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k) Evangelien mündig lesen




Der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch hat einmal einen Hirtenbrief verfasst: „Wir, die Kirche, haben in aller Freundschaft Gott, dem Herrn, nahe gelegt, doch das Weite aufzusuchen und doch gleich alles mitzunehmen, was die Kirche immer schon gestört, nämlich seine wolkenlose Musikalität, seine Leichtigkeit und vor allem Liebe, Hoffnung und Geduld, seine alte Krankheit, alle Menschen gleich zu lieben, seine Nachsicht, seine fassungslose Milde, seine gottverdammte Art und Weise, alles zu verzeihen, und zu helfen sogar denen, die ihn stets verspottet, seine Heiterkeit, sein utopisches Gehabe, seine Vorliebe für die, die gar nicht an ihn glauben, seine Virtuosität des Geistes über alle und allenthalben, auch sein Harmoniekonzept bis zur Meinungslosigkeit, seine unberechenbare Größe und vor allem seine Anarchie des Herzens ..." Doch er lässt den größten Teil der Menschen aufatmen: „Gott sei Dank! Endlich ist er frei. Kommt, wir suchen ihn."

Aber sind wir frei genug von erlernten, seit Jahrhunderten tiefverwurzelten Voreinstellungen, Vorurteilen und Ängsten, um nicht nur lange geglaubte Überlieferungen mutig zu bezweifeln, sondern dann selbstständig denkend und forschend ihre Quellen zu überprüfen, ob sie nicht doch wegweisend Sinn und Ziel unseres Lebens erhellen und unsere tiefsten Fragen beantworten können, und dabei auf den Geist des Lichtes und der Liebe i n uns zu vertrauen, ohne den es nach George Fox, dem Gründer der Quäker, sehr gefährlich ist, die alttestamentlichen Geschichten zu lesen – und, möchte ich ergänzen, unmöglich, die neutestamentlichen zu verstehen? Die Zeiten sind ja vorbei, in denen – wie zeitweise in England – die Bibel als das gefährlichste Buch für die Macht von Staat und Kirche angesehen und ihr Besitz in der Landessprache mit dem Tode bestraft wurde. Heute gilt dieses Buch als durch die christliche Auslegung so entschärft, kraftlos und harmlos, dass es jeder in seiner Sprache und gleich in mehreren Übersetzungen kaufen und lesen kann, ohne dadurch zur der Nachfolge Jesu bewegt zu werden, die das Leben der Einzelnen wie der Gesellschaft grundlegend verändern würde.

Stattdessen wurde Jesus zum Religions- und Kirchengründer umgedeutet, und die persönliche Ich-Du-Beziehung zu Gott, in der ganzen Bibel Vertrauen genannt, durch „Glauben an" ersetzt: an Gott, Jesus, den Heiligen Geist, die Kirche, die Bibel und ihre kirchliche Auslegung. So wurde aus der ursprünglichen Erfahrung des auferstandenen und jeden Menschen erleuchtenden Jesus (Joh. 1,9), der nicht angebetet werden wollte, der sonntäglich gemeinsam bekannte Glaube an die Auferstehung und an andere Dogmen. Erst in der Neuzeit, nach 1500 Jahre langem Machtmissbrauch, nahmen sich mündig gewordene Menschen die Freiheit, den Gott, den sie brauchen, auf eigene Faust zu suchen, sei es als inneres Licht im eigenen Herzen, sei es als äußeres Licht in überlieferten Zeugnissen. Einige dieser Gottsucher sind so weltlich, dass sie dabei auf schwammig gewordene Begriffe wie religiös, mystisch, christlich oder spirituell verzichten, um nicht wieder in einer der herkömmlichen Schubladen der Religionsgeschichte zu landen.

Sie wollen sich ja nicht mehr von Menschen leiten und festlegen lassen wie unmündige Kinder, sondern im Vertrauen auf ihre eigene Vernunft die Überlieferungen kritisch prüfen, um sich dann selbst neu zu orientieren auf dem Boden ihrer Einsicht und Erfahrung, ohne Angst, dadurch in Widerspruch zu bisher anerkannten Autoritäten zu geraten. Die wachsende Anzahl von Wissenschaftszweigen, die mit ihren Forschungen dem „Laien", der z. B. die alten Sprachen nicht beherrscht, eine Hilfe sein können, werden ebenso dankbar begrüßt und genutzt wie die moderne Theologie, wenn ihre Ergebnisse außerhalb der Universitäten auch kaum bekannt und den Gemeinden meistens verschwiegen werden. Die begründete Angst aller Institutionen und ihrer Vertreter vor den Folgen der Veränderung allein des Gottesbildes und des Menschenbildes, um deren Befreiung von Angst es Jesus ging, ist die gleiche wie zu seiner Zeit: Die von ihm gewollte, von Vertrauen auf Gott und einer neuen Art zu lieben erfüllte Gesellschaft der Freunde schließt jede Form der Herrschaft von Menschen über Menschen aus und verheißt stattdessen die unmittelbare Führung jedes Menschen durch den Gott ein, den Jesus „Vater" und „Geist" nannte. Jesus nachzufolgen und sich von den historisch-kritisch gelesenen Evangelien inspirieren zu lassen, bedeutet ja nicht, eine der vielen Auslegungen zu übernehmen, womöglich sogar eine biblizistische, fundamentalistische oder evangelikale, sondern gerade sich davon frei zu halten und stattdessen auf den Geist Gottes im eigenen Herzen zu hören.

Es genügt die Hoffnung, dass im Laufe der Menschheitsgeschichte der Unnennbare sich wenigstens einmal deutlich und eindeutig offenbar hat, um den Menschen, die ihn mehr als alles andere brauchten, aber religiös irregeführt und verängstigt worden waren, zu sagen und zu zeigen, dass Gott nur Licht, gut, barmherzig, Leben schaffend, segnend, vergebend ist. Es genügt die Hoffnung, dass dieses Licht in den Evangelien erkennbare Spuren hinterlassen hat und tief im eigenen Inneren als gegenwärtig erfahrbar ist als ein Ich, ein Gegenüber, das väterlich-mütterliche Liebe ist. Natürlich sind die schriftlichen Quellen des äußeren Lichtes wie die des inneren von Anfang an verunreinigt, gefärbt, verdunkelt und angereichert, z. B. mit kulturellen Überlieferungen und mit Deutungen, die der Zeitgeschichte und den Persönlichkeitsstrukturen der Menschen damals wie heute entsprechen und oft viel zu tun haben mit erlebten Ereignissen und beängstigenden oder kränkenden Erfahrungen.

Dennoch sollten wir nicht das Kind mit dem Bade ausschütten, sondern der Empfehlung von Adrian Plass folgen: „Wir werden Jesus erst dann nachfolgen wollen, wenn wir ihn gut genug kennen, dass uns die Nachfolge lohnenswert erscheint ... Es gibt eine praktische Methode, wie wir diese Freundschaft mit Gott beginnen (oder von neuem aufbauen) können. Sie hat sich bei vielen Menschen bewährt. Nehmen Sie einmal die Evangelien zur Hand – oder eines der Evangelien, zum Beispiel das des Johannes. Vergessen Sie alles (oder versuchen Sie jedenfalls, so viel wie möglich davon beiseite zu schieben), was Sie Ihrer Meinung nach alles über Jesus wussten, dann lesen Sie den Text und finden Sie heraus, was er wirklich sagte und tat. Das Resultat wird Sie möglicherweise schockieren. Wenn Sie Ihre geistlichen Ohren offen halten, werden Sie überrascht sein, wie viel Ihnen der Heilige Geist durch Ihre Entdeckungen zu sagen hat. Wenn Sie dann das Gefühl haben, dass Sie Antwort geben wollen und ein Gespräch zustande kommt – tja, dann sind Sie auch schon beim Beten!" (aus: Ansichten aus Wolkenkuckucksheim, Brendow Verlag, Moers 1992, S. 69/70)

Beim kritischen Forschen in den Evangelien kommen wir nicht um die Frage herum, welche Worte Jesu und Erzählungen über ihn echt, authentisch, glaubwürdig sind. Am ehesten sind es wohl die, die sonst nirgendwo zu finden sind, also nicht aus anderen Quellen stammen. Beispiele dafür könnten sein: Seine Worte über Kinder als Vorbild, über ewige Lebensqualität jetzt, Frieden, Freude, Liebe, Licht, heiligen Geist, seine Radikalisierung der alten Gebote, seine Anrede Gottes als Papa, sein Angebot, Freund und Bruder zu sein und einander Freunde und Geschwister zu werden, von neuem geboren zu werden, seine Gefühle wie: er weinte, zitterte, war schwach, fauchte, umarmte, herzte. Wer hat sich so eingesetzt für Arme und Kranke, Kinder und Frauen, Andersgläubige und Gesetzesübertreter, nannte seinen Verräter Freund, vergab sterbend seinen Mördern – und wurde für all das verrückt genannt? Einzigartig sind auch seine vielen Verheißungen tiefsten Glücks, die z. T. an die des ersten Bundes anschließen, wie etwa an Jeremia 29,13.14: „Wenn du mich von ganzem Herzen suchst, will ich mich von dir finden lassen." Jesus ergänzt dazu in Johannes 14,21: „Wer mich liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren."
[Vortrag in Freiburg am 17.5.04; gedruckt in "Quäker" Nr. 2 März/April 2007, S. 61-63]

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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