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l) Satire über USA-Rundreise Pfingsten 2001




Aus dem Weihnachtsrundbrief 2001

...machten wir über Pfingsten unter Ankes guter Führung eine 15-tägige Rundreise durch den Osten der USA, einschließlich von je zwei Tagen bei befreundeten Ehepaaren und zuzüglich mehrerer Ruhetage in Ankes Gastfamilie. Von der Atlantikbrandung nahe Ankes Wohnort bis zu den Niagara-Wasserfällen (ein überwältigendes Erlebnis), vom noch recht kühlen New Hampshire mit seinen riesigen Wäldern (alles Privatbesitz) bis zum Golf von Mexiko (sehr schwüles Klima) haben wir einiges von den Schönheiten der Natur gesehen, dazu mancherlei historische Bauten (Philadelphia, New Orleans!) aus der guten alten Zeit. – Weil wir in Deutschland im Glashaus sitzen und nicht mit Steinen werfen sollten, forme ich meine Trauer über das offizielle Amerika (es gibt auch eine kleine, echt demokratische Opposition dort!) um in eine

Satire über meine Eindrücke in den USA

Sehr erfreulich fand ich den mir aus meiner Kindheit vertrauten „Kaiserkult“, wie ein Freund nahe New Hanover, NH es nannte: Zahllose Denkmäler, die von gesundem Geschichtsbewusstsein zeugen, das weniger ehrenhafte Seiten unter den Teppich kehrt; der früh erlernte pathologische, Verzeihung: pathetische Nationalstolz anstelle von kritischem Selbstbewusstsein („Du bist nichts, dein Volk ist alles“), dem die Staatsfahne und -hymne wie andere mythologische Symbole, Feste, Gelöbnisse, Riten und Werte heilig sind; die monumentalen architektonischen Symbole von Macht und Größe, Reichtum und Stärke in den Großstädten. An deren Rand erblickten wir zwar flüchtig die verfallenden Behausungen der Armen, aber da es gelungen ist, ihre Zahl auf ein Drittel der Bevölkerung zu erhöhen, bestätigte das nur meine Überzeugung, dass die einzig richtige Wirtschaftsordnung der USA (wie auch an der wachsenden Zahl der Superreichen zu erkennen ist) globalisiert werden muss, um auch vier Fünfteln der übrigen Menschheit die Freiheit zu ermöglichen, auf alle Chancen für ein menschenwürdiges Leben endgültig zu verzichten.

Ich bewundere den Mut und die Opferbereitschaft, trotz der weltweit wachsenden Feindseligkeit der alten und zum Untergang verurteilten Kulturen die ihnen allen doch weit überlegene Zivilisation der USA zu bringen. Kann es ein höheres Ziel geben, als – der Natur des Menschen als Verbraucher entsprechend – die ganze Erde zu einem Kaufhaus zu machen und alles dem Gesetz der Rentabilität zu unterwerfen, was früher aus Liebe getan werden musste? Als empörendes Überbleibsel längst überholter liberaler Ideale empfand ich auf der Rundreise die zahllosen Sklavenabkömmlinge, die sich tatsächlich nicht scheuten, sich in den Verkehrsmitteln einfach neben uns zu setzen oder gar anzubetteln. Daher bekam ich in den vor allem von ihnen besuchten beiden Museen über die Bürgerrechtsbewegung in Atlanta, GA, wo Martin-Luther King lebte, und in Memphis, MS, wo er ermordet wurde, geradezu nostalgische Gefühle angesichts der Fotos von dem rassenbewussten Vorgehen der Polizei und Justiz noch vor 40 Jahren, ebenso in dem sehr großen und ständig von Besuchern überfüllten Holocaust-Museum in Washington, DC durch die Erinnerungen an den Antisemitismus in den USA (Henry Ford!). Entsetzt las ich aber in der Zeitschrift „Newsweek“ Kritik an der Todesstrafe: Schließlich hat der kurz nach unserer Rückkehr hingerichtete Timothy McVeigh, hochdekoriert und befördert im Golf-Krieg, wo er „das Töten gelernt“ hatte (wie er sagte), in Oklahoma City ein Sprengstoffattentat verübt, durch das er wertvolle Amerikaner tötete, – „Lateralschäden", wie er das zynisch kommentierte unter Missbrauch sachlichen Militärjargons. So etwas fordert doch Rache in einem so christlichen Staat nach dem biblischen Gebot: Wenn einer etwas Böses tut, soll ihm 77-mal vergolten werden, oder so ähnlich...

Während er sein Handeln begründete als Protest gegen die von ihm angeblich als totalitär erlebte Regierung, haben wir uns davon überzeugen können, dass die USA wirklich – wie wir vor 60 Jahren – in allem die Ersten und die Besten sind, und dazu gesegnet mit der größten Armut und der höchsten Kriminalität unter allen Industrienationen, eine Leistung, die zu Recht den Führungsanspruch über alle anderen Länder begründet, ganz abgesehen von den hohen selbstlosen Aufwendungen für das jahrzehntelange Bemühen von Geheimdienst und Militär, um mit allen Mitteln Toleranz, Menschenrechte und Wohlstand für alle zu verbreiten durch die Schaffung und Unterstützung höriger Regierungen. Wie viele Amerikaner waren und sind doch als Wehrdienstleistende oder Terroristen zum furchtlosen Töten und Sterben bereit! Bei Washington hatten wir Einblick in den Friedhof Arlington – groß wie eine Stadt – mit über 245.000 Gräbern von farbigen und weißen Helden, die in den zahlreichen Kriegen der USA ruhmbedeckt umgekommen sind. Ergriffen erlebte ich dort die halbstündliche Wachablösung, bei dem sich die beteiligten Soldaten bewegten wie echte Roboter. was Anke leider komisch fand, während ich tief gerührt war darüber, dass Männer sich immer noch und überall zur Härte gegen sich und andere und zum unbarmherzigen Kampf dressieren lassen im Dienst des Vaterlandes, das nun einmal wie alle Götzen Menschenopfer fordert, um so Herrschaft und Besitz der Mächtigen und Reichen zu sichern und zu vergrößern.

Und wie offen bekennt sich doch Amerika, unberührt vom verderblichen kritisch-aufklärerischen Denken Europas zu seinem alles durchdringenden kindlichen Vertrauen schon auf kleinen Geldmünzen („ln God we trust“) und zu dem darüber stehenden Namen seines Gottes („Dollar“)! Der lange in den USA lebende Tiefenpsychologe Arno Gruen schreibt zwar dazu: „... was zählt, ist der Profit, nicht der Mensch. Das nenne ich böse, gewalttätig und krank,“ aber er vergisst, dass die gestressten Spekulanten gefühlvolle Menschen sind, die in ständiger Angst wegen der Kursrisiken täglich mehr als 1.500 Milliarden US-Dollar an den Börsen der Welt umsetzen und von der so mühselig erarbeiteten Rendite sich und ihre Familien ernähren müssen. Insgesamt ist allerdings die Bevölkerung in den USA sehr unterschiedlich: So haben wir ganz normale Menschen angetroffen, die wie wir nur Beziehungen von oben nach unten kennen („Entweder bin ich der Herr und du der Sklave oder umgekehrt!") und sich nicht vorstellen können, dass es auf der Welt jemanden geben könnte, der nicht Amerikaner werden will, aber auch noch Träumer vom Reich Gottes, die sagen: „Ich kenne keine Nationen mehr, ich kenne nur noch Menschen“ und sogar uns brüderlich-schwesterlich begegneten.

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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