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i) Wie spricht Jesus heute zu euch?




(Zitate aus „Quäker – Glaube & Wirken“, 2002)

Im 20. Jahrhundert hat sich allgemein in den Religionen und Konfessionen und auch außerhalb ihrer das Bestreben verstärkt, die schon 1902 von William James untersuchte „Vielfalt religiöser Erfahrung“ durch Übungen verschiedenster Art mit dem Ziel „mystischer“ Erlebnisse zu bereichern. Dabei fällt auf, dass in der Regel Friede und Freude, Liebe und Geborgenheit, Licht und Erleuchtung gesucht werden, aber nicht ein Geber dieser Gaben; „das von Gott“, aber nicht er selbst, nicht die Ich-Du-Beziehung, für die allein Gefühle wie Liebe und Vertrauen angemessen sind. Eine wesentliche Ursache dafür dürfte der Verlust des Vertrauens auf die Wirklichkeit Gottes sein infolge von Aufklärung und Verweltlichung mit dem berechtigten Ziel, sich von jeder Bevormundung zu befreien und selbstbestimmt zu leben. Aber wurde und wird dabei nicht in der westlichen Kultur zunehmend „das Kind mit dem Bade ausgeschüttet“, der notwendige und als gegenwärtig erlebte Gott mit seinen fragwürdigen Stellvertretern?

Ist das wirklich eine „Erweiterung“ und „Entwicklung“ oder eine Verarmung und Verkürzung gegenüber dem ursprünglichen Ziel etwa von George Fox (28.03): „Ich sollte die Leute zu dem Geist führen, den uns die Schrift brachte und durch den sie in die ganze Wahrheit geführt werden könnten und weiterhin zu Christus und zu Gott, wie denen geschehen war, welche die Bibel geschrieben haben.“ Oder (1.02; 4.): „Wie spricht Jesus heute zu euch? – Lernt ihr aus seinem Leben die Notwendigkeit und den Preis des Gehorsams Gott gegenüber? Was bewirkt seine Verbundenheit mit Gott in euch und was fordert sie in euch heraus?“ Das Hören auf das in den Evangelien überlieferte Wort Jesu war damals ebenso wesentlich wie das Hören in der gemeinsamen schweigenden Andacht, und alles, was in ihr gehört wurde – das „innere Licht“ – , wurde geprüft am „äußeren Licht“: am Reden und Handeln, am Leben und Sterben Jesu.

Entsprechend schrieb 1915 die Londoner Jahresversammlung (24.08): „Eine solche Botschaft der alles überwindenden Liebe finden wir im Leben und Sterben unseres Herrn Jesus Christus. Wir finden sie in der Lehre des uns innewohnenden Christus, welche die frühen Freunde wiederentdeckt haben und welche zur Erkenntnis der Bruderschaft aller Menschen führt.“ Solche Übereinstimmung ergab die neue Theologie der Quäker, der sich Universitätstheologie und alte Kirchen jetzt zunehmend annähern. Auch wer heute die Evangelien historisch-kritisch liest und so mit Recht manche Überlieferung in Frage stellt, kann mehr als genug Hinweise darauf finden, die ihm Jesus als vertrauenswürdig und zukunftsweisend, ja als „das Licht der Welt“ erscheinen lassen. Dann wird er auch vielleicht wie Gerhard Tersteegen beten können: „Herr, komm in mir wohnen; lass mein Herz auf Erden dir ein Heiligtum noch werden. Komm, du nahes Wesen; dich in mir verkläre, dass ich dich stets lieb und ehre. Wo ich geh, wo ich steh, lass mich dein gedenken, mich in dich versenken.“

Das kann auch anders herum geschehen wie bei dem niederländischen Biologen, dessen Schatten auf einen Ameisenhaufen fiel und dort für Aufregung sorgte. Beim Überlegen, auf welche Weise er seine guten Absichten den Ameisen verständlich machen könnte, kam er schließlich zu dem Ergebnis, dass es nur eine Möglichkeit gab: Selbst Ameise werden und in Ameisensprache reden. Aber ob sie ihm dann geglaubt hätten, dass der Schatten von einem wohlmeinenden Menschen herrühre? Diese Gedanken führten zu der Einsicht: Wenn es einen Gott gibt, der sich den Menschen offenbaren will, gibt es für ihn nur den einen Weg, selbst Mensch zu werden und in menschlicher Sprache zu versuchen, Vertrauen zu erwecken. Wer außer Jesus hat das so glaubwürdig versucht, dass er als Gottes Bild Mitte einer Theologie werden könnte? Diesen Schluss zog auch John Wilhelm Rowntree 1904 (26.49): „»Ich und der Vater sind eins.« Dies bedeutet für mich, dass ich an Gott in der Gestalt von Jesus Christus glaube, dass ich zu Jesus bete als zu dem, der in meinem Bewusstsein den Vater darstellt, oder zu dem Vater, wie ich Ihn in Jesus sehe.“

Lora M. Marsden fordert 1985 (26.51) auf zu erfassen, „was die zentrale Stellung Christi für uns heute bedeuten kann,“ und T. Edmund Harvey, 1949 (27.29), bekennt: „Ich kann den Herrn und Meister der ersten Jünger nicht von dem auferstandenen Geist und der Persönlichkeit trennen, die sich noch immer denen offenbaren, die Ihn suchen, heilend, erneuernd, inspirierend, erlösend und führend.“ Wenn in diesen und vielen anderen Zeugnissen eine biblisch-religiöse Sprache und Begrifflichkeit vorherrscht und auch der Name Jesus immer wieder mit den gewohnten Würdetiteln geschmückt wird, auf die er selbst keinerlei Wert gelegt hat, heißt das ja nicht, dass es so bleiben und von jedem übernommen werden muss. Da Jesus weder eine Kirche noch eine Religion gründen wollte, kann von ihm auch gesprochen werden als einem Menschen, einem Freund oder Bruder wie von seinem Vater als eben seinem Vater ohne alle religiösen Begriffe wie Christus oder Gott. Jesus bleibt auch dann er selbst und kommt Pierre Ceresole (26.47) entgegen: „Wenn mir erlaubt ist, Christus einfach zum Freund zu haben, so kann Er das werden, was ihr »Gott« nennt. Zwingt man Ihn mir als Gott auf, so kann Er niemals mein Freund werden.“

[abgedruckt in „Quäker“, Zeitschrift der deutschen Freunde, Nr. 2, 2005, S. 75/76]

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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