen, Isolationsneigung, Leistungsabfall mit sozialen Folgen;
6. vegetativ-somatisch: Insomnie [SchlaflosigkeitI; Appetit- und Gewichtsverlust; Atem-, Herz-, Kreislauf-, Magen-Darm-Beschwerden; Kopf- und R√ľckenschmerzen, Globusgef√ľhl (Klo√ü im Rachen, evtl. mit Druckgef√ľhl auf der Brust und Schluckzwang); Blasen-, Libido-, Potenz- und gyn√§kolog. St√∂rungen; Gang u. Stimme kraftlos.

Definition: Nicht einheitlich; jedoch verschiedene Subklassifikationen nach unterschiedlichen Variablen [veränderlichen Größen]:
[a] √Ątiologie: somatisch, endogen, psychogen;
[b] Schweregrad: neurotisch versus psychotisch;
[c] Alter: Involutionsdepression [siehe dort];
[d] Verlauf: unipolar versus [gegen, -√ľber] bipolar;
[e] Bedeutung von Umweltereignissen, z. B. Erschöpfungs-[Entlastungs-]depression
[siehe unten A 3.];
[f] Schwangerschaftsdepression [siehe dort].

Problem der Kontinuit√§t [Zusammenhang] vs. Diskontinuit√§t von ‚Äěnormalem" zu pathologischem Ph√§nomen viel diskutiert, aber nicht gel√∂st. Depressionen treten bei verschiedenen psychiatrischen Krankheiten hinzu. Therapie in der Psychiatrie (entsprechend biochemischer Sicht) vor allem durch Psychopharmaka. Ausgehend von der Hypothese der Depression als Desynchronisation [Ungleichzeitigkeit] der circadianen [Tageskreis-] Rhythmen, vor allem bei endogenen Depressionen, wird der Schlafentzug f√ľr die Dauer einer Nacht therapeutisch eingesetzt.

Erkl√§rungsans√§tze der soziaIen Lerntheorie erhielten seit den 60er Jahren zunehmend mehr Bedeutung; sie wurden empirisch [aus Erfahrung, Beobachtung] abgeleitet und √ľberpr√ľft und haben zu einer Reihe von Therapieverfahren gef√ľhrt. Im Verst√§rker-Verlust-Konzept [Entwurf] sieht Lewinsohn die Depression als Folge mangelnder verhaltenskontingenter [benachbart, sich ber√ľhrend] positiver Verst√§rkung. Erkl√§rung der sog. Jammer-Depression als aktives Verhalten, um soziale Verst√§rkung zu erlangen. Im Konzept der gelernten Hilflosigkeit [Seligman] wird der Unkontrollierbarkeit von Ereignissen und inad√§quater [nicht entsprechender] Attribution [Beif√ľgung] von Ursachen wesentliche Bedeutung zugemessen. Beck [1981] sieht Depression als Folge kognitiver Verzerrungen und irrationaler Gedanken, ausgehend von der ‚Äěkognitiven Triade" (negative Sicht von sich, der Welt und der Zukunft). Verwandt mit den genannten Ans√§tzen sieht Remm in seinem Selbstregulations-Modell die Depression als St√∂rung der Selbstbeobachtung, Selbstbewertung und Selbstverst√§rkung. Entsprechend zielen therapeutische Interventionen auf den Wiederaufbau verst√§rkender Aktivit√§ten, Vermittlung sozialer Fertigkeiten, Identifizierung und Abbau negativ verzerrter Kognitionen sowie Aufbau positiver Selbstbewertungen.

Therapien: Walking [leichtes Laufen] f√∂rdert Serotonin-Produktion! Neben medikament√∂ser Therapie und (selten, in besonders therapieresistenten F√§llen) Elektrokrampftherapie (Elektroschock; wiederholte Anwendung f√ľhrt zu dauerhaften Sch√§den des Gehirns und der Pers√∂nlichkeit) kommen verschiedene Formen von Psychotherapie in Frage, wobei derzeit die Interpersonale Therapie [siehe Psychotherapien II. B S. 23] nach Klerman & Weissman und Kognitive Verhaltenstherapie nach Beck als besonders wirksam gelten. Bei ersterer steht die Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen im Vordergrund, bei letzterer wird vor allem an problematischen kognitiven Annahmen und Denkstilen gearbeitet, wobei aber auch konkrete Verhaltens√ľbungen zum Verschaffen positiver Erfahrungen im Alltag eine gro√üe Rolle spielen. Letzteres steht neben dem Vermitteln von Probleml√∂sef√§higkeiten, auch bei Verhaltenstherapien im engeren Sinne, etwa nach Lewinsohn, im Vordergrund. Auch deren Wirksamkeit ist gut belegt. Beim Abw√§gen zwischen medikament√∂ser und Psychotherapie ist insbesondere auch der hohen R√ľckfallrate nach Absetzen von Medikamenten Beachtung zu schenken. Depressionen des bipolaren Typs (psychotische St√∂rungen) gelten als schwieriger zug√§nglich f√ľr Psychotherapie. [Siehe beigef√ľgte Seite 52a: Das BTS-Musterbeispiel der Integrativen Therapie und Seelsorge. Die Behandlung von Depression. Typischer Verlauf: Absturz, Loch, Zickzackaufstieg. Schwere Depression dauert 2 bis 3 Wochen.] WHO: Depressionen in den westlichen Industriel√§ndern das zweith√§ufigste Leiden nach Herz- und Kreislauferkrankungen mit wachsender Tendenz.

A) REAKTIVE DEPRESSION / DEPRESSIVE (KONFLIKT-) REAKTION

Anpassungsst√∂rung, abnorme, krankhafte Trauerreaktion, zum Teil mit vegetativen Beschwerden; nachvollziehbare Reaktion, aber st√§rker und l√§ngere Dauer (√ľber Monate und Jahre hin); viele Ursachen, z. B. ausgepr√§gte symbiotische Beziehungen, die abrupt abgebrochen wurden. Entscheidend ist das Erleben der Ver√§nderung, der Verlust an Sicherheit und die Ungewissheit in einer neuen Lebenssituation (Sp√§t- oder ‚ÄěAltersdepressionen" der √ľber 65-J√§hrigen, weil sie in vielen Bereichen nicht mehr gefragt sind; H√§ufigkeit bis zu 30 %!). Gespr√§chstherapie hilfreich.

B) NEUROTISCHE DEPRESSION/DEPRESSIVE NEUROTISCHE ST√ĖRUNG

oft nach depressiven Verstimmungen in Kindheit oder Jugend (Kinder und geistig Behinderte k√∂nnen nicht depressiv sein), langfristig erlernt bei warmherzig-korrekter Pers√∂nlichkeitsstruktur: alles richtig machen und N√§he suchen; starke Gef√ľhle hinuntergeschluckt; introvertiert: gr√ľbeln statt reden; etwa ab 30. Lebensjahr (oft mit k√∂rperlichen Symptomen, z. B. Einschlafst√∂rungen; kein Morgentief) infolge fr√ľhkindlicher Konfliktsituation zwischen Tennungsangst und Abh√§ngigkeit (bei √ľberf√ľrsorglicher Verw√∂hnung oder mangelnder Nestw√§rme). Orale Fixierung, bleibende Geborgenheitsthematik. √úberf√ľrsorglichkeit ‚Äď oft Ausdruck verdr√§ngter Aggressionsregungen [= Reaktionsbildung] ‚Äď vermittelt kein Vertrauen, sondern f√∂rdert Abh√§ngigkeit, Anklammerungsbed√ľrftigkeit und depressive Reaktionen auf geringe Ver√§nderungen. Hilflosig- keitsbotschaften und Zuschreibungen machen depressiv. Wenn zudem √Ąu√üerungen der werdenden Eigenst√§ndigkeit und auch aggressive (‚Äěb√∂se") Impulse erzieherisch unterbunden werden, k√∂nnen solche Regungen zeitlebens problematisch bleiben. Allein schon ihr Bewusstwerden kann Angst und Schuldgef√ľhle ausl√∂sen. [vgl. ICD 10 F 34.1 Dysthymie = Verstimmung ‚Äď depressive Pers√∂nlichkeitsst√∂rung] Die depressive neurotische St√∂rung ist eine Pers√∂nlichkeitsst√∂rung (Charakter- oder Kernneurose). Bei Kindern meistens Folge schwerer fr√ľhkindlicher Deprivation [Beraubung]: Entzug oder Vorenthaltung bed√ľrfnisbefriedigender Objekte oder Reize: Hunger, Durst, Schlafentzug und vor allem soziale Isolation [Absonderung][‚ÄěSelbstlosigkeit, -verneinung: Ich bin nicht richtig, wie ich sein sollte]. Bei leichter Auspr√§gung spricht man von depressiver Pers√∂nlichkeitsstruktur im Sinne einer habituellen [st√§ndig vorhandenen] psychischen Fehlhaltung. Die depressiv-neurotische Entwicklung kann im Laufe des Lebens immer wieder zu ernsthaften depressiven Verstimmungen (neurotischen Depressionen) f√ľhren. Dabei sind aktuelle Belastungen oft Ausl√∂ser, nicht Ursache. Mit der depressiv-neurotischen Struktur h√§ngt auch die Entwicklung anderer St√∂rungen zusammen, insbesondere die der Abh√§ngigkeiten (S√ľchte) und der Anorexie [ohne Appetit]: Regressionen auf fr√ľhes Stadium prim√§rer Geborgenheit. Wenn es an Urvertrauen fehlt, kann Liebesverlust und Trennung (und schon deren Bef√ľrchtung) immer wieder tiefgreifende Narzisstische Kr√§nkung bedeuten mit aggressiven Regungen (gegen den unverzichtbaren Menschen), die ‚Äď da unertr√§glich ‚Äď sich gegen die eigene Person wenden kann [Introjektion und Autoaggression] als Selbstvorw√ľrfe, Selbstmordimpulse ‚Äď im Grunde Anklagen und Mordimpulse. In der Ambivalenz zwischen starkem Anh√§nglichkeitsbed√ľrfnis und uneingestandener Aggressionshaltung besteht der Konflikt des neurotischen Depressiven. [Schwere depressiv-neurotische St√∂rung: s. Borderline-Pers√∂nlich- keitsst√∂rung] [Vgl. ICD 10 F32: depressive Episoden: leicht, mittelgradig, schwer; ohne oder mit somatischen Symptomen] Als ‚Äěmaskierte" Depression hinter organischen Beschwerden oder rastloser Hektik: Sonderform ‚ÄěSisi-Syndrom". Nicht nur S√ľhne-, sondern Solidarit√§tstod Jesu verk√ľndigen!

C) ENTLASTUNGS- (‚ÄěVEGETATIVE", ERSCH√ĖPFUNGS-) DEPRESSION

endoreaktive Dysthymie [Verstimmung] [ICD 10 F 34.1]: Depressionszustand, bei dem es im Unterschied zur zyklothymen* Depression und ohne prim√§re Schuldgef√ľhle zu einem allm√§hlichen Hineingleiten in eine Hypochondrie kommt [Einbildung, krank zu sein]: nerv√∂s, reizbar, Gef√ľhlsausbr√ľche, psychosomatische und vegetative (Schlaf-)St√∂rungen, k√∂rperliche Schw√§chung und schwere seelische Dauerbelastung. H√§ufig nach schwerer k√∂rperlicher Ersch√∂pfung oder langer seelischer Dauerbelastung (durch Schwangerschaft, berufliche Aufgaben, Pr√ľfung, KZ-Haft u. a.). Nach Wegfall der ‚ÄěDauerspannung" bleiben die Betroffenen ‚Äěleer" zur√ľck (‚ÄěBurnout" bei Menschen mit sehr hohem sozialen Anspruch an sich selbst und schlechtem Gewissen; dabei ist die Bewertung der Frustration wichtiger als diese selbst).
* Zyklothymie:
[a] Bei Kretschmer Temperamentsartung mit schwankender Stimmungslage und Affinität [Verwandtschaft] zum pyknischen Körperbau [siehe bei Kretschmer].
[b] Bezeichnung f√ľr schwere Formen manisch-depressiver Krankheit, bei der die manischen und depressiven Phasen oft unmittelbar ineinander √ľbergehen.
[c] ICD 10 F 34.0: Andauernde [chronische] Instabilität [Unbeständigkeit] der Stimmung mit zahlreichen Perioden leichter Depression und leicht gehobener Stimmung, meistens erlebt ohne Bezug zu Life-Events [Lebensereignissen].

III. Zwangsstörungen

[ICD 10 F42] Leiden an persistierenden [beharrenden], stereotyp ablaufenden, nicht unterdr√ľckbaren, als religi√∂se Macht erlebten (st√§rker als ich) Ritualen [Brauch; ritus: Vorgehen nach festgelegter Ordnung], die oft viele Stunden andauern und deren Sinnlosigkeit von den Betroffenen erlebt wird. 50 % leben ohne festen Partner. Pr√§valenz [Vorkommen]: 1-2 % der Bev√∂lkerung (5 % der Eltern). Beginn meistens zwischen 14 und 40 Jahren, Waschzw√§nge meist abrupt, Kontrollzw√§nge meist schleichend, bei etwa 30 % nach kritischen Life-Events [Lebensereignissen]. Wesentlich ist nur die Intensit√§t [St√§rke] des Zwanges; seine Inhalte und Themen sind sehr verschieden je nach Kultur und f√ľr den Therapeuten ebenso bedeutungslos (obwohl psychodynamisch beschreibbar) wie zwanghaftes Verhalten in der Kindheit f√ľr die Ausbildung von sp√§teren Zw√§ngen. Vor dem 10. Lebensjahr werden zwangsneurotische St√∂rungen selten beobachtet, denn der zugrunde liegende Konflikt setzt ein weiter entwickeltes Gewissen (√úber-Ich) und ein gewisses Abstraktionsverm√∂gen voraus, damit der ausgepr√§gte Kontrast zwischen Es und √úber-Ich entstehen kann: Triebsph√§re und Gewissen sind zugleich stark angelegt. Die anankastische [zwanghafte] Reaktionsweise wird offenbar gef√∂rdert durch strenge Erziehung [siehe anale Fixierung, Regression = R√ľckkehr zum magischen Denken und zu Reaktionsbildung]. Zwangshandlungen sind Schutzma√ünahmen mit Stellvertreterfunktion (sekund√§re Abwehrvorg√§nge) und haben daher h√§ufig Symbolcharakter und Selbstbestrafungstendenz. Zw√§nge, Phobien und auch hypochondrische √Ąngste k√∂nnen auch anthropologisch als thanatophobe [Todesangst] neurotische St√∂rungen angesehen werden [J.-E. Meyer]: Angst vor Tod, Sterben, Krankheit, Kranken, Toten, T√∂ten, Schwindel, Herzattacken, Ohnmacht, Phobien (=pathogene Endlichkeitsproblematik). Psychoanalyse hilft zum Verstehen, aber therapeutisch wenig (25 %). Lernpsychologisch sind an der Entstehung von Zw√§ngen neben klassischen vor allem operante Konditionierungen beteiligt. ‚Äď Emotionen sind eher innere Unruhe, Anspannung und √Ąrger als Angst [gegen Klassifizierung in DSM III-R als Untergruppe von Angstst√∂rungen]. Nach Freud hat die Religion die Funktion einer universellen Zwangsneurose.

Unterscheidungen [siehe auch ICD 10 F42]:
1. Zwangshandlungen(-verhalten): meistens exzessive Wiederholungen alltäglicher Handlungen, z. B.
a] Kontrollzwänge;
b] Wasch- oder Reinigungszw√§nge (Ansteckungs-, Verunreinigungs- oder Kontaminations√§ngste [durch Ber√ľhrung vermischen, verderben]; Tendenz zur Generalisierung [Ausbreitung √ľber den ganzen K√∂rper];
c] ‚Äěprim√§re zwanghafte Langsamkeit" (selten).
2. Zwangsgedanken: Bewusstseinsinhalte, die Unruhe, Angst und Erregung auslösen. Themen meistens Beschmutzung und Ansteckung, auch Gewalttätigkeit und Aggressivität, zum Teil Religiosität und Sexualität. Untergliederung:
a] zwanghaftes Zweifeln, z. B. langzeitiges Gr√ľbeln √ľber eigene Handlungen und deren Folgen; durch das Paradigma [Beispiel]: Verantwortung >Schuld >Zweifel gewinnen Zwangsgedanken ihre starke Bedeutung. Ergebnis: Schuldgef√ľhle, -√Ąngste: ‚ÄěIch bin verantwortlich" (stimmt in 90 % der F√§lle nicht: Er will es ja gar nicht).
b] zwanghafte Impulse, z. B. lästern, fluchen, jemanden verletzen, Zählzwang, sinnloses Wiederholen von Inhalten. Widerstand bei aggressiven und sexuellen Impulsen verhindert deren Umsetzung in die Tat praktisch immer.
c] zwanghafte Vorstellungen, z. B. Horrorbilder.
Eine Unterbrechung der Rituale f√ľhrt zu hoher Erregung und Unbehagen.

Von der Phobie unterscheidet sich der Zwang dadurch, dass
[1] er meist durch interne Reize ausgelöst wird,
[2] er als sinnlos erlebt wird und
[3] kein wirklich erfolgreiches Vermeidungsverhalten existiert.
Oft treten Zw√§nge zusammen mit Depression auf. Die Abfolge zuerst Zwang und dann Depression ist etwa dreimal so hoch wie umgekehrt, da die Dauer des Zwanges und die damit verbundenen Einschr√§nkungen und Behinderungen sekund√§r zu Hilflosigkeit, Demoralisierung und Depressivit√§t f√ľhren. Zur Diagnostik helfen z. B.
a] das Maudsley Zwangsinventar (MOC),
b] das Leyton Obsessional Inventory (LOI) und
c] die Rating Scala zur Erfassung von Zwangshandlungen und Zwangsgedanken

√Ątiologie: W√§hrend die Psychoanalyse Konflikte w√§hrend der Analphase vermutet, betonen lerntheoretisch orientierte Entwicklungspsychologen ein inkonsistentes [unbest√§ndiges] Erziehungsverhalten, rigide [starre] √ľberh√∂hte Anspr√ľche und Normen [Ma√üregeln] sowie unberechenbare Strafreize der Eltern in der Kindheit. Zur Erkl√§rung der Symptomentwicklung werden Laborexperimente [Versuche in Arbeits- und Forschungsst√§tten] zur Entwicklung abergl√§ubischen Verhaltens [Skinner], Modell-Lernen, inkonsistente, zuf√§llige Strafreize, Bestrafung von Vermeidungsreaktionen, Diskriminations-[Unterscheidungs-]unf√§higkeiten und gleichzeitige Belohnung und negative Verst√§rkung einer Reaktion herangezogen. Aufrechterhalten werden Zw√§nge oft durch autosuggestive Problemantizipation [Vorwegnahme], unmittelbare Erregungs-(Unsicherheits- bzw. Angst-)reduktion [Verringerung] nach dem Einzelritual und die Unf√§higkeit, Rituale zu beenden, weil der Erfolg der Rituale nicht √ľberpr√ľfbar ist. Angstmanagement hat sich verselbst√§ndigt im Zwang, der aber die Angst nur kurzzeitig reduziert. Folge: alle 2 bis 3 Jahre Ersch√∂pfungsdepression. St√∂rungen sind h√§ufig, nehmen zu. Nur 4 bis 6 % der Zwangskranken kommen in Therapie.

Behandlung von Zwangsverhalten:
Zwangsst√∂rungen galten lange als schwer behandelbar. Inzwischen erzielt man vor allem mit verhaltenstherapeutischen Techniken, gelegentlich unterst√ľtzt durch medikament√∂se Behandlung (Antidepressiva, Anxiolytika [Angstl√∂ser]), gute Erfolge, die jedoch durchschnittlich niedriger liegen als etwa f√ľr √Ąngste. Die Methode der Wahl bei Zwangshandlungen sind Verfahren der Konfrontation und Reaktionsverhinderung, die den Zirkel von Angst und Vermeidung aufbrechen sollen. Der Patient wird mit der Situation konfrontiert, die seine Zwangsrituale ausl√∂st. In Absprache und mit Zustimmung des Patienten wird verhindert, dass dieser das √ľbliche Vermeidungsritual durchf√ľhren kann. Dies f√ľhrt zun√§chst zu einem Anstieg, dann Nachlassen der Angst und dem subjektiven Erleben von Kompetenz [Zust√§ndigkeit] im Umgang mit dem Problem. Kombiniert wird dieser Ansatz mit Elementen des teilnehmenden Modelllernens, bei dem der Patient das Modellverhalten des Therapeuten direkt nachahmen kann. F√ľr eine l√§ngerfristige Besserung ist ein selbst√§ndiges √úben in gewohnter Umgebung unerl√§sslich. Hat der Zwang eine (z. B. Beziehungen) stabilisierende Funktion [festigende Aufgabe], ist das bei der Therapieplanung zu beachten, Konfrontation kann kontraindiziert sein [= Gegenanzeige, nicht anwendbar].

Behandlung bei Zwangsgedanken
gestaltet sich oft schwieriger. Sie entziehen sich der externen Beobachtung und sind deshalb oft schwerer greifbar. Eine Konfrontation in sensu [in der Vorstellung, kognitiv] mit wiederholtem Durchgehen vermiedener Gedanken und Vorstellungen zum Erzielen einer Habituation* bzw. Reaktionsverhinderung ist oft das angemessene Vorgehen. Wichtig erscheint auch, im Rahmen der Psychotherapie den funktionalen Zusammenhang von Zwangsgedanken mit anderen Kognitionen und situativen Bedingungen zu erkennen. Auch hier ist eine Behandlung in nat√ľrlicher Umgebung ratsam, um R√ľckf√§llen vorzubeugen. Medikament√∂se Therapien konnten mit Antidepressiva Besserung erzielen. Interessant ist, dass sowohl verhaltenstherapeutisch als auch biologisch Interventionen zu √§hnlichen Ver√§nderungen im Gehirn f√ľhren k√∂nnen.
* Habituation [Gew√∂hnung]: das Absinken einer motorischen [Bewegungs-] oder sensorischen [Sinnes-]Reaktion bei wiederholter Einwirkung desselben Reizes in relativ kurzen Intervallen (besonders bei S√§uglingen erforscht). Davon absetzen: Extinktion [Ausl√∂schung]. ‚Äď Was 12 Wochen lang ge√ľbt wird, geht in das Verhalten √ľber; gewonnenen Freiraum sinnvoll nutzen!

Zwangsneurose:
Freudscher Begriff f√ľr die vor allem durch Zwangssymptome charakterisierte Form der Psychoneurose. Sie ist aber au√üer durch Zwangssymptome noch durch eine Reihe weiterer Symptome gekennzeichnet, von denen die wichtigsten sind: abnorm gesteigerte Schuldgef√ľhle, gesteigerte Gewissenhaftigkeit, gesteigerte Gef√ľhlsambivalenz, schwere Entschlussunf√§higkeit. Der dynamische Faktor im Hintergrund dieser Symptome besteht in einer unvollst√§ndigen Verdr√§ngung starker Aggressionen.

Anankasmus
[Zwanghaftigkeit] = zwangsneurot. Charakterstruktur: zwanghaft, skrupul√∂s [viele Bedenken], pedantisch [√ľbergenau], sparsam, √ľberordentlich, eigensinnig; Krankheitsfurcht, magische Formeln und Rituale. In der Neurosenlehre Bezeichnung f√ľr Zwangsneurose. Typischer Abwehrmechanismus: Isolierung.

Abgrenzen von Zwangssymptomen bei:
a] Gesunden (Erm√ľdung, Ersch√∂pfung);
b] generalisierter Angst (zwanghaft wiederkehrende, als berechtigt erlebte Sorgen und
Bef√ľrchtungen ohne Abwehrrituale)
c] Schizophrenien (zwanghaft wirkendes Verhalten in Form von ziellosen
Bewegungsstereotypien oder aufgrund von ‚ÄěEingebung, Stimme, Auftrag");
d] Depressionen: Major [gr√∂√üere] Depression; Gr√ľbeleien, gegen die nicht angek√§mpft
wird;
e] Störungen, die Zwänge begleiten können (Major-Depression-Episoden, Angst-
st√∂rungen wie soziale Phobien, generalisierte √Ąngste, Panikerkrankungen u. a.);
f] organischen Hirnerkrankungen;
g] Tic-Störungen [zucken] (somatopsychisch): Bewegungsabläufe als monoton wieder-
kehrende, unwillk√ľrliche (aber unterdr√ľckbare) motorische Entladungen im Gebiete eines oder mehrerer Muskeln; meist Ausdruck einer zugrundeliegenden affektiven Spannung. Auftreten passager [vor√ľbergehend] oder chronisch wie die kombinierten vokalen [stimmlichen] und multiplen [vielfachen] motorischen Ticks [Gilles-de-la-Tourette-Syndrom, ICD 10 F95]; Beginn in der Kindheit, wesentlich h√§ufiger bei Jungen. Verhaltens- und Entspannungstherapie helfen.
h] zwanghafte Persönlichkeitsstörung: wird ich-synton [mit ausgeglichener Stimmung]
erlebt, also ohne Leiden daran. Vermuteter Zusammenhang mit Zwängen empirisch nicht gesichert.

BEISPIEL EINER BEHANDLUNG [nach Hauzinger]:

A] Ziele:
1. Reduktion der Zwangssymptomatik auf ein sozial akzeptables Maß;
2. Beeinflussung von intraindividuellen Faktoren: Insuffizienz-[Schw√§che-]gef√ľhle, mangelnde Assertivit√§t [Durchsetzungsf√§higkeit, Selbstbehauptung] sowie von interaktionellen Momenten (Kommunikationsst√∂rungen in Partnerbeziehungen, Kontrollbed√ľrfnis des sozialen Umfeldes) ‚Äď davon wird urs√§chliche Beteiligung am Zwangsgeschehen angenommen (z. B., wenn Partner mitkontrolliert);
3. Behebung von Sekundärschäden der Erkrankung wie soziale Isolation, beruflicher Abstieg bis hin zur Berentung usw.

B] Modifikation [Abwandlung] der eigentlichen Zwangssymptomatik hat Vorrang, au√üer wenn zugleich schwere Depressivit√§t vorliegt (dann Medikamente!). In manchen F√§llen empfiehlt sich zun√§chst ‚ÄěTherapie am Symptom vorbei" [s. oben A 2.].

C] Einleitende Maßnahmen: In vorbereitenden Gesprächen (Gesprächstherapie) werden folgende Bereiche bearbeitet:
1] Einstellung des Kranken zu seinen Zw√§ngen: Lernen, ‚Äěauftretende Kognitionen immer sicherer als Symptome der Zwangserkrankung zu identifizieren und als solche zu behandeln." Beispiel: Ein Patient meint, er m√ľsse sich nach dem Anfassen einer T√ľrklinke die H√§nde waschen. Er lernt, zu sich zu sagen: ‚ÄěDer Gedanke, der eben aufgetreten ist, ist ein Zwangsgedanke. Er ist lediglich ein Anzeichen daf√ľr, dass ich noch an einer Zwangserkrankung leide. Er ist kein Indiz daf√ľr, dass ich selbst in irgendeiner Weise gef√§hrdet bin oder andere gef√§hrden k√∂nnte. Es gibt also nichts, was ich dagegen unternehmen m√ľsste."
2] Beachten von kognitiven Besonderheiten: Es ist zwecklos, dem Kranken die Sinnlosigkeit seines Zwanges klar zu machen, aber n√ľtzlich, mit ‚Äěsokratischem Dialog" kognitive Muster aufzudecken. Beispiel: Jeder Mensch ist gef√§hrdet, aber er erlebt die Gef√§hrdung erst in der unmittelbaren Bedrohung. Zwangskranke drehen die Verh√§ltnisse um. Sie sind beunruhigt, bis sie sicher sind, dass keine Gefahr droht.
3] Mentales Ein√ľben von Alltagsverhalten: Normale Verhaltensabl√§ufe, z. B. das Verlassen der eigenen Wohnung, so genau wie m√∂glich mit dem Patienten absprechen (‚ÄěWie macht man das?") und zum Thema √úbungen nach der Technik der Kognitiven Probe durchf√ľhren.

D] Exposition in vivo [Ausf√ľhrung im Leben]:
1] Ausf√ľhrliche Vorbereitung des Patienten auf die Zumutung, ihn mit den Empfindungen zu konfrontieren, die er bisher vermieden hat. Besprochen werden Lernschritte, die er mit seinem Einverst√§ndnis und unter dem Schutz des Therapeuten bew√§ltigen soll. Ziele: Drei Erfahrungen:
a] Kennen lernen seines zwanghaften Erlebens durch Konfrontation mit vorher abgesprochenen Situationen.
b] Erfahrung von Bewältigungsmöglichkeiten durch eigene Ressourcen [Hilfsquellen] ohne zwanghaftes Abwehrverhalten.
c] Beobachtung, dass er schwierige Handlungsabl√§ufe des t√§gl. Lebens ‚Äěann√§hernd normal ausf√ľhren kann und dass die dabei auftretenden zwanghaften St√∂rungen ... immer besser zu bew√§ltigen sind."
2] Wichtig f√ľr die Durchf√ľhrung sind:
a] Konfrontation m√∂glichst in nat√ľrlicher Umgebung des Patienten mit anf√§ngl. Anwesenheit des Therapeuten, "um ein ordnungsgem√§√ües Absolvieren [Durchlaufen] der Ubungen zu gew√§hrleisten und um dem Patienten bei eventuell auftretenden Schwierigkeiten zur Seite zu stehen." [S. 364]
b] Sp√§ter: Aufstellen des Programms f√ľr "selbstgeleitete Exposition" gegebenenfalls mit "Therapie am Telefon."

E] Zu beachten: ‚ÄěDie anf√§ngliche Frequenz der Sitzungen soll m√∂glichst hoch sein (4-5 pro Woche); bez√ľglich der Sitzungsdauer muss eventuell mit mehreren Stunden gerechnet werden. Es muss ja gen√ľgend Zeit zur Verf√ľgung stehen, um eine deutliche Abnahme des Unbehagens des Patienten zu gew√§hrleisten. Bei Kontrollzw√§ngen ist ein Setting herzustellen, bei dem der Patient von Anfang an m√∂glichst eigenverantwortlich agieren muss, da er sonst automatisch dem Therapeuten die letzte Verantwortung zuschiebt und daher kaum Schwierigkeiten empfindet." Bei Kontaminations√§ngsten soll es vor allem um die m√∂glichst zwangsfreie Ein√ľbung allt√§glicher Verhaltensabl√§ufe gehen. K√ľnstliche √úbungssituationen bringen wenig. ‚ÄěBei Zwangsgedanken kann eine Exposition entweder dadurch erfolgen, dass (in vivo oder in sensu) Situationen bearbeitet werden, in denen die Gedanken besonders h√§ufig auftreten, oder anhand der Gedanken selbst, die in handhabbarer Form, z. B. auf K√§rtchen, festgehalten sind. Auch einfache Regeln, die der Entlarvung von Zwangsgedanken, im Gegensatz zu realit√§tsbezogenen Kognitionen, dienlich sind, k√∂nnen n√ľtzen (z. B. ‚ÄěImmer wenn mir der Gedanke kommt, ich k√∂nnte jemandem unabsichtlich Schaden zuf√ľgen, handelt es sich um einen Zwangsgedanken". Der wesentliche Effekt jeder Exposition ist die wachsende Gewissheit des Patienten, dass er leben kann wie andere auch, ohne st√§ndig entsetzliche und schier aussichtslose K√§mpfe f√ľhren zu m√ľssen, die seinen Mitmenschen erspart bleiben." [S.364]

F] Probleme bei der Behandlung:
1] Patienten mit massiver Angst, ihr System zu durchbrechen, weil sie ‚Äěeinen totalen Zusammenbruch des quasi-stabilen Gleichgewichts bef√ľrchten" (besonders bei Zwangsbef√ľrchtungen in der Form von √ľberwertigen Ideen und bei Depressivit√§t). Empfehlung: ‚ÄěTherapie am Symptom vorbei" [s. o.], eventuell medikament√∂s.
2] Therapeut wird zur letzten Instanz und st√§ndig befragt. Wenn der Therapeut dem nachgibt, ‚Äěwird ein Zwang durch einen anderen ersetzt."

Therapieerfolge nach Studien: Langzeiterfolg 75 % der erfassten Patienten bei Verhaltenstherapie. Begleit- oder Alternativbehandlung: Trizyklische Antidepressiva (speziell Clomipramin und Serotonin-Reuptake-Hemmer). Bei ausschlie√ülich medikament√∂ser Behandlung nach Absetzen der Medikamente R√ľckfallquote 70-80 %. Verschiedene Formen rein anxiolytischer Medikation haben sich bei Zwangsst√∂rungen als ineffektiv [unwirksam] erwiesen.

IV. Somatoforme (psychisch bedingte somatische) Störungen

manifestieren sich [werden sichtbar] in k√∂rperlichen Symptomen und werden subjektiv meist als k√∂rperliche Krankheit interpretiert [gedeutet]. Es d√ľrfen keine wesentlichen medizinischen Krankheitsursachen, keine direkten Substanzwirkungen oder √ľbergeordnete psychische St√∂rungen vorliegen, durch die die Symptome erkl√§rt werden k√∂nnten. Wichtig: Immer vorher vom Arzt abkl√§ren lassen! Nur aktuelle [zeitnahe] Befunde sind aussagekr√§ftig! Au√üerdem sind simulierte [vorget√§uschte] oder durch Selbstverletzung herbeigef√ľhrte Symptome davon abzugrenzen. Die Untergruppen in ICD 10 F45 und DSM-IV sind nicht einheitlich und umfassen vor allem:
1. Somatisierungsstörung: Vielfältige, oft wechselnde und wiederholt auftretende körperliche Symptome ohne nachweisbare körperliche Ursachen. Es können alle Körperteile und -systeme betroffen sein, wobei Schmerz, gastrointestinale [Magen-Darm-] Beschwerden, pseudoneurologische [scheinnervenkranke] und sexuelle Symptome besonders häufig sind. [ICD 10 F 45.0+3]
2. hypochondrische St√∂rung [‚Äěunter den Rippen"]: Ein Zustandssyndrom [Krankheitsbild], das mit gedr√ľckter Stimmungslage (Angstzust√§nden und Depressionen), meist auch √ľbersteigerter Selbstbeobachtung und unbegr√ľndeten Krankheitseinbildungen einhergeht. Krankhafte psychische Disposition [angeborene Anlage], die bei Depression, Schizophrenie und anderen St√∂rungen vorliegen kann. Durch medizinische Diagnostik die Gefahr von Fehldiagnosen ausschlie√üen! Bei hypochondrischen Vorstellungen als Teil von Panikst√∂rungen ist Verhaltenstherapie erfolgreich. [ICD 10 F45.2]
3. Schmerzstörung: Gute Wirkung durch
a) Muskelentspannung durch Biofeedback bei Kopf- und R√ľckenschmerzen,
b) Progressive Muskelrelaxation [-entspannung] nach Jacobson und
c) Hypnose. [ICD 10 F45.4]

A) KONVERSIONS-SYNDROME/-NEUROTISCHE ST√ĖRUNGEN

Freud: Konversion [Wandlung] verdr√§ngter Vorstellungen in Innervations- [Reizleitungs-]energie; Umsetzung psychischer Konflikte in somatische Symptome, z. B. L√§hmungen als ‚Äěmotorischer", Schmerzen als ‚Äěsensibler" Konfliktersatz. Weitere Beispiele: Blindheit, Taubheit, Gangst√∂rungen, Atemnot, Erbrechen, Durchfall, Kr√§mpfe, Schwindel, Juckreiz, Tremor, psychogene Anf√§lle, Pseudodemenz. Als symbolisches Ph√§nomen [Erscheinung] ‚Äěagieren" [handeln], ‚Äěsprechen" in den k√∂rperlichen Symptomen die verdr√§ngten, verdichteten, verschobenen Vorstellungen (Ausdruckscharakter der Krankheiten, die meist akut einsetzen). Sexuelle Triebe werden verdr√§ngt (= prim√§r psychischer Konflikt, Ursprung im ‚Äědipuskomplex) und die Verdr√§ngung wird in K√∂rpersymptome (oft wechselnde k√∂rperliche St√∂rungsmuster) umgesetzt [siehe Hysterie]. Konversions- sind dissoziative [trennende] St√∂rungen; Verlust oder Unterbrechung der integrativen [zur Ganzheit vereinigenden] Funktionen von Wahrnehmung, Ged√§chtnis und Bewusstsein: Amnesie [Erinnerungsverlust], Fugue [Flucht, Ortsver√§nderung], Stupor [Regungslosigkeit], Krampfanf√§lle und anderes. Sie bescheren in der Regel prim√§ren und sekund√§ren Krankheitsgewinn. [ICD 10 F44]

B) FUNKTIONELLE ST√ĖRUNGEN / NEURASTHENIE


z. B. vegetatives Ersch√∂pfungssyndrom mit psychovegetativen Allgemeinbeschwerden: geistiger oder k√∂rperlicher Erm√ľdbarkeit, Kopfdruck, Schwindel, m√ľde und gleichzeitig schlaflos, Stimmungsschwankungen, Tremor [Zittern], Extrasystolen [au√üerhalb des regul√§ren Grundrhythmus vorzeitig oder versp√§tet, einzeln oder geh√§uft auftretende Herzschl√§ge]. H√§ufig 30- bis 50-J√§hrige nach k√∂rperlich/seelischen Beanspruchungen; Pers√∂nlichkeitsfaktoren wirken mit. [ICD 10 F 48.0]

C) PSYCHOSOMATISCHE ST√ĖRUNGEN

[ICD 10 F45] mit k√∂rperlichen Symptomen (klare internistische Befunde), deren Verst√§ndnis und Behandlung durch Einbeziehung des Seelischen bestimmt werden. √Ątiologie [Ursachenlehre) multifaktoriell [viele Ursachen], aber ohne klare organische Grundlage, sondern durch emotionale Prozesse und Erkrankungen verursacht. Die St√∂rungen betreffen ein einzelnes Organsystem, das gew√∂hnlich unter Kontrolle des autonomen [= vegetativen, animalischen] Nervensystems und endokriner [in das Blut absondernder] Dr√ľsen steht. Der Nachweis, dass einem geh√§uften Auftreten schwerer Krankheiten ein signifikanter [bedeutsamer] Anstieg oft konfliktreicher Lebensumstellungen vorausging, zeigt, dass eine organische Krankheit sich in einer krisenhaften Lebenssituation entwickelt und dass sich bestimmte Organkrankheiten einem bestimmten psychischen Befund zuordnen lassen. Neue Verfahren messen die psychischen und physiologischen Ver√§nderungen. Interaktion von k√∂rperlicher (genetischer) Disposition, gegebenen Umweltfaktoren und individueller psychischer Verarbeitung sind zu ber√ľcksichtigen. Behandlung am besten parallel [gleichzeitig] psychotherapeutisch (Psychoanalyse und Verhaltensstherapie) und somatisch (√§rztlich!).

BEISPIELE [siehe beigef√ľgte √úbersicht, Seite 66a]:
Ulcus ventrikuli [Magengeschw√ľr]: Anhaltender Stress
Essentielle [selbst√§ndige] Hypertonie: Prim√§rer Bluthochdruck mit unbekannter Ursache. Psychoanalytisch: Unf√§higkeit, √Ąrger und Aggression angemessen auszudr√ľcken. Heute: allgemeiner Mangel an Kontrolle und kultureller Stress.
Koronare Herzerkrankung [durch Einengung oder Verschluss arterieller Herzkranzgef√§√üe verursachte Verminderung der Durchblutung]: Angina pectoris [Enge der Brust], Herzinfarkt, Linksherzinsuffizienz [-schw√§che]. Pers√∂nlichkeitsfaktoren, die das Risiko f√ľr das Auftreten um das zwei- bis siebenfache erh√∂hen [Typ A] oder erniedrigen [Typ B]: Spricht hastig, bewegt sich unruhig, setzt sich unter Zeitdruck, weist erh√∂htes Kontrollbed√ľrfnis vor allem in Konkurrenzsituationen auf, verf√§llt bei l√§nger andauernder Unkontrollierbarkeit aber in ein Hilflosigkeitsmuster.
Migr√§ne: ‚ÄěMigr√§ne-Pers√∂nlichkeit" = √ľberh√∂htes Anspruchsniveau, hyperperfektionistische Einstellung, √ľbertriebenes Kontrollbed√ľrfnis etc.
Ekzem: Fl√§chenhafte entz√ľndliche Hautver√§nderung mit Juckreiz. ‚ÄěAllergiker-Pers√∂nlichkeit" u. a. erf√ľllt von Angst, Unsicherheit, Bedrohtsein, Suche nach Schutz; zeigt Tabu-[verboten]-ph√§nomene [‚ÄěVermeidungshaltung"] und deutliche Reaktionsbildungen [siehe ‚Äěintentionale Phase"]; verdr√§ngt libidin√∂se und aggressive Triebregungen; Allergene sind Ersatzobjekte f√ľr libidin√∂s und aggressiv besetzte Objekte.
Ulcus duodeni (Duodenalulcus) [Zw√∂lffingerdarmgeschw√ľr]: In der Vorgeschichte Trennungserlebnisse, z. B. Verlust der Gruppenzugeh√∂rigkeit, die zu intensiven Abh√§ngigkeitsbed√ľrfnissen f√ľhren mit √ľberm√§√üigem Vermeidungsverhalten und mangelnder Kontrolle der Verhaltenskonsequenzen.
Asthma bronchiale [Enge der Atemwege]: Anfallsweises Auftreten von Atemnot infolge variabler [ver√§nderlicher] und reversibler [umkehrbarer, heilbarer] Bronchialverengung durch Entz√ľndung und Hyperreaktivit√§t [gesteigerte Reaktionsbereitschaft] der Atemwege. (Starke Bindung an die Mutter und gest√∂rte Familienbeziehungen. Psychoanalytisch: ‚ÄěSchrei nach der Mutter".)
Colitis ulcerosa: Kontinuierliche [fortdauernde] Entz√ľndung der Dickdarmschleimhaut, meist mit Ulcerationen [Bildungen vieler kleiner Geschw√ľre] und zwischen diesen stehen gebliebenen Schleimhautinseln. Ursachen vor allem Depression und extreme Bindungs- und Abh√§ngigkeitskonflikte.
M. Crohn [morbus = Krankheit]: Knoten bildende Entz√ľndung, die alle Abschnitte des Verdauungstraktes befallen kann, jedoch vor allem das untere Ileum [D√ľnndarm], das Colon [Grimm-, Dickdarm] und das Rektum [Mastdarm].
Vegetative/funktionelle Störungen [je nach Klassifikation. Siehe oben unter B Funktionelle Störungen]
Anorexia [ohne Appetit] nervosa [Pubert√§tsmagersucht]: Schwer einzuordnen. Essst√∂rung mit verzerrter Einstellung gegen√ľber Nahrungsaufnahme, gest√∂rtem K√∂rperschema (k√∂rper- u. sexualfeindlich) und Krankheitsverleugnung. Angst vor √úbergewicht. Denken, F√ľhlen, Glauben nicht kongruent [√úbereinstimmend]. Dauer durchschnittlich 7 Jahre. Betroffen: 1 % vor allem 10-25 j√§hriger Frauen. Letalit√§t [Sterblichkeit] ca. 10 %; Chronifizierung, Spontanheilung und Heilung durch Therapie je 30 %. Symptom-Trias [Dreiheit]: Abmagerung bis zur Kachexie [Auszehrung], Amenorrhoe [keine monatliche Blutung], Obstipation [Stuhlverstopfung]. Zwanghafte Pers√∂nlichkeitsstruktur: leistungsbezogen, gute Sch√ľlerinnen, helfen gern anderen. Viele sind ungemein sch√∂n. Ursachen: Konflikt mit dominierender Mutter; Ziel: nicht wie sie werden ‚Äď aber keine Alternative, keine eigene Pers√∂nlichkeit entwickelt (nicht erwachsen), um zu √ľberleben. Eine Ursache: Erotisierung mit 8/9 Jahren und starker Sexualdruck auf Teenager (USA). Essen und erbrechen, um sich zu f√ľhlen. D√ľnn- als Starksein erlebt; Missbrauch von Laxanzien [Abf√ľhrmitteln]; Nahrungsverweigerung bis zum Tod durch Hypokali√§mie [Kaliummangel im Blut]. Therapie: Gewichtsrekonstruktion [Wiederherstellung] (akut meist station√§r), Psychoanalyse und Familientherapie. In chronischen F√§llen √úbergang m√∂glich [16 %] in:
Bulimia nervosa [Hei√ühunger], Ess-Brech-Sucht. St√∂rung, bei der exzessiv [ausschweifend] meist hochkalorische [W√§rme erzeugende] Nahrungsmengen in k√ľrzester Zeit zugef√ľhrt und anschlie√üend Ma√ünahmen ergriffen werden, das K√∂rpergewicht in einem subnormalen Rahmen zu halten, z. B. durch periodisches Fasten, selbstinduziertes [-angeregtes] Erbrechen, Missbrauch von Laxanzien [Abf√ľhrmitteln] und Diuretika [harntreibenden Arzneien] mit entsprechenden Komplikationen. Pr√§valenz [Vorkommen]: 2 % aller 18-35-j√§hrigen Frauen. H√§ufig gehen extremes √úbergewicht oder Anorexia nervosa voraus. Ursprung: negative Identifikation mit der (attraktiven) Mutter. Selbstbewusstsein wird fast ausschlie√ülich √ľber den K√∂rper definiert, Anerkennung gesucht. Formal [√§u√üerlich, nicht inhaltlich] stoffgebundene Sucht. Amenorrhoe [Ausbleiben der Monatsblutung]. Behandlung: Verhaltenstherapie. Selbsthilfegruppen und Ern√§hrungsberatung sind angesagt. Der K√∂rper wei√ü recht gut, was er braucht: Worauf habe ich wirklich Hunger, Appetit, Lust, statt durch Di√§t von au√üen bestimmt zu werden? ‚ÄěIss, was dir schmeckt, m√∂glichst nat√ľrlich." Verzicht auf Kalorien (Zucker) f√ľhrt zu starken Hungergef√ľhlen. Wohlf√ľhlgewicht ist individuell verschieden.

Ursachen einer psychosomatischen Erkrankung
Schematischer √úberblick:
Anlagemäßige Anlagemäßige
psychische Faktoren ‚Äď somatische Faktoren
"" ""
Erworbene Erworbene
somatische Faktoren ‚Äď psychische Faktoren

Es gibt verschiedene Theorien und Modelle psychosomatischer Erkrankungen; zu den psychoanalytischen gehören z. B. die Modelle nach Margret S. Mahler und nach René Spitz [Säuglingsforscher] sowie

das Konversionsmodell:
Die Konversion, ‚ÄěWendung in die somatische Innervation" [Reizleitung zu den Organen] beschreibt die K√∂rpersymptome, die Teil eines k√∂rperlich-symbolisierenden Ausdrucksgeschehens sind (verschl√ľsselt, aber verstehbar). Sie k√∂nnen als Ersatzbefriedigungen (zugleich Bestrafungen) und Kompromissbildungen aufgefasst werden und eine teilweise Spannungsabfuhr erm√∂glichen. Beispiele: Hysterische Anf√§lle, L√§hmung, Gangst√∂rung, Gef√ľhlsst√∂rung, Blindheit, Taubheit; Schwitzen, Err√∂ten, Schwindelanf√§lle; Herzattacken, Erstickungsnot.

das Konzept der De- und Resomatisierung:
Das Kind beantwortet Angstsituationen global somatisch, verinnerlicht im Laufe der Reifung Schmerz und Angst in Gedanken, Vorstellungen und Symbolen. De-[Ent-] somatisierung: √úberwindung diffuser Entladungsph√§nomene somatischer Art; zugleich Neutralisierung von sexueller Libido und Aggressivit√§t zu ich-gerechten, realit√§tsangepassten Leistungen. Re-[R√ľck-]somatisierung ist Teil eines umfassenden Regressionsvorganges des Ich mit De-[Ent-]neutralisierung von Libido und Aggression und Wiederauftreten von Prim√§rprozessen; es √ľberwiegen pr√§verbale [vorsprachliche] Bed√ľrfnisse (regressive Symptombildung).

V. Persönlichkeitsstörungen

Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen sind [tiefenpsychologisch Ich-] Psycho-, Charakter- oder Kernneurosen (durch besonders tiefliegende Konflikte erfolgte Ver√§nderung der Pers√∂nlichkeitsstruktur, unter der die Umwelt mehr leidet als der Patient). Sie entwickeln sich mit der Pers√∂nlichkeit, sind Ausdruck komplexer psychosozialer und zwischenmenschlicher Krisen und umfassen ein √ľberdauerndes Muster von innerem Erleben und Verhalten, das merklich von Erwartungen der soziokulturellen Umgebung abweicht. Betroffene empfinden ihre auff√§lligen Eigenarten √ľberwiegend als zu ihnen geh√∂rend und als weniger st√∂rend, als das bei Achse-I-St√∂rungen [= akute St√∂rungen nach DSM-IV] der Fall ist. Zudem werden Achse-II-Diagnosen [Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen] oft als diskriminierend [herabsetzend, entw√ľrdigend] empfunden. Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen f√ľhren oft auch zu Problemen in der Therapeutenbeziehung; sie treten h√§ufig gemeinsam mit klassischen psychiatrischen Problemen auf, stehen oft im Hintergrund (bei deren Diagnose bedenken!). Suizidalit√§t ist ein besonderes Problem. Durch spezifische Therapieans√§tze f√ľr einzelne [Borderline und antisoziale] Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen sind Erfolgserwartungen bei aller Vorsicht optimistischer geworden. [ICD 10 F60] Drei Gruppen werden unterschieden: Denk-, Beziehungs- oder Angstst√∂rungen.

A) PARANOIDE UND QUERULATORISCHE
[wahnhafte und n√∂rglerische] Pers√∂nlichkeitsst√∂rung: Empfindlich, besonders gegen Ablehnung und Misserfolg, leicht gekr√§nkt und dann in beharrlicher Weise streitbar; humorlos, emotional rigide. Missliche Ereignisse werten sie leicht als absichtliche Anfeindungen; manche reagieren mit Hilflosigkeit und Resignation, die meisten k√§mpferisch und aggressiv. Querulatorisch, wenn das Verhalten ausgepr√§gt fanatisch, rechthaberisch, unbelehrbar oder r√ľcksichtslos wird. Ideen-Fanatiker bei √úberwertigkeit von Ideen. ICD 10 F 60.0

B) SCHIZOIDE PERS√ĖNLICHKEITEN
[gespaltene]: zwiesp√§ltige Konfliktpers√∂nlichkeiten; k√ľhles und schroffes Wesen nach au√üen, zugleich √ľberempfindlich. Sehr emotionslos; N√§he be√§ngstigend (zu wenig erfahren). Kretschmer: ‚Äě...durch die allt√§glichen Reibungen des Lebens bei Nervosit√§t ... ihre Z√§higkeit manifestiert sich charakterologisch in den verschiedensten Varianten [Abwandlungen]: st√§hlerne Energie, st√∂rrischer Eigensinn, Pedanterie, Fanatismus, systematische Konsequenz im Denken und Handeln." Misstrauen, Inneres verbergen, abrupter R√ľckzug, Isolierung; h√§ufig: Prinzipienreiterei, Moralismus und fanatische Religiosit√§t; distanziertes Verhalten, Kontaktst√∂rungen. ‚ÄěBaby im Stahlsafe" ICD 10 F 60.1

C) ANANKASTISCHE PERS√ĖNLICHKEITEN
[zwanghaft]: in allen Lebensbereichen pedantisch [√ľbergenau]; k√∂nnen Sklaven ihres skrupul√∂sen [bedenklichen] Gewissens werden. Zwiespalt: Ann√§herung ‚ÄěVermeidung kann zu Ersch√∂pfungsdepression und Schuldgef√ľhl f√ľhren. ICD 10 F 60.5

D) NARZISSTISCHE PERS√ĖNLICHKEITEN
[in sich selbst Verliebte] nehmen an Zahl zu (Politiker; Therapeuten, die J√ľnger haben), reagieren auf Kritik (bedroht ihr hochgradig gest√∂rtes, √ľbertriebenes Selbstwertgef√ľhl) mit Wut, Scham, Dem√ľtigung; n√ľtzen Beziehungen f√ľr eigene Ziele aus; wollen als ‚Äěetwas Besonderes" st√§ndig beachtet und bewundert werden, mehr scheinen als sein; Phantasien grenzenlosen Erfolges (Macht, Glanz, Sch√∂nheit, ideale Liebe); Anspruchsdenken (bevorzugte Behandlung); Mangel an Empathie; starke Neidgef√ľhle. DSM III-R [Fehlt in ICD 10]

E) DEPENDENTE PERS√ĖNLICHKEITEN
[abh√§ngige]: unf√§hig, im Alltag ohne andere zu entscheiden; lassen auch f√ľr sie Wichtiges andere entscheiden; pflichten anderen stets bei; erschwerte Eigeninitiative; √ľbernehmen unangenehme und erniedrigende T√§tigkeiten, um Zuneigung zu gewinnen; f√ľhlen sich allein meist hilflos und unwohl; sind am Boden zerst√∂rt, wenn enge Beziehung zerbricht; haben gew√∂hnlich Angst, verlassen zu werden; sind bei Kritik oder Ablehnung leicht zu verletzen. (H√∂rigkeit entsteht nur in Beziehungen, in denen einer stark ist.) ICD 10 F 60.7

F) ASTHENISCHE PERS√ĖNLICHKEITEN
[kraftlos]: Mangel an Spannkraft, geringe Ausdauer, vorherrschendes Gef√ľhl der Schw√§che (seelisch und k√∂rperlich), rasch erm√ľd- u. ersch√∂pfbar ohne k√∂rperliche Ursache; h√§ufig vegetative Labilit√§t und Schlafst√∂rungen; nicht belastbar. [fehlt in ICD 10]

G) √ĄNGSTLICHE/VERMEIDENDE PERS√ĖNLICHKEIT
(sensitive/selbstunsichere/√ľberempfindliche): leicht zu beeindrucken oder zu verletzen; √Ąrger und Kummer ‚Äěschlucken sie herunter", tragen jedoch lange und schwer daran, ohne sich aussprechen zu k√∂nnen; belastende Erlebnisse und Konfliktspannungen sind im Bewusstsein pr√§sent [gegenw√§rtig] und stark affektbesetzt; Neigung zu Affektstauung und Retention [Zur√ľckhaltung. Aggressionshemmung mit gelegentlich explosiven Ausbr√ľchen]; fehlendes Durchsetzungsverm√∂gen, Kompensation [Ausgleich] durch beruflichen Ehrgeiz. In der Seelsorge Prototyp [Urbild]+des akzeptierenden Christen, der sich nicht traut, in der Welt seinen Mann/Frau zu stehen. ICD 10 F 60.6+8

H) HYPERTHYME PERS√ĖNLICHKEITEN
[gehobene seelische Stimmung]: oberflächlich-heiter, distanzlos, unkritisch, lebhaft (sanguinisches Temperament), gesteigerte Aktivität (Redseligkeit, Betriebsamkeit). Nach ICD 10 F34 Cyclothymia.


I) DEPRESSIVE PERS√ĖNLICHKEITEN
still, zur√ľckhaltend, gehemmt, pessimistisch, skeptisch, scheinbar gelassen und ausgeglichen oder m√ľrrisch, n√∂rglerisch, sarkastisch, missmutig, Lebensangst, mangelndes Vertrauen. Sie haben neurotische Depressionen (depressive Neurosen). ICD 10 F 34.1

K) DIS-/ANTISOZIALE/GEM√úTLOSE/SOZIOPATHIE
Mangel an Mitleid bzw. Gewissen; triebhaft (auch kriminologisch: 3 % der M√§nner, 1 % der Frauen); mangelhafte F√§higkeit, aus Erfahrungen zu lernen; geringeres Bed√ľrfnis, unangenehme Folgen des Verhaltens zu vermeiden; Strafen nicht abschreckend; weniger Angst und emotionale Anspannung. Sehr sozial in der ‚Äěgang"; manche bekehren sich. ICD 10 F 60.2

L) HISTRIONISCHE PERS√ĖNLICHKEITEN
[Schauspieler]: ‚Äě...haben das Bed√ľrfnis, vor sich und anderen mehr zu scheinen als sie sind, mehr zu erleben, als sie erlebnisf√§hig sind. An die Stelle des urspr√ľnglich echten Erlebens mit seinem nat√ľrlichen Ausdruck tritt ein gemachtes, geschauspielertes, erzwungenes Erleben..." (Jaspers). Neigung zu Konversionsneurosen [s. Psychoneurosen a]; gesteigertes Geltungsbewusstsein, stark egozentrisch, Nichtannahme der Realit√§t, schillernde, √ľbergro√üe Gef√ľhlswelt. ICD 10 F60.4

M) ERREGBARE PERS√ĖNLICHKEITEN
(explosive, aggressive): neigen zu heftigen Affektausbr√ľchen bei meist geringf√ľgigen Anl√§ssen. ICD 10 F 60.30

N) BORDERLINE [Grenzlinie]-PERS√ĖNLICHKEITEN:
Mischung aus Problemen und (ungew√∂hnlichen) Symptomen, die sich w√∂chentlich √§ndern k√∂nnen; starke emotionale, nicht ad√§quate Reaktion; selbstbestrafendes oder selbstzerst√∂rerisches Verhalten; impulsives, schlecht geplantes Verhalten, das sp√§ter als dumm angesehen wird; ‚ÄěKurze reaktive Psychosen" nach DSM III-R; Ziele, Priorit√§ten [Vorrangigkeiten], Gef√ľhle, sexuelle Orientierung unklar; Gef√ľhl der Leere (eventuell in der Magengrube); Mangel an stabilen intimen Beziehungen; Neigung, andere zu idealisieren oder abzuwerten, Intimit√§t [Vertraulichkeit, Freundschaft] mit Sexualit√§t zu verwechseln. Braucht verzweifelt andere, erlebt tiefe Abh√§ngigkeit und Entt√§uschung, hat nicht gelernt: Mutter ist da, wenn sie nicht im Zimmer ist. Stabile therapeutische Beziehung aufbauen, √ľberzogene Anforderungen zun√§chst erf√ľllen, dann √ľbergang zu Foto oder Visitenkarte; Jahre Zeit lassen. Sich selbst nicht zu sp√ľren, ist so furchtbar, dass Schmerz besser ist, z. B. sich blutig kratzen. ICD 10 F60.31

O) PASSIV-AGGRESSIVE PERS√ĖNLICHKEITEN
√Ąu√üern ihre W√ľnsche, Bed√ľrfnisse und Gef√ľhle nicht, machen Fehler, anstatt √Ąrger zu zeigen. Realistische Selbstwahrnehmung und -behauptung lernen; Arbeitstherapie. DSM III

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
Er kann gemäß den Richtlinien der Creative Commons-Lizenz "Attribution-ShareAlike" weitergegeben werden.
Zitate und verlinkte Texte unterliegen dem Urheberrecht der jeweiligen Autoren.