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za) "Aufgeklärtes Christentum"? Eine Antwort




Michael Seeber’s Kritik im Quäker Nr. 1/2012 am christlichen Glauben stimme ich in vielen Punkten zu, aber einiges sehe ich gerade als aufgeklärter, also nicht schriftgläubiger Bibelforscher anders. Neben der antiken Vorstellungswelt und Sprache ihrer Verfasser weht doch hier und da im Alten und überwiegend im Neuen Testament ein ganz neuer Wind (pneuma), der sowohl den Überlieferungen des alten Israel als auch den damaligen zeitgenössischen Strömungen und den späteren kirchlichen Lehren entgegensteht. Durch diesen neuen Geist sollten die Hörer und Leser vor allem befreit werden von dem irrigen Glauben an einen zu richtenden und deshalb zu fürchtenden Gott, bei dem Schuld und Strafe zusammengehören, zum Vertrauen auf den alle seine Kinder liebenden Vater, bei dem Schuld und Vergebung zusammengehören. Dementsprechend sind die Forderungen Jesu ebenso neu, wie sein Vater keinen Menschen zu verurteilen und sogar Feinde zu lieben. Was in der Bibel dieser von religiösen Ängsten erlösenden Botschaft fremd ist und auch mich befremdet, führe ich – historisch-kritisch denkend – nicht auf Offenbarungen Gottes, sondern auf andere Quellen zurück. Sie flossen beim Verfassen, Abschreiben und Ergänzen der Schriften mit ein, etwa Lehren des asketischen Täufers Johannes und altorientale Mythen von Weltuntergang, Weltgericht und Höllenfeuer. Vielleicht hat aber auch Jesus diese gängigen Sprachbilder verwendet, um Hartherzige aufzurütteln. Ich rechne außerdem damit, dass beim Entstehen der biblischen Schriften vorhandene literarische Texte bearbeitet und mitaufgenommen wurden, z. B. Märchen und Lieder, Sagen und Legenden, Fabeln und Parabeln. Sie bedürfen ebenso wie die antiken Weltbilder einer Deutung und hindern mich nicht, offen zu sein für die sich wandelnden modernen Weltbilder. Mich „von Jesus selbst in deutlicher Form zu distanzieren“, veranlassen mich Relativitäts-, Abstammungs- und andere Theorien ebenso wenig wie die fragwürdigen kirchlichen Lehren über Jesu Person und Lehre. Solche schon früh beginnenden Umdeutungen sollten offensichtlich das von Jesus gemeinte Reich Gottes – die Herrschaft seines Geistes und seiner Liebe – wieder ersetzen durch die gewohnte Herrschaft von Menschen über Menschen im Namen Gottes. Damit sich ihr die Gläubigen unterwarfen, mussten in ihnen tiefe Ängste erzeugt werden durch die Verordnung des Glaubens an den auch zu allem Bösen fähigen „Allmächtigen“. Den gibt es zwar weder in der hebräischen Bibel noch in den Evangelien, aber in fast allen Übersetzungen bis heute. Das kindliche Urvertrauen, das Jesus wieder erneuern wollte, wurde zerstört durch das verordnete Misstrauen gegen sich selbst wegen der angeblich ererbten Bosheit, die allerdings besonders bei den strafenden Stellvertretern dieses Gottes am Werke war. Aus dem nicht durch das „Einschüchterungsarsenal des biblischen Jesus“, sondern durch den auch in anderen Religionen üblichen religiösen Missbrauch bewirkten schlechten Gewissen, den Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen, gab es nur eine Rettung: Sicherheit durch den rechten Glauben an die jeweiligen religiösen Lehren und Kulte, Institutionen und ihre Anführer,.

Nächstenliebe ist innerhalb aller menschlichen Gemeinschaften überlebensnotwendig, angefangen von der Familie, und wurde auch den Israeliten schon im 3. Mose 19,18 geboten. Es stimmt also, dass Jesus nicht ihr „Erfinder“ war, doch war er der Erste, der Liebe zu allen Schuldiggewordenen und sogar zum Feind als Wesen und Willen seines Vaters verkündete und bezeugte, zuletzt im Umgang mit seinen Mördern und im Gebet für sie. Das bestätigt mir seine gute Botschaft, dass sein Vater weder zornig war über die Menschen noch zu seiner Versöhnung mit ihnen eines archaischen Menschenopfers bedurfte, wie Jesu Kreuzestod christlich gedeutet wurde. War also wirklich „alles Leiden auf Golgatha letzlich umsonst“, zumal das Vertrauen des Sterbenden auf die den Tod überdauernde Treue seines Vaters ähnliches Vertrauen bei zahllosen Menschen bewirkte? Ich finde in den Evangelien nicht den mythischen „kosmischen Christus“ der Theosophen, Anthroposophen und anderer Esoteriker, sondern einen Menschen aus Fleisch und Blut. Für mich hat er das wahre Menschsein nach dem Bilde Gottes verkörpert, zu dem alle Menschen berufen und befähigt waren, bevor sie umgeschaffen wurden nach dem Bilde ihrer Erzieher. Der Rückkehr zum Ursprung bedarf es nach meiner Erfahrung des Hörens auf den Geist in uns, der als heilendes Licht in der Tiefe jedes Menschenherzens und in den überlieferten Worten Jesu leuchtet, soweit sie echt sind. Es bewirkt auch den Willen und die Kraft zu „solidarischer Nächstenliebe“, die niemanden ausschließt aus der Familie der Kinder Gottes. Das Vertrauen auf den „spirituellen Vorfahren“ Jesus und die nicht nur einmal erfahrene Wirklichkeit seines Vaters sind für mich wie für George Fox nicht „von eingeschränkter Bedeutung“, sondern wesentlich, um mich in meinem Leben und besonders in allen Beziehungen zu orientieren. Mai 2012 (abgedruckt in "Quäker, Zeitschrift der deutschen Freunde" Nr. 6, 2012, S. 231 u. 232)

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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