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Begrüßung anlässlich des Goldenen Abiturs 1999

Verehrte Damen, liebe ehemalige Mitschüler, ich möchte alle Anwesenden ganz herzlich begrüßen und für ihr Kommen danken. Ich freue mich sehr, dass so viele die Einladung von Detlev und Dieter angenommen haben. Das zeigt auf der einen Seite, dass Ihr beide Eure Sache sehr gut gemacht habt, auf der anderen Seite, dass in unserem Alter das Wiedersehen einiger alter Schulkameraden ein wichtiges Bedürfnis ist. Ich bin um diese Begrüßung gebeten worden, weil ich vorgeschlagen hatte, anlässlich des Goldenen Abiturs von sehr wenigen ein privates Treffen aller Klassenkameraden der letzten Schuljahre auf der Schaumburg zu veranstalten, und weil ich dazu einige Vorarbeiten geleistet hatte, die ich nachher Euch allen anbiete, insbesondere die Sammlung von Namen und Anschriften. Den Grund dafür versuche ich gleich verständlich zu machen.

Leider konnten Peter Witten, Bruno und Gerhard Bode nicht kommen. Eberhard Fischers Aufenthalt ist unbekannt, und mancher wird diejenigen vermissen, die schon vor uns diese Welt verlassen haben: Dieter Haroske, Wolfgang Vorhauer, Edzard Cremer, Helmut Scharnofske und - vor zwei Monaten - Fritz Paulsen. Dazu möchte ich vorlesen, was Ende 1995 über der Todesanzeige von Edzard Cremer stand, ein Wort des Paulus an die Römer: "Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn."

Wir, die wir - noch - leben und denen es, wie ich sehr hoffe, gut genug geht, um darüber froh und dankbar zu sein, wir können heute und morgen versuchen, aus dem anfänglichen Nebeneinander oder gar Fremdsein ein Miteinander, vielleicht sogar - wieder - ein Vertrautsein wachsen zu lassen. "Das Gelingen dieses Treffens", schrieb uns ja Dieter Schönberg, "hängt wesentlich von unserer Bereitschaft ab, aufeinander zuzugehen". Das setzt eine Offenheit voraus, die wir in unserer Schulzeit kaum wagen und lernen konnten und wohl auch schwer hätten lernen können, wenn Hitler seinen Krieg gewonnen hätte, oder wenn Stalins Armeen bis zum Rhein vorgedrungen wären und dort heute noch stünden, oder wenn der schon 1948 drohende dritte Weltkrieg. ausgebrochen wäre. Hätten wir dann eine Chance oder auch nur den Mut gehabt zur Entwicklung einer eigenen, mündigen Persönlichkeit? Oder hätten wir uns äußerlich oder gar innerlich uniformieren lassen?

Wir hatten Glück und erlebten staunend und dankbar das Entstehen einer freiheitlichen und sozialen Demokratie auf der Grundlage der Menschenrechte, Wiederaufbau, wachsenden Wohlstand und - nicht zuletzt - Frieden bis heute. Was hat nun dieses halbe Jahrhundert aus uns für Menschen werden lassen? Das ist eine der Fragen, mit denen wir bei dieser Wiederbegegnung nach so langer Zeit aufeinander zugehen könnten. "Na, dann fang Du mal an!", denkt jetzt wohl der eine oder andere von Euch. Nun, wenn ich Offenheit erwarte, muss ich auch selbst wagen, mich - ein wenig - zu öffnen. Ich will es kurz versuchen.

Das Grundthema meines Lebens - gewissermaßen der rote Faden - scheint mir gewesen zu sein: Das Verlieren, Suchen, Verfehlen und Wiederfinden von Vertrauen: zu den anderen, mir selbst und Gott; vielleicht, weil mein Urvertrauen schon im Alter von sechs Monaten so gestört wurde, dass ich seitdem mit chronischem Bronchialasthma leben muss; vielleicht auch, weil ich als Sohn eines Gestapobeamten viel zu früh wusste und mit elf Jahren in einem Lager auch gesehen habe, dass die Obrigkeit, der ich vertrauen sollte, mörderisch war; endgültig hat dann 1943 die Ausbombung, der Verlust von fast allem, was mir vertraut war und Sicherheit bot, mein kindliches Vertrauen auf die Welt der Erwachsenen, auf den Sinn des Lebens und auf Gott zerstört und zu jahrelanger Schwermut geführt.

Nach dem Kriege - mit 16 und 17 Jahren - verlor ich mich fast ganz in der ich-verneinenden Lehre Buddhas. Darum steht ja auch in der Abiturzeitung bei den Vorhersagen für 1979: "Prasse, Prof. buddh., Lhasa/Tibet, Tempel der tausend Fallen. Letzte Nachricht 1967. Seitdem Joga." Das war eine treffende Kennzeichnung, denn ähnliche Träume hatte ich tatsächlich auf diesem Höhepunkt meiner seelischen und geistigen Fehlentwicklung, dem Tiefpunkt meiner Fähigkeit zu vertrauensvollen Beziehungen. Auch Schule und Abitur, Beruf und Familie erschienen mir sinnlos, doch im letzten Schuljahr sah ich einen Hoffnungsschimmer: Ich entlieh mir aus der Landesbibliothek die gesammelten Werke Siegmund Freuds und las diese zehn dicken Bände alle durch. Das hat mich nicht geheilt, aber dafür gesorgt, dass mein - verschwiegenes - Berufsziel beim Abitur Psychotherapie war, weil ich sie selber nötig hatte.

In meinem Zustand konnte nichts gelingen, und es ging auch alles schief, bis ich - fast vierundzwanzig Jahre alt - in einer schweren Krise einsah: Ich brauche das Du Gottes - wenn es ihn gibt - , sonst hat alles keinen Sinn. Vier Wochen lang versuchte ich intensiv, zu dem mir Unbekannten im ungewohnten Gebet Vertrauen aufzubauen, und dann erlebte ich völlig überraschend als Geschenk, was Religionspsychologen als grundlegende Wandlung beschreiben: eine tiefe, gefühlsstarke Gottes- und Heilserfahrung und zugleich den Beginn einer neuen Vertrauensfähigkeit zu den Menschen und ganz besonders zu dem, von dem die Evangelien berichten.

Nun, ich hatte auch dann noch einen weiten Weg vor mir. Erst sechs Jahre später begann ich mit dem Theologiestudium, also mit dem Mündigwerden im Glauben und mit dem Vertrauen auf meinen eigenen Verstand. Vielen Menschen habe ich viel zu verdanken, vor allem meiner Frau und unseren vier Kindern. Aber erst mit 51 Jahren bekam ich durch gute therapeutische Seelsorge Zugang zu den verschütteten Gefühlen meiner Kindheit und damit zu einem neuen, liebenswerten Selbstbild, Menschenbild und Gottesbild. Eine Folge war die bewusste Arbeit an der Wiederbelebung vergessener Erinnerungen und Beziehungen durch das Sammeln von Fotos, schriftlichen und Tondokumenten aus meiner Lebensgeschichte, zu der ja auch die mit Euch gemeinsam verbrachte Zeit auf dem Ratsgymnasium und besonders im KLV-Lager gehört. Aus meinem so entstandenen Archiv stammen die für Euch mitgebrachten Bilder und Fotokopien.

Als ein weiteres Ergebnis dieses Heilungsprozesses begann mein Dienst als Seelsorger: zunächst acht Jahre im Gefängnis und im Krankenhaus, dann - begleitet von meiner Ausbildung in drei Formen der Psychotherapie - an seelisch Kranken mit dem Ziel, dass sie ihres Lebens und Glaubens wieder froh werden wie ich. Die gleiche Ausbildung hat dann auch meine Frau zusammen mit ihrer Freundin hinter sich gebracht, und da sich beide vorschriftsmäßig der Überprüfung durch das Gesundheitsamt in Freiburg unterziehen und gemeinsam dafür lernen wollten, habe ich mich ihnen angeschlossen und wie sie bestanden. Ich dürfte also jetzt - wenn ich das wollte - beruflich und gewerblich als Psychotherapeut tätig werden und habe so im April 1999 mein Berufsziel von 1949 erreicht. - Das mag genügen als Anstoß, wie persönlich unsere Gespräche werden könnten, aber nicht müssen.

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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