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w) Dr. Mengele vergeben




Eva Kor und ihr persönlicher Weg zur Heilung

("Forgiving Dr. Mengele") heißt ein höchst umstrittener Dokumentarfilm, der 2006 in den USA gedreht und dort 2007 in Kinos gezeigt wurde. Die Unterzeile unter dem Filmtitel lautet: „Eva Kor und ihr persönlicher Weg zur Heilung“, den die nun 75-Jährige Holocaust-Überlebende so beschrieb: „Vergeben ist ein Geschenk der Freiheit von den Schmerzen der Vergangenheit. Ein Geschenk, das ich mir selbst geschenkt habe und das auch andere bekommen können. Es ist zudem ein Akt der Selbstheilung der nichts zu tun hat mit einer Verleugnung der Vergangenheit. Dementsprechend hat der Prozess viel mehr mit dem Opfer zu tun als mit dem Täter.“ Ein solches Zeugnis innerer Heilung ist fast unglaublich angesichts der Tatsache, dass viele Opfer der Shoa unter den erfahrenen Verletzungen ihr Leben lang litten, therapeutischer Behandlung des „KZ-Syndroms“ bedurften oder ihrem durch Depressionen, Ängste und andere posttraumatische Belastungsstörungen schließlich unerträglich gewordenen Leben ein Ende machten.

Eva Mozes Kor wurde 1934 in Siebenbürgen geboren und kam 1944 in das KZ Auschwitz, wo ihre Eltern und zwei ältere Geschwister umkamen, während sie selbst und ihre Schwester Mirjam am 27. Januar 1945 befreit wurden. Sie sind in dem damals im KZ aufgenommenen Film als die ersten Kinder in dem Zug der 200 Zwillinge zu sehen, die die „medizinischen Experimente“ des Dr. Josef Mengele überlebten, der 1800 andere Zwillinge durch Phenolinjektionen tötete, um sie zu obduzieren. 1950 erreichten die Geschwister Israel, wo sie später Soldatinnen wurden und heirateten. Eva wanderte dann mit ihrem Mann in die USA aus, bekam zwei Kinder und begann nach einiger Zeit, sich mit ihrem Leiden auseinander zu setzen. Sie forschte über Mengele, spürte andere Überlebende der Experimente auf, gründete ein Auschwitz-Museum, begann Vorträge zu halten, initiierte eine Sammelklage gegen den Bayer-Konzern und veranlasste die Max-Planck-Gesellschaft zu einer Entschuldigung wegen der Mitschuld ihres Vorgängerinstitutes, an Mengele’s Experimenten.

Die entscheidende Wende kam 1995, als Eva den 1946 freigesprochenen KZ-Arzt Hans Münch besuchte. In einem nach monatelangem Ringen verfassten Brief hatte sie ihm ihre Vergebung angeboten: „Ich verstand, dass er das begrüßen würde. Aber für mich war viel wichtiger, dass ich plötzlich entdeckte, dass ich die Kraft hatte zu verzeihen. Als Opfer war ich wütend, ich fühlte mich hilflos, hoffnungslos und kraftlos. Ein Opfer hat keine Kontrolle über sein Leben. Jemand der vergibt hat diese Kontrolle. Über das Leben hat keiner von uns eine Kontrolle. Wohl aber über die Art, wie wir auf das, was uns im Leben passiert, reagieren. Was wäre, wenn jeder Nazi ins Gefängnis gesteckt oder getötet worden wäre? Hätte das meine Schmerzen gelindert? Die Antwort war: Nein. Und dann gibt's da Leute, die sagen, dass es Dinge gibt, die nicht vergeben werden können. Und ich antwortete: Wer gibt Dir das Recht, über mein Leben zu urteilen und zu sagen, dass ich, weil Du nicht verzeihen kannst, für den Rest meines Lebens mit den Schmerzen leben muss?“

Der Gedanke, dass sie – das kleine Versuchskaninchen – die Macht hat, dem „Gott“ von Auschwitz zu vergeben, hat ihr ein gutes Gefühl gegeben. Wenn sie aber Mengele vergeben konnte, dann konnte sie genauso allen anderen vergeben, und so erklärte sie am 27. Januar 1995 im ehemaligen KZ Auschwitz öffentlich: „Fünfzig Jahre nach der Befreiung gebe ich, Eva Mozes Kor, nur in meinem Namen Amnestie allen Nazis, die an der Ermordung meiner Familie und Millionen anderer direkt oder indirekt beteiligt waren. Weil es Zeit ist zu vergeben, aber nicht zu vergessen. Es ist Zeit, unsere Seelen zu heilen.“ Erst nachdem sie diese Erklärung vorgelesen und unterschrieben hatte, erlebte sie ein Gefühl völliger Freiheit von all den Lasten, die der Schmerz ihr auferlegt hatte.

„Es ist eine lebensverändernde Erfahrung, von dem Schmerz frei zu sein, weil, nur frei von den Nazis zu sein, hat nicht den Schmerz weggenommen, den sie mir zugefügt haben. Als Opfer fühlen wir uns alle extrem hilflos. Dinge werden uns angetan, und wir haben keinen Einfluss darauf. Ich hatte keine Ahnung, dass ich die Macht habe, einem Nazi zu vergeben. Niemand konnte mir diese
Macht geben. Und niemand konnte sie wegnehmen. – Vergebung bedeutet für mich: Was auch immer mir angetan wurde, verursacht mir nicht mehr solchen Schmerz, dass ich nicht die Person sein kann, die ich sein will. – Es gibt vielleicht einen anderen Weg, wie sich Überlebende von Trauma und Tragödie heilen können. Ich habe einen Weg gefunden, und ich bin offen für die Wege von anderen. Vergeltung hat noch nie auch nur eine Person geheilt.“

Es wäre falsch, Vergebung als juristischen Freispruch von Schuld zu verstehen, womöglich mit dem Ziel, das Töten und die Toten zu vergessen. Das darf nicht sein, aber auch nicht das nie aufhörende Anklagen und Verurteilen. Für Eva hat Vergebung nichts zu tun mit dem Täter und auch nichts mit Religion, sondern um Aufrichtung des gedemütigten Opfers, das sich selbst ermächtigt und sein Leben zurücknimmt. Es geht darum, „dein eigenes Herz zu heilen,“ wie sie es ausdrückt. Der bekannte Rabbi Albert H. Friedlander (geboren 1927 in Berlin, gestorben 2004 in London) fragt im Film: „Um aus dieser Vergangenheit herauszukommen und in neue Zukunft, kann man nicht Hass mit sich herumtragen. Aber was heißt es zu sagen: Ich vergebe Ihnen?“ Eva antwortet: „Was sie mir getan haben, tut mir nicht mehr weh.“ Er darauf: „Perfekt. Das ist in Ordnung. Ich meine, Sie vergeben einer Vergangenheit; sie werden nicht auf die Leute treffen, die ihnen das tatsächlich angetan haben. Die sind schon tot, die sind unerreichbar. Sie nehmen sie aus ihrem eigenen Selbst heraus. In Ordnung. Das sollten Sie tun. Aber ich kann mich selbst nicht herumlaufen sehen als Person und Deutschen um mich herum vergeben.“ Sie erwidert: „ Ich versuche immer, meine Idee der Vergebung in anderen Situationen zu testen, um zu sehen, ob wir irgendwie den Teufelskreis von Rache durchbrechen können.“ Dieser Versuch scheiterte bei ihrem Besuch in Israel und Palästina, denn sie kann nicht vergeben, solange noch Gewalt herrscht und auf einer oder auf beiden Seiten weiter getötet wird. Dann bedarf es zuerst anderer, friedenstiftender Methoden, und auch, wenn diese Erfolg haben und z. B. mörderische Rassenkonflikte wie in den USA und Südafrika beendet sind, kann es noch lange dauern, bis Vergebung oder sogar Versöhnung möglich ist.

Nähert sich Eva Kor ein wenig Jesu Gebot der Feindesliebe, wenn sie fordert, dem größten Feind zu vergeben, auch wenn es ihr zunächst nur um die persönliche Freiheit einzelner geht? Seit Jahren vertritt sie ihre Thesen öffentlich in Vorträgen und Schulungen und polarisiert damit die Menschen. Vor allem die Mehrheit der überlebenden Zwillinge in Israel lehnt Eva Kor’s Gedanken ab und verweigert seither den Kontakt mit ihr. Sie erlebt das so: „Ich war ehrlich schockiert. Ich denke, dass ihre Mentalität – und das tut mir wirklich weh – eine Opferhaltung ist. Ich – armes Opfer? Ja. Jedes Opfer hat Mitleid mit sich selbst, jedes Opfer ist wütend und wenn du in dieser Haltung verharrst, dann verweigerst du alles andere. Ein Opfer fühlt sich hilflos, hoffnungslos, kraftlos und macht alle anderen für diese Probleme verantwortlich – wie lange soll das so gehen? Und warum hilft die Gesellschaft Opfern nicht, diese Bürde der Vergangenheit zu lösen, indem sie Lösungen anbietet, um einem Opfer andere Wege aufzuzeigen? Denn ein Opfer hat die Wahl.“

Eva wurde vorgeworfen, sich instrumentalisieren zu lassen, die Täter zu entschuldigen, mit ihrer Argumentation all jenen Vorschub zu leisten, die ihre Verantwortung an den Gräueltaten leugnen wollen. Das Unvergebbare könne nicht vergeben werden, heißt es. Eva erwidert ihren Kritikern, dass vergeben nicht vergessen heißt, aber die Freiheit ermöglicht, weiter zu leben trotz des angetanen Leides und Unrechts: „Ich denke, es ist wichtig für jeden Menschen, das Leben zu genießen. Nur weil ich Auschwitz besuche und dort traurig bin, sollte mir das nicht die Fähigkeit nehmen, zwei Stunden später in einem Restaurant zu sein und zu tanzen, wenn ich tanzen möchte. Soll ich ewig weinen? Und was würde das irgendjemandem bringen?“ Der Film nimmt auch die Position der Kritiker auf, die Kontroversen, die Vorbehalte gegen die Idee der Vergebung. Eva ist ständig diesen Angriffen ausgesetzt, und der Film zeigt ihren inneren Prozess, der Jahrzehnte dauerte, bis sie an dem Punkt war, verzeihen zu können. „Vergeben beginnt in jeder einzelnen Person, und jede Person kann das nur für sich allein lernen. Die andere Sache ist, dass Vergeben mir die Kraft gibt, mich von meinem Schmerz zu befreien. Und – es ist der Samen, aus dem der Friede herauswächst.“

(Abgedruckt in "Quäker, Zeitschrift der deutschen Freunde", Nr. 5, 2010, S. 178-180]


Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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