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x) Wie ich die Bergpredigt lese




Ein persönliches Zeugnis

Ich lese sie mit meinen eigenen Augen, meinem Kopf und meinem Herzen, ohne mich einer der zahlreichen Deutungen dieser Lehrrede Jesu anzuschließen. Dadurch hoffe ich, mein Leben und mein geistig-seelisches Haus auf einen Felsen zu bauen, um mit einem Bilde Jesu am Ende der Bergpredigt zu sprechen (Mt. 7,24), und so von den vielen Ängsten nicht angesteckt zu werden, die heute umgehen. Mein Kopf betrachtet „heilige Schriften“ als religionsgeschichtliche Dokumente historisch-kritisch und – ermutigt durch Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer und Jesus – auch religionskritisch. Mein Herz sucht letzte Geborgenheit in einem Du mit einem Vertrauen, das begründet ist in dem zutiefst beglückenden Erleben einer heilenden und grenzenlos vergebenden Liebe unbekannten Ursprungs. Beim Forschen, wer sie erstmalig bezeugt hat, entdeckte ich die Evangelien, und seitdem weiß ich, wer mein Gott ist, und bemühe ich mich wie Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis: „Wir müssen uns immer wieder sehr lange und sehr ruhig in das Leben, Sprechen, Handeln, Leiden und Sterben Jesu versenken, um zu erkennen, was Gott verheißt und was er erfüllt.“ (aus: Widerstand und Ergebung). Versenken bedeutet für mich: Nach innen hören.

Da ich dem christlichen Gottesbild des „Allmächtigen“ nicht vertrauen konnte, der sich willkürlich erbarmt oder verstockt (Röm. 9,18), und an das Dogma, die Bibel sei Gottes Wort, nicht glauben konnte, begann ich, die Evangelien zu befragen nach ihrer Entstehung, ihrer Überlieferung, ihren Verfassern, deren Absichten und Quellen und nach der geschichtlichen Situation. Zugleich versuchte ich, an Jesus, der ja kein Theologe war, und seine Botschaft, nicht mit der Problematik eines Erwachsenen heranzugehen, sondern unbefangen wie ein unbelastetes und innerlich noch nicht entzweites Kind: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen“ (Mt. 18,3). Es verlangte mich aber nicht nach einem mich bevormundenden oder tröstenden Gott, sondern ich wollte an seinem Plan für die Welt mündig und verantwortlich mitwirken ohne weltliche oder „geistliche“ Führer, Wölfe in Schafskleidern (Mt. 7,15), vor denen Jesus in der Bergpredigt warnt.

Ich bezog die Zusage Jesu auf mich: „Wenn ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr in Wahrheit meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“ (Jh. 8,31). Ich verstand, dass mit dieser Wahrheit zum einen Jesus selbst gemeint war, „das wahrhaftige Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen“ (Jh. 1,9)), zum anderen das von ihm verkündigte Wort seines Vaters: „Dein Wort ist die Wahrheit“ (Jh. 17,17). Da Jesus mir auch verheißt: „Sie werden meine Stimme hören“ (Jh. 10,16), bemühte ich mich neben allem Forschen, seine ursprünglich ja mündliche Anrede zu vernehmen und in der Stille zu horchen sowohl nach innen wie nach außen auf sein hinterlassenes Vermächtnis in der Erwartung, dass beide Quellen übereinstimmen. Meine anfängliche, von Buddhas Lehre genährte Befürchtung, dann selbstlos werden zu müssen, wandelte sich bald in dankbare Freude darüber, mehr und mehr ich selbst – mein wahres Ich – zu werden. Dazu gehörte der Mut zu einsamen und gemeinsamen Entscheidungen, die auch einmal falsch sein können, wenn etwa das kulturell geprägte Gefühl, Wissen und Gewissen mit dem inneren Licht verwechselt wurde. Unverzichtbar war auch der Weg schmerzlicher Selbsterkenntnis, und darum lässt das ebenfalls sehr alte Thomas-Evangelium (3; Zürcher Synopse S. 272) Jesus sagen : „Wenn ihr euch erkennen werdet, dann werdet ihr erkannt, und ihr werdet wissen, dass ihr die Söhne des lebendigen Vaters seid“

Einige Ergebnisse historisch-kritischer Betrachtung

Beim Forschen nehme ich den natürlichen Weg von außen nach innen und schaue mir zunächst die Textgestalt an. Dazu dient mir für mein tägliches Lesen z. Z. die „Neue Zürcher Evangeliensynopse“, in der die vier ältesten Berichte über Jesus parallel nebeneinander stehen. So kann ich bei jedem Abschnitt sehen, ob die anderen drei Evangelien den gleichen Text bieten oder einen ähnlichen oder gar keinen. Wenn mir die Übersetzung fragwürdig vorkommt, ziehe ich den aus vielen alten Handschriften erschlossenen griechischen Grundtext zu Rate. Ich sehe, dass nur das vorwiegend aus dem Geist Jesu heraus geschriebene Johannes-Evangelium beanspruchte, von einem Augenzeugen geschrieben oder diktiert worden zu sein. Die drei anderen Evangelien entstanden, wie es der Verfasser des Lukas-Evangeliums beschrieb: „So beschloss auch ich, nachdem ich allem von Anfang an sorgfältig nachgeforscht habe, es der Reihe nach für dich aufzuschreiben“ (Lk. 1,3-4). Daraus entnehme ich, dass dieser Evangelist – etwa 50 Jahre nach Jesu Hinrichtung – mehrere schriftliche und vielleicht auch mündliche Quellen benutzt hat, darunter leider auch wie das Matthäus-Evangelium einen fragwürdigen Stammbaum Jesu und – z. B. über Jesu Geburt – Legenden, wie sie sich im Prozess zunehmender Erhöhung und Überhöhung von Religionsstiftern zu bilden pflegen, zu denen Jesus sich selbst nicht gezählt hat. Damit sollte, mit Bibelzitaten unterlegt, Juden und Judenchristen bewiesen werden, dass Jesus der ihnen prophetisch angekündigte Messias sei. Umso bemerkenswerter finde ich es, dass das ältere Markus- wie auch das Johannes-Evangelium noch nichts über Jesu Leben vor seiner Taufe mit 30 Jahren wissen.

Beim Vergleichen erkenne ich schnell, dass das offensichtlich ältere Markus-Evangelium eine der Quellen des Lukas- und Matthäus-Evangeliums war und wer von ihren Verfassern wörtlich abgeschrieben, etwas verändert, weggelassen oder hinzugefügt hat. Diese unterschiedliche Übernahme ist darin begründet, dass das Matthäus-Evangelium vor allem für Judenchristen geschrieben wurde. Um sie zu überzeugen, wird z. B. das Festhalten an jüdischen Überlieferungen mehrfach betont, auch in der Bergpredigt: „Bis dass Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis dass es alles geschehe“ (Mt. 5, 18). Lukas dagegen hat offenbar vorwiegend an heidenchristliche Leser gedacht und konnte darum – der Botschaft Jesu mehr entsprechend – schreiben: „Das Gesetz und die Propheten reichen bis zu Johannes [dem Täufer]; von nun an wird das Evangelium vom Reich Gottes verkündigt“ (Lk 16,16).

Die Verfasser des Matthäus- und Lukas-Evangeliums benutzten offensichtlich – außer jeweils eigenen Quellen – mindestens noch eine zweite gemeinsame, die von beiden vielfach wörtlich abgeschrieben wurde, dem Markus-Evangelium aber unbekannt war. Beim Vergleich fällt mir auf, dass die Worte dieser Quelle im Matthäusevangelium in drei langen Reden zusammengefasst wurden, vor allem in der „Bergpredigt“, einem Lehrvortrag für Jesu Schüler mit Kernsätzen, die sich ihrem Gedächtnis eingeprägt hatten. Die einzelnen Abschnitte darin scheinen mir aber nicht alle an die gleichen Hörer gerichtet zu sein, zumal ich dieselben Aussprüche – manchmal etwas abgewandelt – im Lukas-Evangelium verstreut auf sieben Kapitel finde mit dafür neu geschaffenen Rahmen und nun an verschiedene Hörergruppen gerichtet. Offenbar enthielt diese Quelle nur Jesu Aussprüche, ohne dass die Situationen, in denen er sprach, und die von ihm Angesprochenen erwähnt wurden. Da sich die Evangelisten dadurch frei fühlten, Jesu Worte in selbsterdachte Rahmen einzukleiden, zu denen diese Aussprüche zu passen schienen, fühle ich mich frei, Jesu Worte, aus dieser Spruchquelle unabhängig davon zu deuten, wie sie umrahmt sind.

Da die Urschriften der Evangelien alle verloren gingen, muss ich damit rechnen, dass die Texte verändert wurden durch Ergänzungen und Kürzungen und durch Fehler beim Abschreiben und Übersetzen. Um die Worte Jesu zu entschärfen, die ja immer eine Kritik an der religiösen Praxis waren, wurden dem Text hinzugefügte Deutungen nötig, Anpassungen an die entstehenden Theologien in Form von Erläuterungen, Auslegungen, Anmerkungen, Fußnoten oder Überschriften wie z. B. auch in der ganz neuen „dem Urtext nahen“ „Basisbibel“. Dort heißt es in der Bergpredigt über den Abschnitten, in denen Jesus das Töten, Schwören und Vergelten verbietet: „Das Gebot, nicht zu morden.“ „Das Gebot, keinen falschen Eid zu schwören.“ „Das Gebot, nur maßvoll zu vergelten.“ Aus all dem ziehe ich den Schluss: Wenn Jesus so vertraut war mit seinem mütterlichen Vater, dass er ihn mit Abba – Papa – anredete, was vorher niemand einem Gott gegenüber gewagt hatte, und ihn besser kannte als alle seine Vorgänger und Nachfolger, warum sollte ich bei ihnen in die Schule gehen anstatt bei Jesus selbst? Mit Recht erinnerte Paul Östreicher: „Alle Theologien waren für Fox Menschenwerk und damit unverbindlich. Verbindlich waren seines Erachtens die schlichten Worte Jesu, von jedem der Freunde durch das innere Licht des Heiligen Geistes interpretiert“ (Quäker Nr. 6/2010, S. 231).

Diese schlichten Worte versuche ich auch dadurch zu erkennen, dass ich sie unterscheide von solchen, die Jesus in den Mund gelegt wurden, aber aus anderen Quellen stammen. Dazu zähle ich z. B. Weissagungen apokalyptischer Propheten, seien es alttestamentliche oder zeitgenössische wie etwa Johannes der Täufer, von dem zwei Schüler zu Jesus übergelaufen sind (Jh. 1,37). Sie verkünden wie ihre Nachfolger bis heute nicht Jesu gute Botschaft vom angebrochenen Friedensreich, sondern wecken und steigern Ängste vor der Zukunft im Diesseits und im Jenseits, besonders vor dem unmittelbar bevorstehenden Weltgericht mit anschließendem Weltuntergang. Dahinter stehen Vorstellungen von Gott und von Jesus, die wie menschliche Richter Gerechtigkeit wiederherstellen durch Verurteilung und Bestrafung. Ich sehe wohl, dass Jesus – gerade in der Bergpredigt – auch Gesetze, Satzungen und Gebräuche der Israeliten zitiert, jedoch nur, um sie ganz neu auszulegen von der Mitte seiner Verkündigung her. Was ich als dieser Mitte widersprechend ansehe, ist für mich nicht Jesu oder Gottes Wort, auch wenn es als solches überliefert worden ist. Ein weiterer Maßstab, um Jesu Aussprüche zu erkennen, ist für mich die Annahme, dass sie vielem vorher für gut und richtig Gehaltenem entweder widersprechen oder es weit übertreffen müssten, wenn er seine Worte wirklich von seinem Vater gehört hat, wie er behauptete: „Meine Lehre ist nicht mein, sondern sie ist von dem, der mich gesandt hat. Wenn jemand seinen Willen tun will, wird er erkennen, ob diese Lehre aus Gott ist oder ob ich von mir her rede“ (Jh. 7,16 u. 17). Manches in den Evangelien entzieht sich einer historisch-kritischen Betrachtung, z. B. die von den Schülern Jesu nicht erwarteten Begegnungen mit dem Auferstandenen, die meine persönliche Erfahrung aber nicht übersteigen.

An Jesus glauben oder wie Jesus vertrauen?

Beim Lesen ersetze ich grundsätzlich das Wort glauben sprachlich richtig durch vertrauen im Sinne von Urvertrauen und Sich-Verlassen als der wesentlichen Kraft von Ich-Du-Beziehungen. Ich finde ja nicht, dass Jesus verlangte, an jemanden oder an irgendetwas zu glauben, wie es Glaubensbekenntnisse nahe legen als ein zu leistendes Werk des Verstandes. In der ganzen Bibel wird auch nicht gefordert, an sie zu glauben, sondern Gott zu vertrauen, und auch nach den Evangelien ist Gott nicht Schrift geworden, sondern Mensch, und Jesus hat wohl deshalb keine Zeile hinterlassen, weil er wusste: „Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig“ (2. Kor. 3,6). Jesus stellt sich mir nicht als Reformator der Religion Israels dar, sondern eher als Revolutionär, der „jungen Wein in neue Schläuche“ (Mt. 9,17) füllen wollte, neuen Geist in neue Menschen. Es ging ihm überhaupt nicht um das, was Menschen voneinander trennt, wie Religion und Konfession, Institution und Tradition, Familie und Volk. Er distanzierte sich ausdrücklich von diesen Einrichtungen, denen zuzugehören für den natürlichen Menschen und sein Wir-Gefühl lebenswichtig ist. Für ihn war das wesentlich, was alle Menschen untereinander verbindet, echtes, authentisches Menschsein in menschlichen – brüderlichen, schwesterlichen, freundschaftlichen – anstatt institutionellen Beziehungen. Der Weg dazu war nicht wieder das Auferlegen moralischer und dogmatischer Zwänge, verbunden mit religiösen Ängsten und Schuldgefühlen, sondern die Wiederherstellung der vom Menschen abgebrochenen Verbindung zum Vater durch Erfüllung seiner Bitte: Vertraut mir wieder und versöhnt euch mit mir! Ich muss ja nicht – wie schon die Evangelisten – die Theologie des leibfeindlichen ehemaligen Pharisäers Paulus übernehmen, für den der Vater Jesu identisch war mit dem zornigen Volksgott Israels, der eines archaischen blutigen Sühnopfers bedurfte, um den daran Glaubenden vergeben und sich mit ihnen versöhnen zu können. Der ist nicht mein Du, auf das ich mich völlig verlassen kann, sondern der, dessen sich erbarmende und vergebende Liebe auch zu seinen Mördern der ohnmächtig sterbende Jesus bezeugte, als er wie viele Tausende vor und nach ihm qualvoll gekreuzigt wurde und so erlitt, was Menschen bis heute einander antun.

Ist es orientalische Übertreibung oder Humor, wenn Jesus in der Bergpredigt unmögliche Bilder benutzt wie den „Balken im Auge“ oder „Perlen vor die Säue werfen“ – wer tut so etwas? Wenn er fordert, sich selbst ein Auge auszureißen oder eine Hand abzuhacken? „Lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut“ (Mt. 6,3) – sie weiß es doch immer und erinnert mich gern an meine guten Taten. Tatsächlich gab es für Jesus kein vor Gott verdienstvolles Tun – dadurch kann höchstens Selbstzufriedenheit erreicht werden. Deshalb stellte Jesus seinen Nachfolgern nicht jüdische oder christliche Priester, Schriftgelehrte und Pharisäer als Vorbilder hin, sondern die dem Bilde seines Vaters noch am ehesten gleichenden kleinen Kinder, die weder lesen noch an die Bibel glauben konnten.. In ihnen ist ja das innere Licht noch nicht verdunkelt oder gar erloschen durch erlerntes Misstrauen und Angst, besonders vor dem patriarchalischen irdischen Vater und – von ihm übertragen – vor einem ähnlichen himmlischen Gott. Doch gibt es innerhalb und außerhalb der Religionen auch Erwachsene, die ihr tiefes Gottvertrauen nicht ganz verloren oder es wiedergewonnen haben und dadurch wie die Kinder wirkliche Stellvertreter des Vaters Jesu sind. In seinem Geiste sind sie fähig, miteinander im Frieden zu leben, denn nur „daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe untereinander habt“(Jh. 13,35). Sich als „Gerechte und Erwählte“ von „Ungerechten und Verlorenen“ oder als „Gläubige“ von „Ungläubigen“ abzusondern, widerspricht – da bin ich sicher – dem Beispiel Jesu und seinem Auftrag, die Menschen durch Zeugnisse der Liebe zur Nachfolge herauszufordern.

Es ist nicht mein Anliegen, herauszufinden, was Jesus beibehalten hat von der Kultur, in der er aufgewachsen ist, also worin er Jude geblieben ist, sondern zu erkennen, was er davon hinter sich gelassen hat und wovon er auch seine Schüler befreien wollte. Ich habe den Eindruck, dass Jesus viel freier von Überlieferungen gewesen ist als alle seine Nachfolger bis heute – mich eingeschlossen. Er verstand ja auch in der Bergpredigt die Erfüllung der mosaischen Gebote ganz anders als üblich und forderte als Zugang zu seinem Vater nur Vertrauen und Liebe, nicht die damals vorgeschriebenen Frömmigkeitsübungen wie Lesen in den Schriften, Fasten, Almosen geben und rituelles Beten. Die Bergpredigt gehört daher für mich zu der in allen Evangelien deutlichen Auseinandersetzung Jesu mit den maßgebenden Hütern von Gesetz, Sitte und Rechtgläubigkeit. Er entlarvte ihre heuchlerische Frömmigkeit und lieblose Überheblichkeit, mit der sie die Berührung mit „gottlosen Sündern“ mieden, um vor sich selbst, den anderen und Gott rein dazustehen. Sie glaubten, sicher zu sein vor dem erwarteten Gericht des nach ihrer Sicht heiligen und gerechten Gottes, für den es unvergebbare Schuld gab wie für die meisten „Gläubigen“ heute. Bei ihnen und ihrer Gottesvorstellung gehören Schuld und Strafe ebenso selbstverständlich zusammen wie bei Jesus Schuld und Vergebung. Darum ziehe ich es wie Jesus vor, von seinem Vater zu reden, obwohl ich wie er auf den schon damals missbrauchten religiösen Begriff Gott nicht ganz verzichten kann.

Zu Inhalt, Sinn und Ziel der Bergpredigt

Das Gesamtthema des Matthäus-Evangeliums, das den Begriff Gottesreich immer durch Himmelreich ersetzt, wird kurz vor der Bergpredigt genannt (Mt. 4, 17): „Denkt um, das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“ Das verstanden die Israeliten, die in ihrem Gott den Herrn ihrer nationalen Geschichte sahen, als die durch Propheten angekündigte Wiederherstellung des Großreiches Israel durch einen „Gesalbten“, hebräisch Messias, griechisch Christos. Jesus gab aber dieser Verheißung ein völlig neues Gesicht und erklärte sie – auch im Gegensatz zu den Apokalyptikern – als jetzt und hier erfüllt durch die in seiner Person, seinem Reden und Handeln gegenwärtige grenzenlose Liebe seines Vaters. Sie war zwar nur sichtbar und hörbar für die, die „Ohren haben zu hören und Augen zu sehen“ (Mt. 11,15), aber vollkommen, wie es in der Bergpredigt heißt (Mt. 5,44-48), weil sie niemanden ausschließt. Diese auch von mir verlangte väterlich-mütterliche Gesinnung – anschaulich im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk. 15,11-32) beschrieben – ist für mich die Mitte der Botschaft Jesu, von der her ich sein wirklich ureigenes Reden und Handeln erkennen kann. Die Mitte ist also nicht das z. Z. Jesu bereits weit verbreitete und anerkannte Gebot der Nächstenliebe (3. Mose 19,18), die Jesus in der Bergpredigt durch die Forderung der Feindesliebe weit überschreitet (Mt. 5,43) und als zweites mosaisches Gebot hinter das erste stellt (Mt. 22,39), das Liebe zu Gott aus ganzem Herzen gebietet (5. Mose 6,5). Das Neue sehe ich in der Botschaft: „Das Reich Gottes ist gekommen“ und „mitten unter euch“ (Mk. 1,15; Lk. l0,9; 17,21). Darin liegt auch die politische Sprengkraft der Bergpredigt begründet, das revolutionäre Feuer, das z. B. George Fox beflügelt hat. Was er und andere 1660 an den englischen König Karl II. schrieben, wird zunehmend menschliche Geschichte.: „ ... Denn dieses wünschen und erwarten wir inständig, – dass die Reiche dieser Welt zu Gottes und Jesu Reich werden, weil wir Menschen das unsere tun, um die göttliche Kraft reale Wirklichkeit werden zu lassen. – dass göttlicher Geist und Wahrheit unserem Leben Maß und Richtung geben ...“

Ich lasse mich durch die überlieferte äußere Form der Weisungen Jesu in der Bergpredigt nicht dazu verleiten, sie – statt geistlich als Evangelium – als Gesetze oder Lebensregeln zu verstehen. Dann wären sie eine Überforderung, die mich unter Druck setzt, aus eigener Kraft perfekt zu sein und so das Wohlgefallen Gottes zu erlangen. Die Bergpredigt beginnt aber mit Glücksverheißungen, die nicht an Menschen gerichtet sind, die besonders tugendhafte Voraussetzungen mitbringen, sondern an geistlich arme Menschen, die sich mit leeren Händen nach Gott ausstrecken, ohne gute Werke oder „rechten Glauben“ anzubieten. Ich verstehe die ganze Bergpredigt als eine Auslegung der ersten Seligpreisung (Mt. 5,3): „Glückselig die geistlich Armen, denn ihrer ist das Himmelreich!“ Sie erwarten alles von der Treue Gottes und nichts von sich selbst und von dem in der Bergpredigt Mammon genannten Gegengott, der Reichtum, Macht, Anerkennung und Sicherheit verspricht.

Zu diesen vor Gott und der Welt Armen, die Jesus meint – seine Schüler gehören dazu – , spricht er in den folgenden Abschnitten, die auch Verheißungen sind: Du wirst nicht töten, schwören, vergelten, verurteilen, dich fürchten und dich sorgen, wenn du zu der neuen Familie der Kinder Gottes gehörst, in der für jeden gesorgt ist und die einmal alle Menschen umfassen wird. Auch du kommst zu meinem Vater, wenn du den schmalen Weg des Lebens durch die enge Pforte des Vertrauens und der Liebe gehst (Mt. 7,13). Wenn es dir um das Reich meines Vaters geht, dann bete wie im Vaterunser, bitte, suche, klopfe an, und dein Vater wird dir seinen Geist, sein Licht geben (Mt. 7,7-11), damit du lieben kannst wie er. Auch du darfst ihn wie ich mit Papa anreden und mit ihm sprechen wie ein Kind zur Mutter und ein Freund zum Freund (Jh. 15,15), ohne Vermittlung und ohne Verhaltensregeln, ohne Furcht und Scheu. Du bist zur Freiheit berufen und zu neuen Formen von Lebens- und Gütergemeinschaft, die von Liebe, Frieden und Freude bestimmt sind. Damit sind nicht unsere begrenzten schönen Gefühle gemeint, die wir auch so benennen, sondern sichtbare Zeichen der starken in Jesus wirksamen Lebenskraft als Frucht des Geistes.

Erschreckend zornig konnte Jesus werden, wenn es um den Schutz ohnmächtiger Menschen ging, um Frauen und Kinder, Kranke und Arme, Gebundene und Schuldige. Ihnen galt sein Ruf: „Kommt her zu mir, alle die ihr mühselig und beladen seid“ (Mt. 11,28) und seine barmherzige Zuwendung, um ihnen neues Leben zu schenken. Heuchler nannte er die Männer, die ihre Stärke beweisen mussten durch ihre Macht über Leben und Tod anderer und ihr Tun religiös überhöhten durch eine Gottesvorstellung nach ihrem eigenen Bilde. Die gab ihnen die gewünschte Rechtfertigung, um „im Namen Gottes“ und als seine bevollmächtigten Stellvertreter andere hartherzig richten und ihre Urteile vollstrecken zu dürfen. Leider hat sich das Christentum dieses Gottesbild zu eigen gemacht und durch griechisch sprechende Judenchristen noch gesteigert durch den von Zeus entliehenen Titel des „Allmächtigen“, der dem hebräischen „Alten Testament“, Jesus und den Evangelien unbekannt war. Das schon in den mosaischen Schriften neben anderen Gottesvorstellungen auftauchende ganz andere Gottesbild Jesu ist so einfach, dass es – wie Kinder wissen – auf eine Briefmarke passt: „Gott ist Liebe“ (1. Joh. 4,8) oder „Gott ist gut“ (Mt. 19,17), – persönlich ausgedrückt – „Gott liebt dich“ (1. Joh. 4,10) oder „Gott liebt mich“.

Auf der Rückseite der Briefmarke steht nicht, wie es oft heißt: „Er hat auch dunkle Seiten“, sondern „Gott ist Licht“ (1. Jh. 1,5). Selbst die Schüler Jesu haben anscheinend seine Botschaft von dem „allein wahren Gott“ (Jh. 17,3) erst durch ihr Erleben des Auferstandenen und des Erfülltwerdens mit Gottes Geist begriffen. Nun wurden sie gewiss, wie ich es auch geworden bin, dass sein Licht in ihnen nie erlöschen wird und auch sie ihren Tod überleben werden (Jh. 11,25). Nun konnten sie die Gerechtigkeit leben, die nach der Bergpredigt „weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer“ (Mt. 5,20) und in gleichwürdigen und versöhnten Beziehungen untereinander besteht. Diese erste Gemeinschaft der Nachfolger Jesu lebte noch ohne die Schriften des „Neuen Testamentes“ nur von mündlicher Überlieferung und aus unmittelbarer Leitung durch Gottes Geist, das innere Licht, das Menschen nach der Bergpredigt (Mt. 5,14) zum Licht der Welt macht und sie in anderen Menschen nicht das Böse sehen lässt, sondern das Gute, das nach Gottes Absicht Wirklichkeit werden und wirken soll. Dazu sagte Jesus nach dem Thomas-Evangelium (24;Zürcher Syopse, S. 62): „Es ist Licht im Inneren des Menschen des Lichts, und er erleuchtet die ganze Welt. Wenn er nicht scheint, das ist die Finsternis.“

Jesus und seine Lehre gehören m. E. untrennbar zusammen, und wesentliche Zeugnisse der Evangelien werden übersehen, wenn manchen Friedensfreunden für ihre politische Ethik die Bergpredigt viel bedeutet, ihr Urheber aber nichts. Kann es ohne ihn gelingen, nach seiner Lehre zu leben und so als Gemeinschaft »Licht« und »Salz« der Welt zu sein (Mt. 5,13-16), wie Jesus es in der Bergpredigt verheißt? Dazu bedarf es nach meiner Überzeugung der Menschen verändernden und so Zeichen des Gottesreiches wirkenden Kraft, die z. B. den habsüchtigen Gauner Zachäus den größten Teil seines ergaunerten Vermögens freiwillig hergeben ließ (Lk. 19,1-10), einen Saulus zum Paulus wandelte (Apg. 9,4) und einen nachtragenden Menschen wie mich frei machte, ebenso zu vergeben, wie mir vergeben wurde. Aus den Worten in der Bergpredigt: „Liebt ... auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel“ höre ich Jesus zu mir reden: Mach’s wie ich – werde Sohn Gottes, lass dich vorbehaltlos von deinem Vater im Himmel lieben und gib diese Liebe weiter!

[Vorgetragen beim Quäker-Grenztreffen auf dem Lindenberg bei St. Peter am 2. April 2011. Abgedruckt in „Quäker“, Zeitschrift der deutschen Freunde, Nr. 2, 2013, S. 63-70]

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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