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zb) Angst als Gottesferne




Es wurde mir auferlegt, mich mit dieser Frage zu beschäftigen, sie aber nicht zu beantworten, sondern offen zu lassen. Der Wortlaut „Angst als Gottesferne?“ lässt mich vermuten, dass ein Zusammenhang zwischen beidem geahnt wird, aber ein Widerstreit besteht zwischen dem Wunsch nach Gottes Nähe und der Angst davor, etwa weil Gott dem menschlichen Streben nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit Grenzen setzen könnte. Oder geht es um die Martin Buber „wohlbekannte Angst der menschlichen Kreatur vor einer Wahrheit, der sie nicht standhalten zu können fürchtet“, einer Wahrheit über sich selbst (Friedenspreisrede 1953)? Ein anderer Religionsphilosoph, Paul Tillich, schrieb darüber: „Die Dimension der Tiefe ist uns verloren gegangen“ (In der Tiefe ist Wahrheit, 1948). Lässt sie sich wiedergewinnen durch Hören nach innen?

Worte allein sind keine Antwort auf die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, die seit Jahrtausenden in Gebeten, Klagen und Fragen erklingt: Wo ist Gott? Warum hilft und beschützt er uns nicht in dieser Not? Hat er uns vergessen, verlassen, aufgegeben, verworfen? Verbirgt er sich nur oder ist er tot? Wolfgang Borchert ließ 1947 sein erschütterndes Drama „Draußen vor der Tür“ enden mit dem Schrei: „Gibt denn keiner Antwort?“ Wie viele Menschen rufen vergebens und bleiben allein mit ihrer Angst, ihrem Unglücklichsein und „mit Beeinträchtigung gelebten Jahren“, so die Weltgesundheitsorganisation! Eine letzte Antwort könnte nur ein Gott geben, der sich erfahren und es dadurch begreifen ließe, dass Vertrauen seine gespürte Nähe ist – beglückendes Licht, Himmel – und die dann vergangene Angst seine Ferne war – trostlose Dunkelheit, Hölle – . Eine vorläufige Antwort kann ich nur wagen, wenn ich – wie z. B. George Fox – beides erlebt habe, Gottesfinsternis und Erleuchtung, und vom blinden Glauben zum sehenden Vertrauen gefunden habe.

Therapeutische Seelsorger haben oft den Eindruck, dass das Erleben von Gottesferne auch etwas zu tun hat mit fehlender Erfahrung menschlicher Nähe und Liebe. Zu unserem Mündigwerden gehören ja gegensätzliche Strebungen, einerseits nach Freiheit und Selbstverwirklichung, andererseits nach Sicherheit und Bindung, nach emotionaler Heimat und Zugehörigkeit zu familiären oder freundschaftlichen Gruppen. Wenn die häufig anerzogene Angst vor Freiheit zu groß wird, werden die Gefahren der Bevormundung durch Personen und Institutionen leicht übersehen, die manchmal auf Hörigkeit bis hin zum Kadavergehorsam aus sind. Wenn anderereits infolge von Erfahrungen solchen Machtmissbrauchs die Angst vor Bindung zu stark wird, können Unfähigkeit zu vertrauten Ich-Du-Beziehungen, Entfremdung von anderen und Selbstentfremdung bis hin zu lebenslanger Einsamkeit die Folge sein.

Sowohl der Verlust von Geborgenheit als auch das Fehlen von Freiheit können zu sozialen, seelischen, und körperlichen Störungen führen, die von Psychotherapeuten als verschiedenartige Versuche verstanden werden, Angst zu bewältigen. Auch als Antriebe für verkehrtes Streben werden heute zunehmend existentielle Ängste vermutet: vor Sinnlosigkeit und vor der Zukunft, vor Gott und dem Nichts, vor den Menschen und vor Beziehungslosigkeit, vor der eigenen Triebhaftigkeit und Fähigkeit zu allem Bösen, vor der Zerbrechlichkeit und Sterblichkeit. Dagegen gilt Geborgenheit in guten Sozialbeziehungen als wichtigster Schutzfaktor vor Herzinfarkten und anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mit vielen Ängsten müssen und können wir leben und mit der Zeit tapferer und gelassener umgehen, wachsam gegenüber allen Angstmachern.

Bei der Frage „Angst als Gottesferne?“ ist ja nicht an die Furcht gedacht, die uns vor natürlichen und gesellschaftlichen Bedrohungen warnt. Sie soll ja nicht unser Denken blockieren, sondern Wachsamkeit, Selbstvertrauen und Mut beflügeln, um schöpferisch alle Kräfte gegen die konkrete Gefahr einzusetzen. Eher denke ich bei unserem Thema an anerzogene Schuldgefühle und erworbene soziale Ängste, etwa infolge schmerzlicher Erfahrungen mit der Zerbrechlichkeit menschlicher Beziehungen, mit enttäuschtem und missbrauchtem Vertrauen, mit verletzter Würde, mit dem Verlust vertrauter Menschen oder mit der Entfremdung von ihnen, mit dem Scheitern von Bemühungen um Freundschaft und Liebe. Es könnte auch die Angst mitspielen, vor lauter Anpassung an andere das eigene Leben, das Ich-Sein verfehlt und sich dadurch von den anderen und von dem Gott, dem das Kind noch nahe war, entfernt zu haben. Dann könnte der Begriff Gott in unserem Thema diesen dem Kind noch vertrauten Gott meinen, zu dem das Vertrauen verloren ging.

So ging es mir, nachdem ich aus dem Luftschutzkeller herausgekommen war und kein Zuhause mehr vorfand. Ich musste erkennen, dass es den allmächtigen Beschützer vor allem Unheil, an den zu glauben ich gelernt hatte, nicht gab. Für den Schmerz darüber hatte schon Friedrich Nietzsche Worte gefunden, trauernd über sein heimatlos gewordenes Ich: „Du wirst niemals mehr beten, niemals mehr in endlosem Vertrauen ausruhen.“ Hinzu kam später das Misstrauen gegenüber der Vorstellung von einem Gott, der für einige Menschen ewiges Glück in seiner Nähe – Himmel genannt – geplant hat, für die meisten aber ewige Angst in der Gottesferne – Hölle genannt – . Aus ähnlichen Erfahrungen übertragen viele das unter Menschen nötige Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz auch auf ihr Verhältnis zu dem Gott, an den sie wohl glauben, dem sie aber doch nicht so ganz vertrauen und dessen Nähe besser zu vermeiden ist.

Wenn gesagt wird, dass Menschen einander das Leben zum Himmel oder zur Hölle machen, sind damit geglückte oder missglückte Beziehungen untereinander gemeint. Je nachdem, wie stark und zahlreich die frühen Enttäuschungen und Verletzungen waren, gedenken später Erwachsene ihrer Kindheit als eines Himmels, einer Hölle oder – wie ich – einer Mischung von beidem. Im Mutterleib kannten wir Vertrauen im Sinne einer Ich-Du-Beziehung zwar noch nicht, aber das Ur-Vertrauen auf die Übereinstimmung unserer Bedürfnisse mit der Welt um uns herum. Das haben wir nach unserer Geburt auf die Verlässlichkeit der Menschen übertragen, die uns versorgten. Da sie aber nicht immer nahe und nicht nur für uns da waren, entwickelte sich in uns langsam auch mehr oder weniger Ur-Misstrauen, manchmal zuviel. Dann kann es zu bleibenden seelischen und sozialen Störungen und Fehlentwicklungen kommen, etwa zu Ängsten, Zwängen, Süchten, Depressionen oder Gewaltbereitschaft. Fehlt therapeutische Hilfe, rettet manchmal die Erfahrung völligen Scheiterns oder einer Katastrophe, in der z. B. ein Alkoholkranker sich selbst und sein Leben als verloren begreift wie der verlorene Sohn in Jesu Gleichnis.

Ähnlich wie ihm erging es auch mir, so dass ich erkannte: Jetzt muss ich alles auf eine Karte setzen und – wenn das möglich ist – von Grund auf neu werden. Ich erinnerte mich an ein Büchlein mit dem Titel „Heiliger Gehorsam“, dass ich als 17-Jähriger bei schwedischen Quäkern gekauft hatte und dessen Verfasser – Thomas R. Kelly – mit offensichtlich großer Freude eine eigene Gotteserfahrung beschrieb. Sein Zeugnis hatte beim Lesen eine kleine Hoffnung in mir erweckt, dass es vielleicht doch einen Gott und sogar ein beglückendes Erleben dieses Gottes geben könne. Die Erinnerung daran ermutigte mich nun – sieben Jahre später – zu dem verzweifelten Gebet: „Gott, wenn es dich gibt, dann zeige dich mir!“ Heute weiß ich, dass es zwei einander widersprechende Gefühle waren, die mich damals bewegten, zum einen – ganz im Sinne unseres Themas – als Gottesferne erlebte niederdrückende Angst vor Sinnlosigkeit, zum andern Sehnsucht nach der Nähe eines Gottes, der mich liebt.

Mein Gebet wurde allerdings zunächst auf eine Art und Weise beantwortet, dass ich es nur zulassen konnte, weil ich mich in einer schweren Krise befand, aber die ist bekanntlich oft der Anfang von Genesung. Die Krise führte bei mir in einen vier Wochen langen Prozess der Selbsterkenntnis bis in alle Abgründe hinein – in den „Ozean der Finsternis“, wie das George Fox in seinem Tagebuch (1647) nannte. Ich musste auch noch den letzten Rest meines Bildungshochmutes verlieren, um einzusehen und bereit zu sein, Gott, wenn es ihn gab, als meinen Gott anzuerkennen und seinen Willen sofort zu tun. Sofort erfüllte mich – um wieder mit George Fox zu sprechen – ein „Ozean von Licht und Liebe“, dessen Quelle nur ein ganz nahes Du sein konnte, obwohl ich es weder sah noch hörte. und ihm keinen Ort in oder außer mir zuweisen konnte.

Zugleich wurde nicht nur mein verlorenes menschliches Vertrauen auf Natur, Kultur und Technik, sondern auch mein kindliches Gottvertrauen wieder erneuert. Da war kein Raum mehr für Angst und Misstrauen, auch nicht gegenüber den Menschen, denen ich gerade noch mit Grund misstraut hatte. Selbstvertrauen und Mut erfüllten mich, und ich wusste: Mein Leben hat Sinn und Ziel und wird gelingen. „Frei vom eigenen Denken“, wie es George Fox (1658) nannte, also von dem erlernten geistigen Überbau, den ich für mein Ich gehalten hatte, nahm ich staunend eine mich selbst und die Welt bewegende geistige Kraft wahr, die mich durch Eingebungen wissen ließ, was gut und richtig und für mich zu tun war und wohin die Geschichte der Menschheit sich fortentwickeln wird.

Vier Monate später, als ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Evangelium las, fand ich darin – wie George Fox im 17. Jahrhundert (Journal, S. 44 f.) – Zeugnisse von dem gleichen Gott, den ich erlebt hatte und dem Jesus nach meiner Überzeugung näher war als alle Menschen vor und nach ihm. John Lampen erinnert deshalb in „20 Fragen zu Jesus“ (1985, S. 54): „Die frühen Quäker betonten gleichfalls diesen doppelten Aspekt, das Licht von innen, das mit dem geschriebenen Zeugnis übereinstimmt.“ Als aufgeklärter Mensch des 20. Jahrhunderts musste ich allerdings im Unterschied zu George Fox lernen, in der Bibel und in ihren Auslegungen zu unterscheiden zwischen Geistlichem, das Vertrauen auf den nahen Gott bewirkt, und Menschlichem, das Angst vor dem fernen Gott erzeugt.

Die Nähe Gottes nannte Jesus Gottesreich oder Himmelreich als ein in diesem Leben erfahrbares Ziel, erreichbar auf einem Weg, der allen Weltanschauungen und Religionen widerspricht: „Wenn ihr nicht umdenkt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen“ (Matth. 18,3). Anders gesagt ist das die Verheißung: „Wenn ihr umkehrt und wieder werdet wie die Kinder, werdet ihr in das Reich Gottes kommen.“ Diese einzigartige Wegweisung bedeutet Rückkehr in die Nähe Gottes, die Kinder erfüllt mit Vertrauen, Liebe, Freude und Frieden, und zugleich Abkehr von dem Glauben, der von Gott entfernt: Du wirst glücklich, wenn du wie die Erwachsenen wirst und wie sie nach Macht und Ansehen, Geld und Besitz trachtest. Nach Jesu Menschenbild sind wir fertig auf die Welt gekommen und müssen nicht erst fertig gemacht werden durch Erzieher, die weder besser noch weiser sind als Kinder.

Da das glückselig genannte Wesen der Kinder sich aber nicht mit eigener Kraft erreichen lässt, bestand die vertrauensbildende Maßnahme Gottes durch Jesus nicht nur in Wegweisungen durch das äußere Licht gesprochener Worte und in heilendem Handeln, sondern auch in dem Geschenk von Eingebungen durch das innere Licht. Das verstehe ich inzwischen auch als einen Geist der Aufklärung, der durch neue Einsichten überlieferte Unklarheiten und Irrtümer beseitigt. Er ist auch notwendig, um von gekränktem Stolz und Groll frei zu werden zur Vergebung erfahrener Enttäuschungen und Verletzungen des Selbstwertgefühls und um ermutigt zu werden zur Selbstentfaltung in gleichwürdigen Beziehungen, frei vom Untertanengeist. Dann kann aus der Ferne, der oft tiefen Kluft zwischen Mensch und Gott und zwischen Mensch und Mensch – Opfern und Tätern – eine nicht für möglich gehaltene Nähe werden.

Das Endergebnis wäre die revolutionäre Veränderung der bisherigen Gesellschaftsordnungen, sowohl das Ende der religiösen Unterscheidung von Gerechten und Ungerechten, Reinen und Unreinen, als auch die Entmächtigung der Herrschenden und Reichen über die Untertanen und Armen. Darum musste auf gewalttätigen Widerstand stoßen, wer Gott als einen ganz nahen Vater bezeugte, der nicht Glauben an irgendetwas fordert, sondern um Vertrauen, Liebe und Handeln aus dieser Liebe heraus bittet. Aber wer will einen Gott, der mit Papa – hebräisch Abba – angeredet werden darf und wie Jesus „sanftmütig und von Herzen demütig“ (Matth. 11,29) ist, also dienen will, anstatt zu herrschen? Und doch hat die Sehnsucht, das sehnende Suchen nach Gott bei vielen Menschen – auch bei George Fox – zu einer unmittelbaren Erfahrung geführt und dadurch bestätigt, dass „sein Licht alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen“ (1. Joh. 1,9), und wieder erleuchten kann, wenn es auf dem Wege des Erwachsenwerdens verloschen ist.

Wenn Worte wie Vater oder Papa mit Erinnerungen an in der Kindheit erlittene Verletzungen verbunden sind, bedarf es oft eines jahrelangen Heilungsprozesses. Das Ergebnis der Befreiung kann dann so klingen wie in diesem Brief: „Es freut mich zu lesen, dass Ihr, … , offenbar zu unserer erlebten religiösen Prägung auf kritische Distanz gegangen seid. Für mich wurde es notwendig, mich radikal abzuwenden, was auch zeitweise eine Abkehr von der Familie bedeutete. Erst Mitte 40 konnte ich mich mit therapeutischer Unterstützung diesen und anderen abgründigen Themen stellen. Zu begreifen, dass auch ich leben darf und genießen, bedeutete gleichzeitig, die Daueraufträge zerstörerischer Botschaften zu kündigen.“ In unserer Kultur lernen fast alle Kinder, sich einerseits – weil sie „böse“ sind – vor den anderen und vor Gott zu schämen, andererseits auf sich stolz zu sein, weil sie besser sind als andere. Beides verhindert, sich selbst zu lieben und sich ohne Scham und Stolz von anderen und von Gott so lieben zu lassen, wie sie sind.

Diese erlernte innere Zwiespältigkeit hat – auf Gott übertragen – von jeher das ebenso widersprüchliche Gottesbild erzeugt, bei dem – wie bei den Menschen – Schuld und Strafe zusammengehören, im Unterschied zu dem Vater Jesu, bei dem Schuld und Vergebung zusammengehören. Könnte es sein, dass wir – uns selbst behauptend – die von uns erwartete alles vergebende Liebe ablehnen, lieber an unserer Gerechtigkeit und Macht festhalten, also einander weiter anklagen und verurteilen wollen und deshalb Angst haben vor der Nähe des so ganz anderen Gottes? Doch nur durch seine andächtig gefühlte Nähe können wir auch einander nahe kommen, uns als Ich und Du auf gleicher Ebene begegnen und so die wahre Gemeinschaft der neuartigen Familie erleben, von der Jesus sagte: „Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Nachfolger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ (Joh. 13,35) Ich schließe mit einem Gebet von Sabine Naegeli: „Wie danke ich dir! Alle Verfinsterung ist von mir gewichen. Alles ist gut zwischen mir und dir. Du hast mich getröstet; ich bin nicht verlassen; ich gehe weiter auf dem unbegreiflichen Weg, den du mich führst.“ [aus: Die Nacht ist voller Sterne. Verlag Herder, Freiburg, 14. Auflage 1999]

[Vortrag vom 23.3.13 beim Grenztreffen von Quäkern aus der Schweiz, dem Elsass und Südwestdeutschland auf dem Lindenberg. Abgedruckt in „Quäker“, Zeitschrift der deutschen Freunde, Nr. 3, 2013, S. 107-112]

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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