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n) Werte und Ziele der Quäker




Eigener Entwurf (Stand 8.2.07)

Was uns zu Freundinnen und Freunden werden lässt, ist ...

... unser Vertrauen, dass wir uns nicht begnügen müssen mit dem Glauben an Offenbarungen, die anderen zuteil geworden sind und uns von außen erreichen, sondern dass das Licht der Welt unmittelbar in allen Menschen aufleuchten und sich auch von uns finden lassen und uns wandeln will, wenn wir ihm die Macht über unser Fühlen und Denken überlassen. Wir erwarten es in unseren schweigenden Andachten, in denen Gott uns beschenken kann, und erleben zuweilen die Wirkung des gegenwärtigen Geistes Gottes als Frieden, Freude und Liebe oder auch als neue Einsichten, auch wenn wir ihnen nicht folgen wollen. Wenn wir anschließend unsere Erfahrungen einander erzählen, lassen wir sie ohne Beurteilung und Erörterung stehen. Wir streben ja nicht nach einer gemeinsamen Sprache oder einer verbindlichen rechten Lehre, sondern nach Einheit im Hören auf den Geist, der uns bewegt und nicht trennt, sondern verbindet. Es geht uns um rechtes Leben in Aufrichtigkeit, Einfachheit und ungestörten Beziehungen, die bestimmt sind vom Willen zu gegenseitiger Wertschätzung, frei von Bevormundung und den herkömmlichen Rangordnungen.

... unser Bemühen um gegenseitige Annahme, ohne einander verändern zu wollen; um Einfühlungsvermögen füreinander im Vertrauen, dass jeder Mensch selbständig denkend und selbstbestimmt seinen eigenen Weg – auch über Umwege – im Vertrauen auf Gott suchen und finden und so mündig werden darf; um Achtung vor seinem Recht, sich nicht von anderen in ihrem Sinne bedrängen zu lassen, sondern ohne soziale Kontrolle sein Leben und seine Beziehungen selbst zu gestalten; das von uns geübte Gespräch aus der Stille ermöglicht ein Hören auf Gott, sich selbst und einander aus dem Geist des Friedens heraus und kann zu größerem Verstehen und gegenseitigem Annehmen führen als der sonst übliche Meinungsaustausch.

... unsere Erfahrung, dass gemeinsames Schweigen und Achten auf den Geist Gottes Ich-Bezogenheit überwinden und Freundschaft im Sinne Jesu bewirken kann: „Euch habe ich Freunde genannt“ (Johannes 15,15). Daher ist unser Menschenbild das freundschaftliche Wir in der Gestalt von Ich-Du-Beziehungen, die uns alle zur freien Entfaltung unserer jeweiligen Persönlichkeit ermutigen und so einen Stillstand unserer Gruppe verhindern können, wie er sich aus ängstlichem Klammern an erstarrte Lehrmeinungen, Glaubenssätze und Sprachregelungen ergeben könnte. Wir erwarten in der schweigenden Andacht auch schöpferische Eingebungen, um die Barmherzigkeit Gottes tatkräftig und erfahrbar zu leben. Für praktische Entscheidungen streben wir unter göttlicher Führung in der Stille einmütige Beschlüsse an, denen alle zustimmen. Wir versuchen so, die Gefahren des Redens miteinander zu vermeiden: Recht haben und Sich-durchsetzen-wollen, Geltung und Beliebtsein, Überreden und Überzeugen, Linientreue und Nach-dem-Munde-reden, etwa aus Angst, falsch oder gar nicht verstanden oder gar gekränkt oder beleidigt zu werden.

... unsere Freiheit, auf einen festgelegten Ablauf unserer Andachten zu verzichten und das Schweigen durch ein kurzes Zeugnis zu unterbrechen. Manchmal wird dem Einzelnen etwas so bedeutsam, dass er es den anderen mitteilen möchte, etwa sein Erleben, eine gedankliche oder gefühlsmäßige Eingebung, ein wegweisendes Zitat, ein Gebet oder ein Liedvers. Abhängig von den Voreinstellungen, die die Einzelnen mitbringen, können und dürfen die Äußerungen verschieden ausfallen und sich auch einmal widersprechen. Doch versuchen wir, aufmerksam und offen für neue Einsichten mit dem inneren Ohr das Gemeinte hinter den Worten zu hören, in denen wir unser Bewegtsein ausdrücken.

... unsere Zuversicht, dass die vielfältigen menschlichen Unterschiede uns nicht trennen müssen: weder die Zugehörigkeit zu verschiedenen Geschlechtern, Völkern und Kulturen noch die damit verbundenen religiösen und weltanschaulichen Überlieferungen und Überzeugungen; weder andere Lebensstile und geschlechtliche Ausrichtungen noch die immer einmalige Persönlichkeit mit ihren Prägungen durch die jeweilige Lebensgeschichte; weder Bildungs- und Standesunterschiede noch die Weise des Aussprechens eigener Erfahrungen des Geistes Gottes. So versuchen wir trotz unseres zeitgemäßen Individualismus, gemeinsam Beispiel zu sein für die seit Jahrtausenden ersehnte alle Menschen umfassende Familie der Kinder Gottes, die wie er Barmherzigkeit und Gerechtigkeit ausüben.

... das Wissen darum, dass es viele Wege zu eigener Gotteserfahrung gibt, auch den des Vertrauens auf eine schriftlich überlieferte Offenbarung – heute wie bei den frühen Quäkern – , und dass es ein unzulängliches Bemühen ist, ein solches Erleben sich selbst und anderen verständlich zu machen. Wenn wir das dennoch versuchen, greifen die meisten von uns auf Begriffe und Sinnbilder einer religiösen Überlieferung wie der des Christentums und der Mystik zurück; manche suchen nach einer nichtreligiösen Sprache, die den Menschen entgegenkommt, die religiösen Deutungen kritisch gegenüberstehen. Auch darum steht es jedem von uns frei, seine Erfahrungen in eigene Worte zu kleiden.

... unser Vertrauen, dass der Geist Gottes – von einigen mit dem Geist Jesu gleichgesetzt und als persönliches Gegenüber erlebt – auch uns sucht; dass er nicht dem überlieferten Gottesbild mit zwei Gesichtern entspricht, sondern eindeutig ist: nur Licht ohne dunkle Seiten, nur gut ohne Böses, nur Vergebung ohne Strafe, nur Erbarmen ohne Rachsucht, nur Leben schaffend und nicht tötend; dass er bedingungslose väterliche und mütterliche Liebe ist, die uns von Blindheit und Taubheit gegenüber ihrer Gegenwart heilen und Frieden schenken will mit uns selbst und den anderen, mit Gott und seiner Schöpfung.

... unsere Hoffnung – trotz enttäuschender Erfahrungen mit uns selbst und anderen – , dass jeder Mensch auch zum Guten fähig ist, zu Güte und Freundlichkeit, Vergebung und Versöhnung, Mitgefühl und Verantwortung für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit; dass Ängste und Vorurteile, Neid und Gier, Hass und Feindseligkeit wieder verlernt werden können. Wir erkennen an, dass im Rahmen von Seelsorge wissenschaftlich begründete und bewährte Heilverfahren hilfreich sein können, denen es vorrangig um Heilung seelischer Störungen infolge früh zerstörten Vertrauens und Selbstvertrauens geht. Ihr und unser Ziel ist die Stärkung von Selbstwertgefühl und Beziehungsfähigkeit und die Befreiung zur Mündigkeit, zu einem von innen gesteuerten Menschsein.

... unsere Offenheit – wenn auch klar abgegrenzt gegenüber allen Glauben und Gehorsam verlangenden Lehren und Einrichtungen – für niedergeschriebene oder mündlich mitgeteilte geistliche Erfahrungen und Erkenntnisse, die uns bereichern und anregen zu eigenem Erleben. Der in uns selbst lebendige Geist hilft uns dabei, Licht und Finsternis in den Überlieferungen der Menschheit zu unterscheiden. Er leitet uns auch zum Friedenszeugnis und besonders zum Eintreten für die Opfer von Gewalt und für die Würde und die Rechte aller Menschen auf Leben und Freiheit. So wünschen wir uns, dass unsere Gruppen das von Jesus verkündete Friedensreich vorleben im Sinne einer weltweiten Gemeinschaft von Freundinnen und Freunden, in der die neue Art zu lieben die zerstörerischen Kräfte in und unter den Menschen überwindet und in allen Bereichen lebensfreundliche und friedliche Beziehungen schafft.

... unsere Freude an dem durch Schweigen und Gespräch aus der Stille unter uns entstehenden Freiraum von dogmatischer Beeinflussung und ideologischer Einengung, von Zwang zu Linientreue und besserwisserischer Korrektur, von rechthaberischer Diskussion und gegenseitiger Kritik, von moralischer Verurteilung und misstrauischer Ablehnung. Es ist die Freude an dem wachstumsfördernden Klima, das uns ermutigt, einzigartige Menschen zu sein und unsere eigenen Persönlichkeiten gemeinsam mit gleichrangigen und gleichwertigen Freunden und Freundinnen zu entwickeln, im Wissen um ihre und unsere Grenzen und Schwächen, denen wir mit Nachsicht und manchmal mit Humor zu begegnen uns bemühen.

[eine frühere Fassung wurde abgedruckt in der Zeitschrift "Quäker" Nr. 6/2005, S. 283/284]

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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