www.wilhelm.prassenet.de


c) Lernstoff für Psychotherapeutenüberprüfung

< voriges Kapitel
folgendes Kapitel >

Psychotherapien

„Psychotherapie ist eine Behandlungsmethode, die hauptsächlich auf der Basis zwischenmenschlicher Kommunikation beruht.“

I. Analytische [Einsicht vermittelnde] Verfahren

A) PSYCHOANALYSE

[Analyse = Auflösung, Zergliederung eines Ganzen in Teile].
Ihr Begründer Sigmund Freud [1856-1939] unterschied:
1. Ich: Träger des bewussten Erlebens,
2. Es: Sphäre [Bereich] des Unbewussten, der primitiven Wünsche und Triebe,
3. Über-Ich: Träger des Ich-Ideals und des Gewissens, der Instanz [zuständige
Stelle], von der die Verdrängungen ausgehen.

PSYCHODYNAMIK [seelische Triebkraft]: psychoanalytischer Begriff für Beziehungen und Zusammenwirken der Persönlichkeitsanteile Ich, Es und Über-Ich, Bewusstsein und Unbewusstes. Er erklärt Reaktionsformen, z. B. Fehlleistungen [= Kompromissbildungen aus Impuls und Abwehr] und Abwehrmechanismen. Verdrängungen sind die Grundlage der Neurosen [krankhafter Zustand ohne organische Ursachen]; deren Symptome [Anzeichen] sind Ausdruck einer sexuellen Ersatzbefriedigung.

TRIEBZIEL der libido [Begierde, Trieb] ist „Lust“. Neben lebenserhaltenden Sexual- [Geschlechts-] und Ich-Trieben, z. B. Aggressions-, Geltungs- und „Todes“-trieb.

Tragfähige PATIENT-THERAPEUTEN-BEZIEHUNG: Das Ich verbindet sich mit dem Therapeuten [Heilkundigen], um die Triebe des Es zu strukturieren [mit einer inneren Gliederung versehen] bzw. dem Über-Ich Boden abzuringen.

METHODE [Verfahren] der freien Assoziation [Verknüpfung von Vorstellungen] als unmittelbarster Zugangsweg zum Unbewussten. [Grundregel: Der Patient wird aufgefordert, alles mitzuteilen, was ihm einfällt.] Auseinandersetzung mit dem Ödipus- und dem Kastrations-[Verschneidungs-]komplex [Zusammenfassung] ist für die Charakterentwicklung von entscheidender Bedeutung durch die Bildung verdrängter Komplexe [Jung: Ansammlung mit gleichem Gefühlston geladener Erlebnisse] mit Aufstauung der "Libido", der sexuellen Energie; die verdrängten Inhalte zeigen sich nun maskiert [verkleidet] in Fehlhandlungen [Vergessen, -sprechen, -legen, -lieren u. a.] und vor allem im Traum = Freud's „via regia" [Königsweg] zum Unbewussten.
Freud’sche Trias [Dreiheit]: 1. Erinnern,
2. Wiederholen,
3. Durcharbeiten.

ABSTINENZREGEL: Analytiker verhält sich neutral, enthält sich aller Stellungnahmen, um dem Patienten keine Ersatzbefriedigung für seine Symptome zu liefern.

UNBEWUSSTE KONFLIKTE WERDEN AUFGEDECKT durch
1. die Bearbeitung der Übertragung;
2. die Deutung der Widerstände;
3. die freie Assoziation.

THEORETISCHE AUSGANGSPUNKTE:
a) Neurosen sind inadäquate Lösungsversuche unbewusster infantiler [kindlicher, unentwickelter] Konflikte [Wiederholungszwang];
b) Die Gründe menschlichen Verhaltens sind unbewusst;
c) Menschliches Verhalten ist triebbestimmt.

ÜBERTRAGUNG: Patient bringt dem Therapeuten alte reaktivierte Verhaltensmuster entgegen. Es gibt keine Therapie ohne Übertragung.

GEGENÜBERTRAGUNG: unbewusste Reaktionen des Therapeuten auf den Patienten, der zu einer Figur aus der Kindheit des Analytikers wird. Gegenübertragung stört die Therapie [Verletzung der Abstinenzregel].

WIDERSTAND: Patient hält aufgrund unbewusster Verdrängungsmechanismen am Symptom fest; erkenntlich in aller Regel daran, dass der Patient sich nicht an die Grundregel hält [alles mitteilen, was ihm einfällt]. Ein Widerstand stört die therapeutische Beziehung.

THERAPEUTISCH WICHTIGE WIDERSTÄNDE:
1. Verdrängungswiderstand: primärer Krankheitsgewinn. Patient sagt nicht, was los ist.
2. Assoziationswiderstand: dem Patienten „fällt nichts mehr ein“.
3. Übertragungswiderstand: gegen die Person des Analytikers gerichtet. Der Patient will
keine Übertragung vornehmen.
4. Widerstand aus sekundärem Krankheitsgewinn: Der Patient verliert bei einer Gene
sung die Vorteile der Krankheit.
5. Widerstand gegen die Annahme von Deutungen: unentschuldigtes Zuspätkommen;
Termin vergessen; Patient teilt erst am Ende der Sitzung wichtige Dinge mit.

SITZUNGEN: mehrmals wöchentlich; Dauer: 50 Minuten. Bei einer klassischen Psychoanalyse darf man Psychopharmaka absetzen; Ausnahme: Suizidalität oder Veränderung des Denkens und des Realitätsgefühls.

ZIEL DER PSYCHOANALYSE ist die Bewusstmachung bisher unbewusster Persönlichkeitsanteile und die Lösung von [nicht optimal gelösten] Konflikten. Konflikte sind die Wurzel eines jeden Wachstums der Persönlichkeit, wenn sie kreativ gelöst werden, und einer jeden Neurose. Unteroptimal gelöste Konflikte neigen dazu, immer wieder in entstellter Form zu erscheinen in Träumen, Krankheitssymptomen und psychischen Konstellationen [Zusammentreffen von Umständen]. Lösung: Fähigkeit zur Sublimierung [siehe Abwehrmechanismen] wieder zu verleihen, dem Kultur schaffenden Ausweg der Libido beim gesunden Menschen.

WEITERENTWICKLUNGEN der Psychoanalyse und Neuansätze durch Schüler Freuds [Jung, Adler u. a.] sind zahlreich, z. B. bei Sandor Ferenczi [1873-1933]: Das Ich und das Über-Ich werden vom „Realitätsprinzip“ regiert: Nur nach dem Lustprinzip ausgerichtete Impulse [Triebwünsche] aus dem Es werden nach ethischen und sozialen Forderungen abgewandelt, um nicht in bedrohliche Konflikte mit der Realität zu kommen; Wilhelm Reich [1897-1957] versuchte Freud und Marx zu verbinden und trat ein gegen sexuelle Unterdrückung: Gestaute Libidoenergie führt zum muskulären „Charakterpanzer“; später durch Einbeziehung der sozialpsychologischen [die Erlebnis- und Verhaltensweisen im Gesellschaftsleben untersuchenden] und ökologischen [die Umwelt betreffenden] Dimension [Ausdehnung], z. B. durch Erik H. Erikson [geb. 1902], Erich Fromm [1900-1980] und Alexander Mitscherlich, was u. a. zur psychoanalytischen Gruppentherapie führte.

ABWEHRMECHANISMEN

[selbsttätige Abläufe] sind beschränkt bewusste Techniken des Ich, mit denen es sich sträubt gegen peinliche oder unerträgliche Triebregungen, Affekte und Vorstellungen und die Angst mildern, abweisen oder sich ersparen will; damit das gelingt, müssen funktionstüchtige, für das Individuum kennzeichnende Abwehrmechanismen vorhanden sein, rechtzeitig ins Spiel kommen und lange genug wirksam sein, z. B.:

VERDRÄNGUNG: Unbewusste, vom Über-Ich geforderte Unterdrückung [Abdrängung, Abschiebung vom Bewusstsein] eines nicht akzeptablen [annehmbaren], aus dem Es stammenden Triebbedürfnisses, das durch Nichtbefriedigung zunehmend stärker wird und zu einer funktionellen Dominanz [Herrschaft] gelangt, im Gegensatz zu bewusstem Verzicht.

SUBLIMATION: Fähigkeit, Verzicht auf verpönte [bestrafte] Triebe und Wünsche hervorbringen zu können. Neutralisierung der psychosexuellen Energie [Libido] und deren Verwendung für sozial höher bewertete Aktivitäten. [Vergleiche das "Helfersyndrom"]

PROJEKTION [Vorwerfen]: Unbewusstes Hinausverlegen von Innenvorgängen [Empfindungen, Wünschen, Vorstellungen, Triebimpulsen, eigenen Fehlern, Schuld- und ähnlichen Gefühlen], die man bei sich nicht wahrhaben will, nach außen auf andere Personen, Situationen und Gegenstände. Diese [fälschliche] Wahrnehmung hilft in der Regel, die implizit [eingeschlossen] erlebte Angst, die [innere] Konfliktspannung zu reduzieren [verringern]. [Vergleiche Phobien.

RATIONALISATION [Intellektualisierung, nachträgliches verstandesmäßiges Rechtfertigen, innere Ausrede] eines Verhaltens, dessen triebhaftes Motiv [Beweggrund]. unerkannt bleiben muss. Das Ich ersetzt wahre, aus dem Es stammende, aber nicht eingestandene [vom Über-Ich verbotene] Motive durch unwahre, aber eingestandene [vom Über-Ich nicht verbotene] Motive. [Vgl. Zwangsneurose]

VERLEUGNUNG: Leugnung eines unangenehmen Gefühls [Angst, Wut, Minderwertigkeit, Unsicherheit und anderes] vor dem eigenen Ich und der Umgebung.

(AFFEKT-)ISOLATION [Absonderung]: Auflösung des assoziativen Zusammenhangs zwischen unliebsamen Denkinhalten und den sie begleitenden Affekten [Gemütsbewegungen, Erregungen] oder Situationen. Dann ist Katharsis [Reinigung] durch Offenlegen und wiederholtes Nacherleben der Gedanken und Träume und Heilung nicht möglich. [Vergleiche Zwangsneurose]

KONVERSION: Verdrängte Vorstellung [nicht realisierbare Triebenergie] wandelt sich aufgrund eines psychischen Konflikts, wird umgesetzt in somatische [körperliche] Symptome, z. B. Lähmungen, die als symbolische Phänomene „agieren" [eine Rolle spielen], „sprechen". Eine der in vielen Abwehrmechanismen geschehenden Transformationen [Umformungen]: Abwehr eines Triebimpulses durch Verwandlung verschiedener Art, je nach wirksamem Abwehrmechanismus

REGRESSION [Zurückfallen] auf eine frühere Entwicklungsstufe als Folge einer endgültigen, schweren Frustration [Enttäuschung]; die Libido verlagert sich auf frühere erogene [geschlechtlich erregende] Zonen [Vgl. Zwangsneurosen].

REAKTIONSBILDUNG: Umkehr des ursprünglichen Triebimpulses des Es in gegenteilige Verhaltensweisen, die einem verdrängten Triebwunsch entgegengesetzt sind: Aggression®Hilfsbereitschaft; Hass®Liebe; Schmutzlust®Reinlichkeit. Folge strenger Verbote und drohender Bestrafung durch das Über-Ich; normale Abwehr des Ich mit der Verdrängung reicht nicht: Motiv ist zu intensiv. [Vgl. Zwangsneurosen]

NEUTRALISATION [gegenseitige Aufhebung von Spannungen]: Sozialisierung der allen Äußerungen der Aggressivität zugrundeliegenden Energie und ihre sekundäre [in zweiter Linie hinzukommend] Fusionierung [Verschmelzung] mit der sexuellen Energie.

IDENTIFIKATION [Gleichsetzung]: psychischer Vorgang, durch den ein Subjekt eine Eigenschaft [z. B. den Willen] des anderen in sich aufnimmt und als eigene ausgibt; das Seelische produziert durch Introjektion und Verschmelzung eine neue Einheit [z. B. mit dem Angreifer: Der Bedrohte wandelt sich in den Bedroher; Eigenschaften und Aggressionen einer als feindlich erlebten Person werden übernommen].

INTROJEKTION / INTERNALISIERUNG [Verinnerlichung] eines äußeren Objektes: Vorgang des Eingliederns, Sich-zu-eigen-machens, Aufnehmen fremder Anschauungen, Werte, Normen und Erwartungen in das Ich; Grundvorgang der Identifikation, Regelform der Sozialisation [Anpassung an die gegebene soziokulturelle Situation]. Gegensatz: Projektion.

KOMPENSATION [Ausgleich]: Psychische Mängel [z. B. das Minderwertigkeitsgefühl Adler's] werden durch das Anstreben der Vollwertigkeit kompensiert oder durch das Anstreben der Überwertigkeit überkompensiert.

UNGESCHEHENMACHEN von Taten und Erleben durch „Vergessen“ peinlicher oder unerträglicher Erinnerungen an Vergangenes.

SKOTOMISATION [dunkler Fleck vor dem Auge]: Realitätsleugnung. Das Ich nimmt bedeutsame (traumatisierende) gegenwärtige Tatbestände oder Vorgänge einfach nicht wahr, z. B. bei Krebs.

AGGRESSION [Angriff]: Primitivste [Beißen, Schlagen, Treten] und sublimste [feinste] Reaktionen auf eine wirklich oder nur scheinbar drohende Minderung der eigenen Macht, primär gegen andere und Gegenstände, sekundär gegen die eigene Person gerichtet; kann als Sadismus auftreten [Lust an der Grausamkeit und der Zufügung von Schmerzen]. Vermuteter Ursprung: zum Teil angeboren, zum [größten] Teil erlernt [konditioniert]; Freud: Folge der Nichtbefriedigung eines Triebes. Erlebte Aggression erzeugt eher neue Aggression als kathartische Befriedigung, wirkt eher als Vorbild statt abschreckend auf Kinder und Jugendliche [Videos, Filme; Opfer ® Rache]. Hilfreich sind Situationsanalyse, Entspannung und verschiedene Methoden der Verhaltenstherapie. [vgl. Autoaggression]

AUTOAGGRESSION gegen die eigene Person [Selbsthass, Selbstschädigung, Selbstmord, Masochismus; neurotische Depression]. [Vgl. Substitution und Aggression]

REVERSION [Rückwendung] eines Triebimpulses gegen die eigene Person infolge eines Verbotes des Über-Ich. Ziel: Bestrafung des Ich. Die Reversion des Sexualtriebes ist gleichbedeutend mit dem sekundären Narzissmus [Wiederbesetzung des eigenen Ich mit Libido, besonders nach Liebesversagen, Selbstwertkränkungen, Objektverlust], die des Aggressionstriebes führt zum Masochismus [Orgasmus geht mit Erleiden von Schmerz, Qual oder Demütigung einher]. Strafbedürfnis bei der Verwirklichung sexueller Tendenzen. [Vergleiche Verschiebung]

SUBSTITUTION [Ersatz] / VERSCHIEBUNG [auch Funktion des Traumzensors bei der Traumarbeit] eines ursprünglichen Triebobjektes durch ein Ersatzobjekt, wenn die Befriedigung eines Bedürfnisses aus inneren oder äußeren Gründen unmöglich ist oder verhindert werden soll: Trieb wird auf ein leichter erreichbares Ziel gelenkt, z. B. auf einen Untergebenen oder das eigene Ich [siehe Reversion] statt auf den Vorgesetzten. Auch aus dem Über-Ich stammende und gegen das Ich gerichtete Aggression [Selbsthass, Selbstbeschuldigung] kann auf ein äußeres Objekt [„Sündenbock“] umgeleítet werden. [Vergleiche Phobien]

PSYCHOSEXUELLE ENTWICKLUNG

Bei Störungen kommen Fixierungen [Festmachungen], Reaktionsbildungen und Regressionen [s. Abwehrmechanismen] auf ein bestimmtes Stadium [frühere Stufe], vor.

INTENTIONALE PHASE [zielgerichteter Abschnitt, nur von Klußmann als erste Phase beschrieben; normalerweise aber als erste Stufe in die orale Phase integriert]
Erste Tage bis Wochen nach der Geburt: Der Säugling entwickelt Behagen, „Urvertrauen“, Zufriedenheit, Lust an der Welt, Vertrautheit mit der Welt, seelische Wärme und Nähe, Fähigkeit zu lieben.

Störungsmöglichkeiten durch:
schwere Krankheit, Tod der Mutter [„Objektverlust"],
feindselige Einstellung der Mutter,
häufigen Ortswechsel,
frühe Krankenhausaufenthalte [Heim, Hort, Krippe].

[Spätere] psychische Folgen:
Gefühle von Leere und Sinnlosigkeit,
Selbstmordtendenzen,
Unvermögen, mit praktischen Dingen umzugehen,
Angst vor Durchbruch kalter Mordtendenzen,
Unfähigkeit, jemanden zu lieben,
Depersonalisationserscheinungen,
Entfremdung vom eigenen Ich;
als Folge von Fixierung: Störungen der Sinnesorgane
[z. B. Schwindel] und der Realitätseinschätzung.

[Spätere] körperliche Folgen:
Hauterkrankungen;
Neurodermitis [zu wenig Hautkontakt];
als Reaktionsbildung: Asthma bronchiale [Luftröhrenverengung], chronische Ekzeme.

Schizoide Struktur des Charakters [Persönlichkeitsmerkmale] [Schizoidie: Kontaktschwäche, starkes Misstrauen] [wie bei Fritz Riemann verstanden, nicht wie bei Ernst Kretschmer!]:
Urmisstrauen,
starkes Bedürfnis nach Autarkie [Unabhängigkeit, Selbstgenügsamkeit],
Streben nach Distanz [Abstand],
Mangel an Intimität [Vertraulichkeit],
leichte Kränkbarkeit,
emotionale Kühle;
aber auch:
souveräne [überlegene] Selbständigkeit,
affektlos-kühle Sachlichkeit,
scharfe Beobachtungsgabe,
eigene Meinung,
keine Gefühlsduselei.

Abwehrmechanismen: Projektion, Isolierung, Rationalisierung, Regression.

1. ORALE PHASE

[den Mund betreffend] oral-erotische / auto-erotische [auf den eigenen Körper gerichtete] Sinnlichkeit bis zum Alter von ein oder anderthalb Jahren]: Die Liebesbeziehung zur Mutter wird wesentlich durch die Bedeutung des Essens gekennzeichnet, zunächst passiv-rezeptiv-aufnehmend, dann kaptativ-aktiv-zupackend.

Orales Erleben:
Die Lust des Gestilltwerdens; nach Schultz-Hencke 1972:
Saugelust, die Lust des Sichbemächtigens;
Lust des Einströmens, des passiven Empfangens;
Lust des Vollwerdens, Lust der Fülle;
Lust des Tätschelns, Lust am Motorischen;
Lust an der Gier, Lust an der Sehnsuchtsspannung [Ungeduld];

Lust an der warmen Geborgenheit,
Lust an der Gesichertheit [Leichtfertigkeit];
Fortentwicklung zur Lust am Besitz überhaupt, an motorischer Zärtlichkeitsäußerung,
Lust am Besitz von unbeweglichen Gütern oder als vernünftige Sparsamkeit
kann erhalten bleiben;

Das lustspendende Objekt wird mit Libido besetzt: oral akzentuierte [betonte] Liebe
["Liebe geht durch den Magen"];
Greifen ["Greifling"] bedeutet Machtzuwachs;
zunehmende Sprachentwicklung mit beginnender Fähigkeit zur Symbolisierung
[Versinnbildlichung];
Beginn der diakritischen [unterscheidenden] Phase [Fremden- oder Achtmonatsangst];
Beginn der Trennung von Selbst und Nichtselbst, Selbst- und Objektrepräsentanzen
[Vertretungen; Repräsentation: Abbildung in einem anderen Menschen] [gute/böse Mutter – Gewährung / Versagung].

Störungsmöglichkeiten:
Versagung bei exakter [genauer] Pflichtmutter [®Depression],
plötzliches Abstillen,
langes Hungernlassen,
Ablehnung des Kindes durch die Mutter,
Krankenhaus-, Heim-, Hort-, Krippenaufenthalte,
Tod der Mutter,
zu große Verwöhnung [„orale Vergewaltigung"]®Riesenansprüche, Anspruchshaltung,
ängstlich übertriebene Besorgtheit.

[Spätere] psychische Folgen:
Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung;
Selbstanklagen;
Kraftlosigkeit, Mattigkeit [Morgenmüdigkeit!];
Sinnlosigkeit des Lebens, Pessimismus [immer das Schlechteste erwarten];
Suizidwünsche [Selbsttötung], meist verschwiegen;
als Folge von Regression: „oraler Charakter“ [Bündel von Persönlichkeitseigenschaften anstelle spezieller neurotischer Symptome; durch Verarbeitung oraler Bedürfnisse geprägt].

[Spätere] körperliche Folgen:
Darniederliegen vitaler [lebenswichtiger] Impulse;
Schlafstörungen;
Appetit- [Esslust-]losigkeit;
Morgenmüdigkeit;
sexuelle Apathie [Teilnahmslosigkeit] bis zur Impotenz [Zeugungsunfähigkeit];
Anginen [Rachen-, besonders Mandelentzündungen];
Schluckstörungen;
Gastritis [Magenschleimhautentzündung];
Fett- und Magersucht;
als Folge von Fixierung: Gier, Fress- oder Fettsucht, Ulcus duodeni [Zwölffingerdarm
geschwür].

Depressive Charakterstruktur:
große Antriebsarmut;
keine schöpferischen Phantasien;
Welt ist grau, ohne Aufforderungscharakter;
Sichzurückziehen, „Eigenbrötler“;
Flucht in Traumwelten;
passive, riesenhafte Erwartungsvorstellungen;
sekundäre neurotische Bequemlichkeitshaltung;
Hingabe erlebt u. verstanden als Hergabe, Selbstaufgabe,
-auslieferung, Aufopferung;
Selbstlosigkeit, Uneigennützigkeit, Askese;
Pessimisten, Dulder, Märtyrer;
Mangel an Selbstvertrauen;
große Angst vor Verlust der Liebe des Objekts;
aber auch:
altruistische, fürsorglich-hilfsbereite Einstellungen;
geduldiges Wartenkönnen, anhänglich in Gefühlsbeziehungen;
Fähigkeit zum Verzicht;
leichte Anpassung an harte Lebensbedingungen; Ehrgeiz;
als Folge von Reaktionsbildung: Überbescheidenheit.

Abwehrmech.: Identifikation, Introjektion, Verdrängung, Regression, Projektion

2. ANALE / ANAL-SADISTISCHE PHASE

[Lust im Afterbereich / an Quälereien] im Alter von etwa anderthalb bis drei Jahren]. Akzentuierung [Betonung] des Zwiespalts zwischen Verweigern und Hergebensollen, Sich-beherrschen- und Sich-gehen-lassen-können.

Erster Ansatz zu aggressiven Impulsen [jemanden "anscheißen"], Erfahrung von Ei-
genwillen und Selbstbehauptung;
Kategorien [Klassen] der Ordnung, Zeit, Sauberkeit;
Vertrauen zu dem, was in einem steckt, was man "ausdrücken", produzieren kann [Häufchen];
Erleben des Rückzugs in die eigene Intimität.

Anales Erleben [nach Schultz-Henke 1972]:
1. im analen Gebiet: Kot und Defäkation [Stuhlentleerung]; direkte Lust am Essen, Riechen, Sehen, Kneten, Vergleichen. Bei Versagung: allgemeine Scheu, Verschrobenheit, Asozialität, übermäßige Sauberkeit und Ordentlichkeit. Fortentwicklungen: Trotz, Geiz, Pedanterie [übertriebene, engherzige Genauigkeit], Hypochondrie [Einbildung, krank zu sein];
2. im urethralen [Harnröhren-]Gebiet Urin [Harn] und Urinieren]: Direkte Lust an Trinken, Riechen, wohliger Nässe, Willkür, Impulsivität. Bei Störung: Scheu [wie unter 1.], Enuresis [Bettnässen], mangelnde Initiative [Entschlusskraft], Überkompensation [Ausgleich; nach A. Adler von Minderwertigkeitsgefühlen]: Reaktiver Stolz, Ehrgeiz.

Störungsmöglichkeiten:
durch Sauberkeitserziehung, -einstellung, -dressur;
Hergebenmüssen: zu früh – zu streng – zu prüde;
[Spätere] psychische Folgen:
Sexualstörungen,
Stottern,
Zauderer,
starrer Moralist [beurteilt alle Dinge moralisch],
Querulant [Nörgler],
neurotischer Eigensinn [„analer Charakter"].
korrekter [fehlerfreier] Beamter, Bankier, Wissenschaftler, Sammler,
als Folge von Fixierung auf analsadistische Phase und deren Auswirkungen: Analerotik,
als Reaktionsbildung: Zwangshandlungen;

[Spätere] körperliche Folgen:
Vaginismus [Scheidenkrampf],
Impotenz [Unfähigkeit, Zeugungsschwäche],
Migräne [heftiger Kopfschmerz],
erhöhter Blutdruck,
Krankheiten des Bewegungsapparates: Kontrolle der Motorik [Gesamtheit der
Bewegungsabläufe] ®Rheumatismus [Erkrankung der Gelenke, Muskeln] u. a.
als Reaktionsbildung: chronische Obstipation [Verstopfung];
als Folge von Fixierung: Diarrhö [Durchfall], Colitis ulcerosa [Entzündung der
Dickdarmschleimhaut mit Geschwüren], „entneutralisierte“ Aggressivität [siehe
Abwehrmechanismen];

Zwanghafte Struktur:
mangelnde Spontaneität,
zwanghaftes Kausalitäts- [Begründungs-]bedürfnis,
Gefühlsverarmung,
Angst vor Hingabe,
Angst vor dem Wechsel,
Zentripetalität [zum Zentrum hinführend] = Teil des „Reflexbogens“: Die bei Reizung
vom Rezeptor [z.B. vom Sinnesorgan] ausgehende Erregung läuft über sensible Fasern zum Reflexzentrum = Rückenmark, wo Umschaltung auf zentrifugale [vom Zentrum wegführende] motorische Nerven erfolgt. [Aber hier bei Zentripetalität erfolgt keine Umschaltung, sondern „Totstellreflex"],
ständige Skrupel, teils Pseudo- [Schein-]bescheidenheit,
Tendenz zum Absoluten [Unbedingten], ewig Gültigem,
Ausschalten des Lebendigen,
Sicherungstendenz [-streben],
„wandelndes Über-lch“.
aber auch:
verlässlich,
stabil [beständig],
pflichttreu,
planvoll.

Abwehrmechanismen: Ungeschehenmachen, Reaktionsbildungen, Isolierung, Substitution [Verschiebung] auf das Kleinste, Rationalisierung (Ideologiebildung), Sublimierung [zu früh], Skotomisation, Regression.

Analer Charakter:
Bündel von Persönlichkeitseigenschaften als Folge der Regression anstelle spezieller neurotischer Symptome: Trotz, Ehrgeiz, Eigensinn, Ordnungsliebe [bis zur Pedanterie], Sauberkeit, Pünktlichkeit, Genauigkeit u. a. zwanghafte Verhaltenseigenschaften. Alles Triebhafte und Animalische [Tierisches] wird gefürchtet [Bakterio-Phobie]. Aggression: Rechthabenwollen statt Auseinandersetzung. Dynamische [kraftvolle] Impulse [Antriebe] werden gestoppt. ®Weltunvertrautheit [Sicherungsstreben] ®schlechtem Gewissen, Schuldgefühlen; genetisch [hier: entwicklungsgeschichtlich]: Angst vor Liebesverlust bei Vater und Mutter; Kastrations-, Über-lch- und Gewissensangst.

3. PHALLISCH-ÖDIPALE PHASE

[phallus: männliches Glied] Frühe genitale Phase vom vierten bis sechsten Lebensjahr. Libido wird auf die genitale Zone verlagert. Der gleichgeschlechtliche Elternteil wird zum Konkurrenten [Wettbewerber] und mit Abneigung und Eifersucht belegt. Der „phallische“ Charaktertyp im Sinne Freud’s zeichnet sich aus durch den Drang nach Beherrschung von Menschen und Objekten und durch die Tendenz, Rivalitätskonflikte auszutragen. [Frage am 14.10.98]

Konstellation des Ödipuskomplexes:
der gegengeschlechtliche Elternteil wird umworben;
Scheitern an der Realität mit Angst verbunden [vor Kastration = Verschneidung];
bei Mädchen Vorstellung, die Kastration sei schon vollzogen;
Lösung: Identifikation [siehe Abwehrmechanismen] mit den Eltern führt zur Überwin-
dung des Ödipuskomplexes und zugleich zur Formation des Über-Ich.

Bewusstes Erleben des Geschlechtsunterschieds:
Doktorspiel als gesunde Ich-Funktion;
Resultat: Sich mit der eigenen Rolle abfinden;
Entwicklung eines "Körperstolzes" ohne Scham.

Infantile Sexualforschung:
Fragen nach Geburt, woher die Kinder kommen;
Vorstellungen bei Fixierung auf
a] orale Phase: Befruchtung und Geburt durch den Mund;
a) anale Phase: "Kloakentheorie" [gemeinsamer Ausgang für Kot und Urin]: Kinder kommen durch den After auf die Welt;
c] motorisch-aggressive Stufe: Eltern ringen miteinander, Vergewaltigungsphantasien; d] urethrale Stufe: Eltern urinieren miteinander.

Störungsmöglichkeiten:
wenn vorherige Phasen nicht störungsfrei durchlaufen sind;
unbefriedigter Partner bindet das Kind ersatzweise an sich;
„seelisches Aprilklima", hin- und hergerissen zwischen den Eltern, keine klare Linie;
jeweiliger Elternteil lehnt Werben ab;
Elternteile sind keine adäquaten [angemessenen] Vorbilder, haben sich selbst nicht mit
ihrem Geschlecht identifizieren können.

[Spätere] psychische Folgen:
Aufdringlichkeit, Distanzlosigkeit,
ewiger Sohn, ewige Tochter,
phallische Frau, Vamp, Dirne,
homosexuelle Entwicklungen,
starke Geschwisterbindungen,
Don-Juan-Typen,
frei flottierende Angst, Phobien,
Sexualneurosen, Perversionen,
Arbeits- und Kontaktstörungen,
Eheprobleme.

[Spätere] körperliche Folgen:
Konversionssymptome [Lähmungen],
Störungen der Sinnesorgane,
Somatisierung der Angst: Schwitzen, Tachykardien [Anstieg der Herzfrequenz auf über
100 Schläge/Minute], Atemnot, Erstickungsanfälle u. a..

Hysterische Charakterstruktur.
Aus starken Gemütsbewegungen entstehende Verhaltensweisen]:
mangelnde Zentriertheit [auf die Mitte Eingestelltsein];
Subjektivität [persönliche Auffassung, Eigenart];
überwertiges Geltungsbedürfnis;
Zentrifugalität: [nach außen gerichtete Kraft eines um eine Achse sich drehenden
Körpers] Umweltbezogenheit;
Nichtannahme der Realität [Wirklichkeit], z.B. unpünktlich;
Mangel an Gefühlsechtheit;
Konversionsneigung [siehe Abwehrmechanismen];
Rollenspielen.
aber auch:
spontan [aus eigenem, plötzlichen Antrieb], elastisch;
risikofreudig, lebendig, neugierig, nimmt nichts zu ernst.

Abwehrmechanismen:
vorwiegend Verdrängung, Konversion, Projektion.

Genetisch:
Entfaltung der Realitätsneugier missglückt; die Findung der eigenen Geschlechtsrolle misslingt ebenso wie die Bewältigung des Ödipuskomplexes.

Schema der ödipalen Phase:
Psychische Abwehr: Geltungsbedürfnis, Nichtannahme der Realität, Rollenspiel;
Fixierung: Ewiger Sohn, ewige Tochter;
Reaktionsbildung: Don-Juan-Typ, phallische Frau, sexuelle Störungen;
Verführung durch die Eltern: Phobien, Angst;
Eltern keine geschlechtsspezifischen Vorbilder: Konversion.

ÜBERSICHT ÜBER DIE LIBIDOENTWICKLUNG:

Phase Zeit Leitorgan kommunika- Bezieh. Angst Struktur tive Funktion vor

Intentional 1.Wochen Haut,Sinne Atmung Ich-Welt Nähe, Hing. schizoid


Oral 0-1½ Mund [Welt] Nahrungsaufn. Ich-Du Ich-Werden depressiv


Anal 1½-3½ After [Anus] Kateg. d. Ordn., Ich-Selbst Vergänglichk. zwanghaft
Zeit, Sauberkeit Risiko, Wandel

Phallisch- 3½-6 Genitale Erobern, Wer- Ich-Wir Endgültigem, hysterisch
ödipal ben Realität Unausweichl.

4. LATENZPERIODE [-PHASE]

[Zeitabschnitt der Verborgenheit] zwischen sechstem und zwölftem Lebensjahr, vorläufigem Abschluss und Stillstand der Triebentwicklung und ihrem Wiederbeginn (zweite genitale Phase) und ihrer Steigerung in der Pubertät [Mannbarkeit]. Die Libido ist in dieser Phase gekennzeichnet durch eine Entwicklung des Ich und der intellektuellen Funktionen sowie durch eine Differenzierung und Stabilisierung [Festigung] der Beziehungen zur Realität und Sozietät [Genossenschaft].

3. GENITALE PHASE [STUFE].

Zwei Abschnitte: 1. Phallischer [s. o.] und 2. genitaler im engeren Sinne: Endstufe der Sexualentwicklung mit neuem Sexualziel; die Objektfindung führe von der Selbstbefriedigung zum Geschlechtspartner. Dazwischen liegt die Latenzphase. Die libidinöse Besetzung der Genitalien werde auf der phallischen Stufe durch das Missverhältnis zwischen den ödipalen Forderungen und dem Grad der biologischen Entwicklung gekennzeichnet.

NARZISSMUS [Freud]

= Konzentration seelischen Interesses auf das Selbst. Vorgang und Zustand, bei dem das eigene Ich mit Libido besetzt und damit gleichsam zum „Sexualobjekt“ wird. Aufrechterhaltung eines affektiven Gleichgewichts von innerer Sicherheit – Wohlbehagen – Selbstsicherheit.

a) Primärer Narzissmus: Die Art der Libido-Organisation der prägenitalen Triebentwicklungsstufen, bei welcher das Ich das alleinige Objekt der Libido darstellt. Eine von den libidinösen und aggressiven Trieben unabhängige „dritte“ Kraft, welche wichtige prospektive [aussichtsreiche] Potentiale zur späteren Selbstverwirklichung des Menschen enthält, insbesondere seiner kreativen Fähigkeiten.

b) Sekundärer Narzissmus: Regressive Wiederbesetzung des eigenen Ich mit Libido nach einer Zurücknahme der Libido von den Objekten der Außenwelt, besonders nach Liebesversagungen, Selbstwertkränkungen oder nach dem Verlust von äußeren mit Libido besetzten Objekten.

Entwicklung des narzisstischen Systems:
1. Harmonischer Primärzustand:
intrauterine Einheit von Mutter und Kind,
Harmonie, Geborgenheit, Sicherheit,
kein Unterschied zwischen Innen / Außen, Ich / Nicht-Ich.

2. Trennung von Selbst und Objekt [Urverunsicherung]:
zunehmende Wahrnehmungsfähigkeit,
wachsende Bedürfnisse,
unvermeidbare Frustrationen [Enttäuschung].

3. Als Anreiz zur Ich-Entwicklung:
Es entstehen innere Bilder der eigenen Person und der Objekte, sogenannte Selbst- und Objektrepräsentanzen [Vertretungen];
Verunsicherung löst Angst und Ärger aus, auch Hilflosigkeit, Ohnmacht [Vertreibung aus dem Paradies].

Kompensationsmechanismen:
1. Regression auf den Primärzustand mit Verschmelzungsphantasien,
2. Verleugnung [der eigenen Mängel] und Idealisierung [also Verkehrung ins Gegenteil],
3. Angleichung an die Realität,
4. Verinnerlichung [Internalisierung]: Verluste werden dadurch aufgehoben; Bildung eines Ideal-Selbst [mit Pufferfunktion].

Funktion des gesunden narzisstischen Systems:
Das Ich als regulierende [ordnende] Instanz vermittelt und sorgt für gesundes Selbstwertgefühl.

Pathologie des Narzissmus:
1. Zentrales Symptom: labiles Selbst(wert)gefühl. Daher ist zu
fragen nach dem Umgang mit Kränkungen:
2. Reife Reaktion:
Realitätsprüfung [trifft der Vorwurf zu?],
Stellenwert der Kränkung prüfen: wirklich so schlimm?
Möglichkeit zur Korrektur offen lassen,
Möglichkeit, sich angemessen zu wehren.
3. Unreife Reaktion:
Ursache: Kränkung sehr schwer oder Kränkbarkeit sehr groß;

Kompensationsversuche:
Verleugnung nd Idealisierung,
Repräsentanzen [Vertretungen] des grandiosen [großartigen]
Selbst und der idealisierten Objekte kommen zum Tragen (Selbst
u. Objekte aufgebläht),
hohes Anspruchsniveau, realitätsfernes Ich-Ideal,
ständiges Oszillieren [Schwanken] zwischen Größenphantasien
und Minderwertigkeitsgefühlen,
Regression auf den harmonischen Primärzustand.

Zur Diagnostik narzisstischer Störungen:
Fünf Verhaltensweisen psychosomatisch Kranker, an denen die
pathologisch-narzisstische Struktur abzulesen ist:
1. Charakter der Wortgebilde:
entemotionalisierte, emotionslose Sprache,
undifferenzierte affektive Gefühlsäußerungen,
zwanghafte Strukturanteile;
2. Selbstwertgefühl: kompensatorisch übersteigert oder
vermindert;
3. Aggressionsverhalten: gestörter Umgang mit Aggressivität,
aggressive Hemmung, „entneutralisierte" Aggressivität;
4. Verhaltensnormalität:
normative Verhaltenserwartungen werden erfüllt,
Kritikunfähigkeit, auffällig kooperatives Verhalten,
kompromis sloses Unterwerfen in Streitfällen.
5. Objektbezi ehungen:
anaklitisch [Anlehnungstyp], narzisstisch bzw. ambivalent
[doppelwertig], z. B. Hassliebe.

Symptome des krankhaften Narzissmus:

Grandiose [großartige] wie Depressive müssen zwanghaft die Erwartungen der introjizierten Mütter erfüllen:
der Grandiose erlebt sich als das gelungene Kind;
der Depressiv e erlebt sich als Versager;
Gemeinsamkeiten:
falsches Selbst [Verlust des eigentlichen, möglichen Selbst],
Brüchigkeit der Selbstachtung [keine Sicherheit über das eigene Fühlen und Wollen],
Perfektionismus [übertriebenes Streben nach Vervollkommnung]
als Ausdruck des hohen Ich-Ideals,
Verleugnung der verachteten Gefühle,
Überwiegen narzisstischer Objektbeziehungen:
Anlehnungstyp [der andere kommt eigenen Bedürfnissen entgegen],
Narzisstischer Typ [der andere entspricht dem eigenen inneren Bild],
große Angst vor Liebesverlust [deshalb große
Anpassungsbereitschaft],
starke, aber abgespaltene, deshalb nicht neutralisiert
Aggressivität,
Neid [auf die Gesunden],
Anfälligkeit für Kränkungen,
Anfälligkeit für Scham- und Schuldgefühle,
Ruhelosigkeit.

Präödipale Reifungsstörung:
Psychodynamische Anzeichen:
Depressivität nach Objektverlust,
[erlernte?] Hilflosigkeit, asthenische [kraftlose] Entmutigung,
Hoffnungslosigkeit, apathisch-[teilnahmslos]düsteres Resigniertsein [schicksalsergeben],
narzisstische Störung,
oral-regressive Züge: manifeste [offenkundige] oder Pseudo- [Schein-]abhängigkeit],
Aggressionsabwehr [Verhaltensnormalität],
introspektive Einschränkung [bei der Innenschau, der psycholog. Selbsterkenntnis].

B] INDIVIDUALPSYCHOLOGIE

nach Alfred Adler [1870-1937]: Triebziele der psychischen Entwicklung sind nicht Lust, sondern Geltung, Macht und Sicherheit; Neurosen sind nicht Produkte eines Konfliktes zwischen Bewusstem und Unbewusstem, sondern einer fehlgeleiteten Suche nach Überlegenheit. Bis zum 4./5. Lebensjahr wird der „Lebensstil“ [Umgang mit der Umwelt und dem primären Minderwertigkeitsgefühl] festgelegt. Der Mensch handelt unbewusst so, als ob er ein „Ziel“, den „Lebensplan“, vor Augen hätte. Am Ende einer geglückten psychosozialen Entwicklung steht das Gemeinschaftsgefühl. Setting: partnerschaftlich „von Angesicht zu Angesicht“. Beträchtlicher Einfluss auf Tiefenpsychologie und Pädagogik.

C] ANALYTISCHE PSYCHOLOGIE

nach Carl Gustav Jung [1875-1961], Begründer der „Analytischen [oder komplexen] Psychologie“. Er versteht unter „Individuation“ [psychologisch: Entwicklung eines Menschen zur eigen- und selbständigen Persönlichkeit durch Reifung, Wandlung und Differenzierung = Unterscheidung] einen autonom [selbständig] gesteuerten, länger dauernden innerseelischen Prozess, der spontan oder durch „große Psychotherapie“ erfolgen kann und in dem bisher unbewusste Inhalte des persönlichen und „kollektiven Unbewussten“ [gemeinsam, -schaftlich] von der bewussten Psyche durch Verarbeitung assimiliert [angepasst, -geglichen] werden.
1. Stufe: Der „Schatten“, der zum persönlichen Unbewussten gehört und aus verdrängten Trieben und Triebanteilen besteht; ihre Realisation [lat.: Verwirklichung] und Annahme ist wichtig.

2. Stufe: Assimilation der gegengeschlechtlichen Seelenbilder „Anima“ [Seele] beim Mann und „Animus“ bei der Frau, die sich zusammensetzen 1. aus Erlebnissen an gegengeschlechtlichen Personen der Umgebung, 2. aus meist verdrängten gegengeschlechtlichen Eigenschaften und 3. aus Erfahrungen, die die gesamte Menschheit von jeher am anderen Geschlecht gemacht hat, den ererbten kollektiven Bildern = „Archetypen“ [Urbilder; universelle, mythische Symbole] von Anima und Animus.

3. Stufe: Das allen Menschen gemeinsame „kollektive Unbewusste“ ist Sitz der Gesamtheit der unübersehbar vielen überpersönlichen, zunächst verborgenen „Archetypen“ als Niederschlag allgemein menschlicher Erfahrungen. Der Archetyp ist ein a priori [von vornherein] vorhandener, vererbbarer, unanschaulicher typischer Anordner formaler Natur [Kristallgitter, Nestbau-Schema], der inhaltlich von den archetypischen Bildern [die zugleich Bild und Emotion enthalten] einer bestimmten Kultur und des Einzelmenschen angefüllt wird. Archetypen haben heilende Wirkung, weil sie infolge ihrer Gegensatzstruktur die Einseitigkeit der bewussten Einstellung korrigieren können. Nur in Grenzsituationen brechen sie in den Bewusstseinsraum ein.

4. Stufe: Das Selbst. Dem Bewusstsein unendlich fern, dem umfassenden Kosmos unmittelbar verbunden, dirigiert es als Zentrum des gesamten psychischen Systems ebenso die bewussten wie die unbewussten Schichten potentiell [möglich], keineswegs reell [wirklich]. Je mehr aber der Individuationsprozess voranschreitet, um so mehr wird diese Selbstinstanz im Menschen wirksam, wodurch schließlich die individuelle Geschlossenheit und Ganzheit, die vollendete Individuation zustande kommt, symbolisiert im [buddhistischen] Mandala [Kreis; in einen Kreis oder Vieleck eingefügtes „Schaubild“, das bestimmte geistige Zusammenhänge darstellen will und zur Meditation dient].

Das Ich macht das Zentrum des Bewusstseinsfeldes aus, wobei die Persona [Maske] als Hülle des Ich dieses nach außen hin vertritt und einen Kompromiss zwischen Individuum und Sozietät bildet. Das Bewusstsein ist die Funktion, welche die Beziehung psychischer Inhalte zum Ich unterhält. Es ist strukturiert nach zwei Einstellungstypen: extra- und introvertiert, und nach vier Funktionstypen: Denken, Fühlen, Empfinden und Intuieren [unmittelbar erkennen]. – Libido bei Jung: allgemeine psychische Energie. – Religion kann einen Beitrag zur Heilung der Neurosen leisten. – Eindeutige Belege für therapeutische Wirkung bei psychischen Problemen sehr gering.

II. Umerziehende und direkte Verfahren

A) VERHALTENSTHERAPIE

erstrebt Verhaltensverhinderung, -verzögerung, -ausformung, -verkettung, ist symptomorientiert, nutzt die Prinzipien der Lerntheorie therapeutisch, wandelt sich mit ihr, geht von beschreib- und messbarem Verhalten und Denkstrukturen und der Annahme aus: Die Neurose ist in einer fehlerhaften Interaktion mit der Umwelt zu suchen. Erarbeitung der Fallkonzeption im verhaltensanalytischen Interview durch Datenerhebung, die sich orientiert an dem Ziel, funktionale Beziehungen zwischen einzelnen Verhaltensbereichen zu erfassen, um die zu erhebenden Informationen zu strukturieren:
a) S-O-R-K-C Modell nach Kanfer, 1969,: Stimulus [Auslöser]; Organismus [Merkmale der Person]; Reaktion; Konsequenzen; C = Kontingenzverhältnisse [Menge; wie oft?].
b) BASIC-ID Modell nach Lazarus u. a., 1973, = Breitspektrum-Verhaltenstherapie, multimodale Verhaltensanalyse: B = Behavier [Verhalten], Affekt [Gefühl], S = Sensation [Empfinden], I = Imagination [Vorstellung], C = Cognition, I = Interpersonal relationship [Sozialbezüge], D = Drugs and biological factors [Medikamente, Gesundheit].
An der individuellen Problemanalyse orientiert sich der individuelle Interventionsplan – Interaktion zwischen Diagnose und Therapie wird betont. Im einzelnen werden verschiedenste Verfahren eingesetzt. Das Wirkungsspektrum ist ausgesprochen breit [u. a. familiäre, psychosomatische, kindliche Verhaltensstörungen].

1. „KLASSISCHE“ [RESPONDENTE] KONDITIONIERUNG: neutraler Reiz koppelt an unbedingten Reflex [Pawlov]. Techniken unter anderem:
Extinktion [Auslöschung]: Bedingter Reiz verliert Fähigkeit, bedingte Reaktion auszulösen, wenn nach bestimmten Intervallen keine neue Verstärkung (Bekräftigung) geboten wird [Pawlow]. Skinner beschreibt unterschiedliche Wirkungen verschiedener Verstärkerpläne (z. B. Kontingenzverträge [Häufigkeit von Belohnung oder Bestrafung]) auf den Widerstand gegen die Auslöschung (auf das Behalten und Lernen).
Gegenkonditionierung [Jones]. Bei der Auslöschung einer konditionierten Reaktion wird diese durch eine andere inkompatible [nicht mit ihr vereinbare] Reaktion verdrängt: a] als systematisches Sensibilisieren; b] bei Aversionstherapie [siehe unten].
Konfrontations-/Expositionstherapie: Patient wird meist in vivo dem angstauslösenden Reiz ausgesetzt; das Vermeiden der Angstsituation und [auch kognitive] Vermeidungsstrategien werden unterbunden [da dadurch Angst aufrecht erhalten wird], bis die Angst nachlässt [u. a. durch Prozesse der Habituation [Gewöhnung]; gestufte Exposition in vivo = Habituationstraining. Anwendung bei stärkeren Ängsten und Zwängen, um Zwangshandlungen zu verhindern [s. Behandlungsbeispiel].
massierte Konfrontation: Angst wird massiv ausgelöst
a] durch reale Reize [Überflutungstherapie = flooding];
b] durch [übertriebene] Reize in sensu [Implosionstherapie];
systematische Desensibilisierung [J. Wolpe]/gestufte Exposition in sensu reduziert leichtere Ängste und neurotische Störungen:
a] Entspannung,
b] Angstmeidungstraining: Angsthierarchie aufstellen; mit schwächstem Reiz beginnen;
angenehmen Reiz einführen = reziproke [wechselseitige] Hemmung /Gegenkonditionierung [lerntheoretische Prinzipien].
c] Konfrontation in sensu [Angst wird durch vorgestellte Reize ausgelöst].
Aversionstherapie: Aversionen [Widerwille; negative Gefühle] erzeugende Reize [z. B. elektrische Schläge, Übelkeit erregende Drogen] werden angewendet, um unerwünschte Verhaltensweisen auszumerzen oder abzuschwächen [z. B. gegen Alkoholismus, Rauchen und andere Abhängigkeiten und zur Modifikation sexueller Störungen]. [siehe auch unten: operante aversive Konditionierung]
2. OPERANTE [INSTRUMENTELLE] KONDITIONIERUNG [Thorndike, Watson, Skinner]: Verhalten wird durch seine Konsequenzen gesteuert [Behaviorismus, amerikanische sozialpsychologische Forschungsrichtung], z. B. durch positive Verstärkung von gewünschten Verhaltensweisen. Unter einer negativen Verstärkung versteht man eine Erhöhung der Auftretenswahrscheinlichkeit eines Verhaltens, wenn ein negativer Reiz wegfällt. Techniken unter anderem:
Biofeedback: Rückmeldung der Aktivität physiologischer Vorgänge in Form von optischen, akustischen oder Signalen anderer Art mit dem Ziel, die eigene bewusste Steuerung scheinbar autonomer körperlicher und seelischer Vorgänge zu ermöglichen, Kontrolle und Veränderung bestimmter unbewusst ablaufender physiologischer Prozesse, die im Zusammenhang mit den jeweiligen Symptomen gesehen werden. Gemessen werden z. B. Blutdruck, Hauttemperatur, Muskelspannung, Durchblutung, Herzschlag, unter anderem bei Spannungskopfschmerz, Migräne, Obstipation [Stuhlverstopfung], Ängsten, essentieller Hypertonie [erhöhter Blutdruck ohne erkennbare Ursache], Herzrhythmus- und Einschlafstörungen, Epilepsie, Asthma bronchiale.
aversive Konditionierung, um als Konsequenz einer bestimmten Verhaltensweise eben diese zu eliminieren, z. B. bei Enuresis [Bettnässen] und zur Modifikation selbstzerstörerischen Verhaltens]. Heute werden andere therapeut. Ansätze bevorzugt.
token-economy-system [Münzverstärkungsplan] verwendet Münzen als Verstärker. Vertraglich wird der Wert einer Münze festgelegt [z. B. 5 tokens = 1 Kinobesuch] und die Art und Häufigkeit erwünschten und unerwünschten Verhaltens in bezug auf Erhalt bzw. Entzug von tokens. Ziel: Selbstkontrolle.
Selbstkontrolltherapien/-management/-steuerung/-regulation zielen darauf ab, dass der Patient sein eigenes Verhalten so regulieren kann, dass sich die Auftretenswahrscheinlichkeit und/oder die Intensität des problematischen Verhaltens verringern. Der Therapeut regt den Patienten an zu bestimmten Änderungen im Verhalten, motiviert ihn zur Übernahme eines Programms, berät und unterstützt ihn bei der Erstellung der einzelnen Therapieschritte sowie bei der Durchführung. Man kann unterscheiden:
a) Techniken, die sich auf verschiedene Abschnitte des zunächst von Kanfer [1971] vorgeschlagenen Arbeitsmodells zur Selbststeuerung beziehen: Selbstbeobachtung (Identifizierung des Problems), Selbstverpflichtung, Selbstbewertung, Selbstverstärkung und Selbstbestrafung;
b) Verfahren der verdeckten Konditionierung (verdeckte Verstärkung, Löschung, Desensibilisierung);
c) Methoden, die zu den kognitiven Verhaltenstherapien zu rechnen sind [s. unten].
Modell-/Imitations-/Beobachtungs-Lernen spielt implizit wohl in allen Formen psychotherapeutischer Behandlung eine Rolle, explizit in der Verhaltenstherapie (Rollenspiel = Psychodrama, Rollentausch, stellvertretende Desensibilisierung, stellvertretende Sensitivierung und vor allem Gruppentherapie). Günstig ist, wenn ein reales Modell, das dem Betroffenen hinreichend ähnlich ist, in einer realistischen Situation beim Bewältigen von Schwierigkeiten beobachtet werden kann und wenn möglichst gleich anschließend eigene angeleitete Übungsmöglichkeiten bestehen.
Selbstsicherheits- = Assertivnesstraining (sozialer Kompetenz) [Bandura u. a.]: Breitbandverfahren, bei dem verschiedene Prinzipien der Verhaltenstherapie zum Einsatz kommen, um soziale Ängste, Verhaltensdefizite und Interaktionsschwierigkeiten zu behandeln. Ziele: Reduktion von Ängsten, Aufbau und Erweiterung eines flexiblen Verhaltensrepertoires, die Fähigkeit zur Diskrimination [unterschiedlichen Behandlung] sozialer Situationen und die Entscheidung bei der Auswahl von Verhaltensstrategien sowie die Selbstakzeptierung eigener Bedürfnisse und rationeller Normvorstellungen. Anwendung z. B. bei Angst, unberechtigte Forderungen abzulehnen, eigene Wünsche und Forderungen mit Nachdruck zu vertreten, positive und negative Gefühle offen und direkt auszudrücken; Angst vor Kontakten, eigenen Fehlschlägen und Kritik anderer.

3. DIE KOGNITIVEN VERHALTENSTHERAPIEN beziehen falsche, umzukonditionierende Gedankengänge ein. Zentrale Grundannahme ist, dass das Verhalten und Emotionen von Kognitionen [beliefs = Überzeugungen] vorbereitet, begleitet und bewertet werden und das Individuum über erhebliche pathologische oder konstruktive Selbstregulationsmöglichkeiten verfügt. Kognitive Aspekte in Form von „inneren Dialogen“, kognitiven Prämissen [Voraussetzungen], Bewertungen, Denkstilen und so fort werden als wesentlich für die Entstehung und Aufrechterhaltung von psychischen Störungen und generelleren Problemen, wie geringer Frustrationstoleranz, gesehen. Zum Vorgehen gehören kognitive Bewältigungstrainings. Techniken unter anderem:
Stressimpfungstraining/Selbstinstruktionstherapie nach Meichenbaum, 1977, das den Patienten mittels der Veränderung kognitiver Prozesse in die Lage versetzen soll, Problemsituationen selbständig zu bewältigen, wobei „Selbstinstruktionen“ eine wichtige Rolle spielen, z. B.:
Paradoxe Intervention/...Intention/(...Intension) [Anspannung] [Viktor Frankl, 1960]/Symptomverschreibung [nach Watzlawick, 1967]: Aufforderung, problematisches Verhalten nicht zu bekämpfen, sondern bewusst herbeizuführen, oder Umkehrung der Bewertung [z. B. positive Umdeutung der Symptome]. Breiter klinischer Anwendungsbereich, bei Ängsten, Ärger, Wutausbrüchen, Schmerzzuständen u. a.
Kognitive Therapie nach Beck, 1981, bei Depressionen, Ängsten, Persönlichkeitsstörungen u. a.: Der Ansatz umfasst eine Reihe therapeutischer Methoden, die sich auf die verbalen und bildhaften Kognitionen und die zugrundeliegenden Annahmen und Einstellungsmuster eines Patienten konzentrieren. Zu den behandelten „Denkfehlern“ gehören Personalisieren (übertriebenes Auf-sich-beziehen), polarisiertes Denken (dichotomisierte [zweiteilende] Logik: schwarz-weiß, entweder-oder, richtig-falsch), willkürliches Herausgreifen einzelner Aspekte, Übergeneralisierungen, Übertreibungen und verhaltensbeeinflussende Antizipationen [gedankliche Vorwegnahmen] von Handlungsfolgen, Verlassen Urteile anderer („Was werden die Nachbarn sagen?“)
RET (Rational-Emotive Therapie) nach A. Ellis, 1977, nimmt an, dass Menschen sich ständig mit automatisierten irrationalen Annahmen (z. B. in jeder Hinsicht perfekt sein zu müssen, um für sich und andere akzeptabel zu sein) re-indoktrinieren und so ihre Probleme selber verursachen. Problematische Gefühle und Verhaltensweisen entstehen nach dem „ABC“-Ansatz [Auslöser, Bewertung, consequence] erst aufgrund von Bewertungen. Therapie: Problematische Annahmen werden analysiert und diskutiert, u. a. im „sokratischen Dialog“, in dem beim Patienten Fragen und Widersprüche erzeugt werden, wodurch er selbst auf bessere Alternativen kommt (Korrektur verirrten Denkens). Anwendung bei Depressionen, Ängsten. Ehe- und sexuellen Problemen, psychosomatischen Störungen.
Problemlösetraining. Eine Situation wird dann als Problem erlebt, wenn eine Reaktion verlangt wird, die der Person nicht unmittelbar zur Verfügung steht. Dabei kann das Problem darin bestehen, dass der Klient 1. nicht dazu in der Lage ist, den Ausgangszustand klar und präzise zu analysieren, 2. keine Vorstellung über den Zielzustand hat oder 3. zwar klare Vorstellungen über den Ausgangs- und Zielzustand hat, aber nicht über die Mittel verfügt, die Überführung zu bewältigen. Das Vorgehen untergliedert sich in 6 Problemlöseschritte: 1. Problembewusstsein wecken; 2. Benennung und Beschreibung des Problems; 3. Sammlung von Lösungsalternativen; 4. Treffen von Entscheidungen; 5. Verwirklichung der Entscheidung; 6. Bewertung der Entscheidung. Ziel: Bewältigungsstrategien für konkrete Probleme im Alltag sowie allgemeine Problemlösungs-Kompetenzen zu vermitteln. Anwendung besonders bei Depressionen, Schizophrenie, Alkoholismus und Paarprobleme.
Gedankenstopp: Technik zur Unterbrechung unerwünschter persistierender [andauernder] Gedanken durch lautes „Stop“-Rufen oder ähnliche Methoden, nachdem die Gedanken herbeigeführt wurden.
Reattribuierung: kognitives Neubenennen bei Attributionsfehlern, die bei der Entstehung und Aufrechterhaltung verschiedener psychischer Störungen, vor allem Depressionen, eine wichtige Rolle spielen. Attribution [Beifügung]: Zuschreibung von Ursachen für Wohltat und Schaden, Erfolg und Misserfolg, Wünsche und Gefühle an äußere oder innere Faktoren (externale oder internale Kausalattribuierung) = kognitive Deutung des eigenen oder fremden Handelns mit Hilfe von naiv-psychologischen Annahmen.

B) INTERPERSONALE PSYCHOTHERAPIE

1953 von Harry S. Sullivan[1892-1949] begründet. Im Gegensatz zu biologisch oder intrapsychisch orientierten Ansätzen wird die Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen hervorgehoben. Konzepte wie die Komplementarität [Beziehungen zwischen Messgrößen] der Interaktionsstile von Menschen spielen konsequenterweise eine wichtige Rolle. I. P. erlebt derzeit erneut besondere Beachtung, wobei Verbindungen insbesondere zur Kognitiven Verhaltenstherapie und zur Psychoanalyse bestehen.

Im engeren Sinn wird als lPT ein Ansatz nach Klerman et al. [und andere] [1984] bezeichnet, der zur Behandlung von Depressionen entwickelt wurde, aber derzeit für Ess- und andere -störungen weiterentwickelt wird. Die IPT geht von der Grundannahme aus, dass Depressionen in dem jeweiligen interpersonalen Kontext entstehen, d. h. infolge des Verlustes einer wichtigen Bezugsperson oder eines aktuellen interpersonalen Konflikts. Sie ist ausdrücklich nicht einsichts-, sondern bewältigungsorientiert, das heißt, die konkrete interpersonale Gegenwart, nicht intrapsychische Phänomene und Abwehrmechanismen stehen im Vordergrund.
Sie zielt unter anderem auf den Aufbau eines verbesserten Kommunikationsverhaltens, die Entwicklung neuer Problemlösestrategien, einen besseren Umgang mit zwischenmenschlichen Stresssituationen, auf die Überwindung veralteter Beziehungsmuster etc. [et cetera = und so weiter]. Die Behandlung ist zeitlich limitiert [begrenzt] und klar strukturiert [gegliedert]. Elemente [Grundbestandteile] sind Diagnostik [Erkennung] und Abklärung, Information des Patienten über Epidemiologie [Verbreitung], Symptomatik [Krankheitsanzeichen], klinischen Verlauf und Prognose [Vorhersage] von Depressionen, klare Formulierung von Therapiezielen und Prozedur [Verfahren, Vorgehen], Bearbeitung von Verlusten, aktuellen zwischenmenschlichen Konflikten, Übergängen zwischen sozialen Rollen u. konkreter interpersonaler Defizite [Mängel].
Für verschiedene Problembereiche liegen Behandlungsmanuale [Handreichungen] (Einzel-, Paar- und Familientherapie) vor. Hinsichtlich der Behandlung von Depressionen und Essstörungen kann die IPT als ein sehr wirksames Therapieverfahren angesehen werden. Untersuchungen zur Paartherapie sprechen für eine Kombination von bewältigungs- und klärungsorientiertem Vorgehen. Ihre Wirksamkeit als Familientherapie kann aufgrund der mangelhaften Befundlage noch nicht als gesichert gelten.
[Interpersonale Wahrnehmung: Gegenseitige Wahrnehmung und Beurteilung von interagierenden Personen.
Interpersonelles Vertrauen (Konstrukt aus der sozialen Lerntheorie): Generalisierte Erwartungshaltung bei Individuen oder Gruppen, sich auf Worte und Verspre-chen [mündlich oder schriftlich] verlassen zu können.]

C) SUGGESTION

[Eingebung] „Ein besonderer Weg der Übertragung durch Beeinflussung des Denkens, Fühlens, Wollens oder Handelns eines Menschen unter Umgehung seiner rationalen [vernünftigen] Persönlichkeitsanteile auf der Grundlage eines zwischenmenschlichen Grundvollzuges, der zur affektiven Resonanz [Mitschwingen der Gefühle] führt“ (affektive Gemeinschaftsbildung). Psychoanalytisch: Wiederbelebung früherer Objektbeziehungen, was Regression und Bedürfnis nach Introjektion voraussetzt [siehe Abwehrmechanismen]. – Suggestionen sind ein „wesensmäßiger und daher notwendiger Bestandteil“ aller sozialen Äußerungen, da „eine Beziehung auf die äußernde Person zugleich miterlebt“ wird, bei Massenerscheinungen, in der Gruppendynamik und im Alltagsleben. Mit Autosuggestionen arbeitet u. a. das „autogene Training“ von Schultz [s. unten]. Die paradoxe Intention von Frankl und ähnliche Methoden nutzen die negative Suggestion therapeutisch, indem das zu behandelnde Symptom suggeriert wird.

III. Stützende [„Supportive“]Verfahren

sind nicht symptom-, sondern klientenzentriert („Humanistische Psychologie“). Für die meisten liegen hinreichende Wirksamkeitsnachweise bislang nicht vor. In der Regel haben sie keine eigenständige Bedeutung, sondern werden mit anderen Behandlungs-methoden kombiniert.

A) GESPRÄCHSTHERAPIE:

(Variationen: klientenzentrierte und nicht-direktive Therapie) 1942/51 von Carl Rogers [1902-1987] begründet und durch Reinhard Tausch [geboren 1921] in Deutschland eingeführt. Humanistischer Ansatz: Jeder Mensch strebt danach, sein eigenes, ihm innewohnendes psychisches Wachstumspotential zu entfalten. Hinreichende Bedingung für Veränderung und Entwicklung größerer Selbstachtung, –annahme und –aktualisierung beim Klienten ist eine therapeutische Beziehung, die sich auszeichnet durch die drei Kernvariablen:

1. Unbedingtes Akzeptieren und Wertschätzen des Patienten;
2. empathisches [einfühlendes] Verstehen und Verbalisieren [Aussprechen] des
sen, was der Patient nonverbal [ohne Worte] mitgeteilt hat.
3. Echtheit und Selbstkongruenz [Übereinstimmung] des Therapeuten:
Äußerungen müssen mit innerem Erleben übereinstimmen.
Der Therapeut macht weder sich noch dem Patienten etwas vor.
Der Therapeut ermuntert in permissiver [erlaubender], nicht-direktiver Weise, gegenwärtige Probleme und Gefühle in Worte zu fassen und stellt dem Klienten sein Verhalten durch konfrontierendes „Spiegeln“ gegenüber ohne Interpretation [Deutung] oder Überreden. Anwendung: Breites Störungsspektrum, besonders bei neurotischen und Persönlichkeitsstörungen, Alkoholismus, Schizophrenie, Krisenintervention, Umgang mit schwer Kranken und – ärztliche Behandlung unterstützend – bei psychosomatischen Krankheiten, z. B. Colitis ulcerosa. Gesprächstherapeutische Encounter-Gruppen für Patienten und präventiv für gesunde Teilnehmer sollen beitragen zur Verbesserung von Selbst- und Fremdwahrnehmung, von Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit sowie zur Selbstentfaltung; dabei stehen nicht kognitiv-verbale, sondern soziale und emotionale Ausdrucksmöglichkeiten im Vordergrund.

B) ENTSPANNUNGSTHERAPIE

soll Erregung dämpfen, die als körperliche Begleiterscheinung von Angst und Anspannung auftreten kann.
1. Progressive Relaxation [Muskelentspannung] nach Jacobsen, 1938, durch starke Anspannung und Entspannung bestimmter Muskelgruppen. Häufig in Kombinationen, z. B. als Teil systematischer Desensibilisierung. Anwendung u. a. bei Hypertonie, Schlafstörungen, Kopfschmerz, Angst- und Spannungsgefühlen.
2. Autogenes Training [konzentrative Selbstentspannung] nach J. H. Schultz, 1956: Über eine Reihe von aufeinander aufbauenden Übungen erfolgt eine Sensibilisierung für körperliche Empfindungen und ihre Verknüpfung mit bestimmten Formeln („Linker Arm ganz schwer“ etc.), d. h. es wird erlernt, körperliche Vorgänge durch Konzentration auf bestimmte Formeln zu beeinflussen. Anwendung u. a. bei Schlafstörungen, psychosomatischen und psychovegetativen Störungen.
3. Meditation: Nachdenkendes Eindringen, intensives Betrachten, Sich-versenken (in einen Gegenstand oder in eine Gedankenwelt), das durch Schweigen, Entspannung und ein inneres Lauschen eingeübt werden kann. Anwendung: Übungen zur Bewusstseinserweiterung und zur willentlichen Steuerung mentaler Prozesse; Anwendung bei Angst, Spannungszuständen, Bluthochdruck und anderem durch kognitive und körperliche Techniken (z. B. Atemkontrolle, Zen, Yoga).

C) SOZIOTHERAPIE

soll eine Erkrankung günstig beeinflussen durch Veränderung der Umgebung (= Milieutherapie) und des sozialen Kontextes: Einbeziehung der Angehörigen in den therapeutischen Prozess, Schaffung eines Netzes sozialer Beziehungen sowie Wohnungs- und Arbeitsbeschaffung und –sicherung.

D) ERGOTHERAPIE

/Arbeitstherapie/Beschäftigungstherapie: Mit konkreten, individuell angepassten Tätigkeiten wird die Handlungsfähigkeit zur Bewältigung des Alltages erweitert und die Erfahrung eigener Fähigkeiten ermöglicht zur Therapie, Prävention [Vorbeugung] und Rehabilitation [Wiedereingliederung] bei psychischen und somatischen Erkrankungen.

F) LOGOTHERAPIE

wurde 1933 von Viktor E. Frankl [1905-1998], einem Schüler Alfred Adlers, begründet. Sie verbindet Existenz- mit Psychoanalyse: „Wille zum Sinn“ (besonders des Leides), der unerfüllt oder falsch verstanden war, was zu „existenzieller Frustration“ führt. Methode beratend, auch persuasiv [überredend] und direktiv [weisend]. Techniken: Einstellungsmodulation [-veränderung] durch „Sinnfindungsgespräche“ und „paradoxe Intention“ [positive Umdeutung des Symptoms, z. B. bei Errötungsangst, Stottern].

G) MUSIKTHERAPIE

strebt eine Verbesserung der Befindlichkeit an im Sinne einer Reaktivierung von Erlebnisqualitäten und einer Entwicklung von psychischer und physischer Stabilität bzw. Flexibilität (Abbau von Wahrnehmungsdeformationen und Angstbarrieren).

H) KUNSTTHERAPIE

Fingermalen (auch Schmieren), Ölmalen, Tonen (Arbeiten mit Lehm) und anderes zu diagnostischer und therapeutischer Anwendung bei Zwangsneurosen, Schizophrenen, Depressiven und bei der Arbeit mit körperlich, geistig oder lernbehinderten Kindern. Dem kreativen Prozess werden heilende Aspekte zugesprochen: Möglichkeit, Konflikte neu zu durchleben, diese zu lösen und die Lösungen dann zu integrieren [mit dem Ganzen der Persönlichkeit verbinden]; Ich-Stärkung, kathartisches [reinigendes] Erleben, Entwickeln von Integrations-/Beziehungsfähigkeit. [Vgl. Gestaltungstherapie]

I) GESTALTUNGSTHERAPIE

Unter Verwendung kreativer Medien [Malen, Bildhauen u.a.] wird ein Zugang zur Psyche geschaffen als Ergänzung zum rein verbalen Zugang [mit Worten] und als Erlebnis eigener Kreativität und Gestaltungsfähigkeit, das vor allem bei Depressionen einen hohen Wert hat. [Vgl. Kunsttherapie]

K) GESTALTTHERAPIE

nach F. S. Perls [1893-1970] erstrebt über Körperarbeit und andere Techniken Wachstum und Selbstverwirklichung (Integration des Selbst) im persönlichen wie im gemeinschaftlichen Leben (humanistischer Therapieansatz). Der therapeutische Prozess ist gekennzeichnet durch die Aspekte Wahrnehmung (eigener Bedürfnisse, innerer und äußerer Realität), Erlebnisnähe (Betonung des gegenwärtigen Erlebens), Kontaktprozess (Wiederherstellen von Kontaktfähigkeit, Konzentration auf zufriedenstellende Kontaktmuster), Selbstunterstützung (Patient übernimmt die Verantwortung für affektive Beeinträchtigung).

L) KATATHYMES BILDERLEBEN

Tiefenpsychologisch orientierte Methode: Der Klient wird in einen traumähnlichen (katathymen) Zustand versetzt, in dem Imaginationen [„Einbildungen“] hervorgerufen werden. Die imaginativen Inhalte [katathymen Bilder] werden im Hinblick auf Symbolcharakter hin bearbeitet. Der Therapeut gibt Themen als Ausgangspunkt vor und greift lenkend und unterstützend in das Tagtraumgeschehen ein.

M) PRIMÄRTHERAPIE

von Arthur Janov (Urschrei-Therapie) als Heilverfahren für Neurosen entwickelt, tiefenpsychologisch fundiert, körper-, erlebnis- und aktionsorientiert. Verdrängte frühkindliche „primäre Gefühle“ (z. B. Geburtstrauma) sollen wieder erlebt und in das Erlebnisspektrum integriert werden. Mit Hilfe von suggestiven und autosuggestiven Techniken wird in wiederholten, mehrstündigen (Einzel- oder Gruppen-)Sitzungen der „Primär-Prozess“ angestrebt: Intensive kathartische [reinigende] Reaktionen auf psychischer und physiologischer Ebene.

N) PSYCHODRAMA

[-schauspiel] 1959 von Jakob Levi Moreno [1889-1974], einem Schüler Alfred Adlers, 1925 vorgestellte interpersonelle und interaktionelle Aktionsmethode, bei der Vorstellungen, Situationen, interpersonelle wie intrapsychische Konflikte über die Verbalisation hinaus in Handlung und szenische Darstellung umgesetzt werden. Hierdurch sollen Emotionen und Konflikte sichtbar gemacht, wieder erlebbar und veränderbar werden. Die zugrundeliegenden Prinzipien sind Begegnung, Spontanität, Kreativität, Spiel und Handeln. Verlauf in drei Phasen: Erwärmung (Initialphase, Problemfindung), Spiel oder Aktion (Problembearbeitung) und Gespräch oder Integration. [= Bibliodrama in den 80er Jahren] [siehe unten: V. Gruppentherapie]

O) HYPNOSE

Verfahren zur Beeinflussung des Verhaltens und verschiedener Erkrankungen (nur kurzzeitige Erfolge), besonders zur Erzeugung von Anästhesie [Schmerzunempfindlichkeit], induziert [beeinflusst] durch Instruktionen [Anleitungen] des Hypnotiseurs, der sie mit monotoner Stimme wiederholt (Augenschwere, Verschwimmen, Müdigkeit), während der Klient angestrengt einen Punkt fixiert bei erhaltener Konzentration auf den Hypnotiseur. Klassische Konditionierung [bedingter Reflex] an die Instruktion („Glaube“ und positive „Erwartung“, dass vorhergesagte Reize und Reaktionen eintreten werden]. Etwa 50-60% aller Menschen sind – in unterschiedlicher Intensität – hypnotisierbar; der Rest benötigt unterschiedlich lange Trainingszeiten. Bei tiefer Hypnose sind posthypnotische Aufträge für künftiges Verhalten außerhalb der Hypnose möglich ohne und mit Termineingebung bis zu einem Jahr. J. H. Schultz u. a.: Hypnose kann nur die Autosuggestion des Hypnotisierten wecken.

[UND HUNDERTE ANDERE THERAPIEN]

IV. Systemische Therapie

Grundlage: Der Mensch ist eingebettet in verschiedene Systeme (Familie, Arbeitsplatz etc.) und agiert [handelt] entsprechend seiner Stellung in diesen Systemen; Symptome von Familien-(abhängigkeits-)neurosen sind z. B. Enuresis [Bettnässen], Neurodermitis [Juckflechte], Essstörungen [Anorexia nervosa] und Substanzabhängigkeit. In der systemischen Psychologie gibt es keine lineare, sondern nur zirkuläre Kausalität [Ursächlichkeit]. Zwei Bedeutungen:
1. Einnehmen einer systemischen Sicht, bei der die dynamischen Wechselwir-
kungen zwischen einem einzelnen Patienten und Personen in seiner Umgebung unabhängig von der Therapieform (also auch in Einzeltherapie) im Vordergrund stehen.
2. Die systemische Familientherapie vermittelt nicht nur Einsicht in die unbewusste Konfliktstruktur der Familie (Helmut Stierlin) bzw. des Paares (Jörg Willi), sondern bezieht konkret das System ein, in dem ein Patient lebt (z. B. systemische Nachsorge bei Schizophrenen). Ziel: Veränderung der familiären Interaktion.

V. Gruppentherapie

auf Pratt, 1906, und Moreno, 1925 [siehe oben PSYCHODRAMA, III. N)] (analytisch, leichteres kathartisches Nacherleben), zurückgehende Form von Psychotherapie, die heute im Rahmen verschiedener Therapieansätze praktiziert wird: humanistisch, tiefenpsychologisch, gesprächs- und verhaltenstherapeutisch (z. B. RET [siehe II. A) 3., S. 22], Selbstsicherheitstraining, Selbsterfahrung]. Es gibt viele Formen von Gruppen; sie sind nicht nur ökonomisch vorteilhaft, sondern in der Regel auch mindestens ebenso wirksam wie Einzeltherapie, dazu durch die spezifischen Faktoren des gruppentherapeutischen Prozesses gekennzeichnet: Kohäsion [Zusammenhalt], Offenheit, Vertrauen, Austausch mit mehreren Mitpatienten, Unterstützung, Modellernen, Rückmeldung empfangen und geben, Arbeitshaltung stärken [Balint-Gruppe: Selbsterfahrungsgruppe für helfende Berufe (Ärzte, Schwestern u. a.)]

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
Er kann gemäß den Richtlinien der Creative Commons-Lizenz "Attribution-ShareAlike" weitergegeben werden.
Zitate und verlinkte Texte unterliegen dem Urheberrecht der jeweiligen Autoren.