www.wilhelm.prassenet.de


r) "Grüß Gott" - Antwort auf eine Kettenmail




Anlass: Fromme Christen leiten rechtsextreme E-Mail weiter

23.12.09 Sehr geehrte Damen und Herren,

vermutlich haben Sie inzwischen erkannt, dass Sie eine Ketten-E-Mail empfangen und weitergeleitet haben, die unmöglich von einer Schweizer Lehrerin verfasst sein kann, da in der Schweiz der Gruß „Grüezi“ üblich ist und nicht „Grüß Gott“ wie in dem Ursprungsland dieser Mail – Österreich – und in Süddeutschland. Dort verwenden viele bewusst Evangelische wie ich diesen Gruß nicht, da sie in ihm einen Missbrauch des Namens Gottes sehen. Der liegt auch vor, wenn der unbekannte Deutsche, dem die Schweiz fremd ist, nicht nur nationalistisch von „unserer Fahne, unserem Gelöbnis“ schreibt, sondern erklärt: „Im Namen Gottes ist unser nationales Motto“. Anstelle eines freiheitlichen und sozialen Rechtsstaates will er offenbar einen anderen ohne Menschenrechte, auch ohne Religionsfreiheit. Nun ermutigte ihn die Schweizer Volksabstimmung über Minarette dazu, die österreichische Mail umzuarbeiten, um ein erfundenes Gerücht weiter zu verbreiten und dadurch die Fremdenangst und den Fremdenhass – besonders gegen Moslems – zu steigern. Wie vorher in österreichischen treffen nun auch in schweizer Schulbehörden aus aller Welt täglich E-Mails von nicht gegen rechts wachsamen Leichtgläubigen ein, die sich über das angeblich verbotene "Grüß Gott" ereifern und eine Erklärung verlangen. Rechtsextreme Kreise erfinden gern solche Falschmeldungen, und der offensichtlich feindselige Ton straft die Schutzbehauptung Lügen, nicht gegen Einwanderung zu sein. Wie es vor 70 Jahren „Juden raus!“ hieß – und jeder weiß, wohin das führte – , heißt jetzt das politische Ziel „im Namen Gottes“: „Moslems raus!“, angeblich zum Schutz einer „christlichen“ Kultur, die bekanntlich der jüdischen und der islamischen Kultur viel zu verdanken hat, Millionen Ausländer ins Land gerufen hat und ihrer dringend bedarf. Natürlich geht es tatsächlich nie um Gott – z. B. um die Gebote Jesu und seines Vaters – bei Streitfragen zwischen religiösen, konfessionellen und staatlichen Institutionen (Kopftuch muslimischer Frauen, Kruzifix in staatlichen Schulen, das Wort Gott in Verfassungen u. a.), sondern immer um menschliche Überlieferungen und um Macht. Wenn – z. B. in Israel und Palästina – Juden, Christen und Moslems von ganzem Herzen Gott vertrauen und seinem Willen entsprechend einander mit Achtung, Einfühlung, Liebe und Verständnis begegnen, gelingt ihnen der gemeinsame Dienst an dem in allen Religionen erstrebten Frieden auf Erden, den auch die Engel bei der Geburt Jesu ankündigten als Erfüllung der prophetischen Verheißungen und der Sehnsucht aller Menschen. In diesem Sinne füge ich Ihnen als Anlagen unseren Weihnachtsgruß bei und dazu einen Brief von höchster Instanz an Sie persönlich in der Sprache unserer Zeit. Mit vielen guten Wünschen für Sie grüßt Sie freundlich
Wilhelm Prassse, Religionslehrer i. R.

P.S.: Informationen über die Ketten-E-Mail finden Sie unter „Grüß Gott“ im Internet unter
http://www.nonkonformist.net/3247/offener-brief-einer-schweizer-lehrerin-zum-grus-gott-verbot/
http://ooe.orf.at/stories/319163/
http://betathoughts.wordpress.com/2009/10/02/grus-gott-ein-kettenmail/
http://blog.emeidi.com/2009/12/junge-lehrerin-kampft-fur-das-gruss.html

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
Er kann gemäß den Richtlinien der Creative Commons-Lizenz "Attribution-ShareAlike" weitergegeben werden.
Zitate und verlinkte Texte unterliegen dem Urheberrecht der jeweiligen Autoren.