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y) Gott ist ganz anders




Jüdische, christliche und islamische Schriftgelehrte waren bemüht, die Gottesbilder in ihren heiligen Schriften zu harmonisieren, als ob es sich um einen einzigen Gott handele. Darum wurden bei Übersetzungen der hebräischen Bibel die neun Gottesnamen ersetzt durch „Herr“, „Gott“ oder den „Allmächtiger“. Der war zwar den Israeliten und Jesus fremd, aber sehr geeignet für die nach Macht strebende neue Religion des Christentums. Doch konnte dieser nach dem Bilde von Menschen geschaffene Goot, das Gegensätze wie weibliche Barmherzigkeit und männliche Grausamkeit in sich vereinte, nur eine Mischung von Zweifel und Vertrauen bewirken oder Unglauben. Das Vaterbild Jesu wurde ausgelegt im Sinne der antiken Vatergottheiten, die dem Vaterbild der vaterrechtlichen Gesellschaften entsprachen: höchste Respektsperson in unumschränkter, absoluten Gehorsam fordernder Gewalt und zugleich gütiger, fürsorglicher Beschützer, Ernährer und Helfer. Jesus wagte es wie niemand vor ihm, seinen Vater in der Kindersprache mit dem Urwort Abba – Papa – anzureden. Er vermittelte sein liebendes Einssein mit Gott auch den ihm Nachfolgenden, die in der Urgemeinde als Schwestern und Brüder unter einander „ein Herz und eine Seele“ waren und wie jede Familie in Gütergemeinschaft lebten (Apg. 4,32). Jesu einmaligen Anspruch, dass Gott sich in ihm als Vater offenbart habe, daher nur in ihm als Vater erkannt und deshalb Gotteskindschaft nur durch ihn gewonnen werde, bedeutete das Ende der Religion und des Gesetzes im Sinne seiner Aussage: „Nicht Mose … sondern mein Vater gibt euch das rechte Brot vom Himmel.“ (Joh. 6,32)

Auf Jesu mütterlichen Vater, der nicht zwiespältig, sondern nur Liebe (1. Joh. 4,8 u. 16) und nur gut ist (Markus 10,18), weist mehrmals auch das Alte Testament hin. Schon der Brudermörder Kain wird durch Gott vor den Menschen geschützt (1. Mose 4,15), die ja Schuld zu vergelten pflegen und die Gewalt, die sie einander antun, gern religiös rechtfertigen. Anstatt „siebzigmal siebenmal“ (Matth. 18,22). zu vergeben, versuchen sie, wie der Gott zu sein, der ihnen beigebracht wurde: Herr über Leben und Tod. Es bedarf der Gabe der Geisterunterscheidung, um – auch in heiligen Schriften – zu erkennen, was von Gott ist und was vom Menschen. Diese Gabe fehlte den schriftgläubigen Gottesdienern, die Jesu freundschaftlichen Umgang mit „Sündern“ und „Heiden“ als gottlos beurteilten, und ebenso den Nachfolgern Jesu, die hofften, der Gekreuzigte würde bald wiederkommen, um dann endlich „... zu richten die Lebenden und die Toten“. So heißt es ja bis heute in den alten Glaubensbekenntnissen, die das weiter erwartete „Königreich Gottes“ wie in Kanaan, wo der Begriff herkommt, verstanden als Herrschaft eines Königs und Richters der Ungerechten.

Wer das Neue Testament unvoreingenommen liest, kann ein Gottesbild und eine Botschaft entdecken, die vom damals wie heute Üblichen wesentlich abweichen. Sie erklären sowohl das Entsetzen darüber bei den Freunden und Feinden Jesu als auch die von vielen Menschen bezeugte umwerfende Erfahrung einer innerer Heilung und schließlich die erstaunlichen Veränderungen der Weltkultur trotz aller Entschärfung des Evangeliums. Jesus stellte grundlegende Überzeugungen in Frage, wenn er z. B. sagte: „Alle, die vor mir gekommen sind, sind Diebe und Räuber“ (Joh. 10,8). Verurteilt er die ganze religiöse Überlieferung? Oder: „Niemand kennt den Vater, denn nur der Sohn und wem es der Sohn will offenbaren“ (Matth. 11,27; vgl. Joh. 8,55). Verkündigt er einen neuen Gott? Oder: „Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Matth. 5,44 u. 45). Vergibt Gott allen alles und verlangt das auch von den Menschen? Und was heißt: „bessere Gerechtigkeit“ (Matth. 5,20): Werden im Weltgericht alle Täter von Schuld freigesprochen ohne Genugtuung für die Opfer, und soll jetzt schon auf alles Strafen verzichtet werden? Oder: „Wer auf mich vertraut, wird leben, auch wenn er stirbt“ (Joh. 11,25). Vertrauen soll genügen? Oder: „Wer groß sein will unter euch, der sei euer Diener“ (Matth. 20,26). Haben denn alle Menschen die gleiche Würde?
Oder das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11-32): Ist Gott den Sündern gar nicht böse? Oder: „Mein Sohn, deine Ungerechtigkeiten sind dir vergeben“ (Mark. 2,5). Ohne Reue, Schuldbekenntnis und Bitte um Vergebung, wie es Paulus erlebte? Völlig unvorbereitet erfuhr er die Gegenwart des Auferstandenen und lernte dadurch: Die Beziehung zwischen Gott und Mensch ist nicht von Gott her sondern vom Menschen her gestört. Daher schrieb er später nicht, dass Gott mit uns, sondern dass wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes: „So bitten wir nun an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott!“ (2. Kor. 5,20; Römer 5,10) Dennoch hielt der ehemalige Pharisäer fest an der alten Vorstellung eines zornigen und richtenden Gottes, der alle Ungerechtigkeit bestrafen muss, wenn er nicht wie viele Götter durch ein blutiges Opfer zu Vergebung bewegt wird. So entstand die durch Briefe schnell um sich greifende Lehre, dass Jesus die von Gott über die Menschheit verhängte Todesstrafe als stellvertretendes Opfer auf sich nahm und nur der Glaube daran rettet. Doch wusste Paulus auch, dass schon der „Lohn der Sünde“, der Tod, den Menschen von ihr befreit (Römer 6,7) und Gott „seine Liebe gegen uns erweist#“ durch den Tod Jesu (Römer 5,8) und „ein Gott der Liebe und des Friedens ist“ (2. Kor. 13,11. Außerdem wird im Neuen Testament: mehrfach betont: „Er ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.“ (Kol. 1,20; 1. Joh. 2,2) Schon früh wurde die Herzenssache Jesu – Vertrauen und Liebe – in die Kopfsache eines Glaubens an gedanklich und sprachlich festgelegte „Wahrheiten“ verkehrt. Doch „der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig“ (2. Kor. 3,6), und wo es um Glauben an „rechte Lehren“ geht, hört die Liebe auf, kommen die Trennungen und beginnt die Verfolgung Andersgläubiger im Namen des „wahren“ Gottes.

Überzeugt, dass die Wirklichkeit Gottes erst durch Jesus in dieser Welt offenbar geworden ist (Ethik; hg. E. Bethge, 6. Aufl. 1963, S. 213/14), schrieb Dietrich Bonhoeffer einmal, dass der Gekreuzigte nicht unsere Strafe, sondern „unsere Schuld bedingungslos und vollständig auf sich nahm, sich für schuldig erklärte an unserer Schuld und uns frei ausgehen ließ“ (s. o., S. 119), also die Verantwortung für uns übernahm. Jesus verkündete die nie unterbrochene und nie endende Liebe seines Vaters, und der Kreuzestod war die Krönung des Ringens um Offenlegung der auch vom Menschen geforderten grenzenlosen Vergebung seines Vaters und des menschlichen Widerstandes dagegen. Jesus ließ selbstbestimmt und freiwillig (Joh. 10,17 u. 18) sein „Leben für seine Freunde“ (Joh. 15,13), zu denen er alle Menschen zählt, auch seinen Verräter Judas und seine Henker. Diese Hingabe des bevollmächtigten Stellvertreters seines Vaters bedeutet Gottes Bitte um Vergebung dafür, dass er triebhaften, zerbrechlichen und sterblichen Menschen die Verantwortung dafür zugemutet hat. mit der ihnen geschenkten und sie zu Mitschöpfern berufenden Freiheit umzugehen. Doch gerade sie ist das Zeichen ihrer Würde und des nur ihnen Möglichen: der Liebe zum Vater, der Arbeit miteinander und der Sorge füreinander. Einen Gott, der Menschen dafür verdammt, dass sie der Herausforderung nicht gewachsen sind, kann nicht geliebt, sondern nur angeklagt werden.

Niemanden verurteilen (Matth. 7,1-5 u. a.) können noch die nach Gottes Bild geschaffenen Kinder, bevor sie geprägt wurden von Erwachsenen nach ihrem Bilde. Darum ermutigte Jesus, umzukehren und wie die Kinder zu werden (Matth. 18,3), denn in ihnen leuchtet „das wahrhaftige Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt“ (Joh. 1,9). Der Kinderglaube an den lieben Gott steht dem Vertrauen Jesu viel näher als der Glaube an einen Gott, der auch dunkle Seiten hat. Eine kritisch prüfende Vernunft gegenüber den Versuchen, Unwissende zu vereinnahmen, ist zwar wichtig für mündige Menschen, aber wesentlich ist das grundlegende Urvertrauen, wenn die Verbundenheit mit dem Vater Jesu und den Mitmenschen und damit das Leben glücken sollen. Wer von der erlernten Angst vor Gott und den Zweifeln an seiner Güte frei wird, kann das Ergriffenwerden von der letzten Wirklichkeit erfahren, die Liebe ist, und ausgesöhnt werden mit seiner Geschöpflichkeit und seinem Schöpfer. Aber auch wer zu dieser Geborgenheit nicht zurückfindet, wird nach seinem Tod überwältigt werden von der Liebe des Gottes, der alle seine zu ihm heimkehrenden Kinder – Opfer und Täter – umarmt wie der Vater den verlorenen Sohn in Jesu Gleichnis.
Wilhelm Prasse, 19.3.12

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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