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g) Bonhoeffer vergab seinem Richter




Über Opfer und Täter, Gericht und Vergebung

Bonhoeffer wusste seit Jahren, dass auch er wie viele andere vor ihm nach damaligem Kriegsrecht mit einem Todesurteil wegen Landes- und Hochverrats rechnen musste. Zwischen Bangen und Hoffen bereitete er sich auf eine mögliche Hinrichtung vor und schrieb auch im Blick auf seine Richter und Henker u. a.: „Wie überwinden wir das Böse? Indem wir es vergeben ohne Ende. Wie geschieht das? Indem wir den Feind sehen als den, der er in Wahrheit ist, als den, für den Christus starb, den Christus liebt.“ „Er hat meinen schlimmsten Feind nicht weniger geliebt als mich.“ „Jesus hat Frieden geschaffen mit all unseren Feinden am Kreuz. Diesen Frieden lasst uns bezeugen vor jedermann.“ „Nichts von dem, was wir in anderen verachten, ist uns selbst fremd.“

Ähnliche Zeugnisse verdanken wir z. B. Martin-Luther King („Ihr könnt uns tun, was ihr wollt – wir werden Euch dennoch lieben“) und dem ebenfalls (1996 in Algerien) ermordeten Christian-Marie de Chergé: „Ich habe genügend lange gelebt, um zu wissen, dass auch ich Komplize des Bösen geworden bin, das – leider – in der Welt die Oberhand zu behalten scheint. Komplize gar dessen, der mich dereinst blind erschlagen wird. Ich möchte, wenn dieser Augenblick kommt, so viel ruhige Klarheit haben, dass ich die Verzeihung Gottes und meiner Menschengeschwister anrufen kann, aber ebenso, dass ich dem aus ganzem Herzen vergeben kann, der mich umbringen wird“, und er hofft, „dass es uns geschenkt sei, uns als glückliche Schächer im Paradies wiederzusehen, wenn es Gott, dem Vater von uns beiden, gefällt.“

Diese und andere Nachfolger Jesu lebten und starben als Zeugen der frohen Botschaft von der Liebe Gottes, die ausnahmslos alle Menschen umfasst – Gerechte und Ungerechte, Gute und Böse, Opfer und Täter – und auch von uns erwartet wird als einziges Erkennungszeichen der Kinder Gottes und Jünger Jesu (Matth. 5,43-48; Joh. 13,35). Der nannte seinen Verräter „Freund“, betete für die, die ihn kreuzigten und nahm die „Sünde der Welt hinweg“, weil alle schuldig werden und alle der Vergebung bedürfen und vor Gott niemand besser ist als der oder die andere. Dabei ist in Jesu Augen viel schlimmer als das Böse, das Menschen tun, das Gute, das sie nicht getan haben, z. B. gefangene Täter besuchen. Wer kann da bestehen?

Das hören wir nicht gern, da es unser Selbstbild in Frage stellt und unseren Stolz verletzt. Wir distanzieren uns lieber von den Tätern und vermeiden so die demütigende Selbsterfahrung des Propheten Elia: „Ich bin nicht besser als meine Väter“. Wir hören und sehen zwar erschreckt, was andere einander antun, halten es aber schwer aus, dass auch wir Nachkommen des Brudermörders Kain und zum Töten fähig sind. Darum fordern auch wir Todesstrafe für Täter wie Kain, den Gott vor den Rächern und Richtern schützte. Es gibt eine tiefsitzende Lust im Menschen, „es nicht gewesen zu sein“ und als Unschuldslämmer zu Gericht über Sündenböcke zu sitzen, die Eingeständnisse zu leisten und Strafe zu erleiden haben.

Eben deshalb hat auch Jesus so nachdrücklich immer wieder geboten „Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet“ und weder juristische Schuldbewältigung gefordert noch öffentliche Schuldbekenntnisse, sichtbare Reue und Buße: Beides gehört in die Beziehung des Einzelnen zu Gott und höchstens in eine Privatbeichte. Dürfen wir dann denen zustimmen, die aus noch so verständlichen Beweggründen den Täter schon auf der Erde bestraft wissen wollen, am besten aufgehängt, sei es durch eigene oder Henkershand? Oder sollten wir die Endlösung der Schuldfrage als schon am Kreuz erfolgt ansehen und das letzte Gericht dem anheim stellen, „der allein gerecht ist“ (Röm. 3,26) und das Recht auf Rache für sich beansprucht (Röm. 12,19), aber wie auch sein Sohn darauf verzichtet? Dürfen wir von unseren Grenzen des Erbarmens und Vergebens auf Gott schließen und uns als seine vorauseilenden Gerichtsvollstrecker ausgeben?

Die Bitte „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“ kann uns von unseren gegenseitigen Verletzungen heilen und aus der Verstrickung in Unrecht, Schuld und Leid führen. Befreit vom Zwang zum Hassen und Rächen, selbstgerechtem Richten und Strafen können wir froh und dankbar liebevolle Beziehungen zu Gott, zu uns selbst und den anderen aufbauen. Wenn wir dann noch endlich aufhören, Gottes Gerechtigkeit und Gericht in moralisch-juristische Begriffe zu verkehren, kann es gelingen, beim Umgang mit der schuldbeladenen Vergangenheit von Staat, Kirche und Einzelnen die gebotene Würde jedes Menschen zu achten. Im Wissen um die Güte des Vaters Jesu, von der wir alle leben, dürfen und sollen wir bitten für alle Menschen (1. Tim. 2,1), auch für die, die durch ihren Tod menschlichen Gerichten entzogen sind und deren Leben nun – wie auch das unsere bald – in all seiner Fragwürdigkeit offenbar wird, dort, wo im Lichte erbarmender Liebe Opfer und Täter einander neu begegnen. Dietrich Bonhoeffer wünschte es seinem Richter wie allen seinen Feinden, sich einmal wie er im Gestapo-Gefängnis als „von guten Mächten wunderbar geborgen“ zu erleben. (Juli 1999)

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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