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v) Vergebung - umstritten und begrenzt oder unbedingt?




Das Thema ist hoch aktuell: 2003 fand in Atlanta, GA, der Heimat Martin Luther King’s, der erste Kongress statt, der das Verzeihen zum Gegenstand hatte, veranstaltet von der „Kampagne für Vergebensforschung“, zu deren Vorsitzenden die Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu und Jimmy Carter gehören. Stifter haben der Kampagne sieben Millionen US-Dollar zur Verfügung gestellt, um wissenschaftliche Projekte rund ums Verzeihen zu finanzieren. 46 Studien – darunter auch viele medizinische – zur Kraft der Vergebung hatte die Kampagne in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse auf der Konferenz vorgestellt wurden. Wieder einmal war ein neues Allheilmittel entdeckt worden: Vergeben macht gesund, erneuert kaputte Beziehungen und beugt Verbrechen vor. Um das so gesunde Verzeihen auch praktisch unter die Leute zu bringen, fand gleichzeitig eine zweite Konferenz statt, zu der an die 600 Klinikärzte, Psychiater, Psychologen, Sozialarbeiter, Krankenschwestern, Pfarrer und andere zusammenkamen und diskutierten, wie man Menschen helfen kann zu vergeben und zu vergessen. Verzeihensexperten entwickelten Kurse, in denen das manchmal schwere Vergeben gelernt werden soll. Am leichtesten gelingt es demnach denen, die sich der Liebe und Vergebung anderer und Gottes gewiss sind, deren angeborene Fähigkeit und Bereitschaft zu Verbundenheit miteinander, zu Zuwendung und Einfühlung nicht ganz verloren ist und die Perspektivenübernahme erlernt haben, also das Vermögen, die Welt aus der Sicht des anderen zu sehen, bildlich gesprochen: in die Haut eines anderen zu schlüpfen. Wie wäre es, wenn Vergebung als oberste Tugend gelehrt und geübt und wenn der übliche Wunsch „Vor allem Gesundheit“ ersetzt würde durch „Vor allem Vergebung“? Würde dann die Welt in Ordnung kommen? Esoterische Verfahren wie z. B. die „Radikale Vergebung“ von Colin C. Tipping werden allerdings mit Recht als weder therapeutisch noch vertrauenswürdig beurteilt.

Schmerzbewältigung durch Vergeben

Warum es weh tut und seelisch so belastend ist, Ungerechtigkeiten mit anzusehen oder zu erleben, könnte die „Gerechtigkeitsmotiv-Theorie“ von Lerner (1977, 1980) erklären, der zufolge dann das für den Menschen grundlegende Vertrauen verletzt wird, es gehe auf der Welt vorhersehbar, gut und gerecht zu ("Belief in a Just World"). Die mittel- und langfristigen Bewältigungsreaktionen, sind in den letzten dreißig Jahren bereits gut untersucht worden, die unmittelbaren, kurzfristigen Prozesse allerdings sind erst seit kurzem Gegenstand der sozialpsychologischen Forschung auch in deutschen Instituten, doch sind bereits Ergebnisse dieser Studien veröffentlicht, auf die ich hier nicht eingehen kann. Psychologisch gesehen ist das, was ein gesundes Selbstwertgefühl verhindert und Menschen manipulierbar macht, das schlechte Gewissen, das niederdrückende, krankhafte Schuldgefühl. Es entsteht dann, wenn Menschen – meistens schon als Kinder – erleben, dass nicht nur ihre Fehler, sondern sie selbst verurteilt werden, und wenn sie das übernehmen, sich also selbst verurteilen und nicht mehr lieben können, manchmal auch nicht mehr leben wollen. Verstärkt werden solche Fehlentwicklungen noch durch den Glauben an einen richtenden Gott, wodurch häufig das Vertrauen und der Zugang zu bedingungslos liebenden Menschen und zu dem grenzenlos liebenden Vater Jesu blockiert sind, der nicht nur denen vergibt, die nicht wissen, was sie tun (Lukas 23,34). Wie viel menschenfreundlicher sähe das Zusammenleben aus, wenn nicht mehr die Täter, sondern nur ihre Taten als böse verworfen würden, so dass Schuld, die ja häufig nicht abgetragen werden kann, ohne Angst offen bekannt werden könnte und so selbstverständlich verziehen wird, wie es kleine Kinder ihren Eltern gegenüber noch können und meistens auch Eltern ihren Kindern gegenüber!

Mit Schuldgefühlen hat es die Therapie zu tun, da sie nicht nur im Bereich der Beziehungen und Gefühle unfrei und unfähig machen, sich selbst zu vergeben, sondern auch zu seelischen und psychosomatischen Störungen führen können, und sei es nur zu ängstlichem Selbstprüfen und Selbstbeobachten oder zwanghaftem Grübeln: Warum habe ich versagt, bin ich schuldig geworden? Was hätte ich anders machen müssen? Viele Bücher, Zeitschriften, Rundfunk- und Fernsehsendungen beschäftigten sich in den letzten zehn Jahren mit Vergebung, zumal den Wissenschaften vom Menschen zunehmend ein Licht aufgeht, dass wir nicht von Natur aus „böse“ sind, sondern dass eine tiefe Quelle der Liebe in uns fließt und dass angeborene soziale Fähigkeiten uns veranlassen, Gutes zu wollen und zu tun, Frieden zu bewahren oder wiederherzustellen durch Vergebung und Versöhnung. Was noch fehlt, ist die Aufnahme von Vergebung in die Reihe der Werte und Tugenden, die den Menschen zum Menschen machen und in allen Bereichen der Persönlichkeitsbildung von Bedeutung sein sollten, besonders in Elternhaus, Kindergarten und Schule. Das empfiehlt sich aber auch für die machtgierig und gewalttätig gewesenen religiösen Einrichtungen, die das Vertrauen auf den Geist Gottes im Menschen und auf den Vater Jesu schon lange erschüttert und Gott selbst nahe gelegt haben, „aus der Kirche auszutreten und doch gleich alles mitzunehmen, was die Kirche immer schon gestört. Nämlich ... seine alte Krankheit, alle Menschen gleich zu lieben, seine Nachsicht, seine fassungslose Milde, seine gottverdammte Art und Weise, alles zu verzeihen und zu helfen – sogar denen, die ihn stets verspottet“ (Hanns Dieter Hüsch in: Religiöse Nachricht).

Durch Erziehung gestörtes Mitgefühl und Vertrauen

Da dies keine wissenschaftliche Abhandlung sein soll, verzichte ich auf lexikalische und heute im Internet jedermann zugängliche allgemeine Informationen über die weltweite Geschichte und unterschiedliche Bedeutung von Vergebung und Versöhnung, Sünde und Schuld, Reue und Buße, Vergeltung und Strafe, Recht und Gerechtigkeit in den verschiedenen Kulturen. Mir geht es hier um nicht so leicht zu findende Hinweise und um meine persönliche Stellungnahme zu diesem Themenbereich, die natürlich viel mit meiner Lebensgeschichte seit 1930 zu tun hat. Im Unterschied zu nichtchristlichen Völkern, die manchmal die Züchtigung der Kinder ganz verwerfen und sogar jedes harte Wort zu ihnen vermeiden, war die Erziehung in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wie seit Jahrhunderten und bis in die siebziger Jahre hinein von der als selbstverständlich geltenden obersten Sekundärtugend des Gehorsams bestimmt, die jede Gesellschaft erwartet – auch die Maffia. Ziel war Anpassung und Unterwürfigkeit unter die jeweils gegebenen herrschaftlichen Strukturen in allen Bereichen der Gesellschaft, und Ungehorsam sollten schon die Kinder als Schuld erleben. Dazu diente die „schwarze Pädagogik“, die Dressur der „von Kindesbeinen an bösen“ Raubtiere mit Zuckerbrot und Peitsche, in der Regel durch den Vater, der auch juristisch berechtigt war, seine Kinder und seine Frau zu schlagen. So gab er weiter, was er selbst als Kind erfahren hatte: Schmerz, Trauer, Vertrauensverlust, Entwürdigung, Schuldgefühle und Angst, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Allerdings wurden durch solche Beschämungen und Kränkungen auch Trotz, Verstocktheit, Verbitterung, Hass, Rache und Rohheit begünstigt oder gar geschaffen, die sich dann auswirken konnten, wenn die ursprünglichen Opfer Gelegenheit bekamen, selbst zu Tätern zu werden.
So wurde auch ich mit dem Rohrstock zu Hause und in der Schule erzogen und marschierte im Gleichschritt in der Hitlerjugend mit, bis ich 1943 wie 250.000 andere Einwohner Hannovers ausgebombt wurde und in einem Kinderlandverschickungslager landete. Jetzt erst wurde die Trauer über das eigene Erleiden so groß, dass ich endlich auch Trauer empfand über die vielen Opfer und das unermessliche Leid, das Menschen anderen zufügten, später auch Trauer über die Täter. Als Kind hatte ich ja – wie schon mein Vater – Mitgefühl nicht erlernt oder durch Schläge verlernt. Barmherzigkeit war schon vorher in der bürgerlichen Gesellschaft kein Wert und wurde im „Dritten Reich“ manchmal schon mit dem Tode bestraft, wenn es nur geäußert wurde. Ich schäme mich heute noch meines Erstaunens, als ein Freund angesichts einer Frau mit Judenstern zu mir sagte: »Die armen Juden!« So etwas hatte ich sonst weder gehört noch gefühlt, sondern kurz vorher eingestimmt in den Ruf »Jude, Jude!«, den Spielkameraden erhoben, als auf der anderen Straßenseite ein jüdischer Junge mit gesenktem Kopf vorüberging. Noch vor Kriegsende verlor ich mein kindliches Vertrauen auf das erlernte Gottesbild, da ich diesem Gott nicht verzeihen konnte, dass er mich und zahllose andere Menschen vor schweren Verlusten und Leiden nicht liebevoll bewahrte und das offensichtlich auch nicht konnte. Ein vielleicht ganz anderer Gott war mir damals nicht vorstellbar: Er musste allmächtig sein, sonst war er kein Gott. Weil es vielen Menschen ähnlich ging und geht und dadurch bei nicht wenigen auch das Vertrauen auf das Leben zerbricht, erlaube ich mir einige ketzerische Fragen: Sollte das Dogma, der Mensch bedürfe der Vergebung Gottes, nicht zumindest ergänzt werden durch den Hinweis, dass vielleicht Gott der Vergebung des Menschen bedarf? Dürfen wir die Aussage, dass „Gott uns durch Christus mit sich selbst versöhnt hat“ (2. Kor. 5,18) auch andersherum verstehen als die Theologie seit Paulus? Müssen wir den Tod Jesu als Versöhnung, Erlösung und Rechtfertigung des Sünders deuten, oder dürfen wir in den ausgestreckten Armen des Gekreuzigten die bedingungslose Zusage der Vergebung und die herzliche Bitte des Vaters Jesu an uns sehen, ihm zu verzeihen? Ist er nicht letzten Endes verantwortlich für das unermessliche Leid, das wir Menschen im Laufe der Geschichte einander zugefügt haben und weiter zufügen, weil er von uns freiwillig geliebt werden wollte und uns deshalb mit dieser schrecklichen Freiheit begabt hat, mit der wir nicht umzugehen vermögen? Hat er nicht gewusst oder wenigstens geahnt, dass wir gar nicht anders können, als diese Freiheit zu missbrauchen, um selber allmächtig zu werden, Herren über Leben und Tod anderer bis hin zur gegenseitigen Vernichtung?
Gott vergeben und Werte umkehren
Wenn wir unserem Schöpfer vergeben würden, dass er uns Menschen so geschaffen hat, und dann die von ihm gewollte Verantwortung für uns selbst, die anderen und die Schöpfung übernehmen, würden wir seine Vergebung für unsere Feindschaft gegen ihn und für unseren Missbrauch der Freiheit froh und dankbar annehmen und auch uns selbst und einander vergeben können, dass wir das Übermaß an Leiden auf der Erde bisher zumindest zugelassen haben. Welche Heilung und Erneuerung unserer verletzten Gefühle und Beziehungen und damit unseres Menschseins würden wir dann erfahren, welch tiefer Friede würde uns erfüllen und welche Kraft, am Dienst der Versöhnung und des Friedenstiftens in allen Bereichen menschlichen Zusammenlebens mitzuwirken! Aber vielleicht sind wir dem Friedensreich, das wir ersehnen, näher, als wir glauben, in dem es nur noch Vergebung und keine Vergeltung mehr gibt. Wir beginnen ja erst, unsere Allmacht zum Guten zu entdecken, die uns unsere Freiheit ermöglicht, und dass Leiden nicht der Preis ist, den wir für die Freiheit zahlen müssen.

Sind nicht seit dem Zeitalter der Aufklärung – angeregt vom Evangelium – dem Bund der Vergebung – und vom Humanismus, besonders der Philosophie der Stoa, zunehmend und immer schneller umwälzende Veränderungen erkennbar? Vor allem entwickelt sich zum ersten Male in der Geschichte eine Kultur, die sich abkehrt von hierarchischen und patriarchalischen Herrschaftsstrukturen und in der die gleiche Würde und die gleichen Rechte für alle Menschen in den Vordergrund treten. Das geschah in alten Demokratien früher als in Deutschland, wo leider im zweiten Weltkrieg erst der erschreckende Gipfel der Disziplinierung zum zwanghaft folgsamen Sklaven erreicht werden musste, bevor es bei einem Teil der Nachkriegsdeutschen und so auch bei mir zu dem endlich fälligen Wertewandel kommen konnte. Nur langsam öffnete sich mein Bewusstsein für neue Werte wie Mündigkeit und Selbstbestimmung, Menschenwürde und Gleichberechtigung, Verantwortung für mich selbst, mein Denken und Handeln, meine Beziehungen und meine Gefühle. Vorrang vor dem Vertrauen und Hören auf andere Menschen bekam das Vertrauen und Hören auf mich selbst, auf mein inneres Licht, auf das von Gott in mir. Von daher wurde wieder klar, was für viele relativ geworden war, das Wissen um gut und böse, das jedes Kind noch besitzt: Es ist gut, für mich und für alle Menschen, leben zu dürfen, geliebt und versorgt zu werden mit Nahrung und allem anderen, was lebensnotwendig ist; oder mit einem Wort Jesu: „Leben erhalten ist gut. Leben töten ist böse“ (Mk 3,4). Es gibt also wirkliche Schuld, die häufig nicht abgetragen werden und auch nicht dadurch ungeschehen gemacht werden kann, dass sie vergeben und vergessen wird, aber verzeihen bedeutet auch, anders mit dem Schmerz umgehen.

Heute ist die Welt, in der wir leben, bestimmt von Pluralisierung im privaten und öffentlichen Bereich und von der Betonung von Individualität und Solidarität, Freiheit und Verantwortung als zusammengehörig und als unserer angeborenen Menschenwürde entsprechend. Voraussetzung dafür war das positiv veränderte Menschenbild, wonach jeder Mensch als Ich zur Mündigkeit in Beziehungen zu anderen geschaffen ist und diese Beziehungen nicht biologisch bestimmt sind, sondern personal, verwandtschaftlich. Im Unterschied zu anderen Geschöpfen ist ja jeder Mensch Sohn oder Tochter, Mutter oder Vater, Bruder oder Schwester und vertraut mit vielen anderen Menschen. Von dieser Personhaftigkeit – ohne sie gäbe es weder Schuld noch Vergebung – geht ein unbedingter Anspruch aus, als Mensch anerkannt zu werden, und es ist daher auch verboten zu bestimmen, wer ein Mensch ist und wer nicht, ob er sein darf oder nicht. Von daher wird heute schuldig, wer einzelne Menschen oder auch kleinere und größere Gruppen von Menschen als minderwertig, als nicht würdig, sich zu vermehren, oder gar als lebensunwert betrachtet. Das sind sie auch dann nicht, wenn sie selbst die Würde anderer nicht achten. Auch wenn sie morden, sind sie keine Mörder, sondern Menschen, die zwar erheblich schuldig wurden, aber weiter zur Menschheit dazugehören und weiter von dem Vater Jesu geliebt werden, unabhängig von ihrer Schuld. Warum sollte Gott auch weniger vergeben können als Kinder und Eltern, und warum sollte das angeblich von ihm diktierte, z. T. mörderische mosaische Gesetz stärker sein als Gott selbst und ihn so binden, dass er auch dann nicht vergeben könnte, wenn er wollte? Viel Schuld kann ja nicht wieder gut gemacht werden und würde ewige Trennung von Menschen und Gott bedeuten, wenn es keine Vergebung gäbe. Novalis meinte dazu: „Die Liebe ist der Endzweck der Weltgeschichte und das Amen des Universums.“

Bei meinen seelsorgerlichen Gesprächen in Strafvollzugsanstalten habe ich es erlebt, wie gut es Tätern tut, nicht verurteilt zu werden, und wie sie dadurch ermutigt wurden, sich der Verantwortung für ihre Taten zu stellen. Ich habe dabei aber auch beobachtet, dass das Schuldbewusstsein, das Untersuchungsgefangene häufig noch haben, nach der Verurteilung und durch sie zunehmend nachlässt, besonders dann, wenn die Strafhaft länger als ein Jahr andauert. Menschen, die sich für normal halten, sitzen gern als Unschuldslämmer zu Gericht über Sündenböcke, die Eingeständnisse zu leisten und Strafe zu erleiden haben, und darum herrscht die Einstellung vor: „Wer kein Mitleid mit seinen Opfern zeigt, verdient selbst kein Mitleid. Wer keine Reue zeigt, verdient keine Vergebung. Wer seine Schuld nicht bekennt und um Vergebung bittet, verdient keine Begnadigung.“ Die Freilassung eines zu lebenslänglicher Wegsperrung verurteilten Täters nach 25 Jahren stößt in der Öffentlichkeit bei vielen auf Ablehnung, insbesondere bei „christlichen“ Politikern, angeblich wegen der Opfer oder deren Angehörigen, die für eine Entlassung der Täter in der Regel wirklich kein Verständnis haben. Ihr Blick ist häufig so zwanghaft auf die erfahrene Verletzung gerichtet, dass sie daran seelisch krank werden und manchmal sogar zerbrechen. Andere leiden bis ins hohe Alter an ihren Erinnerungen, die mit tiefen Enttäuschungen – besonders im vertrauten Nahbereich – , großem Schmerz und unaufhörlicher Trauer verbunden sind. Leider gibt es ja so schwerwiegende Verletzungen der Menschenwürde – z. B. durch wiederholte Folterungen – , dass ein ganzes Leben nicht auszureichen scheint, um einen Prozess der Vergebung, der ja auch einer des Wollens, Wachsens und Reifens ist, in Gang zu bringen. Ähnlich ist in manchen Völkern die Verletzung der Familienehre unverzeihlich und erfordert den Tod des Täters oder seiner Angehörigen, um Selbstwert und Gerechtigkeit wiederherzustellen; im deutschen Strafrecht wirkt sich Rache als niederer Beweggrund strafverschärfend aus, zumal die Justiz ja das Recht auf Rache – Strafe genannt – für sich allein beansprucht.

Neues Menschenbild

Es gehört zum Menschsein, dass wir alle in Unrecht, Schuld und Leid verstrickt werden und entweder einander verurteilen und damit die Würde nehmen oder aber einander vergeben und uns vergeben lassen können, ohne damit einander zu entwürdigen, also ohne Überlegenheitsdünkel, Selbstrechtfertigung und Heuchelei, also im Wissen: Ich bin nicht besser als du – falls wir diese beschämende Tatsache aushalten können. Schuldig werden wir nicht nur dadurch, dass wir Böses tun und zulassen, sondern auch, indem wir Gutes unterlassen und einander Liebe, Wertschätzung, Barmherzigkeit und Vergebung schuldig bleiben und gleichgültig sind im Blick auf Bemühungen um Frieden und Gewaltfreiheit, gleiche Rechte für alle und Bewahrung der Schöpfung, etwa weil wir sie als unerreichbare Ideale gering schätzen. Zu viele glauben auch noch an den angeblich herrschenden Konkurrenzkampf ums Dasein aller Lebewesen und halten Armut für das Ergebnis natürlicher Entwicklung, ähnlich wie früher soziale Unterschiede als gottgewollt oder als in diesem oder im früheren Leben selbstverschuldet dargestellt wurden, ohne das dafür verantwortliche politische und wirtschaftliche Programm offen zu legen, wie Jesus es tat: „Ihre Machthaber lassen sich Wohltäter nennen“ (Lukas 22,25). Kapitalismus widerspricht der Natur des Menschen und dem Evangelium ebenso wie Kommunismus, Nationalismus und andere Weltanschauungen und lassen uns genauso schuldig werden am Leid zahlloser anderer.

Außerdem wird Vergebung vielfach als ungerecht betrachtet, da sie dem angeblich allen Menschen eigenen Rechtsempfinden widerspräche, das sagt: „Wie du mir, so ich dir“. Der mittelalterliche Strafrechtsgrundsatz von der ausgleichenden Gerechtigkeit, dem Jus talionis, entspricht bis heute dem allgemein menschlichen Bedürfnis nach Rache und Sühne: „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch durch Menschen vergossen werden“, heißt es schon 1. Mose 9,6, obwohl vollzogene Rache oft wiederum nach Rache verlangt, häufig nach Blutrache. Im öffentlichen Raum – besonders in der Justiz – ist Vergebung verboten, da sie der gefürchteten Willkür Tür und Tor öffnen würde. Allgemein gilt „Recht muss Recht bleiben“ als Richtschnur und Rechtfertigung vieler Maßnahmen, und kaum jemand weiß, dass damit der Psalmvers 94,15 zitiert wird, in dem ein Gott der Vergeltung gebeten wird, als Richter der Welt die Feinde der Gerechtigkeit wegen ihrer Bosheit und Gewalttätigkeit zu vertilgen. Das entspricht auch dem im alten Griechenland und Rom vertretenen vieldeutigen und missbrauchten Grundsatz des Rechtes „Suum cuique“, „Jedem das Seine“, der in den schmiedeeisernen Eingangstoren einiger Konzentrationslager zu lesen war. Dagegen meint Dietrich Bonhoeffer: „Der Richtende versteht das Gesetz als Maßstab, den er gegen andere handhabt, und er versteht sich selbst als den, der für die Durchsetzung des Gesetzes verantwortlich ist; der Richtende stellt sich damit über das Gesetz. Er vergisst, dass nur »Einer Gesetzgeber und Richter ist, nämlich der erretten und verderben kann«“ (Jakobus 4,12) (aus: Ethik. Chr. Kaiser Verlag München, 6. Auflage 1963, S. 48]. Aber die guten „Weisungen“ (Martin Buber) in der Bibel wurden zum Strafgesetz verfälscht, um richten zu können, im Unterschied zu Jahve, der den Brudermörder Kain ebenso vor der Rache der Menschen schützte wie Jesus die Ehebrecherin, der dadurch wie durch sein Erleiden der Todesstrafe die menschliche Justiz kriminalisierte, deren „Dämonische Gottesbilder“ (Buch von Karl Frielingshaus) ihr Richten rechtfertigten.

Auch im modernen Strafrecht herrscht die Idee, dass die Strafe in erster Linie gerechte Sühne für die Schuld des Täters sein soll, und obwohl z. B. Kinder und Mütter weltweit einander täglich vergeben, lernen deutsche Jurastudenten: „Gerechtigkeit ist ... der absolute Wert allen menschlichen sozialen Handelns“ (Jürgen Baumann, Einführung in die Rechtswissenschaft, 6. Aufl. 1980). Dabei versteht jeder – je nach Herkunft, Erziehung, gesellschaftlicher, philosophischer und politischer Anschauung – den Begriff Gerechtigkeit anders, und jede dieser Deutungen ist angreifbar. Wie die Geschichte der Menschheit auch als eine Geschichte der Schuld erscheint, so aus heutiger Sicht die Geschichte des Rechts weithin als eine des Unrechts, wenn etwa – um nur ein Beispiel von Tausenden zu nennen – im 16. Jahrhundert in England die Satten die Todesstrafe für Hungrige einführten, die Mundraub begingen. Normale Bürger wie mein Vater – Oberinspektor der Gestapo im Ruhestand – wiederholten gern die Lebensregel Johann Rittmeyer’s und behaupteten von sich: „Ich habe immer nach der Devise gelebt: Tue recht und scheue niemand!“ Glaubten sie wirklich an diese Selbstdarstellung, oder war es Heuchelei? Nun, gegen ein schlechtes Gewissen hilft bekanntlich am besten ein schlechtes Gedächtnis, und das Gewissen ist sowieso nur eine leise Stimme im Inneren – dort, wo die Akustik schlecht ist.

Opfer und Täter

Der Prozess der Vergebung löst nach Reinhard Tausch oft gründliche Selbstgespräche und recht unterschiedliche Gefühle aus, denn es hat ja auch Vorteile, nicht zu vergeben und die Opferrolle weiter zu spielen. Z. B. nehme ich mich dann selbst nicht als Täter, Mittäter oder Mitläufer wahr, wasche meine Hände in Unschuld und bin der Verantwortung für mich und meine Gefühle enthoben: Die anderen sind schuld. Aber dann wird vergessen, dass jedes Opfer zumindest das Potenzial hat, eines Tages selbst zum Täter zu werden, wie es die Lebensgeschichten vieler Opfer und Täter zeigen. Ein Beispiel für solche Selbsttäuschung ist folgende Anekdote: Als nach dem letzten Kriege deutsche Theologieprofessoren zum ersten Male wieder in die Schweiz reisen durften und sich dort mit Kollegen trafen, meinte der Lutheraner Helmut Thielicke tiefsinnig: „Wir Deutsche haben dem Dämon in die Augen gesehen.“ Darauf entgegnete der reformierte Karl Barth nüchtern und trocken: „Da muss sich der Dämon aber sehr erschreckt haben.“ Mündige Menschen kennen wie Jesus die Abgründe des Menschen und seine Fähigkeit zum Bösen wie zum Guten, zum Töten wie zum Schutz des Lebens, und machen nicht mehr den Teufel oder Gott verantwortlich für das, was sie an Gutem unterlassen und an Bösem tun oder zulassen, sondern wissen sich selbst dafür verantwortlich. Manche Menschen haben auch deshalb Angst davor zu vergeben, weil sie nicht wissen, was von ihnen übrig bleibt, wenn sie sich nicht mehr als Opfer fühlen und damit ihren Lebensinhalt als anerkanntes und bedauernswertes Opfer verlieren. Andere dagegen hoffen, durch Vergebung die Würde wiederzugewinnen, die sie durch die erfahrenen Entwürdigungen verloren haben. Sie haben erfahren, dass die Zeit keine Wunden heilt, und wollen endlich frei werden von der belastenden Bindung an die Täter, indem sie ihnen vergeben und so vom Opferdasein Abschied nehmen. Manchmal ist ihnen das erst nach einem Jahre und Jahrzehnte langen Leidensweg möglich, auf dem der erlittene Schmerz und die Gefühle von Hass und Rache überwunden wurden, wie bei Eva Kor, die als Kind wie ihre Zwillingsschwester dem KZ-Arzt Dr. Mengele ausgeliefert war. Erst bei einem Besuch in Auschwitz 1995 spürte sie, „wie ein riesiges Gewicht aus Schmerzen von meinen Schultern gefallen ist. Dass ich nicht länger ein Opfer von Auschwitz war, dass ich nicht länger eine Gefangene meiner tragischen Vergangenheit war, dass ich schließlich frei war.“ Schriftlich erklärte sie dort u. a.: „Fünfzig Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, gebe ich, Eva Moses Kor, in meinem Namen, diese Amnestie, weil es Zeit ist, wieder nach vorne zu blicken. Es ist an der Zeit, unsere Seelen zu heilen. Es ist Zeit, zu vergeben, aber niemals zu vergessen.“

Dazu möchte ich als Gedankenanstoß wieder eine Frage stellen. Ist es überhaupt erlaubt, dass für minderwertig erklärte und misshandelte Opfer ihren Tätern vergeben, die sich selbst als hochwertig einstufen, auf legale Gesetze und Befehle legitimer Obrigkeiten berufen und weder einer Schuld bewusst sind noch um Vergebung bitten? Das gilt auch für die Nachkommen früherer Sklaven wie z. B. für Martin Luther King, der seinen sich keiner Schuld bewussten Feinden zurief: „Ihr könnt uns tun, was ihr wollt: Wir werden euch dennoch lieben.“ Oder auch für Nelson Mandela, der nach jahrzehntelanger Haft seinen Feinden die Hand reichte und sie zu gemeinsamer Regierungsbildung einlud. Wahrheits- und Versöhnungskommissionen bewirkten in Ruanda mit Unterstützung des islamischen Großmufti, in Südafrika, Chile, Peru, Guatemala und Osttimor unter Begleitung von Kirchenvertretern Verzicht auf Strafe, wenn die Schuldigen ihre politischen Verbrechen eingestanden, juristische Klärung, Aufarbeiten des Geschehenen und Versöhnung der Opfer mit den Tätern. Bud Walsh, dessen einzige Tochter im April 1995 bei dem Attentat in Oklahoma City starb, bat 5 Jahre später um Vergebung für die Attentäter, gründete die Organisation „Murder Victims Families for Reconciliation“ und kämpft weltweit für die Abschaffung der Todesstrafe. Kürzlich setzte sich auch eine deutsche Mutter, deren Tochter in der Türkei grundlos erschossen worden war, dafür ein, dass die Täter nicht hingerichtet wurden, und führte ihre Kraft zur Vergebung auf Gott zurück.

Vergebung hat also auch eine gesellschaftspolitische Dimension, war und ist aber bis heute im „christlichen“ Europa nach dem Zusammenbruch von Diktaturen im letzten Jahrhundert undenkbar. Da ohne Reue, Schuldbekenntnis und Bitte um Vergebung – besonders im Luthertum – Vergebung nicht gewährt werden kann, wurde den Schuldigen – auch den Bestraften – bis heute in Deutschland äußerst selten vergeben, besonders nicht von den Selbstgerechten, die glauben, sie wären besser und in der Lage der Täter nicht schuldig geworden. Ist bei so viel Hartherzigkeit das Ziel Mahatma Gandhi’s erreichbar, Opfer und Täter in einen Dialog zu bringen, der Versöhnung ermöglicht? Immerhin erlaubt es inzwischen sogar die deutsche Justiz, dass bei weniger schweren Straftaten Jugendlicher Jahr für Jahr in rund 300 Schlichtungsstellen bis zu 35000 Ermittlungsverfahren mit Hilfe von Mediatoren über den „Täter-Opfer-Ausgleich“ abgewickelt werden. Einem Jugendlichen wird bei uns heute eher das Recht eingeräumt, ein anderer zu werden, während über einen Erwachsenen schnell der Stab gebrochen wird. Können die verratenen Kollegen, Freunde und manchmal Ehegatten einem „informellen Mitarbeitern“ des Staatssicherheitsdienstes der DDR verzeihen? Darf ein Opfer sich nach einiger Zeit dazu durchringen, dem Täter, seiner Scham und seinem Stolz entgegenzukommen, ihm zu zeigen, dass es zur Vergebung bereit ist, und ihm dadurch zu ermöglichen, seine Schuld zu erkennen und zu bereuen? Darf es keine Vergebung ohne Reue geben, oder kann die Zusage der Vergebung den Täter frei machen, sich seiner Tat zu stellen und sie zu bereuen? Erich Fromm spricht von „ganzheitlicher“ Wahrnehmung als Kennzeichen "direkter" Begegnung mit sich und den anderen und meint damit, dass ich mir auch mit meinen Leidenschaftlichkeiten und Abgründen wahrnehmbar bin, so auch den anderen wahrnehme in seiner Ganzheit und wir uns nicht mehr ausweichen. „Wer den Anderen ganzheitlich erleben kann, hört zu urteilen auf", schrieb Fromm. Und für einen selbst hören an diesem Punkt die Schuldgefühle auf.

Dietrich Bonhoeffer schrieb – auch im Blick auf seine Henker – : „Wie überwinden wir das Böse? Indem wir es vergeben ohne Ende. Wie geschieht das? Indem wir den Feind sehen als den, der er in Wahrheit ist, als den, für den Christus starb, den Christus liebt.“ Bei dem 1996 in Algerien ermordeten Christian-Marie de Chergé ist zu lesen: „Ich habe genügend lange gelebt, um zu wissen, dass auch ich Komplize des Bösen geworden bin, das – leider – in der Welt die Oberhand zu behalten scheint. Komplize gar dessen, der mich dereinst blind erschlagen wird. Ich möchte, wenn dieser Augenblick kommt, so viel ruhige Klarheit haben, dass ich die Verzeihung Gottes und meiner Menschengeschwister anrufen kann, aber ebenso, dass ich dem aus ganzem Herzen vergeben kann, der mich umbringen wird“. Vergebung im voraus, ist das erlaubt und überhaupt möglich? Hat Martin Luther King recht, wenn er sagt: „Verzeihen ist keine gelegentliche Handlung; es ist eine grundsätzliche Haltung. ... Wir müssen die Fähigkeit zur Vergebung entwickeln und fördern. Wer nicht in der Lage ist zu verzeihen, der ist auch unfähig zu lieben. Auch im Schlechtesten von uns steckt etwas Gutes und etwas Böses auch im Besten von uns. Wenn wir das erkennen, sind wir weniger versucht, unsere Feinde zu hassen“ (in: Testament der Hoffnung. Hrsg. von Heinrich W. Grosse, GTB 79, Gütersloher Verlagshaus). Auch für Ulrich Schaffer ist Liebe nicht ein gelegentliches Gefühl, sondern eine dauerhafte Haltung, Einstellung oder Existenzform allen Menschen gegenüber, die immer da ist, eine Lebenskunst, der Raum, den jeder Mensch braucht, um leben und wachsen zu können. Man sagt: „Alles verstehen heißt alles verzeihen“, aber können wir überhaupt oder müssen wir alles verstehen, bevor wir vergeben? Ist es zumutbar, auch das Unverzeihliche zu verzeihen oder wenigstens den gegebenen Abstand zwischen Opfer und Täter zu verringern? Sicher darf von einem tief verletzten Opfer nicht erwartet werden, mit dem Täter weiter zusammen zu leben oder zu arbeiten. Der Kampf gegen das Böse kann und darf vielleicht nur im eigenen Herzen ausgefochten und gewonnen werden durch Vergebung.

Am schlimmsten wirkt sich bekanntlich das Böse, das Menschen einander antun können, dann aus, wenn es dem Interesse einer Gruppe dienen soll, angefangen von mittelalterlichen Kirchen über politische Diktaturen bis hin zu modernen Verbrecherorganisationen. Karl Barth wusste sehr wohl um die politische Mitschuld des einzelnen Bürgers an den Handlungen der NS-Regierung kraft seines Anteils an der Staatsgewalt, und doch beschrieb er im Frühjahr 1945 Gottes Stellung zu den Deutschen in einem Vortrag so: „Her zu mir, ihr Unsympathischen, ihr bösen Hitlerbuben und -mädchen, ihr brutalen SS-Soldaten, ihr üblen Gestaposchurken, ihr traurigen Kompromissler und Kollaborationisten, ihr Herdenmenschen alle, die ihr nun so lange geduldig und dumm hinter eurem sogenannten Führer hergelaufen seid! Her zu mir, ihr Schuldigen und Mitschuldigen, denen nun widerfährt und widerfahren muss, was eure Taten wert sind! Her zu mir, ich kenne euch wohl; ich frage aber nicht, wer ihr seid und was ihr getan habt; ich sehe nur, dass ihr am Ende seid und wohl oder übel von vorne anfangen müsst; ich will euch erquicken, gerade mit euch will ich jetzt vom Nullpunkt her neu anfangen!“ (in: Die Deutschen und wir. Zitat aus: Eberhard Busch: Karl Barths Lebenslauf, S. 337) Tzvetan Todorov schreibt in „Angesichts des Äußersten“ (S. 242): „Wer keinerlei Ähnlichkeit zwischen sich und anderen erkennt, wer nur das fremde Böse, aber nicht das eigene sieht, der ist (tragischerweise) dazu verurteilt, seinen Feind zu imitieren. Wer hingegen das Böse auch in sich selbst zu erkennen vermag und folglich merkt, dass er dem Feind ähnlich ist, gerade der unterscheidet sich wirklich von ihm. (...) Halte ich mich für anders, bin ich vom gleichen Schlag; halte ich mich für gleich, bin ich anders (...)". Können Menschen des „christlichen“ Abendlandes verstehen, dass die den Amish People angehörenden Eltern der fünf 1906 in den USA erschossenen Schulmädchen zwischen sieben und dreizehn Jahren dem Mörder, der sich selbst richtete, schon vor den Trauerfeiern mit einfachen Worten verziehen haben? Für die Mitglieder dieser Gewalt verwerfenden Friedenskirche ist die im Vaterunser zum Ausdruck kommende bedingungslose Vergebung ohne Anfang und Ende eine der wichtigsten Lehren Jesu und eine lebenslang geübte Haltung. Wie traurig ist dagegen die fast zweitausend Jahre alte und immer wieder neue Tatsache, dass „bibeltreue“ Brüder ihren Streit miteinander nicht vergeben können und niemand den Mut hat, wie Jesus zu urteilen: „Ihr Heuchler“, „ihr Kinder des Teufels!“ (Joh. 8,44)

Vergeben bedeutet, etwas hergeben, die Last, die mir ein anderer zugefügt hat und die ich ihm nachtrage – je nachdem, wie stolz, verletzlich, leicht gekränkt und nachtragend ich bin, im Unterschied zu kleinen Kindern. Wer nicht vergibt, bestraft sich selber, nicht den Schuldigen, wird schuldig sich selbst gegenüber, erhebt einen Anspruch auf Vergeltung, auf Strafe. Er ist nicht frei, sondern gebunden an den anderen. Sein Selbstwertgefühl ist zerstört. „Wie konnte er mir das antun?“ Am Anfang geht es durch Wut und Zorn hindurch. Es ist auch eine Willensfrage. Hannah Arendt kam zu dem Schluss, dass jede Gesellschaft das Vergeben lernen müsse, weil ohne Vergebung menschliches Leben undenkbar sei: »Vergebung gehört zu den inneren Taten, die Menschen einander schuldig sind. Menschen können in der Welt überhaupt nur dann frei werden und frei bleiben, wenn sie einander immer wieder befreien. Einen anderen befreien ist aber nichts anderes, als ihm verzeihen, was er getan hat.« Vergeben können ist der Mut, einen neuen Anfang zu wagen. Wer vergibt, ist danach ein anderer. Wer um Vergebung bittet, ebenfalls. Trauer kann aber lange bleiben – nichts wird wieder, wie es einmal war. Darüber schrieb Manfred Hausmann 1953 seinen Roman: „Liebende leben von der Vergebung“.

Die KZ-erfahrene Holländerin Corrie ten Boom, die ich vor 50 Jahren persönlich erlebt habe, schrieb: »Vergebung ist der Schlüssel, der die Tür des Grolls und die Handschellen des Hasses öffnet. Sie ist eine Macht, die die Kette der Verbitterung sprengt und die Bande der Selbstsucht zerreißt. Welch eine Befreiung ist es, wenn man vergeben kann! – Ein guter Rat ist: Vergib sofort, wenn jemand etwas gegen dich tut oder sagt. – Jetzt befinden wir uns im Training für das Friedensreich, das auf Erden kommen wird. Keine Zeit für Haarspaltereien über die Auslegung der Bibel, anstatt ihre Reichtümer zu entdecken.« (in: Vergeben, Verlag Schulte + Gerth, Asslar 1987) Zu diesen Reichtümern gehört die Bergpredigt (Matth. 5), nach der schuldig wird, wer seinem Bruder zürnt und ihn kränkt und sich nicht schnell mit ihm versöhnt (22-24), wer sein Recht sucht (25-26) und wer Gewalt mit Gewalt vergilt (38-39). Stattdessen gebietet Jesus: „Liebet eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel seid! Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ (Matth. 5, 44-48) Der evangelische Theologe und Quäker Emil Fuchs deutete diese Worte als umfassende Verheißung: „Er will diese Macht der Vergebung den Seinen geben, dass sie Träger der Erneuerung der Menschheit werden.“ [in: Jesus und wir. Leonhard Friedrich Verlagsbuchhandlung, Bad Pyrmont 1960, S. 15] Auch die frühen Quäker schrieben mehrfach von ihren Erfahrungen der Vergebung Gottes und der Notwendigkeit der Vergebung unter den Menschen, z. B. William Penn 1693: „Wir sind nur zu bereit, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, statt zu vergeben und durch Liebe und Gespräche zu gewinnen. ... Gewalt kann wohl unterwerfen, aber Liebe gewinnt; und derjenige, der zuerst vergibt, gewinnt den Lorbeer“ (in: Quäker Glaube und Wirken. RGdF, Bad Pyrmont 2002, 24.03).

Vergebung und Heil

Noch einmal zu mir: Ich weiß um viel Schuld in meinem Leben, leider auch um solche, die mir Menschen nicht vergeben haben. Damit muss ich leben und sterben, aber nicht in Angst, verurteilt und verdammt zu werden, sondern in der Hoffnung darauf, dass irgendwann doch Versöhnung geschieht. Die stelle ich mir so vor, dass ich in dem mich dann durchdringenden Lichte zwar tief beschämt und vielleicht unter Tränen die ganze Wahrheit meiner Lebensgeschichte und die verborgenen Abgründe meiner Seele erkenne, dass ich dann aber liebevoll „gerichtet“ werde im Sinne von aufgerichtet durch die Erfahrung der alles vergebenden Barmherzigkeit des Vaters Jesu. Nach ihm gibt es nur eine einzige wirkliche Sünde, die von der Vergebung ausschließt, schlimmer als alle andere Schuld, nämlich die, anderen nicht zu vergeben. Vergebung ist für Jesus „das Brot des Lebens, das vom Himmel kommt“ (Joh. 6,31 ff.), „die enge Pforte, der schmale Weg, der zum Leben führt“ (7,13 u. 14), „die gute Frucht“ (7,17), und nur wer vergibt, tut „den Willen meines Vaters“ (7,21). Jesus setzt sich sogar selbst diesem Brot, dieser Tür, diesem Leben gleich: „Ich bin“, was ich euch bringe. Bei unserem Thema geht es nach Jesus um Leben und Tod, denn er nennt den tot, der nicht vergibt und sich damit in der Hölle befindet. Die gibt es tatsächlich, nämlich im Inneren der Menschen, die noch von Hass und Rachsucht, Wut und Groll, vom Verlangen nach möglichst qualvollen Strafen oder nach Gewalt bis hin zum Mord erfüllt sind. Sie sind dadurch so blockiert, dass die von all dem Bösen in ihnen selbst erlösende Kraft der vergebenden Liebe und die Freude darüber sie nicht erreichen und verwandeln kann in Menschen, die wieder offen sind für Freundschaft und Liebe. Es ist zwar schon viel erreicht, wenn in Conrad Ferdinand Meyer’s wunderbarer Ballade „Die Füße im Feuer“ der Hugenotte sich zum Verzicht auf Rache durchringt und sie Gott überlässt wie im Rechtsstaat der Bürger der Justiz, aber das ist nicht die Vergebung, die auch zerstörte Beziehungen heilt und erneuert.

Da nicht das Tun des Bösen von Gott trennt, sondern das Nichtvergeben des bösen Tuns, befinden sich in der endzeitlichen „Hölle“ – falls es sie geben sollte – nicht nur die Täter, sondern auch ihre Opfer, bis sie diese Hölle in den Himmel verwandeln, indem sie endlich das zentrale Gebot Jesu befolgen: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Matth. 7,1) und Erbarmen miteinander fühlen. In Jesu Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15, 11-32) zeigt Jesus, der für Friedrich Nietzsche der einzige Christ war, dass auf die Barmherzigkeit seines Vaters Verlass ist, der dem Heimkehrenden die Versöhnung – wieder Sohn zu werden – ganz leicht macht, weil dessen Schuld die Liebe des Vaters überhaupt nicht stört. Er hatte seinen Sohn mit reichen Gaben ausgestattet und ihm alle Freiheit gelassen, obwohl er schon vorher wusste, was geschehen würde. Als dann der Sohn am tiefsten gesunken war, erinnerte er sich an die Fürsorglichkeit seines Vaters, dessen Liebe zu ihm er aber nie begriffen hatte, sonst hätte er sich seine Schuldgefühle und die Bereitschaft, seine Schuld zu bekennen und um Vergebung zu bitten, ersparen können. Er konnte nur annehmen,, dass er in den Augen seines Vaters seine Kindschaft für immer verspielt hatte und eine Versöhnung unmöglich war, höchstens eine Anstellung als Knecht. Seine Vorstellung vom Vater war die eines Gerechten, der tief enttäuscht und zornig sein, ihn anklagen und verurteilen, von ihm Beichte, Reuebekenntnis, Bewährung und Wiedergutmachung verlangen müsse, um ihm vielleicht wenigstens vergeben und auf Strafe verzichten zu können. Diese Einstellung zu Schuld herrscht ja traditionell besonders in den Angehörigen monotheistischer Religionen und dadurch in den von ihnen beeinflussten Kulturen, in denen das Nichtvergeben die Regel ist. Mit Lohn oder Strafe zu vergelten, ist aber die Gerechtigkeit zwischen Herr und Knecht (Markus 4,24), der „Abba“ („Papa“) jedoch, wie Jesus seinen Vater nennt, belohnt nicht Beichte oder „verdienstliche Werke“ mit Vergebung, sondern bittet darum, sich mit ihm zu versöhnen, ihm zu vertrauen und ihn von ganzem Herzen wiederzulieben. Diese Einstellung wurde ursprünglich als göttliche und menschliche „Gnade vor Recht“ – vor dem mosaischen Gesetz – verstanden, wich aber bald dem überlieferten Glauben, dass ein richtender Gott Stellvertreter beauftrage, die zu Recht die Macht beanspruchen dürften, Strafen aufzuerlegen, zu ermäßigen, zur Bewährung auszusetzen oder ganz zu erlassen im Sinne von „Gnade nach Recht“, wie es heute in der deutschen Justiz bei kleineren und mittleren Straftaten möglich ist, ohne dass sie deshalb vergeben wären.

Um so überraschender geschieht daher die manchmal sogar von erklärten Atheisten plötzlich und unerwartet erlebte Erfahrung der überwältigenden Liebe Gottes, der es den Heimkehrenden ganz leicht macht. So erfuhr auch der verlorene Sohn entgegen allen seinen Erwartungen, dass sein Vater schon von weitem sehnsüchtig nach ihm ausschaut, auf ihn zueilt, ihn – diesen zerlumpten und heruntergekommenen Heimkehrer – umarmt und küsst, ihm mit einem Ring und einem Festkleid die Würde des Sohnes zurückgibt und ein Freudenfest feiern lässt, weil alle an seinem Glück Anteil haben sollen. So ist Gott, verkündet Jesus, und es bedarf keines Opfers wie in vielen Religionen – auch der christlichen – , weil der Vater zwar das Böse hasst, weil es Vertrauen und Leben zerstört, aber den Bösen liebt und deswegen gar nicht mit ihm versöhnt werden muss, weil er immer der liebende Vater geblieben ist und den Sohn nie angeklagt hat. Darum erfährt auch der verlorene Sohn keine Zusage der Vergebung – sie ist ja selbstverständlicher Teil dieser Liebe, wie sie es auch bei allen guten Müttern ihren Kindern gegenüber ist, weil Frauen in der Regel mehr Kinder Gottes bleiben als Männer, denen ihre Liebesfähigkeit häufig aberzogen wird. Auch die Ehebrecherin, die Jesus vor der Steinigung rettet, erfährt von ihm weder Verurteilung noch Vergebung, sondern – ohne Strafandrohung – nur die Mahnung, die Kinder von ihren Eltern hören: „Tu es nicht wieder!“

Gnade, Großmut und Langmut gelten seit dem Altertum als Tugenden von Hochgestellten, doch nach Jesus gilt: Wenn ihr einander großmütig vergebt, werden die anderen auch euch großmütig vergeben und euer Vater noch viel mehr, weil Liebe weit über Gerechtigkeit hinausgeht, weshalb der Bruder des verlorenen Sohnes den Vater (Gott!) für ungerecht hält. Otto Hermann Pesch meinte dazu: „Vergeben bedeutet nicht vergessen! Vergebung bedeutet: die Vergangenheit eines anderen keinen Einwand dagegen sein zu lassen, dass ich ihn annehme. Vergebung heißt nicht das Ja zu einer vergangenen Schuld, wohl aber das Ja zu einem Menschen mit seiner vergangenen Schuld“ (in: Neues Glaubensbuch, Verlag Herder, Freiburg 1973). Dann verwandeln sich Gefühle, die trennen, die kränken, krank, verbittert, gehässig, rachsüchtig und gewalttätig machen, in verbindende Liebe. Jede Ursache hat unvermeidliche Folgen und so auch alles gute und böse Tun oder Denken für seinen Urheber, sei es in diesem, sei es in einem der nächsten Leben, wie es nach indischen Religionen das Karma bewirkt. Durch Vergebung kann die Wirkung des Karma nicht aufgehoben werden; nur durch Verzicht auf alle Handlungen, die ja Folgen bewirken würden. Jüdisch, christlich und islamisch unbelastete Menschen haben manchmal einen leichteren Zugang zu Jesu Botschaft in den Evangelien als christlich geprägte, z. B. – trotz enttäuschender Erfahrungen mit Missionaren – die Hindus Rabindranath Tagore und Mahatma Gandhi. Doch gibt es auch christliche Außenseiter wie z. B. Dietrich Bonhoeffer und den Pfarrer Martin Niemöller, die im Dritten Reich vom Evangelium her ihre Berufung zu freiem, verantwortlichen und barmherzigen Handeln erkannten. Sie wendeten sich wie später Martin Luther King von der „billigen Gnade“ ab, der in den Kirchen wie im Volk verbreiteten Auffassung: „Wir sind alle Sünder und können getrost jede Schuld auf uns laden, denn Jesus hat am Kreuz die Strafe dafür bezahlt.“ So wünschten und schufen sich Christen einen möglichst allmächtigen Gott, den sie vor ihren Karren spannen können und der ihre Bitten erfüllt, der aber nicht sie in seinen Dienst nehmen will und nicht erwartet, dass sie seinen Erwartungen entsprechen. Ein Gott, der ihnen ihr Wollen, Tun und Unterlassen vergibt und nicht auf Erfüllung der Forderungen Jesu besteht, enthob den Einzelnen der Verantwortung für sein Tun und Lassen und ermöglichte ihm so ein gutes Gewissen und Selbstzufriedenheit.

Was muss Paulus erlebt haben, dass er von der glückselig machenden Kraft des Evangeliums schreiben konnte (Römer 1,16 u. 17), „denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Vertrauen in Vertrauen“? In diesem Brief bemüht er sich, den die jüdische wie später leider auch die christliche Theologie beherrschenden Gerechtigkeitsbegriff des ersten Testamentes vom Evangelium her neu zu deuten als vergebende Barmherzigkeit Gottes, die jedem ihm Vertrauenden beseligend zuteil wird und ihn von allem befreit, was ihn vorher von Gott getrennt hat. Paulus begründet das seiner religiösen Prägung entsprechend damit, dass – wie beim Bundesschluss mit Israel am Sinai – der neue Bund mit Blut besiegelt werden müsse und der Zorn Gottes nur durch die Selbstopferung Jesu besänftigt werden könne. Diese dem archaischen Denken von Stammes- und Volksreligionen und der Väterreligion Israels entsprechende Kreuzestheologie wurde zwar von den anderen Verfassern des zweiten Testamentes übernommen, war aber Jesus und seiner „Kinderreligion“ (Erwin Ringel) ebenso fremd wie heutigen Menschen. Für ihn bedeutete Gottes Gericht Vergebung und seine Gerechtigkeit den untrennbaren Zusammenhang von Schuld und Vergebung; dagegen bedeutet das Gericht der Menschen Verurteilung und ihre Gerechtigkeit den untrennbaren Zusammenhang von Schuld und Sühne, den sie deshalb auch Gott zuschreiben. Darum erklärt Jesus in der Bergpredigt: „Es sei denn eure Gerechtigkeit besser als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen“ (Matth. 5,20), auch nicht in den Himmel auf Erden, in dem Gottes Gerechtigkeit und damit Vergebung herrschen.

Beichte und Vergebung können zwar von Schuldgefühlen befreien, aber nicht von Schuld – die bleibt, und ebenso ihre oft schweren Folgen. Doch die Schattenseiten, die jeder Mensch hat, werden heller und leichter, wenn sie mir selbst und einem anderen Menschen offenbar und akzeptiert werden als zu mir gehörender Teil meines Wesens und meiner Lebensgeschichte. Dadurch werde ich frei von dem Zwang, diese dunklen Seiten vor mir selbst, vor allen anderen und vor Gott zu verbergen. Ich erlebe mich als wenigstens von einem Menschen und von Gott angenommen, wie ich bin, und kann mich dann auch selbst annehmen. Es müssen nicht Priester sein, denen ich mich anvertraue, denn es gibt genug Menschen, die fähig sind zu freundschaftlichen, einfühlsamen und wertschätzenden Gesprächen mit von Schuldgefühlen belasteten Menschen. Ich selbst nutzte viermal im Laufe meines Lebens die Möglichkeit der Beichte – das erste Mal vor 50 Jahren – , nicht bei Priestern, sondern bei sorgfältig ausgesuchten Seelsorgern, und erlebte jedes Mal eine große Befreiung von Ängsten, Zwängen und Schuldgefühlen und einen tiefen inneren Frieden. Das letzte Mal – vor 25 Jahren in Taizé – erfuhr ich, dass meine tief empfundene Schuld gar keine „Sünde“ war, weil sie nicht gegen Gott gerichtet war. Seitdem habe ich trotz aller Schuld ein gutes Gewissen und – wie manche Nonnen und Mönche, die heilig werden wollten – nur noch die „Sünden“ bereut, die ich in der Jugend aus erlernter Angst versäumte; vielleicht wäre ich mit weniger Moral und mehr Liebe „heiliger“ geworden im Sinne des Menschseins Jesu. Und ich habe aufgehört, Steine auf andere zu werfen, da nach Jesu Wort „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“ (Joh. 8,7) Richter nicht besser sind als die von ihnen Gerichteten. Jesus sprach und fragte nicht nach Schuld, wenn es um Krankheiten, sittliches oder religiöses Fehlverhalten ging. Er verurteilte zwar alles, was den Frieden – die Beziehungen der Menschen untereinander und zu ihrem Vater – stört und zerstört, klagte aber nicht die Täter an und verurteilte sie auch nicht. Er lehnte vielmehr alle Gewalt und Strafen ab, besonders die Todesstrafe, die in Deutschland noch bis 1918 „im Namen Gottes“ verhängt wurde. Stattdessen forderte er Barmherzigkeit und Vergebung, verteidigte Angeklagte und Verurteilte, für die „gerechte“ Strafe verlangt wurde, und trat für seine Mörder ein: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas 23,34) Er war also nicht nur ein Anwalt der Armen und Kranken, sondern auch der „Sünder“ aller Art. Die Ethik Jesu fordert zwar von jedem Menschen Gehorsam gegenüber den Geboten seines Vaters, verbietet aber deren Missbrauch zum Richten anderer und befreit zur Fürbitte für Schuldige, anstatt sich über sie zu empören und sich selbst als besser darzustellen..

(stark gekürzt vorgetragen auf dem Grenztreffen Schweizer und südwestdeutscher Quäker auf dem Lindenberg am 7.3.09 und abgedruckt in "Quäker, Zeitschrift der deutschen Freunde" Nr. 6, 2010, S. 236-243)

Dieser Text ist verfasst von Wilhelm Prasse (Villingen-Schwenningen, D).
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