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j) "Gespräche mit Gott"?




Kritik an der Trilogie von Neal Donald Walsch

So lautet der Titel eines dreibändigen Bestsellers – weitere Bücher folgten – von Neal D. Walsch, einem der Autoren, die heute exoterisch für Millionen Leser veröffentlichen, was früher esoterisch für Auserwählte geheim gehalten wurde. Mehr denn je bedienen sich verschiedene körperlose, meist überaus redegewandte und redselige Geister – in diesem Falle Gott selbst – menschlicher Vermittler, um vor allem mittels automatischen Schreibens auf Tausenden von Seiten übersinnliches Wissen oder – so Walsh – „das neueste Wort Gottes“, das „Neue Evangelium“, zu offenbaren. Doch wer schreibt – ob diktiert oder nicht – , ist immer der Autor, der auch im scheinbar mystischen Erleben bei sich selbst bleibt und nichts wirklich Neues bringt, sondern eine widersprüchliche Mischung östlicher und westlicher „Weisheiten“, um eine einheitliche, ganzheitliche Weltanschauung zu entwickeln. Alle solche Versuche scheitern schon deshalb, weil sie einen großen Teil der nun einmal widerspruchsvoll erfahrenen Wirklichkeit ausklammern müssen, etwa die zahllosen Gewaltausbrüche. Was dann als sehr fragwürdige Neuoffenbarung teuer verkauft wird, erkennt der Religionswissenschaftler vor allem als die metaphysischen Spekulationen hinduistischer und spätbuddhistischer Intellektueller, für deren Ansprüche Buddhas Lehre zu einfach und zu praktisch war wie für die christlichen Theologen die Lehre Jesu. Der Philosoph wird erinnert an die unbiblische Wunschvorstellung eines allmächtigen Gottes, an Metaphysik (besonders des späten Hegel) und an den modernen radikalen Konstruktivismus. Der gebildete Laie findet das pseudopsychologische „positive Denken“ und das pseudophilosophische Menschenbild vereinzelter Hirn- und Bewusstseinsforscher wieder.

Es ist ja verständlich, dass Menschen, die ihr kindliches Vertrauen verloren haben, ein metaphysisches Bedürfnis entwickeln und Antworten suchen auf ihre Fragen nach dem Woher und Wohin, dem Warum und Wozu, und in ihrer – wie in den althergebrachten Religionen – irregeleiteten Sehnsucht nach Sinn und neuer Orientierung, nach Gott und Unsterblichkeit auf Angebote vertrauen, die ihnen scheinbar Erkenntnis höherer (wie schon Rudolf Steiner) oder tieferer Welten (wie C. G. Jung) vermitteln. Nur Agnostiker bescheiden sich wie Sokrates mit der Einsicht: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Allzu viele erliegen der Verführung durch geistige Hochstapler, die sich auch durch einen Sokrates nicht ihrer Unwissenheit überführen lassen würden, da sie nicht mehr diskutieren, sondern nur noch offenbaren und daher gläubige Verehrung und blinde Hörigkeit ebenso beanspruchen wie politische Verführer, anstatt für kritischen Dialog, Korrektur und Ergänzung dankbar zu sein im Wissen um die Begrenztheit ihres Erkennens. Ein Psychologe denkt dabei an frühestes Leiden an der Wirklichkeit, Ängste und Störungen in der Entwicklung von Urvertrauen und Lust an der Welt, von seelischer Wärme und Nähe. Er sieht als Folgen seelische Abwehrmechanismen am Werk: Verinnerlichung fremder Anschauungen, Werte, Normen und Erwartungen in das Ich; Ausgleich psychischer Mängel wie des Minderwertigkeitsgefühls durch das Anstreben der Vollwertigkeit oder der Überwertigkeit; Verleugnung unangenehmer Gefühle (Angst, Wut, Minderwertigkeit, Unsicherheit) vor dem eigenen Ich und der Umgebung; Realitätsleugnung: Das Ich nimmt bedeutsame (traumatisierende) gegenwärtige Tatbestände oder Vorgänge einfach nicht wahr, wie etwa bei Krebs; das Ungeschehenmachen von Taten und Erleben durch „Vergessen“ peinlicher oder unerträglicher Erinnerungen an Vergangenes.

Therapeuten und Seelsorger wissen um die Spätfolgen: Gefühl von Leere und Sinnlosigkeit, Entpersönlichungserscheinungen, Entfremdung vom eigenen Ich, Störungen der Realitätseinschätzung, Entwicklung einer schizoiden Struktur des Charakters mit starkem Bedürfnis nach Unabhängigkeit, Überlegenheit und Distanz. Das Ergebnis ist häufig der vergeistigte Neurotiker, abgetrennt von seinen Gefühlen, kopflastig und überfüllt von Wissen und Erkenntnis, ohne dass der aufgeblasene Luftballon platzt wie beim Satori des Zen-Schülers nach einer unerwarteten Ohrfeige seines Lehrers. Dabei besteht diese so lange und mühselig erstrebte Erleuchtung in nichts anderem als darin, dass endlich der völlig verdutzte Verstand still steht – was die therapeutische Übung des Nicht-Denkens nicht geschafft hat – und das Unbewusste, das Verdrängte, wieder durchbricht: Das jedem gesunden Kind eigene Erleben der Wirklichkeit dieser Welt und des gefühlsmäßigen Einsseins mit ihr und den Menschen, so dass nun Schüler und Meister gemeinsam in das Gelächter der Erlösten einstimmen. Das schließt allerdings nicht die Fähigkeit und den Gebrauch des rationalen Denkens aus und seine große Bedeutung auch für das neuzeitliche Japan.

Nun kann man sich zum therapeutisches Schreiben – und sei es nur ein Tagebuch – mit Recht ermutigen lassen, beim therapeutischen Lesen aber gar nicht wählerisch genug sein, wenn man wirksame Lebenshilfe, Heilung oder gar Heil sucht. Wer sich aber der Geschwätzigkeit der zahlreichen Bücher esoterischer Kultautoren mit ihren alten religiösen und zeitgemäßen wissenschaftlichen Begriffen aussetzt, findet nur eine Neuauflage des spätantiken Gnostizismus mit seinem Geheimwissen angeblich höchster Wahrheiten, damals einer Verbindung orientalischer Mysterienreligionen mit rationaler Philosophie, besonders Platons. Gelehrt wurde der Sturz der Seele in die niedere, materielle Welt, die gottfeindlich und zu überwinden ist, indem die in ihr gefangenen Lichtteile gesammelt und erlöst werden durch Gesandte des Lichts, die die wahre, volle „Erkenntnis“ (Gnosis) besitzen und lehren.

Die gleiche dualistische Sicht findet sich auch in den Büchern von Walsh, zuweilen paradox und scheinwissenschaftlich formuliert: „Die Seele ist es, die den Körper beherbergt. Der Körper lebt in dem Kraftfeld, das ihr eure Seele nennt. Dein Körper ist in der Energiekonfiguration innerhalb des lokalisierten Ausdrucks des Universellen Geistes, der die Essenz von Wer Du Bist, untergebracht.“ Was mit so vielen Fremdwörtern so hochgestochen von Prof. Dr. Gott persönlich offenbart wird, muss wahr sein, auch wenn es unverständlich ist – oder es ist Betrug mit leeren Worten, sophistisches Blendwerk. Dann sind es bestenfalls metaphysische Gedanken, die außerhalb des Denkens nichts besagen und denen die Realität abgesprochen werden muss, die sie der physischen Wirklichkeit absprechen. Als „Dualismus“ werden bezeichnet und ausdrücklich abgelehnt Unterscheidungen, die für Sozialethiken nicht relativierbar sind: die von Gut und Böse, von Richtig und Falsch und von Ich und Du, also auch von Ich und Gott. „Deine Seele, das bin ich“, sagt Gott; es gibt kein Gegenüber, kein Du und somit auch keine Ich-Du-Beziehung, weder unter Menschen noch zu Gott, der alles und allein Person ist. Menschen kann daher nur eine „transpersonale“ Psychologie und Psychotherapie helfen, jede personale ist verfehlt, der es um Stärkung des Selbstwertgefühls und der Beziehungsfähigkeit geht bei seelischen Störungen infolge früher Verletzungen des Vertrauens und Selbstvertrauens.

Liebe „ist das, was ich bin, und das, was du bist. Dein ganzes Selbst ist von ihr durchdrungen“ – leider selten, häufiger von Angst und Misstrauen, Schmerz und Trauer, Neid und Gier nach Sex, Geld, Ehre, manchmal von Wut und Hass bis hin zu Mordlust, da ich eben nicht Gott bin, sondern auch dunkle Seiten habe. Aber: „Wahre MeisterInnen sind immer voller Freude“, und: „Es gibt nichts zu tun, außer zu sein“. Also keine tätige Verantwortung für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit; keinen Antrieb zum Guten, zu Güte und Freundlichkeit, Vergebung und Versöhnung, Mut und Mündigkeit, Mitgefühl und barmherzigem Handeln angesichts des körperlichen, seelischen und sozialen Leidens so vieler Menschen; es gibt nichts zu tun für das Recht auf Leben, gegen die vielen Formen von Gewalt und für ihre Opfer, etwa von Völkermord. Warum und wozu auch, wenn es nihilistisch klingt: „Das Leben hat keinen Sinn und Zweck, außer dem, den wir ihm geben“. Außerdem kann man die Leidenden belehren: „In Wirklichkeit braucht ihr nichts, um glücklich zu sein.“ Da es ja angeblich nichts Böses gibt, wird eher gewarnt: „Wenn du dich einer Sache widersetzt, ist dies ein Akt, mit dem du ihr Leben verleihst.“

Nun, das mag gelten, solange der Widerstand noch schwach ist und gegen die Mächtigen nicht ankommt, aber auch Walsh wäre gefoltert und verbrannt worden ohne die vielen gewaltfreien Widerstandsbewegungen gegen die Macht der religiösen und weltlichen Obrigkeiten, ohne die Zeitalter der humanistischen Renaissance und der Aufklärung, ohne politischen Kampf für Menschenwürde und Menschenrechte, ohne Reformen und Revolutionen. Widerstand ist ein Motor menschlichen Fortschritts, und viele mutige Menschen folgten ihrem Mitgefühl für die Unterdrückten und setzten ihr Leben für andere ein, nicht wenige im Vertrauen und Hören auf Gott. Walsh aber geht es um die Gefühle an sich, wenn er schreibt: „Höre auf deine Gefühle. Folge deinen Gefühlen. Achte und ehre deine Gefühle. Gefühle sind die Sprache der Seele.“ Soll ich Groll, Eifersucht, Rachsucht und den vielen anderen feindseligen Gefühlen folgen, die meinen gestörten Beziehungen zu den anderen, mir selbst und Gott entspringen? „Es gibt kein 'richtig' oder 'falsch', es gibt nur das, was dir dient und was dir nicht dient.“ Den Satz hätte auch Hitler schreiben können, der ja dann nichts falsch gemacht haben kann.

Von den vier Wahrheiten Buddhas bleibt nur von der ersten, der Wahrheit vom schmerzlich empfundenen Leiden, ein abstrakter Gedanke übrig: „Vergänglichkeit ist die einzige Wahrheit“. Dabei ist sie doch nur ein im Einzelfall beeinflussbarer Bruchteil der schöpferischen Veränderlichkeit alles Geschaffenen, die durchaus positiv gesehen werden kann. Doch da der Leser vergesslich ist, lässt er sich auch noch von weiteren, der einzigen widersprechenden Wahrheiten den Kopf verwirren, z. B. „Das Leben ist ewig, und: Es gibt nur Einen von Uns. Diese beiden Wahrheiten sind alles, was ihr je zu wissen braucht.“ Das erübrigt immerhin das Lesen esoterischer Bücher. Doch da ist auch noch „Die Dreieinige Wahrheit: 1) Nichts in meiner Welt ist die Wirklichkeit. 2) Die Bedeutung von allem ist die Bedeutung, die ich ihm gebe. 3) Ich bin, wer ich sage, dass ich bin, und meine Erfahrung ist, was ich sage, dass sie ist.“ Es gibt zwar eine „kosmische Uhr“ und Wiederverkörperung, aber: „Es gibt keine Zeit“, „Du existierst überall und zu allen Zeiten“ und bist „imstande, Dein Selbst in so viele verschiedene »Selbst« zu unterteilen, wie es Dir beliebt“. So finden sich bei Walsh und seinem Gott oft gegensätzliche Aussagen, die dennoch so formuliert sind, dass sie Widersprüche ausschließen. Dazu werden sie übersteigert durch suggestiv wirkende Übertreibungen und Wiederholungen („absolut“ hundertfach) und durch häufige Superlative mit wechselnden Inhalten, wodurch die Texte unkritischen Lesern glaubwürdiger, wachsamen noch fragwürdiger werden: „Tiefstes Geheimnis (auch davon gibt es mehrere); reinste Form; größtes Verlangen, Geschenk, Moment, Freude; höchstes, nobelstes Gefühl; höchste Energie, Erfahrung, Lust, Liebe, Ebene, Wesen, Wohl, Sinn, Bewusstsein; erhabenster Gedanke; klarste Worte; bester, schnellster Weg; großartigster Begriff, Erfahrung; innigste Dankbarkeit; rascheste Methode; schnellste Form; machtvollste Erklärungen, Kraft; hellste Stunde“ – und viele andere, oft mehrfach wiederholt.

Letzten Endes dreht sich bei Walsch doch alles um das Ich, oder sagen wir lieber, da es ein Ich ja eigentlich nicht geben kann: um das Selbst, das sich aber gern als Du und als allmächtigen Schöpfer anreden lässt: „Du entdeckst dich nicht selbst, sondern du erschaffst dich neu. Trachte deshalb nicht danach, herauszufinden, wer-du-bist, sondern trachte danach zu entscheiden, wer-du-sein-möchtest. Begebenheiten, Ereignisse, Bedingungen und Umstände werden aus dem Bewusstsein geschaffen. Eure Seele hat nur einen Wunsch: Sie möchte ihren großartigsten Begriff von sich selbst in ihre großartigste Erfahrung verwandeln“, sprich: ihren krankhaften Größenwahn Wirklichkeit werden lassen. „Das, woran man denkt, darüber spricht und es tut, manifestiert sich in der Realität.“ „Wenn es einen Aspekt der Schöpfung gibt, der dir nicht gefällt, dann segne und ändere ihn einfach. Triff eine neue Wahl. Ruf eine neue Realität herbei.“ „Dann fange an, sie als Wahrheit auszusprechen. Bediene dich des großen Befehls, der die schöpferische Macht aufruft: Ich bin. Dies ist die stärkste schöpferische Aussage im Universum. – Da es der größte Wunsch der Seele – Gott – ist, sich selbst als den Schöpfer zu erfahren, und da alles schon erschaffen ist, hatten wir keine andere Wahl, als einen Weg zu finden, wie wir unsere ganze Schöpfung wieder vergessen können.“ „Die Seele hat alles. Alle Weisheit, alles Wissen, alle Macht, alle Herrlichkeit“. „Ihr seid immer unfehlbar erfolgreich.“ „Ihr seid die Magie.“ „Du bist, ganz buchstäblich, das Fleisch gewordene Wort Gottes“ – wie Jesus. „Mit einem Wort, s e i Gott.“

Mit solchen und vielen anderen Einreden und zu übenden Autosuggestionen wird wohltuend ein Selbst gefüttert, das Gott sein möchte, voller Sehnsucht nach Unsterblichkeit und Macht über die Wirklichkeit; sie lassen ahnen, was die zahlreichen zahlungsfähigen Leser suchen, mit welchen trügerischen Hoffnungen auf Glück das schwache Ich getröstet und – scheinbar – gestärkt wird, und was seine tiefen Ängste mildert. Daneben wird aber auch als magische Methode ein Gebet empfohlen: „Ich danke dir, Gott, dass du mir Erfolg bringst.“ So bleibt Gott, wer auch immer damit gemeint ist, gar nichts anderes übrig als das, was er tun soll, schon gewollt und getan zu haben, bevor ihm dafür gedankt wird. Dabei steht Walsch nicht als Geschöpf vor dem Schöpfer, sondern „Was immer du bist, das erschaffst du.“ Und was ist mit den vielen real verhungernden Kindern, den Verfolgten und Vertriebenen, den Vergewaltigten und Gefolterten, den an schweren seelischen Störungen Leidenden, den tödlich Erkrankten und Sterbenden? Sie sind im Grunde selber schuld und werden in solchen Büchern auch einfach ausgeblendet. Doch ihren Lesern wird nicht alles erspart bleiben, und dann helfen weder Bücher noch Menschenweisheit, wie mir eine sterbende Anthroposophin anvertraute. Dann ist es aus mit der „Energie, die ihr Leben nennt. Ihr könnt auch das Wort »Gott« dafür benutzen“, und es ist Schluss mit der eingebildeten Macht: „Man kann sein, tun und haben, was immer man sich vorstellt.“

Nach Walsch gibt es ja gar keine physische Realität, auch nicht eine des Bösen; es gibt sie nur als selbstgeschaffene Illusion in meiner Einbildung, die ich beliebig ändern kann: „Akzeptiere die (unerwünschte) Realität als deine Schöpfung und trifft dann die Wahl, ob du sie beibehalten willst oder nicht. Nur die Tatsache, dass du die Illusionen für Wirklichkeit hältst, verursacht Schmerz. – Nichts ist schmerzvoll in dem Moment, in dem du begreifst, dass nichts real ist. Das gilt für den Tod wie für das Leben. Wenn du verstehst, dass auch der Tod eine Illusion ist, dann kannst du sagen »Tod, wo ist dein Stachel?« Du kannst dich sogar am Tod erfreuen!“ Hier wie auch sonst werden tröstliche Verse aus dem Neuen Testament missbraucht, um sich vor Mitgefühl zu schützen mit dem oft sehr schweren und leidvollen Sterben von Menschen, die von anderen gequält oder zu Tode gefoltert werden, die an Bronchialkrebs ersticken oder anderen schweren Krankheiten dahinsiechen. Walsh sollte für einige Wochen einen Seelsorger begleiten, der sterbende Kinder und Erwachsene in Kliniken und Gefangene vor ihrer Hinrichtung besucht, damit die ichbezogene Illusion eines heilen Lebens zerbricht und dem Erschrecken und der Trauer Raum gibt über so viel Unheilbarkeit – auch von schweren seelischen Störungen – und über die Ohnmacht angesichts des Leben zerstörenden Bösen, auch und gerade im Menschen selbst. Am Ende helfen keine großen Worte mehr und auch keine mystischen Erlebnisse, sondern nur noch das Vertrauen und Erleben, von Gott und wenigstens einem nahen Menschen geliebt zu werden mit aller Unvollkommenheit, Widersprüchlichkeit und Ungöttlichkeit, die zu der geschöpflichen Wirklichkeit des Menschen gehören. Hierzu weise ich hin auf die gründliche Abhandlung von Professor Dr. Ulrich Eibach: Sehnsucht nach „ganzheitlichem“ Heilsein. Psychotherapie und Esoterik. (www.iguw.de).

Trotz der z. T. mit Recht kritischen Ablehnung der Bibel werden ihr gelegentlich passende Zitate entnommen, ohne auf deren Quelle hinzuweisen, und natürlich findet sich auch sonst manche altbekannte Weisheit: „Wenn du auf deine Seele hörst, wirst du wissen, was das »Beste« für dich ist, denn das Beste für dich ist das, was für dich wahr ist.“ Das Beste für mich ist tatsächlich, mich in meinem Denken und Fühlen, Wollen und Handeln nicht von außen, von Menschen und Büchern leiten zu lassen, sondern in mich hinein zu hören und mich von dem Geist leiten zu lassen, der in mir ist und mir sagt, was für mich wahr und gut ist. Wenn ich für seine Eingebungen nicht ganz taub und blind bin und noch ausreichend Vertrauen habe auf mich selbst und diese innere Stimme, werde ich immer mündiger und zugleich wachsamer gegenüber den Machenschaften der Lehrer angeblich göttlicher Weisheiten und übernatürlicher Wahrheiten. Dann suche ich Orientierung für mich und mein Leben, insbesondere für meine Beziehungen, zunächst in mir und erst danach nach möglicher Übereinstimmung mit überlieferten Ansprüchen auf Offenbarung. Aber ich prüfe die ja immer fragwürdigen und nicht selten anrüchigen Quellen und mache nicht den Fehler, dass ich mich zwar abkehre von alten Institutionen und ihren Vertretern und Lehren, zu denen ich mit Recht das Vertrauen verloren habe, aber anschließend mich von neuen Instanzen abhängig mache und mich von ihnen unkritisch bevormunden lasse.

So kann ich z. B. im Widerspruch zu allen Theologien selbständig und nichtreligiös in den Evangelien forschen, ob Jesus wirklich ein Religionsstifter oder Kirchengründer sein wollte oder ob er einfach das wahre Mensch- und Gottsein in seiner ganzen Fülle verkörpert, schon die früheste Überlieferung sein Licht aber wieder verdunkelt hat, etwa durch Hinzufügung des herkömmlichen janusköpfigen Gottesbildes, das bis heute mehr Angst als Vertrauen bewirkt. In diesen Quellen finde ich – neben manchem Unglaubwürdigen – so viele vertrauenswürdige, ursprünglich gesprochene Worte der Wahrheit und des Lebens wie nirgendwo anders und erkenne, dass die auch für mich wesentlichen Werte und Ziele tatsächlich Gestalt geworden sind in einem sichtbaren, hörbaren, anfassbaren, leibhaftigen, liebenden und leidenden Menschen. Ich lese, dass er allen Freund und Bruder sein wollte und seine Liebe sich in tatkräftigem Mitgefühl auch für Kinder und besonders für Leidende aller Art zeigte, dass er den nicht Schriftkundigen die Augen für die gegenwärtige Wirklichkeit dessen öffnete, den er seinen Vater nannte, und Einspruch erhob gegen die Macht der Wortgewaltigen und Sprachmächtigen, die die „Schafe, die keinen Hirten haben,“ damals wie heute in Unmündigkeit und Abhängigkeit hielten und halten.

In der Beziehung zu ihm, dessen Worte, wenn sie echt sind, mit der Stimme in mir übereinstimmen, darf ich wieder vertrauen wie ein Kind und kann wie er verzichten auf schwammige Begriffe wie „religiös“, „mystisch“, „spirituell“ und „christlich“. Ihm vertrauen genügt, um zu erfahren, dass sein Geist der Wahrheit mich zu seinem Frieden leitet, meine Beziehungen zu ihm, den anderen und mir selbst heilt und mein Leben mit Sinn erfüllt. Ich muss nicht die Realität des Elendes so vieler Menschen dadurch ändern, dass ich sie für meine Konstruktion halte und einfach nicht mehr wahrnehme, indem ich für mich eine künstliche Realität schaffe, die mir gefällt, sondern meine „Vernunft“ lässt mich die Stimme der Wahrheit „vernehmen“, die mich zu mitfühlendem Tun veranlassen will im Wissen um die Abhängigkeit jedes Ich vom Du Gottes und der Menschen. „Jemanden zu brauchen ist der schnellste Weg, eine Beziehung abzuwürgen“, widerspricht jeder Lebenserfahrung vom Säugling bis zum Greis. Beide werden auch gebraucht, um mitfühlendes Tun zu üben und so – und nur so – Mensch zu sein und den anderen wie sich selbst ganzheitlich zu lieben, so wie er wirklich ist mit seinen Schattenseiten: widersprüchlich und ängstlich, zu Irrtum und allem Bösem fähig, schwach und anfällig, zerbrechlich und sterblich.

Damit beende ich meine „Übersetzung aus dem geeinten Nicht-Physischen in das Individualisierte Nicht-Physische“ und höre lieber auf den Vater Jesu, der anstatt zum Kopf zum Herzen und auch für Kinder verständlich spricht, wie es jede Mutter kann und sogar Walsh im Widerspruch zu allem vorher Geschriebenen tut in „Neue Offenbarungen“: „Um das Leben zu erschaffen, das ihr euch für euch selbst und für alle anderen ersehnt, müssen ein paar große Dinge getan werden. Doch die gute Nachricht ist, dass es nur kleiner Dinge bedarf, um sie zu tun: – Ein Lächeln – Eine Berührung – Ein Lachen – Ein Entschluss zu vergeben – Eine Botschaft zu teilen – Eine Fähigkeit, zu weinen und das Weinen anderer zu hören – Eine Liebe zum Leben – Ein Vertrauen in Gott – Ein gegenseitiges Akzeptieren – Eine Wahl, als Eins zu leben – Ein Entschluss, es zu wagen.“ Diese gute Nachricht findet sich seit 2000 Jahren in den Evangelien. Wilhelm Prasse, 14.8.04
[Vortrag in der Quäkergruppe Freiburg]

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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