www.wilhelm.prassenet.de


h) Die "rechten" und die "linken" Evangelikalen




Ihre Gottesbilder und ihre politische Ethik

In den Medien werden häufig die protestantischen Fundamentalisten erwähnt, die seit 1980 zusammen mit den Neokonservativen die Republikanische Partei in den USA zunehmend bestimmen, die UNO hassen und den Irak-Krieg befürworten. Daher erscheint es mir nötig, einige wesentliche Unterschiede darzustellen zwischen den „linken“ und den „rechten“ Evangelikalen, wie sie in den letzten Jahrzehnten zutreffend genannt werden. Allerdings vertreten nicht alle Richtungen dieser Art in gleicher Weise die unbedingte Autorität der Bibel und eine daraus abgeleitete fundamentalistische Dogmatik und Ethik. Besonders unter den deutschen Evangelikalen hat wie in den Kirchen nach 1945 angesichts der erkannten Mitschuld an den Verbrechen des Staates teilweise eine theologische Neubesinnung eingesetzt.

Zu den „linken“ Evangelikalen zählen vor allem die in Deutschland wenig bekannten, heute vor allem in Kanada und den USA verbreiteten historischen Friedenskirchen, von denen die ältesten zugleich mit den Lutheranern und Reformierten als ein dritter Zweig der Reformation entstanden, die sie weiterführen und vollenden wollten im Sinne des Evangeliums. Als erste sind die ursprünglich süddeutschen Hutterer zu nennen, benannt nach Jakob Huter – verbrannt 1536 – , die jetzt in etwa 170 Bruderhöfen mit circa 15.000 Menschen erfolgreich Lebens- und Gütergemeinschaft pflegen nach dem Beispiel der Urgemeinde (Apg. 2,44-47 und 4,32-37). Die zweiten waren die – heute etwa 1.300.000 – Mennoniten (einschließlich der ca. 250.000 Amischen), benannt nach Menno Simons (1496-1561), der in Friesland die friedfertigen Täufer in einer evangelischen Freikirche sammelte und u. a. schrieb: „Eisen, Metall, Spieß und Schwerter lassen wir denjenigen, die leider Menschen- und Säueblut in gleichem Wert achten“. Als dritte kamen im 17. Jahrhundert die englischen Quäker hinzu, die von der Erfahrung des inneren Lichts ausgingen und u. a. die Gleichheit aller Menschen – auch der Frauen – lehrten und deshalb nicht mehr den Hut vor den hohen Herren zogen.

1985 war ich in Denver, Colorado, einer von etwa 600 Teilnehmern bei einer gemeinsamen Konferenz von sechs selbständigen nordamerikanischen Friedenskirchen, die sich bewusst Wiedertäufer – „Anabaptists“ – nennen, da sie alle die Kindertaufe als Zwang nicht anerkennen ähnlich wie die Baptisten, die jedoch keine Friedenskirche sind. Außerdem lernte ich in Kanada, den USA und Deutschland mehrere der damals schon über 100 neuen christlichen Lebensgemeinschaften von Familien und Ledigen kennen, die alle ebenfalls auf der Linie der Friedenskirchen lagen und z. T. schon in Gütergemeinschaft übergingen. Alle diese „linken“ Evangelikalen verstanden und verstehen das Reich Gottes nicht nur als zukünftig, sondern als gegenwärtig, und nicht nur als eine innerliche Gemeinschaft miteinander und mit Gott, sondern – wie Karl Barth in der Barmer Erklärung 1934 – als eine den ganzen Menschen in allen Bereichen beanspruchende Herrschaft, die Unterwerfung unter andere Herren ausschloss. Darum lehnten sie auch den Eid, Zwang in Glaubensfragen und jegliche Gewalt – besonders Kriegsdienst und Todesstrafe – , dogmatische Lehrgebäude und Sakramente, hierarchische Organisationen und kirchliche Ämter – jedenfalls ursprünglich – ab.

Vorrangig vor allem anderen in der Bibel war es für sie, zu „halten, was i c h euch befohlen habe“ (Matth. 28,20), nämlich Jesus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, als dem alleinigen Licht der Welt zu vertrauen und treu zu folgen, „zu treiben das Evangelium des Friedens“ (Eph. 6,15), Frieden zu stiften (Matth. 5,9) und „dem nachzustreben, was zum Frieden dient“ (Römer 14, 19). Für ihr Gottesbild galt „die Botschaft, die wir von ihm gehört haben, dass Gott Licht ist und in ihm ist keine Finsternis“ (1. Joh. 1,5), und für ihr Menschenbild die Berufung, „ihr seid das Licht der Welt“ (Matth. 5,14) und zu allem Guten fähig. Sie wollten wie die Apostel „Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg. 5,29) und vor allem kein Blut vergießen, was für die ersten Christen bis zum dritten Jahrhundert unabdingbare Folge des Liebesgebotes war. Wie sie wurden nun auch die sogenannten Wiedertäufer Jahrhunderte lang vielfach blutig verfolgt oder vertrieben, weshalb sie bei uns zahlenmäßig gering sind. In den USA sind sie dagegen ein gewichtiger Teil des anderen, friedlichen Amerika, das Militärdienst und z. T. Steuern für Rüstungsausgaben verweigert und 1975 – auch infolge der in Vietnam begangenen Kriegsverbrechen – zwei Drittel der US-Bevölkerung ausmachte und die damalige US-Regierung veranlasste, den Krieg zu beenden.

Ganz anders die große Mehrheit – Tausende von Freikirchen verschiedener Ausprägung – der „rechten“ Evangelikalen , die – wie die alten, nach Allmacht strebenden Kirchen – der Bibel entnehmen, dass der „Allmächtige“ auch eine dunkle Seite habe und deshalb sowohl Gutes wie Böses zulasse und auch bewirke. Sie wissen nicht, dass es den „Allmächtigen“ in der hebräischen Bibel gar nicht gibt und im griechischen „Neuen Testament“ nur in Zitaten (2. Kor. 6,18 und „Offenbarung“) aus dem ins Griechische übersetzten „Alten Testament“, in dem die Gottesbenennungen El Schadai und Zebaoth durch Pantokrator (der Allmächtige) ersetzt wurden. Dieses Gottesbild begründet seit Paulus die der großen Mehrheit der Christen tief eingeprägte politische Ethik: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit, ohne von Gott“ (Römer 13,1). Das Reich Gottes wird als endzeitlicher Einbruch von außen erwartet, verbunden mit dem Wiederkommen Jesu, aber nicht wie in den Evangelien als Lamm Gottes, das – wie Gott – nicht richtet und den Menschen das Richten verbietet, sondern wie in der „Offenbarung“ als Weltenrichter, der den größten Teil der Menschen vernichtet. Buchstabengläubig wie jüdische und islamische rechtfertigen christliche Fundamentalisten als Willen Gottes u. a. vaterrechtliche Strukturen in Familie und Gesellschaft, Todesstrafe, Krieg (auch die eigene Beteiligung am Blutvergießen) und nationalistische Machtansprüche „auserwählter“ Staaten wie der USA und Israels über andere Völker und Nationen. Mit Bibelzitaten, geheimnisvollen Offenbarungen über die letzten Dinge und der Absicht, durch Mission das Judentum auszulöschen, unterstützen sie als – aus der Sicht vieler Israelis – falsche „Freunde Israels“ dessen Siedlungs- und Militärpolitik mit einer völkischen Blut- und Bodentheologie, die eine Wiedererrichtung des Großreiches Davids fordert, von dem Historiker und Archäologen bisher keine Spur fanden.

Dazu kommt die weit verbreitete kirchliche Lehre von der allgemeinen Sündhaftigkeit des Menschen, die viel zu lange bewirkt hat, nicht nur Kindern mit Gewalt den Willen zu brechen, sondern auch Schülern und Auszubildenden, Rekruten und – nicht zuletzt – den Frauen. Ziel war, sie untertänig zu halten und ein gesundes Selbstwertgefühl und damit echte Menschlichkeit – mitfühlende Liebesfähigkeit und hilfsbereite Anteilnahme – zu verhindern. Die erzeugten Schuldgefühle und Ängste vor „Sünde“ und der „bösen“ Natur des Menschen, die ausgemerzt werden müsse, führte z. T. bis heute zu Schwarz-Weiß-Denken, zur Einteilung der Menschen in Gute und Böse und zu dem von Jesus streng verbotenen Richten und Hinrichten. Eng verbunden damit waren und sind Blindheit gegen den „Balken im eigenen Auge“ (Matth. 7,3) und gegen die Notwendigkeit der Selbstkritik und der Toleranz, auch im eigenen Interesse, um nicht selbst Opfer zu werden. Jesus dagegen erlitt die nur für Aufständische vorgesehene Hinrichtungsart am Kreuz, weil er nicht „für die Könige und alle Obrigkeit gebetet“ und als Belohnung „ein ruhiges und stilles Leben“ (1. Tim. 2,2) geführt, sondern weil er u. a. kritische, ja aufrührerische Volksreden gegen die Reichen und die religiös und politisch Mächtigen – Herodes, „dieser Fuchs“ (Lukas 13,32) – gehalten hat, die um ihre Macht fürchteten: „Die Könige herrschen über ihre Völker, und ihre Machthaber lassen sich Wohltäter nennen“ (Lukas 22,25). Auch Jakobus (2,6) schrieb: „Sind es nicht die Reichen, die Gewalt gegen euch üben (euch unterdrücken)?“

Aber wie seit Jahrtausenden fühlen und erleben sich auch in demokratischen Gesellschaften, in denen die Regierung der Bevölkerung gehorchen sollte, viele Menschen immer noch als Untertanen alten Stils, die widerspruchslos und widerstandslos zu gehorchen haben, sogar wenn sie als Soldaten zum gefühllosen Töten wie Bluthunde dressiert und für Götzen wie Nation und Vaterland geopfert werden. Ist es dann ein Wunder, wenn auch vom Volk gewählte und bezahlte Regierungen die ihnen geliehene Macht nicht gebrauchen, um für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit zu sorgen, sondern zum Gegenteil missbrauchen und im letzten Jahrhundert mehrfach sogar Diktaturen – neuen „Obrigkeiten“, schlimmer als die alten – den Weg frei gemacht haben wie bei uns 1933? Der von ihnen propagierte nationale „Gott mit uns“ oder „Gott schütze uns“ ist nicht der barmherzige, der alle Menschen nach seinem Bild geschaffen hat und liebt, für alle und gegen niemanden ist, der in Jesus Mensch geworden ist, um die ganze Menschheit von Schuld und Schuldgefühlen zu befreien und mit seinem und ihrem Vater zu versöhnen. Der hat den Brudermörder Kain vor Rache und die Ehebrecherin vor der Steinigung bewahrt, anstatt sie zu bestrafen, denn er „lässt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Matthäus 5,45).

Gott sei Dank, sind viele der alten „Obrigkeiten von Gottes Gnaden“ schon lange entthront worden durch Reformen und Revolutionen infolge des auch im Evangelium und in der Reformation wurzelnden Aufklärungszeitalters, das von Staat und Kirche Toleranz forderte und dem Menschen „aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ heraushelfen wollte: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ (Immanuel Kant). Das führte u. a. zum Entstehen von Republiken, zu den Grundlagen der modernen Völker- und Menschenrechtserklärungen (USA 1776) bis hin zur Charta der UNO, zum Ende der konfessionellen Bürgerkriege, zur Abschaffung der Hexenprozesse und Folter und zur Humanisierung des Strafvollzugs, zur Förderung von Wissenschaft und Forschung, zum Gesundheits- und Bildungswesen für alle – auch für die Evangelikalen, die diese Fortschritte fürchteten und zu verhindern versuchten, z. T. bis heute. Immer deutlicher wurde und wird es der Menschheit: Macht verdirbt den Menschen, absolute Macht verdirbt den Menschen absolut. Darum lehrte Jesus beten: „Führe uns nicht in Versuchung... denn d e i n ist das Reich und die Macht und die Herrlichkeit (Luk. 11,4)“ – nicht unser!

Heute melden sich das wachsende Mitgefühl für das Leiden anderer und die Sehnsucht gerade auch der Kinder und Mütter – sie sind die Mehrheit! – nach Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit auf der ganzen Erde immer lauter zu Wort. Viele Kirchen und Freikirchen, die noch vor 60 Jahren willige Helfer für Diktatoren und ihre Kriegsziele waren, haben sich den historischen Friedenskirchen angenähert und geöffnet für die Botschaft vom „Frieden auf Erden“ (Lukas 2,14) und vom Reich Gottes, das „Gerechtigkeit und Friede ist“ (Römer 14,17), denn „zum Frieden hat euch Gott berufen“ (1. Kor. 7,15) und „Gott ist ein Gott des Friedens“ (1. Kor. 14,33), dem sich auch die „rechten“ Evangelikalen auf Dauer nicht entziehen können. Schon ist das Ende des Konstantinischen Zeitalters der Kirchen in Sicht, das 17 Jahrhunderte lang vergeblich versuchte, zwei Herren zu dienen – Gott und dem Kaiser (der Macht und dem Mammon)– und in zwei Reichen zu leben, mit Herz und Gemüt Jesus zu dienen und mit Leib und Verstand den Herren und „Sachzwängen“ der Welt, mit dem Ergebnis, dass der „Glaube“ immer unglaubwürdiger wurde und wird.

Eine Frage bleibt: Trotz aller öffentlichen Kritik und Wachsamkeit angesichts der verlogenen Propaganda, mit der viele Regierungen die Ziele der Reichen und Mächtigen zum Nachteil der Bevölkerung verfolgen, schaut immer noch eine große Anzahl der doch seit eh und je getäuschten und enttäuschten Menschen weiterhin mit blindem Vertrauen und manchmal ehrfürchtiger Liebe wie Schafe zu ihren Leithammeln (oft Wölfen im Schafspelz) auf, ist bereit zum totalen Gehorsam gegen Staat und Volks- oder Freikirche und erwartet von ihnen ihr Heil und manchmal das der Welt. Ein Grund dafür könnte das nicht nur kindliche, sondern allgemein menschliche Bedürfnis nach einem angstfreien und dadurch heilen Leben im Frieden sein, nach fürsorglicher und liebevoller Leitung in einer vertrauensvollen Beziehung, sei es zu Menschen, sei es zu Gott. Da diese Beziehungen – anscheinend solange es Menschen gibt – durch Misstrauen, Angst und den „Verlust des Mitgefühls“ (Buchtitel von Arno Gruen) in allen Bereichen gestört sind und so jeder Einzelne mehr oder weniger davon betroffen ist, erliegen viele früher oder später der Versuchung, Mächtigeren und Reicheren, scheinbar Besseren (Aristokraten) und Edleren (Adel) zu vertrauen und zu gehorchen anstelle Gottes. So entstehen und verfestigen sich Oberschichten und führende Eliten, die mit allen Mitteln für sich und ihre Familien Vorrechte erstreben und sichern.

Arno Gruen schrieb dazu: „Die nach oben kommen, sind nicht die besten, aber sie werden uns als die besten vorgestellt.“ Wer hört schon auf die prophetische Warnung: „Verflucht ist der Mann, der auf Menschen vertraut!“ und die Verheißung: „Gesegnet ist der Mann, der auf den HERRN vertraut“ (Jeremia 17,5 und 7)? Dass diese Herrschaft jede menschliche ausschließt und brüderlich-schwesterliche Beziehungen Gleichrangiger fordert, muss vor allem den Männern gesagt werden, die in der Regel viel stärker als Frauen zur Ausübung von Macht und Gewalt neigen. Ziel ist die Familie der Kinder Gottes, in der die Anderen und Andersartigen nicht mehr ängstlich, misstrauisch oder feindselig als fremd abgelehnt, ausgegrenzt, gehasst, verfolgt und ausgerottet, sondern freundlich eingeladen werden in die neue Gemeinschaft, in der es genügt, wieder „zu werden wie die Kinder“ (Matth. 18,3) – nach dem Bilde Gottes ein Mensch zu sein in vertrauens- und liebevollen Beziehungen.
Wilhelm Prasse, 11.5.03 [Referat gehalten in der Freiburger Quäkergruppe und in der Regionalgruppe Schwarzwald-Baar des Internationalen Versöhnungsbundes]

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
Er kann gemäß den Richtlinien der Creative Commons-Lizenz "Attribution-ShareAlike" weitergegeben werden.
Zitate und verlinkte Texte unterliegen dem Urheberrecht der jeweiligen Autoren.