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d) Mein Kriegsende in Moringen




Kapitel 1: Aus „Extrablatt“. Geschichtswerkstatt Göttingen, Mai 1995

Meine Klasse hatte großes Glück gehabt: Wir 14/15jährigen waren doch nicht als Flakhelfer eingezogen worden. So blieben wir im Kinderlandverschickungslager Schaumburg, aus dem unser Lagerleiter uns erst kurz vor Ostern entließ, als schon kein Zug mehr fuhr und unser Hauslehrer, ein fanatischer Nazi, sich heimlich verdrückt hatte vor den herannahenden Panzern. Ich stellte mich mit meinem kleinen Koffer in Deckbergen an der Landstraße auf und dachte beim Anblick der zurückflutenden deutschen Truppen: „Mit Mann und Ross und Wagen hat sie der Herr geschlagen.“ Auf der offenen Ladefläche eines Lastwagens gelangte ich im Schutze der Nacht, von Tieffliegerangriffen unbehelligt, bis Northeim und von dort zu Fuß nach Moringen. An das dortige Jugend-KZ war mein Vater von der Gestapoleitstelle Hannover versetzt worden, und da wir in Hannover ausgebombt waren, hatten wir Ende 1943 in Moringen eine kleine Dachwohnung in der Einbecker Straße bekommen, wo ich auch schon die Weihnachts- und Sommerferien verbracht hatte.

Dort fand ich nun meine Mutter und meine 18-jährige Schwester, die als „Kriegshilfsdienstmaid“ in einer Munitionsfabrik in Wulfen gearbeitet hatte, bis die Front näher rückte. Der Vater war nach Kiel versetzt worden, und wir Drei überlegten nun, was vor dem zu erwartenden Einmarsch der Amerikaner zu tun sei. Es war noch Zeit, einiges für immer verschwinden zu lassen: das Abzeichen an meiner HJ-Mütze, Fotos von Parteigrößen, Naziembleme und -bücher; aber das Wenige, was wir gehabt hatten, war schon in Hannover verbrannt: das obligatorische Führerbild im Wohnzimmer, Hitlers „Mein Kampf“ – ungelesen – , mein Braunhemd, meine Sammlungen von Abzeichen des Winterhilfswerks, von Flugzeug- und Schiffsmodellen u. a. Als ich den Landjägermeister Meyer unter der Kellertreppe seine Wertsachen einmauern sah, fiel mir nichts ein, was wir hätten verstecken müssen. Auch der sehr jung gefallene Gerhard Krone, in dessen Haus wir oben eingezogen waren, hatte außer dem Bild des Reichsarbeitsführers Hierl nichts Gefährliches hinterlassen. Die Gräuelpropaganda war an meiner Schwester nicht spurlos vorübergegangen: Sollte sie sich lieber im Walde verstecken? Wir überzeugten sie, dass sie bei uns in der Wohnung sicherer wäre und die Amerikaner nicht schlimmer seien als unsere eigenen Soldaten.

Als dann die letzten deutschen Truppen kampflos – wie wir es gehofft hatten – Moringen verließen, entstand für einige Tage ein Machtvakuum, das zu einem unerwarteten Fest wurde für alle, die – z. T. mit Rucksäcken und sogar mit Bollerwagen – sich in einem großen Lebensmittellager mitten in der Stadt kostenlos all der Schätze bedienten, die schon lange entweder gar nicht oder nur in kleinsten Rationen auf Lebensmittelkarte zu haben waren. Am nächsten Morgen hörte ich Explosionen. Gab es doch Kämpfe? Beim Blick aus dem Fenster sah ich am Waldrand einige deutsche Artilleriegranaten einschlagen. Dann war Ruhe, und ich begab mich – wie viele andere – zur Hauptstraße, um an der Straßenkurve Ecke Einbecker Straße auf den Einzug der Amerikaner zu warten, die kurz vor der Stadt sein sollten. Neben mir stand eine Frau, die mich – den fremden, hoch gewachsenen 15-Jährigen misstrauisch musterte und fragte: „Haben Sie eine Waffe bei sich?“ Mein erstauntes Gesicht und mein abwehrendes „Nein“ beruhigten sie. Es war der Vormittag des 9. April, eines Tages, an dem in Deutschland noch viele Menschen starben: als Soldaten und als Zivilisten – Flüchtlinge oder Bombenopfer – , als KZ-Häftlinge oder als zum Tod Verurteilte wie Dietrich Bonhoeffer.
Und wie empfingen wir nun den Feind, wir, die wir in der Mehrheit vor Stalingrad noch gern an die Parolen von der Überlegenheit des deutschen Militärs, unserer politischen Führung, des deutschen Volkes und der arischen Rasse über alle anderen geglaubt hatten? Wir standen Spalier wie bei einer Parade, und der anschwellende Motorenlärm der von Hardegsen heranrollenden Panzer flößte uns weder Angst noch Schrecken, weder Wut noch Hass ein, allerdings auch keine Freude oder gar Jubelstimmung. Wir hatten ja den Krieg verloren und hätten daher eher Grund gehabt, wenigstens über die nun offensichtlich sinnlos gewordenen Opfer an Menschenleben zu weinen. Aber was uns auch innerlich bewegte – wir begrüßten die Amerikaner mit unbewegtem Gesicht, schweigend: nicht feindselig oder gar rachsüchtig, eher neugierig, abwartend, offen für menschliche Begegnungen. Wir fühlten: Das ist das Ende des Krieges für uns und zugleich des „Dritten Reiches“. Bei aller Ungewissheit über die Zukunft habe ich die Besetzung Moringens als Befreiung erlebt von einer immer mehr als verbrecherisch erkannten Gewaltherrschaft, die ich als 13-Jähriger nur vom Gefühl her, als 14-Jähriger auch vom Verstand her innerlich als unmenschlich ablehnte.

Wieder zu Hause, beeindruckte mich die Menschlichkeit der Besatzung des Panzers, der vor unserer Haustür stand. Sie saß bereits am Küchentisch, verzehrte die frischen Eier, die sie bei Meyers gefunden hatte, und unterhielt sich mit meiner Schwester. Beim Durchsuchen der Wohnung fiel einem Soldaten meine Mundharmonika auf, und auf seine Bitte spielte ich ihm ein Volkslied vor, was ihm sehr gefiel. Wir waren nicht ihre Feinde und sie nicht unsere, obwohl sie vielleicht schon am gleichen Tage kämpfen – töten oder sterben – würden. Zwei Wochen vorher hatte ich noch mitgeholfen, aus Baumstämmen Panzersperren zu bauen, an deren Wirkung wohl keiner glaubte, und nun war ich hinter der Front – wie in einer anderen Welt, genoss die schulfreien Tage, knüpfte Freundschaften mit den Nachbarskindern an und las – wenn abends die Ausgangssperre begann – die von der Besatzungsmacht herausgegebene Zeitung, die für mich glaubwürdiger war als vorher die vom Reichslügenminister kontrollierten Nachrichten. Und doch kam die Nachricht vom Tode Hitlers für mich unerwartet: Der „Führer“ hatte im Gefühlsleben – und das sollte er ja auch – den Platz Gottes eingenommen und war unsterblich. Aber die Götzendämmerung war unaufhaltsam: Volk und Vaterland, Blut und Ehre, Nation und Rasse, Deutschland und die Fahne – alles, was heilig, mythisch verklärt, unantastbar war, verlor seinen Glanz, seinen Ewigkeitswert, seine Verführungskraft, die so viele Menschenopfer gefordert hatte und immer noch forderte.

Am 9. Mai, dem ersten Tag nach der Kapitulation, ging ich in der Vormittagssonne durch die Felder. Nach zwölf Jahren in einer immer menschenfeindlicher werdenden Diktatur und sechs Jahren in einem mörderischen Weltkrieg, erzogen in einer Welt von öffentlicher Verlogenheit und feiger Unterwürfigkeit, unkritischer Begeisterung und aggressiver Gewaltbereitschaft, spürte ich ganz tief, dass etwas Böses vorbei war und etwas Gutes begann und damit für mich eine neue Lebensphase. Zwar hatte ich keine gedankliche Vorstellung oder auch nur Ahnung, was dieses Neue war und wie es nun tatsächlich weitergehen würde, aber in dieser Stunde Null erlebte ich staunend, dass sich ein ganz neues, mir unbekanntes Gefühl in meinem Herzen ausbreitete: Frieden. Und ich fing an, nach langen Jahren falscher Heilserwartungen und „Heil"-Rufe das wahre Heil in diesem Wort „Frieden" zu erahnen, das ich vorher nur als sentimentales und unverbindliches Weihnachtsgefühl kannte, nun aber als das Heilwerden gestörter Beziehungen zwischen Mensch und Mensch und Gott begriff. Dieser Friede sollte Ziel und Inhalt meines Lebens werden.

[gekürzt abgedruckt im „Extrablatt“ der Geschichtswerkstatt Göttingen im Mai 1995]

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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