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w) Vom Misstrauen vom Vater Missbrauchter gegen den Vater Jesu




von Kurt Bährle, Haus Weizenkorn, Freundesbrief März 1992

An dieser Stelle möchte ich einige Gedanken zum Referat unseres letzten Freundestreffens schreiben. Das Thema war: „Elternschaft Gottes im therapeutischen Prozess".

In letzter Zeit sind wir durch unsere jungen Frauen, von denen viele eine Missbrauchsverletzung in ihrer Kindheit erlebt haben, auf die Frage gekommen: gibt es eine Seite Gottes, die seine mütterliche Seite darstellt? Wir haben erfahren, wie schwer es ist, diesen Frauen Gott als den Vater nahe zu bringen, weil sie mit Vätern bzw. Männern viele negative Erfahrungen gemacht haben. Was für uns schön und befreiend ist, wirkt auf viele Frauen bedrohlich. Weiter war die Frage an uns, ob wir bereit sind, sie durch allen Schmerz, Wut und Verzweif1ung zu tragen, ohne entsetzt zu sein, was alles ans Licht kommt. Wollten oder konnten wir dies aushalten?

Das hat uns erneut mit unserer Berufung für diesen Dienst in Auseinandersetzung gebracht. Wir waren uns auch unserer Begrenzung in der Liebe und Tragfähigkeit bewusst und haben uns auf die Suche nach Hilfe im Wort Gottes gemacht. Dabei sind wir beim Prophet Jesaja und in den Psalmen auf liebevolle Texte gestoßen, die von der bergenden, pflegenden, tröstenden, versorgenden und barmherzigen Seite Gottes sprechen: „Wie einen seine Mutter tröstet, will ich euch trösten" (Jesaja 66,13). Wir haben gemerkt, dass bei dieser Problematik nur die Barmherzigkeit Gottes eingreifen kann. Es hilft nicht, wenn wir alles mit anscheinender Liebe zudecken, sondern, dass alle schlimmen Erlebnisse ausgesprochen werden können. Es braucht die Bereitschaft, die Verletzungen stellvertretend aufzunehmen und sie ans Herz Gottes weiterzuleiten. Erst wenn das ganze Entsetzen, alle Rache und Wut verarbeitet ist, kann Gottes Liebe ganz einziehen. Wir verstehen uns als Menschen, die wie Kupferdraht zwischen den Frauen und Gott stehen.

Am Ende dieses Weges steht die Vergebung, doch christliches Vokabular, welches für uns so selbstverständlich war, wurde nicht verstanden. Wir durften wieder einfach werden, indem wir das, was wir sagten und taten, auf Echtheit überprüfen mussten. Es sind viele Fragen aufgetaucht, Unsicherheit und Hilflosigkeit, aber wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass es unseren Frauen gelungen ist, zu Gott zu kommen, wie Kinder zu ihrer Mutter, die sie tröstet und ans Herz nimmt. „Wie ein kleines Kind bei der Mutter, ist meine Seele still in mir" (Psalm 131/2).

Im seelsorgerlichen und therapeutischen Umgang konnten wir dazulernen und freuen uns daran, wie Verletzungen heil werden, wie Licht in Dunkelheit fällt und unsere jungen Frauen zu Frauen werden, die fähig sind, den Menschen wieder ohne Angst in die Augen zu sehen. Aus der Not unserer Gäste und über unsere Hilflosigkeit sind wir auf eine Seite Gottes aufmerksam geworden, die im Heilungsprozess sehr hilfreich ist – seine mütterliche Seite.