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b) Erinnerungen an das "Dritte Reich"



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Im Sommer 2003 endlich niedergeschrieben

Anfang 1934 zogen wir innerhalb Hannovers um vom 1. Stock im Aegidiendamm 1 in eine nahe gelegene, halb so teure Dachwohnung im 3. Stock in der Bleichenstraße 8. Dort stand im Wohnzimmer noch einige Jahre ein hoher Grammophonschrank, bis er von unserem früheren Untermieter, Herrn Pohli, abgeholt wurde. Er war Jude und lebte inzwischen in Düsseldorf oder Dortmund. Im Gedächtnis blieben mir gern gehörte Schlager auf seinen Schallplatten wie: „Ade, mein kleiner Gardeoffizier“ (1930), „Das ist die Liebe der Matrosen“ (1931) und der auch von meinem Vater geliebte Radetzky-Marsch. Zu meinen ersten Spielzeugen gehörten wie üblich ein Steckenpferd mit Holzschwert und Papierhelm und eine Burg mit Bleisoldaten. Dazu kamen später ein feuerspeiender Panzer, ein Dux-Kino mit Filmen über Matrosen an Bord und Weihnachten 1942 das neue „Wehrschach“ mit schwarzen und weißen Glasfiguren: Panzern als Türmen, einem Flugzeug als Dame, Geschützen als Läufern und Soldaten als Bauern; an die Figur des Königs erinnere ich mich nicht mehr.

Als mein Vater – seit Mai 1933 Mitglied und später vorübergehend Blockwart der NSDAP – einmal an einem Nationalfeiertag die Hakenkreuzfahne aus dem Fenster hisste, ließ er mich – den wohl Vier- oder Fünfjährigen – im Zimmer stramm stehen, die Hacken zusammen, die linke Hand auf dem Bauch und den rechten Arm zum „deutschen Gruß“ erhoben, wobei meine Mutter unwillig reagierte. Mit diesem Gruß begann auch täglich der Unterricht von der ersten Grundschulklasse an, in der ich das Schreiben lernte mit den Buchstaben „SA“ und „SS“, das Lesen mit Hilfe von Bildunterschriften wie „Ich möchte auch Soldat werden“ und das Singen mit dem Lied: „Es leben die Soldaten so recht von Gottes Gnaden“. Anlässlich der Volksabstimmung im Saarland zogen wir mit Herrn Lorke, unserem Klassenlehrer, und allen anderen Schülern der Volksschule 32 durch die Meter- u. a. Straßen und sangen: „Deutsch ist die Saar, deutsch immerdar“. Da ich seit dem ersten Lebensjahr Bronchialasthmatiker und seit dem achten Brillenträger war, vermittelte mein davon enttäuschter Vater dem „armen, kranken Hühnchen“ das Minderwertigkeitsgefühl, dass aus mir nichts wird, womit er wohl vor allem meinte: kein richtiger Mann und kein Berufssoldat, wie er es von 1904 bis 1920 war. Durch die wöchentlichen Asthmaanfälle war ich tatsächlich zu „weich“ für das „Dritte Reich“ und auch zu sehr nach innen gekehrt, zumal ich – wie meine Mutter – gern und oft Bücher las, nicht nur, wenn ich krank war. Da es mir aber meistens gut ging, war ich auch viel mit anderen Kindern zusammen und wurde von ihnen als Spielkamerad angenommen.

Bis 1937 wohnte im Hause meiner Patentante der jüdische Buchhändler Hügli mit seiner Frau und einer Tochter, die etwas jünger war als ich. Als ich mit meinem Vater einmal in der Buchhandlung war, bekam ich von Herrn Hügli „Onkel Toms Hütte“ geschenkt, aber für dieses Buch war ich noch zu jung. Mein Vater soll dieser Familie geholfen haben bei der Auswanderung in die Schweiz. An dem Tag, als Hügli’s auszogen, sollte ich meine Tante besuchen, und sie schickte mich sofort vor die Wohnungstür von Hügli’s, um einen dort stehenden aufgerollten Läufer zu holen. Ich wusste, dass das Diebstahl war, und lernte so früh, dass es dumm wäre, sich nicht auf Kosten anderer zu bereichern, wenn das ungestraft geschehen konnte. Diese Tante hatte als Krankenschwester mit einem jüdischen Arzt Dr. Schwarz zusammengearbeitet, der wegen Abtreibungen zur Gestapo bestellt, während der handgreiflichen Vernehmung geflohen und dann auf der Treppe totgeschlagen worden war. Er hatte meine Tante aber nicht verraten, wovor sie große Angst gehabt hatte. Wenn sie uns besuchte, zeigte sie sofort auf das Hitlerbild im Wohnzimmer, und wir mussten es umdrehen mit dem Gesicht zur Wand. Sie war wohl mehr aus geschäftlichen als aus politischen Gründen sehr gegen die Nazis, und einmal rief sie mich über unseren Hauswirt ganz aufgeregt an: Ich hatte einer überzeugten Reichsfrauenschaftsführerin namens Koch, die bei uns vorübergehend zur Untermiete gewohnt hatte, gesagt, dass meine Tante sie „Nazi-Koch“ genannt hatte, und die hatte deswegen meine Tante angerufen.

So bekam ich bald mit, dass es Grund genug zur Furcht gab für Erwachsene. Einmal erzählte meine Mutter beim Mittagessen, dass eine Frau, die schräg gegenüber in der Kümmelstraße wohnte, schriftlich Nachricht erhalten hätte, ihr Mann, der im KZ war, sei auf der Flucht erschossen worden. Mein Vater reagierte darauf zwar wie immer nicht mit Worten, aber mit einem so spöttischen Kopfschütteln, dass sein besseres Wissen und die Unwahrheit der Nachricht offensichtlich waren. Dass es in Deutschland Konzentrationslager gab und manche Leute dort eingeliefert wurden, stand ja in den Tageszeitungen, um Angst zu verbreiten. Mein im Grunde kaisertreuer Vater – Jahrgang 1888 – hatte sich von 1914 an bei der Kriegsmarine vom Schiffsjungen zum Torpedooberbootsmannsmaat hoch gedient, war wegen der Heeresverminderung 1920 entlassen und trotz des damit verbundenen Zivilversorgungsscheins erst 1924 Regierungssekretär mit geringem Gehalt geworden, das für seine Ausgaben für ein uneheliches und ein Kind aus erster Ehe sowie für die zweite Ehe mit zwei Kindern und die üblichen jährlichen Abtreibungen kaum ausreichte. Obwohl er schon im Mai 1933 in die NSDAP eintrat und der Partei von 1935 bis 1937 als Block- und Zellenleiter diente, wurde er nicht befördert. Deshalb ließ er sich trotz der Warnungen meiner Tante 1937 als Verwaltungsbeamter zur Gestapoleitstelle Hannover in der Schlägerstraße versetzen, weil er dort – im Mai 1939 – die Inspektorenprüfung ablegen konnte und dann mehr verdiente.

Nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 ging ich in Hannover nach der Schule mit einem Nachbarjungen, der den Weg kannte, zur ausgebrannten Synagoge, wo eine kleine Anzahl von Menschen ernst und schweigend auf die noch rauchende Ruine und die herumliegenden Trümmer schaute. 1939 – noch vor dem Krieg – ließ sich mein Vater für ein Jahr nach Wien versetzen und wollte, dass wir dorthin zogen. Obwohl meine Mutter ganz dagegen war und sich auch durchsetzte, suchten wir zusammen in meinen Herbstferien eine Wohnung in Wien. Dabei wurde einmal die Tür der Nachbarwohnung geöffnet, ein Mädchen in meinem Alter schaute uns an und machte schnell die Tür wieder zu. Mein Vater sagte nur: „Juden.“ Als ich etwa ein Jahr später einmal in der Großen Ägidienstraße mit anderen Kindern stand, fingen diese plötzlich an zu rufen: „Jude, Jude!“ Ich sah auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen etwa 12 Jahre alten Jungen vorübergehen, den Kopf gesenkt, ohne nach links oder rechts zu schauen, und schloss mich den Rufen an. Einige Tage später ging ich durch den nahen Maschpark und blieb bei einem Strauch stehen, um mit drei Fingern der rechten Hand die lanzettförmigen Blätter eines Zweiges nach oben abzustreifen und so zu einem kleinen Strauß zu bündeln, wie es mir vor kurzem ein Freund gezeigt hatte. Da hörte ich hinter mir eine Stimme, die fragte: „Warum tust du das?“ Ich drehte mich um, erkannte den jüdischen Jungen und bekam Angst, dass er mich erkennen und verprügeln würde. Aber er wiederholte nur: „Warum tust du das?“ Dann sagte er noch: „Das ist doch auch Leben, das leben will,“ und ging davon. Viel später habe ich mich geschämt, dass dieser Junge vor dem Leben einer Pflanze mehr Ehrfurcht hatte als viele Deutsche vor seinem Leben.

Während der sommerlichen Kinderkur in Zinnowitz auf Usedom im Haus „Gottestreue“ ließen uns 1940 die ansonsten geistlich ausgerichteten Diakonissen, die Eigenwilligkeit als das Schlimmste anzusehen und jede Obrigkeit als von Gott anzunehmen gelernt hatten, eine wichtige Rundfunkrede des „Führers“ im Rundfunk anhören. In ihr gab er selbst u. a. bekannt, dass er nun auch den Oberbefehl über die Wehrmacht übernommen und für alle Truppengattungen wie für die Zivilbevölkerung den „deutschen Gruß“ mir erhobenem rechten Arm angeordnet habe. Der beim Bau unserer Strandburg mit Muscheln ausgelegte Hoheitsadler wurde von unserer Schwester bewundert und fotografiert. Sonntags ging es natürlich in Reih und Glied in die Kirche, wo ich die Fenster zählte und unverstandene Lieder mitsang.

Vorn links befand sich ein abgetrennter Raum, in dem für die drei oder vier SS-Männer und für uns ein großer ovaler Tisch gedeckt war. Es gab eine kräftige Erbsensuppe mit Speck und danach Bohnenkaffee und Honigkuchen. Die Gespräche drehten sich hauptsächlich um Gehälter, Beschaffung und Abrechnung von Büromaterialien, Holzschuhen u. a., wofür mein Vater zuständig war. Beim gemütlichen Teil dieses von der Stimmung her kameradschaftlichen Zusammenseins forderte mich mein Vater ohne Begründung plötzlich auf, aufzustehen und aus dem Fenster zu sehen. Ich gehorchte, blickte aber neugierig über die Schulter zurück. Ich merkte, dass einer der Bewacher gerade fertig gewordene Fotos herumgehen und bewundern ließ, und sah, worüber am Tisch fachmännisch und ungeniert gesprochen wurde: Die verschiedenen Stadien der vor kurzem erfolgten Tötung eines Häftlings: Er musste auf einen Stuhl steigen, bekam eine Schlinge um den Hals gelegt und hing dann am Galgen, nachdem der Stuhl weggetreten worden war. Draußen vor dem Fenster gingen gerade zwei Häftlinge vorbei, die zwischen sich einen langen Blechkasten trugen, und ich ahnte, dass es sich um einen Sarg handelte. Wieder zuhause, musste ich das ganze Essen ausbrechen, und über viele Jahre blieb mir ein starker Widerwillen gegen Honigkuchen.

Ab 1941 sah ich auf der Haupteinkaufsstraße in Hannover manchmal Menschen mit einem Judenstern, ohne dass es mich berührte. Aber als ich einmal mit einem gleichaltrigen Freund die Maschstraße entlang ging und uns auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Frau in schwarzem Mantel mit einem Judenstern entgegenkam, sagte mein Begleiter: „Die armen Juden!“ Ich war ganz verwundert über dieses Zeichen von Mitgefühl, da ich vorher und auch viele Jahre nachher niemals auch nur eine Andeutung von Mitleid mit den Juden erlebt habe, nur Schweigen. Vielleicht hatte dieser Freund diese Bemerkung von seiner Großmutter gehört und gab sie nun mir weiter; aber ich fürchte, dass ich damals noch nicht dafür empfänglich war. Manchmal las ich interessiert das antisemitische Hetzblatt „Der Stürmer“, wenn ich es in einem Schaukasten sah, und schaute mir die Karikaturen von hässlichen Juden an, die nach Geld und „arischen“ Mädchen griffen. Zu den Witzen aller Art, die wir Kinder uns erzählten, gehörten auch solche, die sich über Juden lustig machten. Wie viele andere Jungen sammelte ich nicht nur Briefmarken, sondern auch die jährlich neuen Abzeichen des „Winterhilfswerks“, an deren Verkauf auf der Straße ich als „Pimpf“ beteiligt war. Der Zeit entsprechend bastelte ich auch Modelle deutscher Kriegsflugzeuge und kaufte einige teure Wiking-Modelle deutscher Kriegsschiffe.

Häufig zogen militärische Verbände durch die nahe Friedrichstraße, und wenn ich die Pauken und Trompeten der Marschkapellen hörte, lief ich wie viele begeistert hinzu. Da ich gerne sang, lernte ich neben Schlagern, Volks- und Soldatenliedern mit Freude auch die in der Hitlerjugend üblichen Lieder. Noch unkritisch, ließ ich mich zunächst willig äußerlich und innerlich uniformieren, bei dem zweimal wöchentlichen Dienst vormilitärisch dressieren und mit Nationalstolz indoktrinieren. Von starkem Einfluss waren wie überhaupt im „Dritten Reich“ die bewusst geplanten, viele faszinierenden Gemeinschaftserlebnisse, die zu blinder Anhängerschaft und treuer Gefolgschaft bis zur Opferbereitschaft verführen sollten: „Wir sind Kameraden, woll’n es immer sein, und es tritt einer für den anderen mit seinem Leben ein“, sang ich tief bewegt als Zwölfjähriger beim Marschieren im Gleichschritt. Ich fühlte mich zugehörig und anerkannt, und ließ mich gefühlsmäßig zubereiten, mein schwaches Ich im Wir-Erlebnis untergehen zu lassen: „Du bist nichts – dein Volk ist alles“ (G. H. Herder und J. G. Fichte um 1800). „Er wollte Befehle, er wollte gehorchen. Er wollte bewundern und verehren,“ schrieb Karl Aloys Schenzinger 1932 in seinem – später verfilmten – Jugendbuch „ Hitlerjunge Quex“. Wenn wir auf dem Marktplatz in Reih und Glied angetreten waren, hieß es manchmal: „Wer weiß einen Witz? – Vortreten!“ Nach dem Witz kam dann der Befehl: „Dreimal kurz gelacht!“ – „Ha ha ha.“ Danach das Kommando: „Mit Schleife!“ – „Haaaaaaha.“ Nur Wir-Gefühle waren erlaubt. Doch zur gleichen Zeit hörte ich gern von Freunden politische Witze, erzählte sie weiter und lauschte abends trotz – oder wegen – des strengen Verbotes Radio London und auf Kurzwelle sogar russische und amerikanische Nachrichten in deutscher Sprache, bis mir mein Vater deswegen das Philips-Radio wieder wegnahm, das er aus Norwegen mitgebracht hatte, wohin er für ein Jahr versetzt worden war.

Die Gestapo hatte ein Lager mit zurückgelassenem Eigentum deportierter Juden, und so bekamen meine Schwester und ich Kleiderschränke, meine Eltern einen wertvollen Wohnzimmerschrank, dazu eine ganze Anzahl fein ziselierter Weingläser und andere Kostbarkeiten aus Kristall. Schließlich erhielten wir noch eine mit Handschnitzereien versehene Flurgarderobe mit Truhe, und meine Eltern besprachen miteinander, deren Herkunft dem Hauswirt zu erklären durch eine Erbschaft: Angeblich war die Großtante Anna gestorben, die es wirklich gab, die aber noch lebte und wohl kaum eine Schrotflinte mit Patronentaschen besaß, wie sie nun über der Truhe an der Wand hingen. Einmal brachte mir mein Vater einen Karton mit mehreren guten Jugendbüchern mit, z. B. über Livingstons Reisen in Afrika, und ein andermal stand mittags auf dem Wohnzimmertisch ein gefüllter Nähkasten. Als ich mir den genauer ansah und eine Garnrolle in die Hand nahm, sah ich, dass etwas aufgerollt darin steckte, und fand einen Zwanzigmarkschein. Als ich damit freudestrahlend in die Küche kam, wollte den mein Vater haben, aber ich bestand darauf, dass ich als Finder darauf Anspruch hätte, und er ließ ihn mir – vielleicht aus schlechtem Gewissen.

Als aufgeweckter und neugieriger Junge habe ich natürlich manches beobachtet und gehört, worüber öffentlich nicht geredet wurde, und mir meine Gedanken darüber gemacht. Einmal lauschte ich an der Wohnzimmertür, als ein Freund meines Vaters, Marinekamerad aus dem ersten Weltkrieg, erzählte dass er jetzt als Schmied in der Organisation Todt in Frankreich beim Bau des Atlantikwalls eingesetzt wäre; er habe dabei erlebt, dass Menschen durch Genickschuss aus der Nähe hingerichtet wurden; der Schädel wäre geplatzt, der „Brägen“ (das Gehirn) herumgespritzt und ihm sei übel geworden. Mein Vater sagte dazu nichts, so wie er auch auf alle meine Fragen schwieg oder mit Redensarten antwortete wie: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ oder „Wenn dich einer fragt, sagst du, du wüsstest es nicht“ oder „Du musst nicht alles wissen“. Ein offenes, vertrauensvolles Gespräch, wie ich es gebraucht hätte, ist leider nie möglich gewesen. Als wir beide einmal – etwa 1942 – zusammen unterwegs waren, kamen uns am „Neuen Haus“ zwei Juden entgegen, die meinen Vater kannten und ihm durchaus vertrauensvoll erzählten, dass zwei Gestapobeamte nachts in das „Judenhaus“, in das sie einquartiert worden waren, gekommen seien, um sie zu schikanieren und im Keller zu schlagen. Mein Vater sagte ihnen etwa: „Ja, die sind als Schläger bekannt.“ Er wusste sehr viel, hat aber wohl schon in der harten Schule als Schiffsjunge gelernt, dass es sicherer ist, zu schweigen und nichts zu wissen.

Langsam mehrten sich die Luftangriffe der Alliierten, und auch in Hannover wurden die ersten Zerstörungen sichtbar. 1943 wurde ich fast jede Nacht durch lautes Sirenengeheul aus dem Schlaf gerissen und musste mit den anderen Hausbewohnern meistens ein bis zwei Stunden in dem behelfsmäßig durch Holzbalken abgestützten Luftschutzkeller verbringen. Dort wurden wie auch sonst politische Themen von vermieden, während wir immer häufiger gespannt lauschten auf das Ballern der Fliegerabwehrkanonen, das Pfeifen herabfallender Sprengbomben, bis endlich das dreimalige lange Sirenensignal Entwarnung ankündigte. Bei unerlaubtem Stehen vor der Haustür sah ich manchmal die Scheinwerfer, die am Himmel nach feindlichen Flugzeugen suchten, und hörte das leise Klirren herabfallender Granatsplitter, die ich dann am Morgen auf dem Weg zur Schule sammelte. Ich erinnere mich an einen Traum, in dem ich viele Häuser in unserer Umgebung brennen sah. Eines Nachts rannte ich – durch eine Explosion und lautes Klirren des Dachfensters in meinem Zimmer aus dem Schlaf aufgeschreckt – im Nachthemd in den Keller; ein einzelner Bomber hatte eine Luftmine in den nahen Park abgeworfen, wodurch ein Soldat, der Urlaub hatte, und seine Freundin von der Bank, auf der sie saßen, in den dahinterliegenden Teich geschleudert wurden.

Bei dem schweren Terrorangriff auf Hannover vom 9. Oktober 1943 gehörten auch wir zu den etwa 250.000 Einwohnern, die in dieser Nacht ausgebombt wurden, und ein Junge, den ich vom Dienst her gut kannte, kam dabei ums Leben. Ich hatte mich für diese Nacht zum ersten Male mit einem Freund verabredet in dem gut ausgebauten großen Luftschutzkeller der gegenüberliegenden Hauptschule und dazu außer einem geliehenen Buch von Karl May auch Spiele mitgebracht. Als wir den Keller verlassen durften, brannte es in allen Häusern rundherum und wir wurden aufgefordert, durch die Bleichenstraße in den Maschpark zu laufen, wo wir bis zum Morgengrauen blieben. Freunde meiner Eltern nahmen uns vorübergehend auf, und mein Vater fand nach einigen Tagen in Minden eine Arztfamilie, die einen Schulkameraden für ihren gleichaltrigen Sohn suchte. Ein anderer Sohn war schon gefallen, doch wurde für ihn täglich ein Tischgedeck aufgelegt. ehr schnell wurde ich krank und in der örtlichen Scharlachbaracke isoliert. Als mich kurz vor Weihnachten 1943 mein Vater auf einer Dienstreise zu früh aus der Scharlachbaracke des Mindener Krankenhauses holte und der LKW kurz vor dem inzwischen nach Lahde bei Minden zum Aufbau eines Großkraftwerkes verlegten „Arbeitserziehungslager“ hielt, war es mir sehr willkommen, dass ich – als noch ansteckend geltend – den SS-Leuten, die zum Wagen kamen, nicht die Hand geben musste.

Vorn links befand sich ein abgetrennter Raum, in dem für die drei oder vier SS-Männer und für uns ein großer ovaler Tisch gedeckt war. Es gab eine kräftige Erbsensuppe mit Speck und danach Bohnenkaffee und Honigkuchen. Die Gespräche drehten sich hauptsächlich um Gehälter, Beschaffung und Abrechnung von Büromaterialien, Holzschuhen u. a., wofür mein Vater zuständig war. Beim gemütlichen Teil dieses von der Stimmung her kameradschaftlichen Zusammenseins forderte mich mein Vater ohne Begründung plötzlich auf, aufzustehen und aus dem Fenster zu sehen. Ich gehorchte, blickte aber neugierig über die Schulter zurück. Ich merkte, dass einer der Bewacher gerade fertig gewordene Fotos herumgehen und bewundern ließ, und sah, worüber am Tisch fachmännisch und ungeniert gesprochen wurde: Die verschiedenen Stadien der vor kurzem erfolgten Tötung eines Häftlings: Er musste auf einen Stuhl steigen, bekam eine Schlinge um den Hals gelegt und hing dann am Galgen, nachdem der Stuhl weggetreten worden war. Draußen vor dem Fenster gingen gerade zwei Häftlinge vorbei, die zwischen sich einen langen Blechkasten trugen, und ich ahnte, dass es sich um einen Sarg handelte. Wieder zuhause, musste ich das ganze Essen ausbrechen, und über viele Jahre blieb mir ein starker Widerwillen gegen Honigkuchen.

Ab 1941 sah ich auf der Haupteinkaufsstraße in Hannover manchmal Menschen mit einem Judenstern, ohne dass es mich berührte. Aber als ich einmal mit einem gleichaltrigen Freund die Maschstraße entlang ging und uns auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Frau in schwarzem Mantel mit einem Judenstern entgegenkam, sagte mein Begleiter: „Die armen Juden!“ Ich war ganz verwundert über dieses Zeichen von Mitgefühl, da ich vorher und auch viele Jahre nachher niemals auch nur eine Andeutung von Mitleid mit den Juden erlebt habe, nur Schweigen. Vielleicht hatte dieser Freund diese Bemerkung von seiner Großmutter gehört und gab sie nun mir weiter; aber ich fürchte, dass ich damals noch nicht dafür empfänglich war. Manchmal las ich interessiert das antisemitische Hetzblatt „Der Stürmer“, wenn ich es in einem Schaukasten sah, und schaute mir die Karikaturen von hässlichen Juden an, die nach Geld und „arischen“ Mädchen griffen. Zu den Witzen aller Art, die wir Kinder uns erzählten, gehörten auch solche, die sich über Juden lustig machten. Wie viele andere Jungen sammelte ich nicht nur Briefmarken, sondern auch die jährlich neuen Abzeichen des „Winterhilfswerks“, an deren Verkauf auf der Straße ich als „Pimpf“ beteiligt war. Der Zeit entsprechend bastelte ich auch Modelle deutscher Kriegsflugzeuge und kaufte einige teure Wiking-Modelle deutscher Kriegsschiffe.

Häufig zogen militärische Verbände durch die nahe Friedrichstraße, und wenn ich die Pauken und Trompeten der Marschkapellen hörte, lief ich wie viele begeistert hinzu. Da ich gerne sang, lernte ich neben Schlagern, Volks- und Soldatenliedern mit Freude auch die in der Hitlerjugend üblichen Lieder. Noch unkritisch, ließ ich mich zunächst willig äußerlich und innerlich uniformieren, bei dem zweimal wöchentlichen Dienst vormilitärisch dressieren und mit Nationalstolz indoktrinieren. Von starkem Einfluss waren wie überhaupt im „Dritten Reich“ die bewusst geplanten, viele faszinierenden Gemeinschaftserlebnisse, die zu blinder Anhängerschaft und treuer Gefolgschaft bis zur Opferbereitschaft verführen sollten: „Wir sind Kameraden, woll’n es immer sein, und es tritt einer für den anderen mit seinem Leben ein“, sang ich tief bewegt als Zwölfjähriger beim Marschieren im Gleichschritt. Ich fühlte mich zugehörig und anerkannt, und ließ mich gefühlsmäßig zubereiten, mein schwaches Ich im Wir-Erlebnis untergehen zu lassen: „Du bist nichts – dein Volk ist alles“ (G. H. Herder und J. G. Fichte um 1800). „Er wollte Befehle, er wollte gehorchen. Er wollte bewundern und verehren,“ schrieb Karl Aloys Schenzinger 1932 in seinem – später verfilmten – Jugendbuch „ Hitlerjunge Quex“. Wenn wir auf dem Marktplatz in Reih und Glied angetreten waren, hieß es manchmal: „Wer weiß einen Witz? – Vortreten!“ Nach dem Witz kam dann der Befehl: „Dreimal kurz gelacht!“ – „Ha ha ha.“ Danach das Kommando: „Mit Schleife!“ – „Haaaaaaha.“ Nur Wir-Gefühle waren erlaubt. Doch zur gleichen Zeit hörte ich gern von Freunden politische Witze, erzählte sie weiter und lauschte abends trotz – oder wegen – des strengen Verbotes Radio London und auf Kurzwelle sogar russische und amerikanische Nachrichten in deutscher Sprache, bis mir mein Vater deswegen das Philips-Radio wieder wegnahm, das er aus Norwegen mitgebracht hatte, wohin er für ein Jahr versetzt worden war.

Die Gestapo hatte ein Lager mit zurückgelassenem Eigentum deportierter Juden, und so bekamen meine Schwester und ich Kleiderschränke, meine Eltern einen wertvollen Wohnzimmerschrank, dazu eine ganze Anzahl fein ziselierter Weingläser und andere Kostbarkeiten aus Kristall. Schließlich erhielten wir noch eine mit Handschnitzereien versehene Flurgarderobe mit Truhe, und meine Eltern besprachen miteinander, deren Herkunft dem Hauswirt zu erklären durch eine Erbschaft: Angeblich war die Großtante Anna gestorben, die es wirklich gab, die aber noch lebte und wohl kaum eine Schrotflinte mit Patronentaschen besaß, wie sie nun über der Truhe an der Wand hingen. Einmal brachte mir mein Vater einen Karton mit mehreren guten Jugendbüchern mit, z. B. über Livingstons Reisen in Afrika, und ein andermal stand mittags auf dem Wohnzimmertisch ein gefüllter Nähkasten. Als ich mir den genauer ansah und eine Garnrolle in die Hand nahm, sah ich, dass etwas aufgerollt darin steckte, und fand einen Zwanzigmarkschein. Als ich damit freudestrahlend in die Küche kam, wollte den mein Vater haben, aber ich bestand darauf, dass ich als Finder darauf Anspruch hätte, und er ließ ihn mir – vielleicht aus schlechtem Gewissen.

Als aufgeweckter und neugieriger Junge habe ich natürlich manches beobachtet und gehört, worüber öffentlich nicht geredet wurde, und mir meine Gedanken darüber gemacht. Einmal lauschte ich an der Wohnzimmertür, als ein Freund meines Vaters, Marinekamerad aus dem ersten Weltkrieg, erzählte dass er jetzt als Schmied in der Organisation Todt in Frankreich beim Bau des Atlantikwalls eingesetzt wäre; er habe dabei erlebt, dass Menschen durch Genickschuss aus der Nähe hingerichtet wurden; der Schädel wäre geplatzt, der „Brägen“ (das Gehirn) herumgespritzt und ihm sei übel geworden. Mein Vater sagte dazu nichts, so wie er auch auf alle meine Fragen schwieg oder mit Redensarten antwortete wie: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ oder „Wenn dich einer fragt, sagst du, du wüsstest es nicht“ oder „Du musst nicht alles wissen“. Ein offenes, vertrauensvolles Gespräch, wie ich es gebraucht hätte, ist leider nie möglich gewesen. Als wir beide einmal – etwa 1942 – zusammen unterwegs waren, kamen uns am „Neuen Haus“ zwei Juden entgegen, die meinen Vater kannten und ihm durchaus vertrauensvoll erzählten, dass zwei Gestapobeamte nachts in das „Judenhaus“, in das sie einquartiert worden waren, gekommen seien, um sie zu schikanieren und im Keller zu schlagen. Mein Vater sagte ihnen etwa: „Ja, die sind als Schläger bekannt.“ Er wusste sehr viel, hat aber wohl schon in der harten Schule als Schiffsjunge gelernt, dass es sicherer ist, zu schweigen und nichts zu wissen.

Langsam mehrten sich die Luftangriffe der Alliierten, und auch in Hannover wurden die ersten Zerstörungen sichtbar. 1943 wurde ich fast jede Nacht durch lautes Sirenengeheul aus dem Schlaf gerissen und musste mit den anderen Hausbewohnern meistens ein bis zwei Stunden in dem behelfsmäßig durch Holzbalken abgestützten Luftschutzkeller verbringen. Dort wurden wie auch sonst politische Themen von vermieden, während wir immer häufiger gespannt lauschten auf das Ballern der Fliegerabwehrkanonen, das Pfeifen herabfallender Sprengbomben, bis endlich das dreimalige lange Sirenensignal Entwarnung ankündigte. Bei unerlaubtem Stehen vor der Haustür sah ich manchmal die Scheinwerfer, die am Himmel nach feindlichen Flugzeugen suchten, und hörte das leise Klirren herabfallender Granatsplitter, die ich dann am Morgen auf dem Weg zur Schule sammelte. Ich erinnere mich an einen Traum, in dem ich viele Häuser in unserer Umgebung brennen sah. Eines Nachts rannte ich – durch eine Explosion und lautes Klirren des Dachfensters in meinem Zimmer aus dem Schlaf aufgeschreckt – im Nachthemd in den Keller; ein einzelner Bomber hatte eine Luftmine in den nahen Park abgeworfen, wodurch ein Soldat, der Urlaub hatte, und seine Freundin von der Bank, auf der sie saßen, in den dahinterliegenden Teich geschleudert wurden.

Bei dem schweren Terrorangriff auf Hannover vom 9. Oktober 1943 gehörten auch wir zu den etwa 250.000 Einwohnern, die in dieser Nacht ausgebombt wurden, und ein Junge, den ich vom Dienst her gut kannte, kam dabei ums Leben. Ich hatte mich für diese Nacht zum ersten Male mit einem Freund verabredet in dem gut ausgebauten großen Luftschutzkeller der gegenüberliegenden Hauptschule und dazu außer einem geliehenen Buch von Karl May auch Spiele mitgebracht. Als wir den Keller verlassen durften, brannte es in allen Häusern rundherum und wir wurden aufgefordert, durch die Bleichenstraße in den Maschpark zu laufen, wo wir bis zum Morgengrauen blieben. Freunde meiner Eltern nahmen uns vorübergehend auf, und mein Vater fand nach einigen Tagen in Minden eine Arztfamilie, die einen Schulkameraden für ihren gleichaltrigen Sohn suchte. Ein anderer Sohn war schon gefallen, doch wurde für ihn täglich ein Tischgedeck aufgelegt. ehr schnell wurde ich krank und in der örtlichen Scharlachbaracke isoliert. Als mich kurz vor Weihnachten 1943 mein Vater auf einer Dienstreise zu früh aus der Scharlachbaracke des Mindener Krankenhauses holte und der LKW kurz vor dem inzwischen nach Lahde bei Minden zum Aufbau eines Großkraftwerkes verlegten „Arbeitserziehungslager“ hielt, war es mir sehr willkommen, dass ich – als noch ansteckend geltend – den SS-Leuten, die zum Wagen kamen, nicht die Hand geben musste.

Mein sowieso schon gestörtes Vertrauen zu den Erwachsenen, besonders zu allen Uniformierten und zur „Obrigkeit“, schwand immer mehr. Mein Vater trat Ende 1943 – auch für mich – aus der evangelischen Kirche aus, wohl auch in der Hoffnung auf Beförderung zum Polizeioberinspektor, die ein Jahr später erfolgte. Da in Hannover fast alle Schulen zerstört waren, wurde für die unteren vier Klassen der beiden humanistischen Gymnasien Hannovers ein „Kinderlandverschickungslager“ in dem Dorf Rosenthal zwischen Hameln und Rinteln an der Weser eingerichtet, wobei drei Klassen in Pensionen Platz fanden und meine Klasse in der mittelalterlichen Schaumburg untergebracht wurde. Dort packte mich unmittelbar nach meinem 14. Geburtstag plötzlich ein solcher Schmerz über den Verlust des Zuhause, der Heimat, des Vertrautseins in Familie und Freundeskreis, und eine solche Verzweiflung angesichts der Vergänglichkeit von allem, dass bei mir ein kritisches Denken einsetzte, das alles in Frage stellte und vor dem nichts standhielt.

Dazu gehörte auch die Erkenntnis, dass ich unter der Gewaltherrschaft einer verbrecherischen Regierung lebte, die Millionen Deutsche – besonders die Jugend – durch verlogene Propaganda begeistert hatte für den Glauben an Führer, Volk und Vaterland, einen Glauben, der zu freiwilligem Töten und Sterben für diese „heiligen“ Werte bereit machen sollte. Erst jetzt, drei Monate nach der Ausbombung, zeigte sich ein – wie es heute heißt – „erlebnisbedingter Persönlichkeitswandel“ in einer dauerhaften Erschütterung meines Selbst- und Weltverständnisses. Ich verlor mein kindliches Vertrauen auf die Erwachsenen, auf Gott und den Sinn des Lebens, und Schwermut wurde für viele Jahre meine Begleiterin, natürlich nach außen verborgen unter Albernheit und anderen Masken. Bis zu meinem 14. Geburtstag hatte ich nur eine – allerdings zunehmende – gefühlsmäßige Abneigung gegen das Töten empfunden, je mehr Soldaten an den Fronten fielen, je mehr Zivilpersonen durch Luftangriffe in der Heimat starben und je mehr ich von dem staatlichen Morden wusste oder ahnte. Trotziger werdend wollte ich nicht mehr gehorchen, versuchte, mich vom wöchentlich zweimaligen Dienst zu drücken, und schoss bei Schießübungen mit dem Luftgewehr bewusst daneben, meine Kurzsichtigkeit als Ausrede benutzend. Erst im LV-Lager wuchs in mir Mitgefühl mit den verführten Tätern und Soldaten ebenso wie mit ihren Opfern, und mir wurde klar, dass ich nicht zu den Gewalttätigen gehören konnte und wollte, sondern zu den Ohnmächtigen gehörte.

Darum habe ich trotz Verbot mit einer älteren und an Epilepsie leidenden polnischen Zwangsarbeiterin gesprochen und ihr Weißbrot beim Bäcker besorgt. Auch bei einigen Klassenkameraden gab es Zeichen von Erbarmen, das den Mitmenschen nicht leiden sehen will, sondern ihm hilft – erstaunlich in einer finsteren Zeit, in der Barmherzigkeit ein Verbrechen war. Obwohl wir außer Detektivromanen auch die üblichen Kriegshefte lasen mit Heldengeschichten deutscher Soldaten und Offiziere und – wie beabsichtigt – uns selbst dabei mit den Ritterkreuzträgern innerlich identifizierten, waren wir 14- und 15-Jährigen noch nicht so hart, wie wir es werden sollten und es als Soldaten wohl auch geworden wären, wenn der Krieg länger gedauert hätte. Dass Deutschland den Krieg begonnen hatte und viele Juden und andere Menschen ermordet wurden, wusste ich schon früher, aber jetzt erst wurde mir die ungeheure Macht des Unrechts und der Unmenschlichkeit, der Gewalt und der Zerstörung deutlich, obwohl ich deren ganzes Ausmaß noch nicht kannte. Für mich folgte daraus, dass Deutschland den Krieg verlieren musste und ich den befohlenen Glauben an einen Sieg nicht mehr teilen konnte. Daher war ich wie meine Klassenkameraden erleichtert, dass wir nach den Sommerferien 1944 nicht wie vorgesehen als Luftwaffenhelfer eingezogen, sondern bis zum Ende des 10. Schuljahrs zurückgestellt wurden.

Die Frage nach der Schuld, an der ich als Deutscher Anteil hatte, tauchte auf, und es wurde für mich zum Problem, ob die deutschen Soldaten schuldig waren, die unwissentlich und guten Willens einer verbrecherischen Regierung vertrauten und gehorchten. Die Zerstörung Hannovers, in der ich heute auch ein Kriegsverbrechen sehe, empfand ich damals als gerechte Strafe, so dass ich die geforderten Gefühle von Wut und Zorn, Hass und Rache nicht empfinden konnte. Leid und Trauer, Angst und Verzweiflung, Güte und Erbarmen zu zeigen oder auch nur darüber zu reden, galt als ein unmännliches Zeichen von Schwäche und Weichheit, dessen man sich zu schämen hatte. Aber auch wenn ich einen Menschen gefunden hätte, dem ich mich ohne Angst hätte öffnen können, er hätte meine Gedanken und Gefühle wohl kaum verstanden. Da ich zu feige war, um offenen Widerspruch und Widerstand zu leisten, blieb mir nur der Rückzug in die Innerlichkeit, und ich erlebte mich als zutiefst einsam. Oft wachten wir nachts auf, wenn schwerbeladene britische Bomberverbände mit dumpfem Dröhnen über uns hinweg Richtung Hannover flogen, wo wir unsere Angehörigen wussten. Ein 16-jähriges Mädchen, das viele Monate bei uns auf der Schaumburg in der Küche gearbeitet hatte, wurde bei einem Luftangriff in Hannover getötet. Einmal sah ich aus dem Dachfenster eine tieffliegende und brennende viermotorige Boeing Fortress abkippen und ganz in der Nähe senkrecht nach unten stürzen; nicht alle Soldaten konnten vorher mit dem Fallschirm abspringen.

Wie wohl die meisten meiner Klassenkameraden hoffte auch ich auf die Invasion und ein baldiges Kriegsende, bevor auch wir wie die Schüler der höheren Klassen als Luftwaffenhelfer oder Soldaten eingezogen wurden. Der damals geläufigen Rede: „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende", stimmte auch ich zu. Wir waren fast alle keine Helden, wollten nun auch keine mehr werden und lehnten die Erziehung dazu ab. Die hoffnungslose Kriegslage und die Sinnlosigkeit weiterer Opfer führte auch in uns – wie in den meisten Deutschen seit der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad – zu dem Gefühlswiderstreit zwischen der Verneinung der brutalen Gewaltherrschaft und der Bejahung der ja viel älteren Tradition des auch uns anerzogenen Nationalismus. Dabei war der Glaube an Hitler so groß, dass wir uns einredeten: „Der Führer weiß das nicht.“ Als mich einmal auf dem Burghof ein Mitschüler fragte, warum ich nicht Jungschaftsführer werden wollte wie er, antwortete ich: „Weil ich kein Recht habe, anderen etwas zu befehlen." Auf diesen anarchistischen Gedanken muss ich wohl ganz allein gekommen sein. Langsam wurde ich bewusst trotziger und begann – mit unterschiedlichem Ergebnis – , die Lehrer zu testen, ob sie Nazis waren oder noch waren, etwa durch unmissverständliche Andeutungen in meinen schriftlichen Arbeiten oder indem ich – unterwegs im Dorf – einen Lehrer mit „Guten Tag“ grüßte, worauf die Ermahnung folgte: „Das heißt: Heil Hitler!“ Einmal hörte ich den Biologielehrer (kein Nazi!) die „Ausmerzung unwerten Lebens“ vertreten – galt das nicht auch für Asthmatiker und Kurzsichtige wie mich?

Das Lager durften wir erst verlassen, als die amerikanischen Panzer sehr nahe waren, schon kein Zug mehr fuhr und ein Lehrer, ein fanatischer Nazi, uns heimlich verlassen hatte. Ich stellte mich mit meinem Koffer an der Landstraße auf und dachte wie viele beim Anblick der zurückflutenden deutschen Truppen: „Mit Mann und Ross und Wagen hat sie der Herr geschlagen." Auf der offenen Ladefläche eines LKW gelangte ich im Schutze der Nacht – von Tieffliegerangriffen verschont – bis Northeim und von dort zu Fuß nach Moringen. Mein Vater war zweimal für ein Jahr an das dortige Jugend KZ versetzt gewesen und hatte in der Kleinstadt eine Dachwohnung in der Einbecher Straße gemietet, wo ich 1944 schon die Sommer und Weihnachtsferien verbracht hatte. Das Haus hatte dem sehr jung gefallenen Gerhard Krone gehört, dessen Eltern schon gestorben waren. Dort fand ich meine Mutter und meine 18 jährige Schwester vor, die als „Kriegshilfsdienstmaid“ in einer Munitionsfabrik in Wulfen gearbeitet hatte, bis die Front näher rückte. Unser Vater war noch nach Kiel versetzt worden, und wir überlegten nun, was wir angesichts des zu erwartenden Einmarsches amerikanischer Truppen tun, z. B. für immer verschwinden lassen sollten. Da wir in Hannover schon fast alles verloren hatten, fiel mir auch nichts ein, das wir hätten verstecken müssen, als ich unter der Kellertreppe den Landjägermeister Meyer seine Wertsachen einmauern sah.

Die Gräuelpropaganda war an meiner Schwester nicht spurlos vorübergegangen: Sollte sie sich lieber im Wald verstecken? Wir überzeugten sie, dass sie bei uns in der Wohnung sicherer wäre und die Amerikaner nicht schlimmer seien als unsere eigenen Soldaten. Als dann – wie wir gehofft hatten – die letzten deutschen Truppen Moringen kampflos verließen, entstand für einen Tag ein Machtvakuum, das zu einem unerwarteten Fest wurde für alle, die – z. T. mit Bollerwagen und Rucksäcken – in einem großen Lagerhaus kostenlos all die Nahrungsmittel plünderten, die schon lange gar nicht oder doch nur in kleinsten Rationen auf Lebensmittelkarte zu haben waren. Am nächsten Morgen hörte ich Explosionen. Gab es doch Kämpfe? Beim Blick aus dem Fenster sah ich am Waldrand einige Artilleriegranaten einschlagen. Aber dann war Ruhe, und ich begab mich – wie viele andere – zur Hauptstraße, um auf den Einzug der Amerikaner zu warten, die kurz vor der Stadt sein sollten. Neben mir stand eine Frau, die mich – den fremden, hochgewachsenen 15-Jährigen – misstrauisch musterte und fragte: „Haben Sie eine Waffe bei sich?" Mein erstauntes Gesicht und mein abwehrendes „Nein" beruhigten sie. Es war am Vormittag des 9. April, eines Tages, an dem in Deutschland noch viele Menschen starben: als Soldaten und als Zivilisten, als KZ Häftlinge und als zum Tode Verurteilte wie Dietrich Bonhoeffer. Und wie empfingen wir nun den Feind, wir, die wir in der Mehrheit vor Stalingrad noch gern und stolz an die Parolen von der Überlegenheit des deutschen Militärs, unserer politischen Führung, des deutschen Volkes und der arischen Rasse über alle anderen geglaubt hatten?

Wir standen Spalier wie bei einer Parade, und der anschwellende Motorenlärm der von Hardegsen heranrollenden Panzer flößte uns weder Angst noch Schrecken, weder Wut noch Hass ein, allerdings auch keine Freude oder gar Jubelstimmung. Wir hatten ja den Krieg verloren und Grund genug, über die nun offensichtlich sinnlos gewordenen Leiden und Opfer – besonders an Menschenleben – zu trauern. Wir begrüßten die Amerikaner mit unbewegtem Gesicht, schweigend, nicht unfreundlich, sondern erleichtert als Boten des ersehnten Endes von Krieg und Naziherrschaft. Wieder zu Hause beeindruckte mich die Menschlichkeit der Besatzung des Panzers, der vor unserer Haustür stand. Die Soldaten saßen am Küchentisch, verzehrten die Eier, die sie bei Meyers gefunden und sich von meiner Mutter hatten braten lassen, und unterhielten sich mit meiner Schwester, die wie ich etwas Englisch sprach. Beim Durchsuchen der Wohnung fiel einem Soldaten meine Mundharmonika auf, und er überredete mich, darauf ein Lied zu spielen, das ihm sehr gefiel („Hohe Tannen …“). Wir waren nicht ihre Feinde, und sie nicht unsere, obwohl sie vielleicht noch am gleichen Tage kämpfen – töten oder sterben – würden. Nicht diese Frontkämpfer, sondern erst die ihnen folgende zweite Welle von US-Soldaten bereicherte sich an allem Brauchbaren, das sie fand, etwa an unserer Leica, die mein Vater in Norwegen gekauft hatte und von der ich nicht wusste, dass sie sich bei uns befand.

Zwei Wochen vorher hatte ich noch nahe der Schaumburg mitgeholfen, aus Baumstämmen eine Panzersperre zu bauen, an deren Wirkung wohl keiner glaubte, und nun war ich hinter der Front – wie in einer anderen Welt, genoss die schulfreien Tage, knüpfte Freundschaften mit den Nachbarskindern an und las – wenn abends die Ausgangssperre begann – die von der Besatzungsmacht herausgegebene Zeitung – , die erste vertrauenswürdige Zeitung meines Lebens. Doch die Meldung über den Tod Hitlers konnte ich kaum glauben: Der Führer hatte im Gefühlsleben – und das sollte er ja auch – den Platz Gottes eingenommen und war unsterblich. Doch die Götzendämmerung war unaufhaltsam: Volk und Vaterland, Blut und Ehre, Nation und Rasse, Deutschland und die Fahne – alles, was heilig, mythisch verklärt, unantastbar war, verlor seinen Glanz, seinen Ewigkeitswert, seine Verführungskraft, die so viele Menschenopfer gefordert hatte und immer noch forderte. Am 9. Mai, dem ersten Tag nach der Kapitulation, ging ich in der Vormittagssonne durch die Felder. Nach 12 Jahren Diktatur und 6 Jahren Krieg, erzogen in einem „Reich“ öffentlicher Verlogenheit und feiger Unterwürfigkeit, unkritischer Begeisterung und aggressiver Gewaltbereitschaft, spürte ich ganz tief, dass etwas sehr Böses vorbei war und etwas Besseres begann und damit für mich eine neue Lebensphase. In dieser Stunde Null erlebte ich staunend, dass sich ein ganz neues, mir unbekanntes Gefühl in meinem Herzen ausbreitete: Frieden, und ich fing an, nach langen Jahren falscher Heilserwartungen und „Heil“ Rufe das wahre Heil in diesem Wort „Friede“ zu erahnen, das ich vorher nur als sentimentales und unverbindliches Weihnachtsgefühl kannte, nun aber als das Heilwerden gestörter Beziehungen zu begreifen begann.

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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