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a) Anstelle einer Autobiografie

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Zum Tod meines besten Freundes

Ansprache bei der Trauerfeier am 30.9.94

Wir trauern um Klaus, und als Freund, der selber trauert, bin ich gebeten worden, diese Trauerfeier zu leiten. Zu Beginn möchte ich die Losung vom heutigen Freitag lesen und das darunter stehende Gebet von Martin Luther: "Ihre Wege habe ich gesehen, aber ich will sie heilen und sie leiten und ihnen wieder Trost geben", spricht Gott durch Jesaja. Vater meines Herrn Jesus Christus. Du Gott allen Trostes, ich danke dir, dass du mir deinen lieben Sohn Jesus Christus geoffenbart hast, an den ich glaube. Lass dir mein Leben befohlen sein. Ich weiß: Niemand kann mich aus deinen Händen reißen. Du hast mich erlöst, treuer Gott." Amen. Lasst uns nun das Lied singen, das auf dem Liedblatt an zweiter Stelle steht: "Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer", ein Lied, das Klaus mochte. Es lohnt sich, sich einige Zeit in den Text dieses Liedes zu vertiefen, das das Denken und Fühlen von Klaus angesprochen hat.

Klaus wurde am 27. April 1932 in Hannover geboren. Die erste Zeit seines Lebens verbrachte er in einem Kinderheim, bis seine Großeltern, die er sehr liebte, ihn zu sich nahmen. Wir lernten uns schon als Kinder kennen, da wir in der gleichen Straße wohnten und in der gleichen Gruppe von Kindern fast jeden Nachmittag zusammen "Eckenkucker Karo!" spielten, wobei uns besonders die um die Kellerfenster herum neu errichteten Betonblöcke als Versteck dienten, die damals gegen die Wirkung von Sprengbomben schützen sollten. Am Nachmittag des 8. Oktober 1943 verabredeten wir, uns in der kommenden Nacht im nahen Bunker unter einer Schule zu treffen und Spiele mitzubringen. Als die Tür wieder geöffnet wurde, brannte rings herum halb Hannover. In dieser Nacht wurden 250.000 Menschen obdachlos, darunter auch wir beide. Einer von uns fand später die neue Anschrift des anderen mit Kreide auf die Trümmer geschrieben, und so entspann sich ein Briefwechsel von Oberkassel am Rhein zu mir ins Kinderlandverschickungslager Schaumburg und nach dem Kriege von Liekwegen bei Stadthagen, wo er die Oberschule besuchte, nach Hannover. 1947 besuchte ich ihn dort im Weserbergland für einige Tage, und wenn er nach Hannover kam und seine Großeltern besuchte, kam er täglich auch zu mir.

1949 zog er ganz zu seinen Großeltern, um zur Chemieschule zu gehen. Oft haben wir uns damals zu langen Gesprächen getroffen, dann nach Hause gebracht und, wenn das Gespräch noch nicht beendet war, wieder zurückgebracht - manchmal bis tief in die Nacht hinein. Ich erinnere mich auch noch gut an eine 14-tägige Fahrrad-Rundtour zu Viert mit eigenen Zelten im Sommer 1952. Seine erste Arbeitsstelle fand Klaus als Chemotechniker bei Knapsack-Griesheim in Hürth, wo er sieben Jahre lang tätig war. 1956 haben wir uns zusammen 2 Wochen lang auf einer Nordseeinsel erholt und 1957 dort gemeinsam an einer christlichen Jugendfreizeit teilgenommen. Um dem über seiner Arbeitsstelle und der ganzen umgebenden Landschaft liegenden Duft nach Chemie zu entgehen, machte Klaus ab 1959 noch eine dreieinhalbjährige Zusatzausbildung in Lübeck-Schlutup als Physikingenieur. Danach arbeitete er bei der Firma Phywe hier in Göttingen, wo er ja auch Dich, Rosemarie, kennen lernte und am 25. Oktober 1963 heiratete.

Da ich 1964 nach Göttingen kam, um dort mein Studium zu beenden, habe ich hier auch Dich, liebe Rose, kennen gelernt. In den Mittagspausen holte ich damals manches Mal Klaus von der Arbeit ab und ging mit ihm auf dem nahe gelegenen Friedhof spazieren - es waren kurze, aber gute Begegnungen. 1967, als ich Göttingen wieder verließ, wechselte Klaus die Arbeitsstelle, und nun ist er 26 Jahre lang bei der Firma Sartorius in Weende tätig gewesen. Heute, am 30. September, wäre sein letzter Arbeitstag gewesen, der Beginn eines neuen Lebensabschnittes, wenn Klaus nicht am vergangenen Montag morgens um 7.35 Uhr auf seinem gewohnten Weg zur Arbeit, auf einem Fahrweg, der für Autos nicht zugelassen ist, als Radfahrer von einem Auto überholt, gestreift und getötet worden wäre.

"Kein Sonnenstrahl geht verloren", heißt es in dem Wort von Albert Schweitzer, das du, Rose, über die Todesanzeige gesetzt hast; und doch ist es für mich und sicher auch für euch, als ob jetzt eine Sonne untergegangen ist, die unser Leben - auch mein Leben - erwärmt und erleuchtet hat. Es war ihm nicht - wie es weiter heißt in diesem Wort von Albert Schweitzer - "beschieden, die Ernte mitzuerleben" eines 62 Jahre währenden Lebens, diese letzte Phase des Wachsens und Reifens und Vollendens, ja, Vollendetwerdens, wo sich das Leben abrundet zu einem Ganzen, wo die Bruchstücke sich zusammensetzen, wo - frei von den Zwängen der Berufstätigkeit - sich noch entfalten kann, was zu kurz gekommen ist, gerade in den Beziehungen zu Menschen, zu Freunden, zur eigenen Familie und - nicht zuletzt - zu dem, dem wir unser Leben verdanken; die Phase, wo wir auch endlich Ruhe haben, um zu uns selbst zu kommen, um zum Frieden zu finden mit uns selbst und mit unserem Leben. Aber - wenn ich genau hinschaue - erscheint mir doch unser aller Leben bruchstückhaft. Auch wenn wir wirklich alt und müde und lebenssatt sterben, anstatt getötet zu werden, steht unsere letzte Vollendung als Menschen noch aus; dazu ist die Zeit dieses Lebens zu kurz. Diese Vollendung geschieht in der Ewigkeit.

Ich möchte nun noch etwas sagen zu dem, was Klaus in seinem Leben - in seinem ganzen Leben - wesentlich bestimmt hat, was Sinn und Ziel seines Lebens war, was ihn ausgefüllt hat, was ihn wesentlich bewegt hat, was sein Antrieb war, was ihn erfüllt hat, nicht nur im Denken oder Wollen, sondern auch im Fühlen und im Handeln. Das nun ist nicht verständlich ohne die lebensgeschichtlichen Erfahrungen seiner Kindheit. Von den ersten 13 Lebensjahren hat Klaus 11 Jahre unter einer lebensfeindlichen, menschenverachtenden Diktatur gelebt; sechs Jahre davon waren Krieg. Auch Klaus wurde - wie die gesamte männliche Jugend jener Zeit - in Schule und Hitlerjugend dazu erzogen, zu töten und sich töten zu lassen, andere und sich selbst zu opfern für die Götzen Führer und Volk, Blut und Rasse, Nation und Vaterland. Nach dem Krieg, als wir durchschauten, mit welchen falschen Werten wir verführt worden waren, gehörten wir zu einer Jugend, die keine Orientierung mehr hatte und zu nichts und niemandem Vertrauen, denn alle Autoritäten hatten versagt. Aber wir jungen Menschen brauchten doch etwas, woran wir glauben und uns ausrichten konnten, etwas, das uns wieder Hoffnung gab, wieder ein Ziel, unserem Denken einen Inhalt, unserem Leben einen Sinn.

Wir suchten einen "Menschen gegen den Ungeist der Zeit" und fanden ihn in Albert Schweitzer, der zunächst Theologie studiert und doziert hatte, dann Medizin studierte, um Missionsarzt zu werden, der dicke Bücher schrieb über die Leben-Jesu-Forschung und über Johann Sebastian Bach, der hervorragend Orgel spielte und selber das Handwerk des Orgelbaues erlernt hatte. Dieser Mann war für uns glaubwürdig, denn was er lehrte, "Die Ehrfurcht vor allem Lebendigen", das lebte er auch in Lambarene im französischen Kongogebiet, um praktisch Leben zu fördern. Und es lag ihm eben nicht nur das Leben der einheimischen Aussätzigen am Herzen, sondern auch das Leben der Tiere, und wo er irgendwo in der Welt menschenverachtende oder lebensverneinende Tendenzen erkannte, da erhob er seine warnende Stimme, z. B. mit Albert Einstein und vielen anderen gegen den Bau und die Anwendung von Atom- und Wasserstoffbomben. Nicht umsonst wurde er weltweit bekannt und geehrt, unter anderem auch 1952 mit dem Friedens-Nobel-Preis. Obwohl er sich dazu bekannt hat: "Jesus hat mich einfach gefangen genommen seit meiner Kindheit", gibt es christliche Gruppen, die ihn nicht als "gläubig" ansehen, weil er den Widerspruch zwischen der Lehre Jesu und der Praxis in den Kirchen erkannt hatte, darunter litt und sich deshalb allen dogmatischen Zwängen entzogen hat und ein freies Christentum forderte. Aber gerade dadurch hat Albert Schweitzer wohl diesen großen Einfluss auf viele Menschen gehabt, die wie Klaus und ich kirchlich nicht gebunden waren. "Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben", schrieb Albert Schweitzer, "hat religiösen Charakter. Der Mensch, der sich zu ihr bekennt und sie betätigt, ist in elementarer Weise fromm." Ich denke, dass Klaus diese elementare Frömmigkeit empfunden hat bei seinen täglichen Spaziergängen im Walde und bei seiner Arbeit in den großen Gärten, die er mit sehr viel Mühe und Liebe gepflegt hat bis zum letzten Tag. Dort war er seinem Schöpfer und der Schöpfung am nächsten und wohl auch sich selbst. Dort kam er zu sich und fand er immer wieder sein Gleichgewicht. Wie kindlich konnte er sich freuen über die Sonne und jeden wärmenden Sonnenstrahl genießen!

Klaus war wie Albert Schweitzer und viele Männer sehr zurückhaltend in Äußerungen über sein religiöses Leben wie überhaupt über sich selbst und seine Gefühle, doch hinter der manchmal rauen Schale verbarg sich ein weicher Kern. Das zeigte sich zum Beispiel in seiner großen Hilfsbereitschaft, wenn irgendjemand ihn brauchte, und in seiner großen Treue, die ich auch erfahren habe in einer Freundschaft, die mehr als fünfzig Jahre dauerte. Gewiss hatte Albert Schweitzer recht, als er schrieb: "Viel Kälte ist unter den Menschen, weil wir es nicht wagen, uns so herzlich zu geben, wie wir sind." Wie viele andere, hat auch Klaus darunter gelitten, dass das so ist, wie wir am Anfang in der dritten Strophe des Liedes gesungen haben: "Und dennoch sind da Mauern zwischen Menschen, und nur durch Gitter sehen wir uns an. Unser versklavtes Ich ist ein Gefängnis und ist gebaut aus Steinen unserer Angst." Aber die großen Ziele der Menschheit - Freiheit, Friede und Gerechtigkeit - bei denen es sich ja um gleichgewichtige Beziehungen der Menschen untereinander handelt, waren für Klaus untrennbar verbunden mit gleichgewichtigen Beziehungen zwischen Mensch und Natur und mit dem Gleichgewicht der Natur selber, das es zu bewahren und da, wo es zerstört ist, wiederherzustellen gilt. Das hat auch seinen Umgang mit Tieren und Pflanzen in seinen Gärten ständig bestimmt. Es war auch ein Gesprächsthema, auf das Klaus immer wieder zurückkam bei unseren Spaziergängen in den letzten zwölf Jahren hier in den Wäldern, wenn ich ihn - leider viel zu selten - einmal im Jahr ein Wochenende lang besuchen konnte.

Klaus, der sich beständig informierte über die Gefährdungen des Lebens auf dieser Erde und einen wachen Blick hatte für die schon eingetretenen Schäden an Menschen, Tieren und Pflanzen - auch durch den ständig wachsenden Straßenverkehr - , Klaus, der vielleicht als einziger Einwohner von Lenglern bewusst auf einen Führerschein verzichtet hatte, der im Auto einen modernen Götzen sah, dem Jahr für Jahr auf dieser Erde Hunderttausende von Menschen geopfert werden, wurde nun selbst eines dieser Opfer. Wenn wir ihn fragen könnten nach dem Sinn dieses seines Todes, würde er uns vermutlich antworten: "Wachet auf und erkennt, wie zerbrechlich der Mensch ist, wie schnell auch ihr Opfer oder Täter werden könnt! Meidet das Autofahrern, so oft es nur möglich ist, und fahrt vorsichtig, nicht aus Angst, sondern aus Ehrfurcht vor allem Lebendigen, auch vor eurem eigenen Leben!"

Wer den Lebensstil von Klaus aus der Nähe erleben konnte, war gewiss manchmal überrascht, erstaunt, vielleicht sogar erschrocken, wie konsequent, asketisch, manchmal hart Klaus sein konnte; nicht etwa aus Geiz, denn er spendete jeden Monat mehrere hundert Mark für humanitäre Zwecke, zum Beispiel auch für die Albert-Schweitzer-Kinderdörfer, sondern um sich selbst und seinen Überzeugungen treu zu bleiben. Dass die spätere Entwicklung von Klaus und mir verschieden verlief und jeder von uns seinen eigenen Weg ging, hat unserer Freundschaft keinen Abbruch getan. Sie behielt die Bedeutung, die wir ihr schon als junge Menschen gewünscht hatten, als wir bei Albert Schweitzer lasen: "Teile von deinem geistigen Wesen denen, die mit dir auf dem Wege sind, soviel mit, wie du kannst, und nimm als etwas Kostbares hin, was dir von ihnen zurückkommt." Wir Menschen sind zwar nur kleine Lichter, doch habe ich und hat wohl jeder, der Klaus kennen gelernt hat, etwas von dem Licht wahrgenommen, das in ihm leuchtete und aus ihm herausschien. Auch für dieses Licht, das uns erreichte, gilt: "Kein Sonnenstrahl geht verloren."

Ich schließe mit den Losungen des Todestages und dem darunter stehenden Gebet von Augustinus, das Klaus wohl hätte mitsprechen können: "Suchet den Herrn, so werdet ihr leben", spricht Amos. Und aus der Apostelgeschichte: "Gott hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, damit sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten.." "Herr, zu dir hin hast du mich geschaffen, und ruhelos ist mein Herz, bis es Ruhe findet in dir. Zu eng ist das Haus meiner Seele, um dich aufzunehmen: Erweitere du es! Schadhaft und hinfällig ist es: Erneuere du es! Wen anders soll ich anrufen als dich allein?" Amen.

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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