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z) Gebet für die Peiniger




Friede den Menschen, die bösen Willens sind,
und Ende aller Rache und allen Redens über Strafe und Züchtigung.
Die Grausamkeiten spotten alles je Dagewesenen,
sie überschreiten die Grenzen menschlichen Begreifens,
und zahlreich sind die Märtyrer.
Daher, o Gott, wäge nicht ihre Leiden auf den Schalen deiner Gerechtigkeit,
fordere nicht grausame Abrechnung, sondern schlage sie anders zu Buche:
Laß sie zugute kommen allen Henkern, Verrätern und Spionen,
und allen schlechten Menschen, und vergib ihnen
um des Mutes und der Seelenkraft der anderen willen.
All das Gute sollte zählen, nicht das Böse
und in der Erinnerung unserer Feinde sollen wir nicht
als ihre Opfer weiterleben, nicht als ihr Alptraum und gräßliche Gespenster,
vielmehr ihnen zu Hilfe kommen, damit sie abstehen können von ihrem Wahn.
Nur dies allein wird ihnen abgefordert,
und dass wir, wenn alles vorbei sein wird,
leben dürfen als Menschen unter Menschen,
und dass wieder Friede sein möge auf dieser armen Erde
den Menschen, die guten Willens sind,
und dass der Friede auch zu den anderen komme.

(Dieser Text wurde nach dem Krieg im Frauenkonzentrationslager Ravens-brück gefunden, niedergeschrieben auf einem alten Stück Einwickelpapier.)